Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 5 (1923)
- Issue
- Heft 1606 (2.8.1923)
- Date
- 1923-08-02
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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HnzelmunmerKIOOO Wien: Zum Abholen in der Expedition, II., Taborstr.X-3, oder in einer VerscWei«stelle (Trafik) monatl. K 28.000 Mit Postversand für Wien u. Oesterr. monatl. K 28.000 teuer Tschech o-Slowakei: Mon. K17. Jugoslawien: Mon. Dinar 40. Po len: Mon. Mk.30.Q00.Deutachla.nd: Mon.Mark 50.000. F r a nk r„ Belgien: Monatl. Frcs. 8 BV* Naohzahlungan bei Preiserhöhungeo Vorbehalten fach«cNo ibiowtAal i tschoch. Kl.— Italien: Monatl. 10 Eire, Rumänien Mon.90Lei, Bulgarien Mon. 75 Lewa, Schweiz und das übrige Ausland monatlieh Frcs. 3 Nr. 1606 Me«. 8onnrotag, 2. August MS Redaktion u. Administration Wien, 11* Taborstrasse 1—3 Telephone: 44-0*38,43-3-19, ab 6Uhrabds,19-483,16-301 Tel-Adr.:,Morgenzeitung" Wien Oesterreichisehes Postsparkassen-Konto Nr. 150.693 i. Jahrgang Keine interalliierte Verständigung. VesstmWsche «ustalluug -er mMche« SesteuüMeit. Ser judenreine Bankerott. —y. Wien, 2. August. Es ist zweiseHast geworden, tfö die englische Regierung darauf bestehen wird, dre Prüfung der Repa- «ationSkvast Deutschlands einer internationalen Kom- -mission zu übertragen. Der Widerstand Frankreichs, dem sich auch die belgische Regierung angeschlossen hat, ist infolge der Vorgänge in Deutfchlarä» von neuem gestärkt worden, und da jede Unterstützung der englischen Vermittlung durch die deutsche Regierung bisher unterblieben ist, ist der Pessimismus in London erklärlich. Deutschland kann nicht mehr werter. Es hat keinen finanziellen Atem mehr, nämlich das amtliche Deutschland, das Deutschland der Arbeitenden und Werktätigen. Es gibt, wie bekannt, noch ein zweites Deutschland, das der Verdiener; diese sind obenauf, und vor ihnen schmilzt jeder bessere Vorsatz der Regierung wie Schnee in der Sonne. Im Augenblick sogar der Rücktrittsplan des Kabinetts Enno. Dieses zweite Deutschland hat bis zum Krieg und bis zu seinem Ende den Machtapparat des Reiches beherrscht und die nach Geltung ringende Demokratie verächtlich behandelt. Einerseits; weil sie dem kaiserlichen Halbaösolutismus zuwiderlief, andererseits, weil die geborenen und ernannten Regierer das Handwerk besser zu verstehen Vorgaben. Aber die Ereignisse, die dann kamen, bewiesen das Gegenteil, und was die herrschende Kaste, die sich trotz aller Revolution und Republik fest in der Macht hielt, seither an offensichtlichen Verstößen gegen jeden gesunden Menschenverstand geleistet hat, geht ins Grenzenlose. Ihre Feldherren haben dm Krieg und das Kriegstheater so weit ausgedehnt, daß sie es selbst nicht mehr übersehen konnten. Ihre Naüonalökonomen haben so viel organisiert, daß das Reich und das Volk nur mehr eine mit fiskalischem Del geschmierte knarrende Maschine wurde, die von der frischen Kraft der amerikanischen Demokvatie über den Haufen, gerannt wurde. Die' Politiker, dieser Kaste haben Deutschland dorthin geführt, wo es heute steht: vor den Zusammenbruch. Die. deutsche Mark, der Stolz jedes Deutschen, die an Glanz gleich hinter der Lohengrinrüstung der Armee kam, ist aus dem internationalen Verkehr verschwunden. Und selbst jetzt, in diesem tragischesten Bankbruch, steht die Clique der Kipper und Wipper vor der einzigen Tür, die ins Freie führt. Es ist eine Binsenwahrhöt, die nicht erst von heute stammt, , daß die Götter, wen sie verderben wollen, mit Blindheit strafen. Deutschland hat den neuen Krieg mit Frankreich auf der ganzen Linie verloren. Aber das Geschick der düsteren Herbsttage von 1918 wiederholt sich. So wie man damals, nach der Katastrophe von Verdun, zögerte und den befreienden Entschluß, in Friedensverhandlungen einzutreten, immer wieder hinausschöb, weil man vor der Heimat das Einbekenntnis.der Niederlage nicht auszusprechen wagte, so will man auch heute die Kapitulation nicht einbekennen. Damals baute man auf die russische Revoluüon, auf den Aufstand in Italien. Heute ist die Hoffnung aus . England und auf. seine Intervention der Stern.jener Kreise, die früher auf das „perfide Älbion" eingeschwoven waren. Es . gibt nichts Unsinnigeres, als diese konsequent festgesetzte Selbsttäuschung. Sie wollen den Ruhrkrieg auch jetzt noch fortsetzen, ja, es wird der Gedanke des aktiven Widerstandes in die Massen geworfen, obzwar man kaum mehr die Mittel hat, ihn zu finanzieren. Man spricht Von der Nachahmung des Sowjetbeispiels der Goldrechnung mit der Besteuerung nach dem Getreidewert. Aber die Dinge liegen heute doch anders als im Vorjahre, wo die Sowjetregierung mit ihren Maßnahmen vorging. Rußland hatte Frieden und ging an die Friedensarbeit (die übrigens mißlungen ist und mit der Anrufung des Kapitalismus endigte). Deutschland will aber einen Krieg mit Steuern und Anleihen führen. Wer borgt ihm das Geld? Seine Patrioten sicherlich nicht.. Wären die..Mittel vorhanden, so brauchte man sie doch nur für die Reparationen ausden Tisch zu legen und der Konflikt wäre beseitigt. Man muß sich immer vor Augen halten, daß diese. Pläne aus den Kreisen kommen, die seit dem Kriegsende sich vor jeder Uebernahme der Steuerlasten drücken und für die Niederlage aus. dem Schlachtfeld sich die Juden als Blitzableiter auserkoren haben. So wie sie Deutschland jetzt leiten, so haben sie es früher getan und das Ende wird jetzt offenbar. Sie haben sich in die antisemitische Ideologie so verrannt, daß ihnen zu jefoet anderen geistigen Leistung die Grütze ausgegangen ist. Me judenreine Politik — hier, ist sie zu sehen! London, 1. August. (Tel. d. „Wr. Movgenzeitmvg".) Die Blätter lassen deutlich erkennen, daß für eine englisch-französische Verständigung keine Hoffnung mehr bestehe, wenn Frankreich seinen gegenwärtigen Standpunkt nicht wesentlich ändern sollte. „Daily Telegraph" schreibt, daß man in englischen Regierung skr eisen allgemein der Ansicht sei, die Haltung Poincares lasse keine Hoffnung mehr aus eine interalliierte Verständigung. Die englische Regierung sei ferner der Ansicht, daß das Berhandlungsgeheimnis bisher für England nur Nachteile gehabt habe, weil es dadurch der sicheren moralischen Unterstützung Amerikas und der ganzen Welt verlustig gegangen sei. Zmn englischen Standpunkt könne gesagt werden, daß Londo n und R o m da rin einig seien, Sanktionen gegen Deutschland zu ergreifen, wenn es nach einer endgültigen R e g. e l u n g der. schwebenden Fragen, seinen Verpflichtungen nicht Nachkommen sollte. Dagegen seien sie der Ansicht, daß es besser wäre, die Reparations¬ und S ch uldensrage getrennt zu behandeln. Die belgische Note.sei in einem wesentlichen Punkte von der sranzösisch-en v erschieden. Frankreich werde der Räumung der Ruhr nur im Verhältnis der direkten deutschen Zahlungen in Waren oder Sachleistungen . zustirnmen^ - während Sei g -NäMWng -auch .dany züssitnmen.würhe^ Mvn DMWan^Äu.ts ch e i n e aüsgebe,. die. von ausländischen Banken in der gleichen Weise indossiert würden, wie dies im letzten Jahre mit Laut Mitteilung des Generalsekretariats des Völkerbundes in Genf, sind die englischen und französischen Exemplare des fünften Berichtes des G-eneralkommissärs bereits am 9. Juli von dort an das. Generalkommissariat in Wien abgesandt worden. Durch einen bisher noch, nicht aufgeklärten Umstand ist diese Sendung bis zur Stunde hier noch nicht oingetroffen und sind die nötigen Erhebungen im Zuge. Um indessen die Publikation des fünften Berichtes nicht noch länger zu verzögern/ hat sich das Generalkommissariat entschlossen, schon jetzt dir deutsche Uebersetzung desselben zu versenden. Der Bericht erwähnt einleitend die Bestellung Doktor Schnyders zum Berater der Nationaloank und teilt mit, daß der Generalkömmissär sich vergewissert habe, daß Schn yder sich seiner Aufgabe unter Ausschluß aller politischen oder anderen Beweggründe nur von t e chnis chen Rücksichten leiten lassen werde. Bezüglich des Budgets für 1923 bemerkt der Bericht, daß sich dieses in den Grenzen des Wiedsraufbauprogrammes halte. Bezüglich, der Reformmaßnahmen ist für die Berichtsperiode. keine Maßnahme von größerer, Bedeutung zu vermelden. Dr. Z rmmerm a n fügt nur der Verordnung über die Zusammenlegung, Üer Ministerien die , Mahnung bei, das Hauptgewicht bei der Zusammenlegung der Ministerien liege in ihrer völligen Vereinigung in administrativer Hinsicht und in ihrer gemeinsamen Unterbringung. Eingehend kritisiert Dr. Zimmerman die Verzögerung im Personalabbau. Pro Woche sollten 1000 Angestellte entlassen werden, insgesamt sind aber vom 3. März bis 7. April statt 5000 Per-, sonen nur 2218 abgebaut worden und vom 7. April bis 6. Mai. statt 4000 nur 2430. Jnjfol'gedeffeu beträgt die Gesamtsumme der abgebauten Angestellten bis 5. Mai nur 8 5.171. Der Generalkommissär erklärt wörtlich: Ich stehe in diesem Belange, vor einer, a.u ß e r o r d e u t l i ch e r n st e n Tatsache. Man kann nicht genug betonen, d'aß *der Wiederaufbau vor allem von. zwei Maßnahmen abhängig ist: 1. Vom Personalabbau, und 2. von der Reform der Eisenbahnen. Ich habe mich mit der letzteren Frage schon eingehend beschäftigt, da deren pvinzipielle Lösung erfaßt werden muß, ehe man aus Details eingchen kann. Ganz anders verhält «S sich beim Personalabbau, bei dem „Westminster Gazette" schreibt, daß die Hoffnung aus eine gemeinsame Antwort der Alliiertetans die letzten deutschen Vorschläge vollständig geschwunden sei. Poineare wolle einer Räumung nur zustimmen» wenn von Deutschland die bedingungslose Kapitulation gefordert werde. Diese Forderung könne aber diü englische Regierung nicht unterstützen und außerdem würde sie keine deutsche Regierung annehmen, denn die Ruhrbevölkerung würde den Widevstand von sich aus weitevfühven. „Daily C h r o n i c l e" sagt, daß man in englischen offiziellen Kreisen pessimistis ch « r gestimmt sei als je^ Der französische Vorschlag, die Reparations- und Schuldensrage gemeinsam zn behandeln, habe allerdings viel für sich, es sei nur zu bemerken, daß Deutschland schon viel an Reparationen bezahlt habe, währendFr a nk^ reich noch keinen Pfennig seiner Schuld an England zurückerstattet habe. Di« belgische Antwort sei w e itau s v ers öh n I i che r als die französische. Belgien bemühe sich offensichtlich, sine englisch-französische Verständigungsformel zu finden, aber alle Bemühungen seien an der u n v e v söhnlrchen Haltung Poincares zerschellt. Morgen — Regierungserklärung. London, 1., August. Der heute vormittags, äbgchaltene Minist er rat hat die .Prüfung d«r britischen Aktion in der Reparationsangelegenheil fort gesetzt. ' Das Kabinett hat nach eingehender Erörterung der französischen und der belgischen Note beschlossen, morgen im Unterhause und im,Oberhaus« eine Erklärung neuerliche Verzögerungen im bevorstehenden Zeiträume eine Krise, im Wiederaufbau Oesterreichs herbeiführen können. Je mehr Personen man abbaut, desto schwieriger wird der weitere Abbau. Wenn die Regierung aber schon vor Erreichung von 50 Prozent der mit lOOlOÖO festgesetzten Abbauziffer in ihren Bemühungen erlahmt, dann läuft sie Gefahr, die Durchführung eines schwerwiegenden Teiles des Wiederaufbau Programms in Fragezustellen. lieber die finanzielle Gebarung sagt der Bericht, daß die normale Einhaltung der Voranschläge seit vier Monaten Beachtung verdient, mehr aber noch die Tatsache, daß die Geldansprüche seit zwei Monaten geringer als vorher geworden sind. Die Mehreinnahmen der Steuern scheinen tatsächlich die Ausgabenerhöhung überstiegen zu haben. Es ist zn bemerken, daß die Gesamtziffer der tatsächlichen Ausgaben des ersten Vierteljahres um vier Milliarden geringer ist als der einvernehmlich mit der provisorischen Delegation des Völkerbundes festgesetzte Grenzbetrag, während die Monatsvoranschläge diesen Grenzbetrag, um 49 Milliarden überstiegen. Die bedeutendste Ersparung ist bei den Ausgaben für den Verwaltungsdienst gemacht worden, sie erreicht 887 Milliarden. Die einzige Post, welche sowohl die Monatsvoranschläge als am" das Programm überschreitet, war die Subvention an die Bundesbahnen. Sie übersteigt in diesem VievtÄjahre um 177 Miliar den die von Dr. Zimmerinan fixierten Ziffern. Die 548 Milliarden betragende Subvention an die Eisenbahnen stellt mehr als die Hälfte des gef amten staatlichen Defizits dar. Sie hat'nur zum kleinen Teil Investitionen gedient. Der Ernst dieser Tatsache deutet auf die Richtung hin, in welcher sich die Bemühungen bewegen müssen. " Der Ertrag der Einnahmen außer den Monopolen und aktiven Staatsbetrieben war beträchtlich höher als die Voranschläge des Programms. Dr. Ziinmerman hebt mit besonderer Befriedigung hervor, -daß das Erträgnis der Pfänder für die Anleihen günstig ist. Das Erträgnis der Pfänder im April war besonders befriedigend, 81 Milliarden aus den Zöllen und 107 den Gutscheinen der Reichsbank zn.Händen der belgischen Priorität der Fall ivar. über die britische Politik abzugeben.