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Wiener Morgenzeitung · 1923-07-28 · Heft 1601 (28.7.1923) · page 1

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
5 (1923)
Issue
Heft 1601 (28.7.1923)
Date
1923-07-28
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Die Motive für ihre Sinnesänderung mögen verschieden fein. Die Sozialdemokraten fühlen sich als starke Partei für die Stellung Deutschlands zu seinen Gegnern mit verantwortlich, die Kommunisten wollen der Gegenrevolution nicht jetzt, in dem taktisch unrichtigsten Augenblick, das Stichwort zum Losschlagen bringen. Ob die Mahnungen noch Kraft genug besitzen, um wirksam zu werden, ist alleMngs ziemlich zweifelhaft geworden. Deutschland durchlebt jetzt die schrecklichen Tage, die Wien und die österreichischen Konsumenten vor einem Jahr über sich ergehen lassen mußten. Die Katastrophe, die Deutschlands Volk betroffen hat, wirkt dort ungleich stärker als in Oesterreich. Die kleine Donaurepublik hatte immerhin eine andere Stellung. Ihr stand eine gewisse mitleidsvolle Sympathie in der Entente und bei den Neutralen zur Seite, die bedenken mußten, daß Oesterreich auch bei einer besseren Regierung sich der Inflation nicht hätte erwehren können. In Deutschland dagegen liegt die Schuld offenkundig aus dem Konto der Großbourgeoisie, die sich in Verachtung der ganzen Welt, Oesterreich mit eingeschlossen, nicht genug tun konnte und für die ihr Patriotismus nur ein höchst schäbiger Deckmantel für ihre Geschäftstüchtiglkeit war, di« aus dem Konflikt mit Frankreich reiche GeMschätze herausholte. Die Entenlestaaten sehen der Entwicklung der deutschen Krisis mit verschränkten Armen zu. Frankreich und Belgien halben sich wieder auf die Formel geeinigt, daß vor Einstellung, des passiven Mderstandes Verhandlungen mit Deutschland unmöglich sind. Die englische Regierung hat einstweilen nur die Aushebung der Grenzsperre des besetzten Gebietes erreichen können. Eine ausgreifende Jnterventivnsaktron Wie im Augenblick wenig Sinn, da sie von Deutschland selbst nicht unterstützt wird. Nur die sofortige, unzweideutige Erklärung der deutschen Regierung, daß sie die Verordnungen über die Resistenz ihrer Organe im Ruhrrevier zurückzieht, könnte eine Entspannung herbeisühren. Mer zu dieser Erklärung kann sich die Regierung Enno nicht verstehen, weil sie keine Kapitulation unterschreiben darf, ohne rächt ihrem politischen System den BcÄen auszuheben. Sie hat sich aus diese Form des Krieges festgelegt, die sie sogar in chren stets gefügigen Hurr Müttern als eine neue Art der Demokratie hatte feiern lassen. Bei dieser Demokratie ist die Bevölkerung des Ruhrlandes den französischen Generalen cmsgeliesert worden, die an den wehrlosen Polizisten, Bürgermeistern und Ingenieuren ihr Mütchen kühlen konnten. Daß sie inrmer neue Gründe für ihre Brutalitäten fanden, dafür sorgten die Nationalsozialisten, die den passiven Widerstand auf ihre Weise übten und mit Geleisesprengun'gen nationale Heldentaten vollsührten. Alle Anregungen, die von London her -nach Berlin gingen, blieben nutzlos. Lord Curzon und nach ihm Cecil sprachen von: Völkerbund und warfen den Gedanken auf, die Schlichtung des Reparationssweites dieser Körperschaft zu übertragen. Frankreich hätte scharfen Widerstand geleistet. Wäre aber Deutschland auf diesen Vorschlag eingegangen, so hätte es der ihm unleugbar freundlichen Grundstimmung der englischen Oeffentlichkeit, insbesondere der Arbeiterpartei, den Rücken gestärkt. Wer das ossizielle Deutschland blieb still und seine nationalistische Presse tMe den Völkerbundvovschlag in Grund und Boden. Trotzdem aber wird kaum Moas anderes übrig bleiben, als das Beispiel Oesterreichs nachzuahmen. Oesterreich konnte, weil es Mitglied des Völkerbundes ist, die moralische und politische Verantwortlichkeit der anderen Staaten anvufen und es beeilte sich, wie sich der Bundeskanzler Seipel ausdrückte, die politische Seite seines-Problems und dessen europäische Bedeutung cmszurollen. Pas war in einer fast buchstäblich gleichen Situation geschehen. Es wäre nun die Ausgabe der deutschen Regierung, durch den Beitritt zum Völkerbund — der kaum auf Widerstand stoßen würde — die Vorbedingungen für eine umfassende Aktion' zu schaffen. Kann es die Regierung Enno nicht oder veMeten es ihr die Chauvinisten von Helfferich bis Ludendorff, dann muß eben eine andere Negierung gebildet werden. Dies einzuleiten ist Sache .des Reichstages, der in der kommenden Woche zusaniirnentreten soll. 'slrJ Lebensmittelmt. — PaniWmmms der ArMlerung. — PuMagiiation. Berlin, 27. Juli. (Tel. d. „Wr. Morgenzeitung".) Das ' fast Unglaubliche ist eingetreten: D§e Mark ist weite r gefallen. Man ist wegen diesem ganz unfaßbaren Ereignis hier ganz kopflos geworden und kann sich selbst mit kühner Phantasie nicht die kommenden Ereignisse ausmalen. Bei den sich stündlich überstürzenden Kursmeldungen kann man selbst heute, wo die Mark in Zürich 0.0007 notiert, noch immer nicht von einem „R et or dt resst and" sprechen, da man im selben Moment nicht weiß, wo uw) wann der Sturz der Mark ein Ende finden wird. Diese Wahnsinnskurse wirken sich naturgemäß auf allen Gebieten des Wirtschaftslebens, in erster Linie auf den Lebensmittelmärkten, in katastrophalerWeise aus. Es ist keine Uebertreibung, wenn man feststellt, daß die Lebensmittelhändler fast stündlich die Preise h'rnaufsetzen und sich überhaupt gegen eine längere Fixierung der Warenpreise austchnen. Diese Umstände machen di-e Lebensmittelversorgung für die größeren Städte außerordentlich schwierig. Dazu kommt noch, daß die ländliche Bevölkerung sich weigert, Äbensmittel nach Berlin zu liefern, weil ihnen in den Badeorten v-on den zahlungskräftigen Ausländern höhere Preise bezahlt werden. Auf den LebensmittelinärNn beginnt es allmählich an den wichtigsten Gegenständen zu mangeln: Gemüse fehlt nahezu ganz. Ein großer Dell der Fleischer und Kolonialwarenhändler haben ihre Geschäfte geschlossen, da sie über keinerlei Ware mehr verfügen. Die Kartossel-- zufuhren sind so gering, daß nur ein ganz kleiner Teil der Bevölkerung Kartoffeln in geringen ■, Mengen erhalten konnte,. Bor den wersigen stehen die HÄlZfrauen zu Hunderten ' artgPU uM Mssen viele Stunden 'warten, bis sie ein wenig Margarine oder Schmatz erhalten, wofür Preise weit über hunderttausend Mark für das Pfund verlangt werden. Diese Erscheinungen, bewirken eine ungeheure Erregung unter der StadtbevMerirrig, so daß die Gemeindeverwaltung es ablehnt, die Verantwortung für das'Kommerwe zu übernehmen. So hat der Berliner Oberbürgermeiister heute beim i Reichskanzler'Vorgesprächen und ihm die Lage der Lebensmittelversorgung geschildert. Er erklärte, daß die Stadtverwaltung infolge der sich'überstürzenden Ereignisse den Vorgängen nicht gelvachfen ist, zumal ihr von der Regierung keinerlei Unterstützung zuteil wird. Die Teuerung steigt von Stunde zu Stunde,. die Geschästsläden, vor welchen sich die Hausfrauen in langen Reiihen anstellen, schließen von Zeit zu Zeit, um rasch auf Grund der einlausendeu Kursmeldungen eine Erhöhung der Preise vorzunehmen. Der Bürgermeister berichtete weiters über die erregte Stimmung der BMlkerung, die jeden Augenblick gewaltsame Ausbrüche befürchten läßt. Es herrscht eine ausgesprochene Panikstimmung. Dazu kommt, daß diese Stimmung von gewissenlosen Hetzern sowohl dorr links wie von rechts für ihre dunklen Zwecke ausgenützt wird. ~ " '7 " Weitere Steigerung der Teuerung. Heute wird eine, neue Erhöhung der K o h l e u p r ei s e, und zwar um 52 Prozent, angekunAigt. Die Preise auf dem übrigen Markt pflegen erfahrungsgemäß jedem Steigen der Kohlenpreise sofort zu folgen. Der Index weist in der abgelaufenen Woche ein Steigen der Großhandelspreise mn 38 Prozent auf. Die Einfuhrwaren allein srrrd um 60 Prozent, die I n I a n d w a r e n um 33 Prozent gestiegen. Die Lebensmittel haben ein Preisniveau erreicht, welches das E i n u n d s i e b z i g e i n h a l btausendsache der Vorkriegszeit beträgt. - Die Berliner Stadtvevwaltug kündigt eine enorme Steigerung der Preise für Gas, Wasser und Elektrizität an., Ditz Tarife sollen der neuen Geldentwertung stets angepaßt werden. Man will Gas auf 6000 Mark, Elektrizität cnls 10.000 und Wasser aus 3000 Mark erhöhen. Ein Appell des Reichskanzlers an die Land» wirte. Berlin, 27. Juli. Reichskanzler Dr. Enno hat an die Führer der Landwirtschaft folgendes Telegramm gerichtet: „Die Städte sind infolge der Verschlechterung der Ernte von K a r t o s f e l n e n t bloß t. Auch sonst wachsen die E r n ä h r u n g s s ch w i e r i g k e i t e n der großen Vierbrau chermassen. Ich richte daher an die deutsche Landwirtschaft den dringenden Aufruf, alle Kräfte anzus'pannen, um die Erträge, iusbesoudnre detz^ Frirhkartosselerntc, möglichst umgehend dem Verbrauch zuzuführen und die Lage in den Städten zu erleichtern." Dev Kleinhandel fordert Preise in fremdet Währung. Berlin, 27. Juli. Eine stark besuchte Versammlung r des Verbandes deutscher Waren- und Kaufhäuser beschäftigte sich mit der durch die Warenknappheit entstandenen Notlage. Es wurde eine Ensichließung gefaßt, die sich mit großer Schärfe gegen. die Zwangsmaß nah me n d e r D e v i sen p o l i t i k, gegen die einseitige Interessenpolitik der Kartelle und Konzerne und gegen die Wuchexgesetzgebung wendet. Die Entschließung fordert, daß dem kleinen Handel gestattet, sein soll, seine Preise»in fremder Währung aufzustellen, aber in Maick bezahlen zu lassen, und droht mit der Schließung der Geschäfte, wenn nicht noch in letzter Stunde ein Wag zur Erhaltu ng des BetrieMaPitass des kleinen Handels gefunden werde. Wiederzusammentritt -es Reichstages. Berlin, 27. Juli. Der Zusammentritt des Reichs Inges wird, soweit es sich bisher übersehen läßt, nicht vor dem 9. August, spätestens aber am 17. August erfolgen. Die Sonntagkundgebungen dev Kommunisten unterbleiben. Berlin, 27. IM. Die Berliner Kommunisten haben, wie die ,ß. Z." meldet, ihren Bezirksleitungen heute die Mitteilung gemacht, daß von den verbotenen Umzügen Wstand genommen werde und dafür heute abends in Berlin siebzehn öffentliche Versammlungen stattsindcn. Die Mehrh-eitssozialisten und die Gewerkschaften warnen ihre Anhänger, sich au den kom- MMistischen Beva-nstaltungen zu beteilige u. Die Zahlungsmittelnot. Berlin, 27. IM. Zur Behebung der außerordentlichen Not an Zahlungsmitteln sollen nach einer Mitteilung der Röichsbank schon heilte die ersten Fünf-Millioneu-Noten 4» großer Menge in den Verkehr gebracht werden. Im Laufe der konnnenden Woche werden die Ein» MMionen-Scheiue zur Ausgabe gelangen und kurz daraus die Zchn-Mllionen-Scheme folgen. Eine Anfrage der sächsischen Regierung. Dresden, 27. Juli. (Tel. der „Wr. Morgenzeitung".) Die sächsische Regierung hat an die Reichsregierung die schriftliche Anfrage gerichtet, ob die Reichsregierung, wie aus ihrer Erklärung zu den Möglichkeiten eines Bürgerkrieges hevauAgelesen werden könne, tatsächlich glaube, daß von Sachsen aus ein Bürgerkrieg drohe, und ob mit den Ausführungen der Reichsregierung gesagt sein soll, daß die sächsische und chüringsche Regierung einer besonderen Oberaufsicht bedürfen. Falls die Reichsregierung wirklich der Ansicht sei, von Sachsen aus drohe die Gefahr eines Bürgerkrieges, ersucht die sächsische Regierung um Mitteilung der Tatsachen, auf welche die Reichsregierung eine solche Annahme stützt. Deutschland hat die politische Blockade, jdie seit dem Tode Rathenaus Weht, selbst herbeigefuhrt. Es Hut sich'mit untauglichen Mtteln in einen ungleichen Kampf mit 'Frankreich' gestürzt, das rückenfrei ist und alle seine Kräfte heranziehen konnte. Aus dieser politischen Absperrung: ist nun durch die völlige Entkvertüng der Mark eine wirtschaftliche geworden, die stärker und unheilvoller wirkt als ein Bajonettkovdon. Zu : diesem Unglück tritt nun die Gefahr des inneren Krieges, die von Strucke zu. Stunde. wächst, weil der Hunger ihr bester Schrittmacher ist und well die, demokratische Republik so schuxich ist, daß sie sich nur mehr auf die unzuverlässige Reichswehr stützt. Es äst politisch klug, daß die Linksparteien jetzt einem Zusammenstoß mit den Mordverbänden der Hakenkreuzler Vorbeugen wollen. Es war freilich nicht klug, daß sie es dazu hatten kvrnmen lassen, daß der Nationalradikalismus mit seiner Pogromhetze sich ausbreiten und befestigen konnte. Aber sie müssen jetzt zur positiven Politik kommen und Deutschland den Weg aus der Isolierung öffnen. Wenn es sein muß, auch gegen Cuno und seine Minister, die doch nur Exponenten der Hitlerei sind. Dieser Weg führt nach Gens.

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