Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 5 (1923)
- Issue
- Heft 1601 (28.7.1923)
- Date
- 1923-07-28
- Page
- Seite 9 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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ftr. 1601 Wien, Samstag Wiener Ntorgenzettrmg. 28. Juli t923 Seite 9 Las Volk und feine Fügend. Von Raphael Vensuffan (Bulgarien). Zu einer Zeit der nationalen Gefahren für die deutsche Kv'ltur, zr: einer Zeit, wo die Individualität des Deutschtums durch fron,den, kulturellen Einfluß gefährdet war, war es die deutsche Jugend, die zur Wiederibelelbnng des deuttschen Nationalbewußtseins und Geistes eintrat. Wir haben die Zeit nach dem Siebenjährigen Kriege im Auge. Danrals war das deutsche KMurl-eben so still, so apathisch, daß man kaum, an ein Wiedererwachen in diesem Maße wie es später geschah, glauben konnte. Für die deutsche Kultur waren die Folgen des Krroges sehr ungünstig; der französische Einfluß nahm in deutschen Landen überhand. Selbst Kaiser Friedrich der Ziveite begünstigte den französischen Einfluß; und nicht nur. er selbst, sondern die ganze Generation. Ein allgemeiner Rückgang des Niveaus des deutschen Kulturlebens charakterisierte diese Epoche. Aber in diesen schweren. Stunden kamen die -Söhne, die Jungen, und hoben die Fahnen hoch gegen den fremden Einfluß, für die Wiederbelebung des alten, deutschen Geistes. Wir' erinnern uns cut Herder und an die von ihm in Straßburg gegründete Bewegung, welche die schwere aber schöne Ausgabe des Wiedererwachlens des Deutschtums auf sich nahn,. Dieser Fall in der deutschen Kulturgeschichte ist für die Verhältnisse zwischen dem Volk und seiner Jugend nicht nur bei den Deutschen, sondern bei allen normal lebenden Völkern symptomatisch. *. Was lehrt uns das Beispiel aus der deutschen Kulturgeschichte? Bor allen, ersehen wir daraus, daß die deutsche Jugend ein ganz anderes Verständnis und eine andere Enipfindung für die inneren national-kulturellen Probleme des Volkes hat als das Mer. Wenn sich die Väter mehr oder weniger dem Problem der Reinheit des Deutschtums gleichgültig gegenüber- , stellen, so ist dies bei der Jugend nicht der Fall. Letztere trachtet, die Individualität seiner eigenen Kultur zu schützen. Das reine, -edle NationallgLsühl ist bei den Vätern schwächer als bei. den Söhnen. Dieser Unterschied zwischen Vätern und Söhnen ist ein natürlicher und sehr leicht evklächar. Die Väter stehen durch ihre materiellen Sorgen allen geistigen Problemen mehr oder minder, gleichgültig gegenüber. Das tägliche Leiben macht apathische Menschen aus ihnen, be° geistevungsunfähige Personen; iin allgemeinen Personen, die sich nur für die materielle Seite des Lebens interessieren. Bei den Söhnen steht die Sache nicht, so.,Der Jüngling, der mehr oder tveniger von den alltäglichen Sorgen noch verschont ist, > der noch nicht von, Wirbel des Lebens ersaßt ist, hat die objoktive und subjektive Möglichkeit, sich mehr um die geistigen Probleme des Lebens zu kümmern. Er, der Jüngling, betrachtet die Welt durch andere — idealistische — Brillen. Das Problem seiner Individualität interessiert ihn gerade so viel wie irgendein Geschäft — seinen Vater. Und da der Intelligente ein Verständnis von diesen und jenen geistigen Problemen hat, empfindet, erkennt er, daß seine Individualität mit jenen, Milien, in welchem er ausgewachsen ist und in welchem er lebt, eng verbunden ist; daß sein „Ich" von dem seines Volkes abhängig ist; und deshalb kümmert er sich um das Schicksal seines Volles nicht nur in materieller Hinsicht, soickern vor allem in geistiger. Und wir schen tatsächlich, wie die deutsche Jugend für ihren eigenen Geist und ihre Kultur mehr Interesse hat als das Alter; daß die Söhne, ihrer Kvast nach, Kr das Kulturleben mehr als die Väter tun können und tun. Diese Rolle der Jugend läßt sich nicht nur bei dem deutschen Volke feststellen. Die Jugendbewegungen sind bei allen normal lebenden Völkern von derartigen Bestrebungen und Empfindungen durchdrungen. Betrachten wir die russische Jugendbewegung des vorigen Jahrhunderts, bekannt unter dem Namen „Närodnitschestwo", die Freiheitsbewegungm bei allen Bailkanivölilern, oder die italienische Bewegung, an deren Spitze Garibaldi stand, und bei allen diesen werdenwir densekben Geist, dieselben Tendenzen, finden. Die In g^endb ewegungen bei normal lebenden Völkern sind die Bannerträger der nationalen Idee des Volkes in ihrer reinsten und edelsten Form. Unter nationaler Idee verstehen ' wir nicht die politisch-chauvinistischen Bewegungen, Wie zum Beispiel Hakenlreuzlertu-m oder Faszismus, sondern jenen Nationalismus, der dem Fortschritt und nicht der Reaktion dient. * Fragen wir uns einmal, war die jüdische Jugend des vorigen Jahrhunderts von Demselben Geist und Sehnsucht. durchdrungen? Erfüllte die jüdiische Jugend ihre nationalen Ausgaben, wie es die Jugend der anderen Völker tat? Diese Fragen können, nur mit einem entschiedenen Nein beantwortet werden. Unsere Jugend spielte nicht diese Rolle, die sie spielen sollte, sie bewahrte nicht die nationale Individualität ihres Volkes itnfe Volkstums, sie war gerade das Gegenteil von dem, was, sie sein sollte. Die jüdiische Jugend des vorigen Jahrhunderts war mchr assimilatorisch als die ältere Generation gesinnt. Für sie gab es keine eigenen nationalen Interessen, sie glaubte durch das Ausgelben ihres jüdischen „Jchs" dem Fortschritt.der-ganzen Menschheit zu dienen nsw. Ja, sie spielte eine üätiortale Rolle, aber... bei den anderen Völkern und nicht bei ihrem eigenen. Sie diente einer nationalen Idee, aber der deutschen, .französischen, der russischen ünd nicht der jüdischest. Die jüdische Jugend des vorigen Jahrhnndcris War assimilatorisch Par excellence, und deshalb gab es auch keine jüdische Jugendbewegung, denn eine Organs sation der jüdischen Jugend entspricht nicht den Prinzipien und Zielen der Assimilation. Wir stellen diesen Unterschied zwischen dem Charakter der Jugend bei anderen Völkern und dem bei unserer fest, damit wir auf eine Abnormalität in dem Leben der jüdischen Jugend Hinweisen können. , Es ist ja klar, daß dabeü etwas Abnormales G, daß unsere Jugend eine Ausnahnre in bezug auf die Rolle, die sie zu spielen hat, macht, aber es ist auch eine Tatsache, daß die heutige jüdische Jugend anders ist als -die vor etwa 50, 40 und 30 Jahren. Langsam aber sicher zeigt schon die jüdische Jugend ein B-rständnis für ihre Ausgaben im Volke. Sie legt endlich einmal Gewicht daraus, das zu sein, was sie sein soll; die AbnormaMt in ihrem Leben verschwindet, und seit ungefähr 10 bis 16 Jahren beginnt schon eine normale jüdische Jugendbewegung im jüdischen Leben eine Rolle zu spielen. Aber doch hat die langjährige Sterilität ihren Stempel ans die neue jüdische Jugendbewegung ausgepveßt. Ein Uebovgang vom Abnormalen zum Normalen geschieht nicht über Nacht. Dieser Uebergang geht langsam, aber sicher. Wir hoffen aus die Vitalität der jüdischen/ Jugend und Deswegen' glauben wir auch an die Zukunft dex jüdischen Jugendbewegung. Die Grundlagen und die Aufgaben einer normalen jüdischen Jugendbewegung zu schildern, das heißt die Abnormalität im Leben der jüdischen Jugend des vorigen Jahrhunderts näher zu untersuchen', und die Normalisierung dieses Leidens zu verfolgen, werden wir in einem zweiten Artikel versuchen. Mnafien. Die kritische Betrachtung der geistigen Zustande Europas hat einige Menschen zur Erkenntnis gebracht, daß dieser Erdteil aus allem nicht materiellen Gebiete unschöpserisch und parasitär sei. Sie hckben weiters gefunden, daß alles menschliche Denken, das zur Befreiung von den Fesseln des äußeren Lebens dient, ans Asien gekommen sei, und daß dieses Asien als die Mutter des menschlichen Denkens. anzusehen wäre. Diese Männer haben sich mit Begeisterung in den Dienst der Sache gestellt, Asien von Europa (Bevormundung in geistiger Hinsicht) zu befreieu. Für diese Bewegung hat Hugo Bergmann das Wort Pan- .asien geprägt, und es gibt Juden, denen dieser Begriff mehr als toter Name ist, und die sich über alle Zeiten und Länder hinaus mit allen jenen verbunden fühlen, deren Gedanken groß waren und deren Herzen sich erdrücken, von der Fülle des unendlichen Sein auf Gott besannen. - Uns Juden Mt an dieser Bewegung eine große und schwere Aufgabe zu. Wir gehen daran, in einen, kleinen Winkel der. Welt ein neues Land zu bauen, und von uns wird es abhäuigen, ob dieses, unser Land wieder Teil haben wird am schöpferischen Geist. Bon uns wird es äbhängen, ob sich wieder ein lebendes Band schlingen wird von Tel-Awiw bis Kiota, von der Bibel, bis zum Taodse King. Wieder schreit die Welt nach Erlösung aus dumpfem Kviogslävm und sinnlosem.Häschen nach der Fiktion des Geldes. Wir Juden vom Blute Mosis und Jeremias, Johannes und Jevu, von dervm Geiste, sind eins mit dem Geiste Buddhas und Lavtses, wollen unseren Airteil an der Befreiung aus dev Dumpfheit der Zeit. Ein- „Füvwahr, da haben wir ja einen Weg," faste die Eidechse freudig und hoffte noch einige Bröcklern von ihm Ku erhaschen, „auch ich gehe dort hin, zu meiner Base, welche in der Nähe wohnt." „Wenn du dich nur sputen würdest, so könnten wir zusamlnengehen." ,-Gewiß," rief die Eidechse und verschwand im Augenblicke im Grase. Bald erhob sich auch Jair und mit eiligen Schritten setzte erseinen Weg fort. Schwer, aber schön ist der Weg, der zum Schloß führt. Hohe, blühende Bäume und duftende, bunte Blumen beschatten und verschönern/ den Weg. Unsere Eidechse hielt Schritt, bald Verschwand sie im grünen Grase, bald wurde sie aus dem gelben Sande sichtbar und blickte Jair mit ihren grünen Äugen schelmisch an, als wollte sie sagen: Siehe, obwohl ich so klein bin, halte ich mit dir Schritt. Eine Stunde war vergangen. Da bemerkte Jair auf einem der hohen Bäume eine Taube, die mit dem kleinen Schnabel ihre - schneeweißen Fedexn reinigte. Jair, der eine besondere Vorliebe hatte, die Tiere und Vögel zu erschrecken, nahm seineungeladene Schleuder und zielte aus die Taube. Rechtzeitig wurde diese ihn gewahr, sie schwang sich in die Lüfte und indem sie hin- und herflog, um ihn am Schießen zu hindern, rief sie: „Ach du kleiner Held, erbarme dich «rchvKr und laß mich ein wenig ruhen, denn ich bin sehr müde. So wahr ein Gott lebt, ich werde dir diese Gnade nie vergessen; immer werde ich an deiner Seite sein, um dir in jeder Not 'beizustehen." „Womit kannst du mir dienen? Kemtst da meinen Weg? Zum König will ich, ihm den Brief der Gemeinde zu Überbringen." „NM Hove, wenn dumir nichts zu Leide tun wirst, will ich dir einenguten Rat geben." „Es sei dem so," sagte Jair befehlend, „fürchte dich nicht, es soll dir nichts Böses geschehen, und nun laß mich deinen Rat hören." x Die Taube flog aus einen Barm: und sagte: „Wenn du geneigt bist, .mir den Brief zu geben, so überbring« ich :r... ,..„d fou cV>raVrt'. d' ' ' - > i'vCVi: ■•'Mitfj folg».) - Fair Hagil' all Girre Erzählung für unsere Meinen. Hebräisch von Isaak Herzberg, übersetzt van den Geschwistern Lebensohn. Von Sonnenaufgang bis zur Dämmerung hütete er seine Herde auf der Weide, und wenn nn Wolf, unter die Herde drang, lief er nicht davon, sondern hetzte auf ihn seine zwei Hunde und verfolgte ihn bis in den tiefen Wald. .Die Bewohner Jawesch-Gil'ads lobten ihn immer. Als sie jetzt seine Stimme vernahmen, beschlossen sie, ihn zum König zu senden. Sie ließen ihn rufen, und der Greis Schimon ben Jaakob wandte sich an ihn mit den Worten: „Lieber Jair, -in deiner Macht liegt es, uns von einer großen Gefahr und vielleicht sogar von: Tode zu befreien. Wärest du gewillt, dem Könitz Nachosch einen Brief zu überbringen und ihn zu bitten, daß er sich in diesem Jahre mit einer geringeren Steuer begnüge." „Wohin ihr mich schicket, werde ich gehen, und was ihr befehlet, werde ich tun," antwortete Jair. „Hedad, Jair hedad!" riefen alle freudig. Nunmehr kehrten die Bewohner Jawesch-Gil'ads an ihre Atbeit zurück, der Alte, der auch Gemeindeältester war, ging, den Brief -gu besorgen und Jair nistete sich aus den Weg. > 7. Die Freunde. Am nächsten Tage vor Sonnenaufgang bestieg Jair den Berg, der zum Schlosse des Königs führte. Mit der Hängetasche auf dem Rücken, der Schleuder an seinem Gürtel, dem Bogen und den Pfeilen und dem Brief der Gemeinde in seiner Bvusttasche verließ er lustig und guter Dinge sein Städtchen, und jeder, der ihm begegnete, grüßte ihn und wünschte ihm Glück aus dem schweren Wege. 'Und wahrlich, schwer war auch sein Weg, denn außer der Gefahr, die ihm von seiten des bösen und grimmigen Königs drohte, mußte -er auch zwei volle Tage wandern, um das Schloß zu erreichen. Trotzdem lvar er froh und lustig bei dem Gedanken, daß er vielleicht mit dieser- Botschaft seiner Gemeinde Hilfe leisten.werde. -Müde von seinem Weg«, rastete er unter einem Baume und nahm sein Brot aus der Tasche, um seinen j Hunger zu Men. .! Langsam stieg die Sonne in voller Pracht ans und sendete ihre glänzenden Strahlen auf das kleine, hinter den Gärten liegende Städtchen. - Während die Bewohner Gil'ads an ihre Arbeit eilten, dachte Jair nach, tvas und wie er -zum König sprechen sollte. Jedoch vergebens, jedes Wort, das ihm oinfiel, schien ihm nicht recht. „Bor denn Könige werde ich schon das Richtige treffen," dachte er und ließ sich seine Brotschnitte -wvhbschnrecken. Und siche, kaum begann er Ml esstw da. bemerkte er -ein kleines Tier, das mit seinen grünen Augen aus dem Grafe zu ihm emporschauite. Daß dies eine Eidechse war, wußte er und schon erhob er seinen Stock, itim sie heimlich' zu erschlagen; denn er haßte die Eidechsen von jeher. Doch bald besann er sich eines Besseren und sagte zuihr: „Warum gaffst du mich so an, mit deinen grünen Augen, kleine Eidechse? Mtzch dich ans dem Staube, aus daß ich dich nicht erschlagen mit diesen meinem Stocke, denn ich kann dich nicht sehen." „Nein, mein lieber Jair, antwortete sie in ihrer Sprache, der Sprache' der Eidechsen. „Ich kenne zu gut dein weiches Herz und ich bin sicher, daß im mir nichts zu Leide tun wirst. Ich sah dich essen-und kam, dich zu bitten, mir einige Bröcklein zu werfen." „O du einfältiges Tier," sagte Jair lachend, „was in der Welt hindert mich, dich nicht zu töten?" „Nun "ja," sagte die Eidechse und wich zur Vorsicht einige Schritte zurück, „du kannstmich töten, aber lvelcheu Nutzen wird es dir bringen? Du tätest besser, mich leben zu lassen, mir einige Kvümmchen zu schenken, und ich werde dich segnen und in der Not dir ein treuer Freund sein. Ja, lieber Jair, lache nur nicht, eine klein« Eidechse vermag manchmal mchrals der große Elefant." „Du gefällst mir," sprach Jaiir, buckelte einige Kvüwntlein von feinem Brote und streute sie ihr -hin; „da nimm hin und gche deines Weges, ich brmtche deine Hilfe nicht." - Nachdem die Eidechse sich! gssüttigb hatte, dankte sie und sprach: „Verzeih doch, lieber Jair, kannst du mir vielleicht sagen, wohin dein Weg führt?" . ... „Zum Köiiw," -antwortete- Jair: „dein soll ich ein