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Wiener Morgenzeitung · 1923-07-21 · Heft 1594 (21.7.1923) · p. Seite 9

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
5 (1923)
Issue
Heft 1594 (21.7.1923)
Date
1923-07-21
Page
Seite 9 (sequence 9)
Language
German
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HJlVVwy*" ' - 7^»|, ypn SK. 1694 Wien, Samstag Ätener Morgenzettutzg. 21. IM 1926 „Am eschkachech,. „Anden Teichen Babels, da -saßen wir —", ja. Und gedachten Zions, La wir dort saßen. . . Und unsere Feinde höhnten uns: „Singt uns von den Liedern Zions!" Da hingen wir unsere Harfen an die Weiden und legten die Hände in den Schoß und senkten unsere Blicke in den heißen Sand Babels und weinten. Wir weinten laut. Da konnten wir noch weinen. . . Und unsere Feinde höhnten uns: „HM'ihr Hunger, daß ihr so weinet?" Und, sie gaben uns, daß wir äßen. Doch wir aßen nicht. Wir fluchten unseren Harfen und daß wir zu. ihnen singen gelernt. Und wir weinten. Weinten laut. . . Und unsere Feinde höhnten uns: „Sind eure Kehlen vertrocknet, daß ihr nicht singen könnt?" Und sie brachten uns volle Schläuche, daß wir tränken. Doch die Schläuche warenmur mit ihrem eigenen, salzigen Atem gefüllt. Und da wir die Knoten zerrissen, war es nicht Wasser, das wir tranken. . . Und die Feinde höhnten uns: „Habt ihr schon genug getrunken, singt uns von den LiedeM Zions!"-— -r- Und da-wir viel geweint haben, -daß dir Tränen zu Salzhäufchen gerannen in den Furchen unserer Wangen, blieben wir still, und sagten kein Wort . . . Bis gegen Abend ein Wind -däherstrich — von Zion strich er herüber — und in die Saiten unserer Harfen fuhr, daß sie von selber sangen. Und sie sangen uns ein Lied, daß sich in unsere Seelen eingrub, -rin Lied ohne Worte. Wir fluchten ihnen dann nicht mehr.-Und später sang ein Dichter seine Seele zu Tode, da, stieg die Seele aus dem Dichter und sang uns die Worte jenes R-Äes. . . ,M Zion --" Und später saßen an all jenen Menden, an dem Abend des Trschäh b'Aw, auf harten Bankkanten, ganz nahe der Erde, bärtige, traurige Männer und Ragten -um Zion. In dH den düsteren Bate-Midraschim der östlichen Städtchen saßen sie> auf 'harten Bankkanten, ganz nahe der Erde. Und - rs war so dunkel darin. Es brannte unr eine Kea^e vor der .Heiligen Lade". Und ein grauer Alter, mit einem Weißen Vavt und weißen, hohen Strümpfen, saß davor und sang fern zweitcmseNdjÄhriges Leid in das Dunkel. In seiner StipMe Mmg ein tiefes Klagen und sie klang doch so klar. — UNd all die bärtigen Gesichter ■ nickten in sich. hinein, schwer und traurig.-Und an all jenen Abenden, an dem Abend des Tischah b'Aw, saßen in all den düsteren" Bate-Midraschim, auf harten BanKcmten, ganz nahe -der Erde, verträumte „Bachurim". Da saßen sie, auf harten BanNanten, Mmz nahe der Erde, und 'lauschten dem zweitaufendjährigen Liede Aweitausendjährigen Leides. Und ihre schweren, schwarzen Augen sahen verträumt irgend wohin/ganz ferm, in ein fernes, fernes Land und träumten... Und dann Werschlug sich plötzlich die Stimme des Alten und klang, wie das Weinen eines kleinen Kindes. .. „Eli Zion-“ Eine Erzählung für unsere Kleinen. -ebräisch-von Isaak H e r z b e r g, übersetzt von den Geschwistern Lebensohn. Die Frauken und Kntder standen aneinander gedrängt wie eine Herde beim Anblick des sich nähernden Wolfes. Der Reiter näherte sich ihnen, und als er die Wiese, wo ihn die Bewohner Jaiwefch-Gil'ads erwarteten, erreicht hatte, stieß -er in dw Postume rmd rief: „Höret mich an, ihr Bürger von M'ad! Zu euch sendet mich mein mächtiger König, die furchtbare Schlange, der Herrscher von Anron, um euch zu sagen: Warum verweigert ihr mir diesmal den Tribut, den ihr mir bis jetzt geleistet habet? Nun, ihr sollt ihn doppelt zahlen, sonst wird er mit Roß und Reiter über euch kommen, eure Herden wird er wegneihmen, die Fraum und Säuglinge ms Gefängnis werfen, eure Felder und Gärterc verwüsten, und nun seid gewarnt." Hierauf stieß er nochmals in die' Posaune und verschwand. Nur das Traben des kräftigen Hengstes Wider-' ballte noch aus der Ferne. 5. Der Rat. Entsetzt und verwirrt standen die Bewohner Gil'ads noch eine Zeitlang aus ihren Plätzen, ohne die Worte des Gesandten verstanden zu haben und ohne zu wissen, was zu Mn wäre. Da trat aus der Menge mn Jüngling, schlank wie die Eiche, mit von der Sonne gebräuntem Gesicht, in dessen Angen Funken sprühten. Es wardies Iochanan ben Sehe, der Eisenschmied des Städtchens. Er schwang seinen großen, schweren Hammer und rief: 1 „Meine Brüder! Wisset ihr auch, ivas der König von uns verlangt? Daß wir zu Knechten werden, zu armen Hungernden. Zahlen wir ihm diesmal doppelt, seid dreifach versichert, , daß tvir verloven sind, verloren. Und ge- . w .in/diefo»r.IchVe, da die Heuschrecke die Halste unseres - GetvechSs gefressen,und die Würmer die- - Früchte . der.: Bäume vernichtet hatten. Womit werden wir den Hunger Und an all jenen Abenden, an dem Abend des Tischah b'Aw, kamen alle Nachbarinnen - in irgend ei» düsteres Stübchen zusammen, Und setzten sich hin am Boden; und saßen im Kreise, um eine traurige, trübe Kerze. Und davor saß ein junges, ganz ju-itgeS Weib und las aus einem tränendurchtränkten, alten Buch. Sie weinte . zweitausendjährige Tränen aus ihren schönen Augen hinein. 'Und alle Werber -weinten, sie weinten laut in die helle Mondnacht. — — Und die ganz kleinen Kinder verkrochen sich in irgendeinem Winkel. Es tvar ihnen so traurig zu Mute und sie wagten nicht zu schreien. Sie weinten nur; ganz leise weinten sie. Und schliefen ein, die Reinen Körperchen vornüber gebeugt. ... „Eli-Zion — — Und es kann sein, daß wir am selben Abendan dem Abend des Tischah b'Äw, an den Donäamfevn sitzen und lustige Lieder singen. Und viele Worte in den Abend hineinlachen. Und da bleiben die Leute stehen und Horen auf unser Singen und Dachen. Und gehen weiter. Uüdsehe» sich vielleicht um im Weitergehen. Und manchmal mag es geschehen, daß sie uns zurufen: „He, singt uns von den Liedeim Zions!" Und manchmal spotten sie nur: „Haßt sie singen!" Und manchmal schreien sie nur: „He—!"- Und es kann sein, daß wir an den Grashängen liegen und in die Lichtstreifen im Wasser hrneintränmen. Oder in die Sterne. Oder auch in ein'fernes, fernes Auge hinaus- - träumen. Und oben sitzen andere und singen, und stehen im Kreise herum und singen, am selben Abend, an dem Abend des Tischah'b'Aw. Und ein rothaariger Bursche höhnt sich heißer. Ja, wir 'haben auch das Höhnen geleimt und höhnen über uns selber. Und ein wirrhaaritzer Junge, mit einem bleichen, verzerrten Gesicht, lächelt, -und lächelt iriMneEgu. Und ein Weichwwngiger Junge .'hat ein ewiges - Lächeln um die Lippen sind spottet über sich selbst, wenn er über andere lacht. Und 4venn er mit den anderen singt, singt er über sie hinweg und singt .sich in einen fernen Traum hinüber und seine schönen Aügen glühen so warm und sauft, wie die. Augen eims-Dichters. Und er singt immerzu, in den Abend des Tischah b'Aw. -- ,.M Zion - \ Jaakow M cs ch o-r e r. z«m neunten M. ^' I. Um die alte Ternpelstätte stöhnt der . Wind die alten Klage« In der Nacht zum - neunten. Ad. Aus dem füllen Totenbette, Das so lange sie getragen, Aus dem tausendjähr'gen Grab Steigen Geister -still' und weiß: Frau und Kind und Mann und Greis. unserer Frauen und Kinder stillen? Höret doch, Brüder, lastet mich hinziehe-n zu dieser Schlange und mit diesem meinem Hammer will ich ihm seinen Kopf zertrümmern und so das Joch von uns werfen." . Diese feurigen Worte begeisterten die zu'hörende . Menge und alle riefen sie einstimmig: „Tod und Verderben der Schlange! Es lebe Iochanan der Held!" - Da erhob ein Greis, mit einem langen silberweißen Bart und mit kindiisch-m-nschnldigen Augenseine vom Alter gefurchte Haud zum Zeichen der Ruhe und rief mit tveicher Stimme: „Meine lieben Kinder! Iochanan sprach zu euch wie jeder junge und starke Mensch sprechen muß, und gewiß würde er auch nach seine» Worten handeln. Aber höret, meine Brüder, auch auf die Stimme eures alten Lehrers Schimon ben Jaakob, der euch oft durch seinen Rat aus der Klemme herauszuhelsen tvnßte und dessen Worte, dank der Weisheit, die ihm der Euvige geschenkt, hat, Worte der Urim und Tumim*) waren. Darum: echoret mich auch diesmal, und der Gurrge, der Gott Israels, wird mit euch sein. WahMch, wenn es auch Iochanan getingen sollte, uns von Nachasch zu befreien, werden wir doch wicht frei, denn sein mächtiges Heer kann uns - jeden Augenblick überfallen und uns samt Kinder mtd Frauen cmfveiben. So würe,^ denn mein Rat, zuerst ei» Schrchben an den' König zu" sendm, mit der Bitte, sich für dieses Jahr mit dom Wenigen zu begnügen, den Rest wollen wir ihm rm nächste» Jahve betzahlen. Gott, unser Herr, der Lenker des menschlichen Gemütes, wird des Königs Herz milder stimmen, daß er uns erhöre. Alle, stimmten dem Alten bei und sie beschlossen, im Namen der Gemeinde ein versiegeltes Bittschverben an den König M schicken. Mer da stießen sie auf ein neues Hindernis. Wer, sollte dE dem den Brief übevbringen? Dazu benötigte «van ja einen Äugen, mutigen und schönen Mann, . der- Gefallen beim Herrscher fände und eirren solchen gab es, nicht unter den Bewohnern Jaüvesch-Gil'ads. ■ .*■. •/;: u *) Priester. II. Und in immer schnellerem Flug ' Zieht ein unermeßlich Heer Aus den Lüften tief herab. Lautlos fliegt der Geisterzug. Leise, wie von Schwert und Sperr Kllrrt's auf manchem öden Grab. Und sie ziehen still und weiß r Weib und Kind und Mann und Greis. Ul. Ueber dem Moria zittert 'Totenfahl der Mondenschein. Fahler färbt er all die Leiber, Die der Nachtwind leis' erschüttert. Um der Westwand dunklen Stein * Schweben Kinder, Krieger, Weiber, Weinen Tränen stumm und heiß: Frau und Kind und Mann und Greis. IV. Um die alte Tempelstätte Stöhnt der Wind die bangen Klagen, Düster tagt der neunte Ab. Auf das stille Totenbette, Das. so lange sie getragen. In das tausendjähr'ge Grab Steigen wieder füll und weiß r Frau und Kind und Mann und Greis. V. Nachtnebel zerflließen, der Sonne Glut Erfüllt den Moria mit goldenem Schein. Hell glänzt aus der Tiefe »Grab um Grab. Da fließen purpurn, ein Strom von Blut, Die Geistertränen vom Westwandstein Im leuchtenden Morgen des neunten Ab. _ Siegmund Werner. Liebe Funsen und Möbels! . .Alexander Marmorek ist tot. — Wieder ist einer der Männer uns entrissen, die vom ersten Augenblick mit DheodorHerzl gegen-eine Umwelt von Unverstand und Böswilligkeit den Ka-rnpf für 'ein aufrechtes jüdisches BoA begonnen haben. — Dr. Schallt hat unmittelbar nach dem Eintreffen der Todesnachricht sein Leben und Wirken in der „Wiener Morgengeitung" gewürdigt. Euch Jungen will ich bloß von Dr. Alexander Marwore?,alsdem Freund der jüdischen Jugend berichten. — Zu einer Zeit, in dev viele Zionisten gegen den sogenannten „politischen" Zionist- Mus Stellung nahmen, -den Novdau und Marmorek vor allem verträten, war eine Anzahl von Wiener jüdische« Jugendlichen in stetem Kontakt mit den beiden große« Führern der Bewegung gestanden. Für uns Jungen durstl Lange sprach und beratschlagte man, ohne zu einem Beschluß zu gelangen. V Plötzlich ertönte ein Lied von einer fernen Wiese her das Lied eines jungen Hirten, , der die Herde weidete. Wie schön sind die Berge, Wie lieblich das Dal, Wie schön ist es zu singen Mit den Vv-glÄn allzumal. Jair, riefen siealle, hoch erfreut, Jair wird unser Gesandter fein. 6. Jair hagill adi. Wisset ihr denn, meine Kleinen, wer Jair ist? Nein, höret, ich-will es euch sagen. Jair war ein dreizehnjähriger Knabe, eine verläessne Waise, ohne Bekannte und Verwandte. Nicht Gilad ioar die Geburtsstadt Jairs, aber es itvußte auch kein Musch, woher er stammte. Auch den Namen seiner Eltern, wußte er nicht zu nennen. Deshalb nannte man ihn nicht nach dem Namen seines Vaters, gemäß der damaligen Sitte der Hebräer, und da auch feine GsbnrMtadt unbekannt war, nannte man ihn Jair hagil-adi. Ein - wunderschöner Knabe war Jair. Seine schwarzen langen Locken, die großen, brennenden Augen,, seine fein gespitzte Nase,. der .Keine Mund mit den weißen Zahnpechen, die während des Sprechens und Lacherls hervorschcmten, verliehen chm einen besonderen Reiz. Und Jair lachte fast immer; immer war er luftig und ftöhlich, und deswegen liebten ihn alle. Auch schöne Lieder wußte er Ut singen, vor allem, aber hatte er ein gutes Herz, er tvar gehorsam und öhvte alle Menschen. Dem Blinden war er ein Wegweiser, dem Alten eine Stütze, dem weinenden Kinde war er ein guter und treuer Freund, spielte nnt ,chn> erzählte chm Mne Geschichten und lachte so, daß er auch Vre Kinder zum Lachen brachte. Die Beüvchner Gib ad§ epbavmton sich seiner, ernährten ihn bis zu seine)» Mökchrn LebenSjahve, daM bchchloffen die Aeltesten der Gemei4che, - ihn zum Hirten Kr machen, und hkr erwieS ' sich J<nr als flechiger, mutiger und kluger Knab e: > iKortfetzrmfolgt.) 45

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