Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 5 (1923)
- Issue
- Heft 1599 (26.7.1923)
- Date
- 1923-07-26
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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ElnzBhinnnerKIOOO Wien: Zum Abholen in der Expedition, II.,Taborstr.l-3, oder in einer Verschleisstelle (Trafik) monatl. K 28.000 Mit Postversand für Wien u. Oesterr. monatl. K 28.000 Tb ch e c h o- S1 o wa Iceir Mon. K17. Jugoslawien: Mon.Dinar40. Po len: Mon. Mk.30.000. D e u t s c h 1 a n d: Mon.Mark 50.000.Frankr„ Belgien: Monatl. Pres. 8 jener ft®* Nachzahlungen *VB bei Preiterhöhungen Vorbehaltes 91t. 1599 Wien. Zonnerstag. 26. Juli 1923 Uch8«ho*8iniMtik|k I Ischech. Kl.— Italien: Monatl. 10 Lire, Rumänien Mon. 90 Lei, Bulgarien Mon. 75 Lewa, Schweiz und das übrige Ausland monatlich Pres. 3 Redaktion u. Administration Wien, II., Taborstrasse 1—3 Telephone: 44-0-38.43-3-19. ab 6Ühr abds. 19-483,16-301 Tel,-Adt.: »Morgenzeitung“ Wien Oesterreichisches Postsparkassen-Konto Nr. 150.693 5. Jahrgang Deutschlands Zusammenbruch. Ser unaufhaltsame Markfturz. — Ungeheure Verteuerung der Lebenslüste«. — BeMörfuug der innerdolitischen Situation. — Linksradikale HetzarSeit. Berlin, 26. Juli. (Tel. d. „Wr. Morgenzeitung".) Die Assamts Oeffentlichkeit starrt wie gebannt auf $>ie jeweilige Züricher Notierung der Marl; von ihr hängt buchstäblich Leben over Sterben Deutschlands ab. Und die letzten Meldungen lauten überaus alarmierend. Me Marl hat mit ihrer heutigen Führung von 0.0010 einen Tiefstand erreicht, den keine Valuta bisher eingenonruren hat. Selbst die pessimistischesten Erwartungen der letzten Zeit haben eine solche valutarische Bewegung nicht vorausgesagt. Der unaufhaltsame vollständige Zusammen b r u ch der deutschen Währung, die Verteuerung der L e b e n s m t1t e I, Kc , sich mehrenden sozialem Unruhen, die steigende Erregung der Bevölkerung lassen das Aergste befürchten. Den neue Index. Berlin, 25. Juli. Die Reichsindexziffer für die Lebenshaltungskosten in der Woche bis zum 23. Juli weist gegenüber der Vorwoche eine Steigerung von 36,1 Prozent auf. Teure Lebensmittel. — Käufevkratvalte. Berlin, 25. Juli. Die Lebensmittelpreise in Berlin habe» m den letzten Tagen eine derartige Erhöhung erfahren, dkß in weiteren B-olkskrersen große Beunruhigung Platz gegriffen hat. .In der Markthalle in der Lindenstraße kam es.heute mittags zu erregten Szene n, als sich Gerüchte verbreiteten, daß . die Händler des Pfund Kartoffeln nicht unter 9000 Mark ckbgÄen würden. Die Markthallendeputation ließ sofort die Schutzpolizei alarmieren. Als mitgeteilt wurde, daß die Kartoffeln nur 6000 Mark kosten würden, trat etwas Beruhigung ein. Die Berliner Wucherpolizei wendet augeMicklich ihr Interesse dem Fleischgroßhandel zu. Heute mittags wurde in der Nähe von Berlin eine überaus große Zahl von Rindern beschlagnahmt. Es handelt sich dabei um eine Lieferung, die einen Wert von vielen Milliarden darstellt. Zahlmrgsmittelmangel. — Ausgabe von Millionennoten. Berlin, 25. Juli. Infolge Mangels an Zahlung s mitte ln fand in den heutigen Vormittagsstunden ein starker Andrang zu den Kassenräumen der Reichsbank statt. Die Befriedigung der Geldanfprüche wurde dadurch erschwert, daß keine großen Scheine vorhanden waren, so daß alle Beträge in kleinen Scheinen ausgezahlt werden mußten. Wie das Direktorium der Reichsbant mitteilt, tohbschon in den nächsten Tagen durch Ausgabe großer Mengen von Noten zu 500.000 Mark und einer Million Mark diesem Mangel «^geholfen werden. In kurzer Zeit sollen Kasscnscheinc in zehn Milli o ne n- Titres ausgegeben werden. Der Reichstag soll zusammentreten. Berlin, 25. Juli. Achnlich wie die sozialdemokratische Partei ist auch der Vorstand der Deutschen demokratischen Partei angesichts der Zuspitzung der innerpolitifchen Lage zu einer auß-ewLdenMchen Beratung für den kommenden Samstag vrnberufen worden. Im Zusammenhang mit diesen Fraktionsbesprechungen und den vom „Vorwärts" und dev „Germania" aufgestellten Forderungen an die Rerchsvegierung verlautet, daß.die Sozialdemokratie beabsichtige, für die erste Augusthälfte die Einberufung des Reichstages zu verlangen, und daß diese Forderung auch von anderen Parteien werde erhoben werden. .Eine Sonversteuer für den Ruhrkampf. Berlin, 25. Juli. (Tel. der „Wiener Mvrgen-zeitung".) Augenblicklich beschäftigt sich die Reichsregierung mit dem Plane einer. S o n d e r st e u e r zur F i n a nzierung des Abwehrkampfes an der Ruhr. In parlamentarischen Kreisen gewinnt die Forderung nach der Aufgabe dieser schädlichen Politik von Tag zu Tag Boden. Es ist sehr wahrscheinlich, daß der Reichstag im Laufe des August zusammentreten wird, um sich gerade mit dieser Frage eingehend zu beschäftigen. Verbot der kommunistischen Demonstrationen. Berlin, 26. Juli. Der Reichsinuemmnrster hat die Landesregierungen in einem Rundschreiben ersucht, im HüMck a uf die Möglichkeit vou HiMnmenstoßen am kommenden Sonntag, an welchem die Kommunisten einen „Antifaszistentag" veranstalten wollen, alle Maßnahmen zur Verhinderung von Ruhestörungen zu treffen und nötigenfalls Versammlungen unter freiem Himmel überhaupt zu verbieten. DaS Verbot der Versammlungen und' Umzüge wi rd wahrscheinlich außer in Preußen auch in den anderen d e u i f ch e n S t a a t e n erlassen werden. Besonders in Hamburg, wo die Kommunisten eine ganz besondere Agitation entfalten, wird ein Verbot dringend gewünscht. Me Kommunisten scheinen übrigens das Verbot n i ch t r e s p e k t i e r e n zu wollen. Sie schreiben in der heutigen ,/Roten Fahne", daß die Arbeiter trotz aller Verbote Mittel und Wegefinden würden, um ihren Willen kuNdzugeben und der faszistffchen Gefahr wirksam entgegenFUtreten. Auf der anderen Seite rüsten auch die Rechtsradikalen und haben unter der bezeichneten Parole ,-Bereit sein ist alles" ihre Archängev aufgefovdert, sich am Sonntag zu Gegenaktionen zu versammeln. Auch in München verboten. München, 25. Juli. Das Ministerium des Innern Hat wegen der kommunistischen Vorbereitungen für die Abhaltung des Antrfaszistentages am kommenden Sonntag sämtliche. Kundgebungen der Kommunisten an diesem Tage verboten. Konstantinopel jubelt. KouftanÜnopel, 25. Juli. Aus Anlaß der ll n te rj c i ch nung des Fr i edensvertrages war gestern die Stadt beflaggt. Die Bevölkerung veranstaltete Patriotische 5k un dg ebu ng en. In der Stadt herrschte unbeschreiblicher Enthusiasmus. Das Belralufest, das mit der Unterzeichnung des Friedensvertrages zusammeusiel, tvurde in feierlicher uitft eindrukksvoller Weise begangen. Griechen und Armenier, die in Konstantinopel wohnen, nähmen in großer Zahl an dem Feste teil. Die italienische Auffassung. Der erste Schritt zu einer allgemeinen Revision der Friedensvettriige. Mailand, 25. Juli. (Tel. d. „Wr. Morgenzeitüng".) Die „Stampa" schreibt, der Friede von Lausanne sei geschichtlich besonders bedeutungsvoll, weil er die ersteoffizielle und vollständige Revision eines Friedensvertrages darftellt. Er bilde den ersten Schritt zu einer allgemeinen Revision der F r i c d e n 8 v e r t r ä g e als einzigen Weg, um die Welt nach dem Kriege wieder ins Gleichgewicht zu bringen. Dies sei in erster Lnie für den Versailler Vertrag nötig, der ein so arges Mißverhältnis zwischen- Frankreich Md Dyitjchland geschaffen Jgjfc, , Füg; die RMrM heH Vertrages von Sevres sei der Orieutirieg nötig gewesen, und man müsse sich fragen, ob man tatsächlich in Europa einen Krieg wolle, um den Frieden von Versailles anwendbar zu machen. Englands Meinung. Ein unerhörter Triumph der Türkei. London, 25. Juli., (Tel. d. ,/Wr: Morgenzeituug") Der Friedensschluß von Lausanne wird von der gesamten Presse als ein unerhörter Triumph der türkischen Diplom« t i e gefeiert. Die Türkei habe alle ihre Wünsche durchgesetzt und sei nun.mächtiger als vor einem Jahrhundert. Sie habe zwar Mesopotamien, Syrien und Palästina verloren, wird sich aber zur europäischen Großmacht entwickeln. Auch Horthh gratuliert. Budapest, 25. Juli. Anläßlich der Unterzeichnung des LaUsanuer Friedensvertrag.es hat Reichsverweser H o r t h y eine Glückwunschdepesche an Mustafa Kenral Pascha äbgesendet. , Sie belgische Antwort. PädiA, 25. Juli. Wie der „Temps" meldet, gab der belgische B o t s ch a f; e r in Paris heute dem Ministerpräsidenten Pv in ea re die Aussass un g. B e lgieyL über die §«tz lisHe Bot« LMmt, Der große Verrat. —y. Wien, 26. Juki Am 28. Juli 1914 hatte der österreichisch-ungarische Gesandte in Belgrad die * ultimative Note überreicht. Am 2Ä. Juli um 6 Uhr abends verließ er auftragsgemäß den serbischen Boden, da die Antwort Serbiens „unbefriedigend" gelautet hatte. Es ist wichtig und notwendig, heute genau so wie all die Jahre seit dem Kriege, an diese Tage zurückzudenken, in denen Gewissenlosigkeit, politische Stümperei und Leichtfertigkeit die ersten Stöße gegen den Bestand der weißen Menschheit führten. Man muß immer wieder in den Dokumentensammlungen jener Tage 'blättern, um zu erkennen, nrit wie wenig Verstand die Welt regiert wird und wie groß die Schuld der Handvoll Leute war, die sich anmaßten, Schicksal zu spielen und über Leben und Tod von vielen Millionen Menschen, über die. Kultuy und Zivilisation Europas das Los warfen. Im geheimen Dunkel der Kabinette wurde das Verbrechen zusammengebraut und es ist frechste Vermessenheit, einem unheilvollen Zusammentreffen verhängnisvoller Umstände die Schuld zu geben. Nein, Zug um Zug entwickelte sich das Spiel und der Beginn lag in Wien und in Berlin. In diesen Zentren geschah das unmittelbare Auslösen des Kriogsappavates und hier wurden die Lügen von dem Ueberfall auf die Zentvalmächte erfunden. In Wien entstand das Ultimatum, und das Alibi, das sich die deutschen Staatsmänner sichern wollten, ist schon längst als mißlungen erkannt. Zwei Tage vor der Üeberreichung der Note kannte Berlin den Inhalt. Und so verrannt waren beide Staaten in ihren Kriegs- Willen, daß sie nicht einmal ans ihre vermeintlichen, aber argwöhnisch beobachteten Bundesgenossen, Italien und Rumänien, Rücksicht nahmen, obzwar sie die Gefahr erkannten.-Es-war-eben, wie Graf Berchtold seinen Gesandten in Rom instruierte, ein großes Spiel, das-er wagen konnte, weil der alte Kaiser, dessen Diener er war, die Ungeheuerlichkeiten, die man ihm zumutete, gar nicht mehr erfassen konnte. Am 27. Juli meldete ihm Berchtold, mit Rücksicht aus die serbische Antwort „halte ich es nicht für ausgeschlossen, daß die Tripelententemächte noch einen Versuch machen könnten, eine friedliche Beilegung des Konfliktes zu erreichen, wenn nicht durch die Kriegserklärung eine klare Situation geschaffen wird". Und damit diese stiedliche Beilegung bestimmt nicht versucht werde, damit sie sicher mißlinge, wurde die klar-e Situation geschaffen durch die Kriegserklärung, die dem Kaiser gegenüber am 28. Juli mit der Schießerei von Teures Kulbin motiviert wurde, eine Begründung, die am folgenden Tage widerrufen werden mußte, als die Situation bereits irreparabel geworden war. Es ist notwendig, an diese Perfiditäten zu erinnern, nrit der die Geheimdiplomatie arbeitete) an die Künste der Regie, mit der dem friedlichen Volk der Kriegsgedanke vertraut gemacht wurde. Es ist sehr notwendig, auf die Schuldigen hinzuweiseu, die „vor der Geschichte" die Verantwortung aus sich zu nehmen versicherten und die seither sich einen anderen Verantwovtlichen gesucht haben, das Judentum, gegen das heute das Heer der Diplomaten, der Geistlichen, der Kriegsjournallsien und der Krregsdichter eine einige Front bildet. Die Personen, die vor neun Jahren Rache für Franz Ferdinand brüllten, die sich in Begeisterung für das Morden nicht genugtun konnten, die die Agitation für die Romantik der verlausten Schützengräben, für Wrucken und Kraut und Maisbrot mit raffinierter Technik in die letzte Hütte trugen, die Personen, die sich dann nach der grauenhaften Piave-Katastrophe verkrochen, beschuldigen heute das Judentum, es habe aus Welcherrschastsstreben das große Elend her-aufgebracht. Erinnern wir uns doch: Oesterreich träumte vom Marsch nach Saloniki, in Deutschland war man aus die Linie Berlin—Bagdad eingestellt. Die Klerikalen beider Staaten hofften auf Abrechnung mit der russischen Kirche und nebenbei auf Bestrafung Frankreichs und Italiens. Das alles ist vergessen und an die Stelle dieser streitbaren Tendenzen ist der jüdische Imperialismus getreten, den man entdeckt hat, um das Judentum als Prügelknaben zu benützen und das jüdische Volk, das in aller blutigen Not doch auch ein kteiues Licht sieht, das aus seinen Heimweg sollt, dafür zu züchtigen. Alle, die durch den Krieg ihr Volk betrogen, der» raten und ausgesaugt haben, die sich an seinem Hunger sattgesressen haben, schreien heute wider das Judentum. In Oesterreich führte damals, stihrt heute die „Reichs- Post" den ChW, hgS Organ der xsgier-enden und für den