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Wiener Morgenzeitung · 1923-07-19 · Heft 1592 (19.7.1923) · page 1

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
5 (1923)
Issue
Heft 1592 (19.7.1923)
Date
1923-07-19
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Es ist der Naturlaut einer bis ins Innerste wunden Seele, und ihr Besitzer ist ein Sozialdemokrat, ein Angehöriger Mer Partei, die alle Dinge angeblich nur vom Standpunkt der strengsten Sachlichkeit, der höheren politischen Moral und der sozialen Gerechtigkeit betrachtet. Dieser Sozialdemokrat geriet >veqen einer Absünmnmg außer sich, in der die Mehrheit des.Hauses eine Ueberprüfung der Liste jener Gorsenlbesncher beschlossen hatte, denen die Finanzvermaltrmg aus Grund eines Gutachtens der Börsenkammer die Befreiung von der Besuchtstaxe bewilligt hatte. Die Sozialdemokraten hatten die Bildung eines Parlamentarischen Untersuchungsausschusses verlangt. Da sie in der Minderheit blieben, protestierten sie durch Larmszenen und Riffe, und einer ihrer strmmkräftigsten Agitatoren klagte die antisemitische Majorität an, das Christentum und den Antisemitismus verraten zu haben. Die ttu Haus verlesene Liste hatte nämlich erne Reihe indisch klingender Namen enthalten. Es ist, wie man sicht, eine herzlich unbedeutende Sache, um die es sich handelte, die aber von den Sozialdemokraten gerne und mrt der vollsten Wucht einer lang.erpwbten Kvawalltaktik für die Zwecke der kommenden Wahlen benützt wurde. Die österreichische Sb^ldemokratie tut bas schr gerne. Auch sie gehört zu jenen Parteien, die vom Judentum politisch leben, in dem Sinne nämlich, daß sie ihr geistiges Material sich von Juden-besorgen laßt, sie dafür in der Partei duldet, im übrigen afrer tue Juden als ein Streitobjekt in dem Kamps der Weltanschauungen behandelt. Es ist im politischen Leben so eingerichtet, daß eine jede Partei ihre DcMk Niemals aus eine geilstig höher stehende Gegnersthaft erttstM, sondern auf das Niveau gegnerischer Demagogie herunterschraubt. Die Sozialdenwkvätre, die so stolz tut und die Solidarität aller Unterdrückten im Programm fuhrt, fügt sich dem allgemeinen Brauch. Da alle Wslt auf die Juden losdrischt, so tun das auch die Führer der Sozi-aldemokraten, und dies unbekümmert darum, daß ihnen eine Resolution des Hamburger SozicDstrnkongvesses die Gefährlichkeit des Antisemitismus als eines der beliebtesten Mittel der reaktionären Gegenrevolution deutlich vor Augen fichrt. Man darf natürlich nicht alles in einen Topf werfen und man muß {ich schwer hüten, die Partei der österreichischen Sozialdemokratie irgendwie mrt der soMrstifchen Idee in Verbindung zu bringen. Aber es ist doch immerhin notwendig, arMmercken, daß die österreichische Sozialdemokratie auf den: Hamburger Kongreß, aus dem die zitierte Resolution gefaßt wurde, vertreten war. Daß diese Partei dem Judentum nicht hold ist, das ist keine Erfahrung von heute. Sie hat dies oft gemtg bewiesen, und sie hat den Grundgedanken des nationalistischen Narrentums, das Judentum als eine politisch und sozial homogene Masse nicht in das Programrn, aber ttt die Taktik ausgenommen. Das Judentum ist nach der Lehre der kontinentalen Sozialdemokrane terne Natron, sondern eine kapitalistisch orientierte Religion. Die Sozialdemokratie ist gegen , den Kapitalismus und gegen den lieben Gott. Grund genug, das Judentum von zwei Seiten anzugehen und es mrt Benutzung der von den Vielen indischen Renegaten angegebenen Methoden zu bekämpfen, zu beschimpfen und zu denunzieren. Em Borsenschwindler gilt der Sozialdemokratie nur dann als' vollwertig, wenn er Jude ist. Ein politischer Haderlump wird rhr ulid ihrem Zentralorgan nur dann interessant, toemt sich zu seinem Namen eine orientalische Note findet. Was am Judentum groß lind ehrfurchtgelbietend ist, seine Bitaktat, seine geistige Kraft, seine- ALenschkchkeit, die Universalität semes Denkens, — all das,, was den heulenden, giftigen Antisemitismus erzeugt, dieses vor New und "Angst sich Uelberschlagen des internationalen Idiotismus, das annektiert auch die Sozialdemokratie mrt Freuden, aber sie sagt's nicht. ©ic rft garstig schon lauge der lmke Flügel der Hakeilkreuzler und sie rst es jetzt auch fast schoir politisch .Will man Beweise? Herr Server und nach ihm Herr Richter schikaMeren die jüdischen M'lckMnge, natürlich nur die Armen, Herr.Sech führt den Krieg gegen den Rabbiner im Stadtschulrat, Herr Bauer schreibt voni bodenstandugen Burgertum, und ~ am Dienstag hat einer den Ehristlichsozialen zornig zugerusen, daß sie leme Christen und keine Antisemiten seien. Die Herren spuren, daß Wahlen kommen. Wir. werden uns bei den Wien. Donnerstag, 19. Juli 1923 Poimare und Baldwin. Aendenmg der franMchen Anffaffnng? London, 18. Juli. (Wolff.) Deo diplou»ntische Berichterstatter des „Daily Telegraph" begrüßt die seit 24 Stunden eingetretene Wendung in der Haltung der fraüzösr scheu Regierung, gleichviel, ob sie rein taktischer Natur oder als Zeichen großen Entgegenkommens zu deuten sei. In der Frage der Zusammensetzung der Körperschaft zur Feststellung der deutschen Zahlungsfähigkeit werde es k e i n starres Festhalten an bestimmten Doktrinen geben. In der Frage der Regelung der Reparationen würden die Schwierigkeiten nicht unüberbrüEbar sein. Das würde aber nicht bedeuten, daß ein Staatsmann, wie Baldwin, der das Schuldensnndierungsabkommen mit Amerika abgeschlossen habe, die Verpflichtungen der Alliierten Englands als etwas nebensächliches behandle. Der, Berichterstatter kommt dann auf die Frage des p a s f i v e n W id er st an de S zu sprechen und erklärt, es sei nicht gleichgülrig, ob Baldwin den passiven Widerstand rein moralisch verurteile oder ob er die beklagenswerten Folgen desselben bebau re und Berlin zur Einstellung des Widerstandes aus Zweckmäßigkeitsgrüuden ausfordere. Die Antwort a« Deutschland. London, 18. Juli. Wie das Reuters che Bureau erfährt, ist der Entwurf der Ant, wort an Deutschland noch nicht sertrggestellt. Er wird wahrscheinlich morgen vom Kabinett besprochen werden. Die BermittlungraMon Dr. Benesch'. Paris, 18. Juli. (Wolff.) Der ffchecho-slotoMsche Mrmstrr des Aeußrn Dr. Benesch hatte gestern noch e»me Unterredung mit dem Mimsterpräsidenten Po in care, die, wie „Petit Journal" meldet, sehr lange gedauert habe- Dr. Benesch begibt sich heute nach Brussel. Zer vaterlöndische Hochverrat. 8me Münchner LandtagsdebMe. Berlür, 28. Juli. Im Münchner Landtag -wurde gestern dve sozialdemokratische Interpellation Wer die im Fnchs-Machhaus-Prozeß' aufgtzdeckten HochveHratsbestrebu-rrgen 1k Bayern verhaudÄt. Die Interpellation 'wurde von dem Abgeordneten Sa eng er begvüWet, der an dem Fuchs-MckchhausWrrHöß Krrtik ÄÄe. JunenPoWW kennzeichnet sich der Prozeß als ein PPwseß de« Hintergründe. Erne völlige Klärung aber habe er nicht gebracht. Vermutlich 'habe er versagt, clls «s sich darum handelte, die von Fuchs genannten GelwGrsmamrer: Kronprmz Rnpprecht, Kahr, Pöhner usw. zir vernehmen. Es ser auch nicht widerlegt, daß Kronprinz Rnpprecht den Empfang des Richert von vornherein nicht abgelehnt hatte. SchlieWch bemängelte der Redner die Art dep ArteMbegrimdung, die ein Beweis dafür sei, daßdie PoLitis-ieruing d^er Rechtssprechurrg .Fortschritte gemacht -habe. Aber der. Richter dürfe sich nicht als Geschichtsschreiber suhlen. Wenn Leo Prechtiug zu lebenslänglichem Zuchthaus und Fechenbach zu Kerkevstrafe verurteilt worden seren, dann mußte auch gegen Den gemeinen Hochverräter ans lebenslängliche Zuchthausstrafe erkannt werden. Der Minister des Innern, Sch Weyer, der sich zur Geantwortu-ng der Interpellation bereit erklärt hatte, konstatierte nochmals, das Gericht habe Grund zu der Annahme gehabt, der Hauptschulvrge ser auch m dieser Hochderratsfache der -französische Imperialismus gewesen. Die gegen du vaterländischen Verbände erhobenen Anschuldigungen stießen über das Ziel hrnans. Es ist den Angeklagten nicht gelungen, die Verbünde für ihre Pläne zu gewinnen, ebenso sei der Versuch, Kronprinz Rupprecht in die Sache hinein- Fuzrehen, kläglich gescheitert. Der Minister wandte sich dann gegen die Tendenz der Interpellation und sagte nach dem „Vorwärts" ferner: Er zolle anch heute dem Hanse Wittclsbach Ehrfurcht und müsse feststellen, daß der ehemalige Kronprinz mit der Sache absolut nichts zu tun habe. Infolge emes Zwischenrufes machte er die Bemerkung, daß au ch die R evo lu t i o n v o n 1918 ern Hochverrat w a r, der nicht nur em moralisches, sondern auch, em-st rasgerichtliches Verbrechen gewesen ser. Wenn 'mail dieses Verbrechen rncht verfolge, so liege das lediglich an den dcizn fehlenden Machtmitteln. Im übrigen stutzte sich der Minister, ohne aus die Frage des Jriterpellanten naher enizugehen, ans die vorn Gerichte gegebenen Urteilsbcgrmidungen. Ehrhardts Helfer. Leipzig, 18. Juli. (Wolff.) Die Nachforschi'n--'eil nach den Hel fe röchelst rn Ehrhardts haben, ivie von dev Polizei Uiltgeterlt wird, folgendes Ergebnis gehabt: Der Führer deL,Wr LtzAt bmützteu KWwa>Ms. war.dLr. Kaufmann Hermann Götz. Als. weiterer Helfershelfer Sommi der Student Emil Mass ow v. Prrnee m Betracht. Beide MtHtensich schon längere Zeit vor der Flucht Ehrhardts m Leipzig airfgehalten haben, ohne polizeilich .geweidet gewesert zu sein.. Sre dursten bei Gesinnungsgenossen ge- 'wohnt Haööu/Jm Gegensatz-zu Gotz) der nach der Flucht Ehrhardts in Leipzig nicht mehr gesehen wurde, hat sich Maffow noch zwei Tage hier aufgehalten. Beide sind der Polizei nicht unbekannt. Gotz gehörte der Deutschnationalen Partei und dem deutschen „Herold" .an. Er war auch Mtglleld der Orgesch m München. Massow, der zur Zeit des ErKerger-Mordes ber der Organ-rsatwir „C o u s u l" in München arbeitete, verlegte nach dem Attentat semen Wohnsitz nach Hamburg. Dort, saß er wegen Gchvimbündeler Uitd wegen Teilnahme an einem Anschlag gegen eine sozialdemokratische Zertung in Untersuchungshaft. Es wurde eine weitere Reche von Personen festgerwurmen, die rm Verdacht stehen, die Wucht EhrhaMs begünstigt zu haben. Die evsterr Vevhaftungen. Leipzig, 18. Julr. (Tel. der „Wr. Morgenzutung'.) Die polizeilichen ErmMungen über die Helfershelfer Ehi> Hardts traren mittags so wert, gediehen, daß Kaufmann Götz und der Student Emil Massow v. Dvmee heute verhaftet wurden. Außerdem wurde eine wertere Reihe von Personen festgenommen, die wn Berdachr stehen, die Wucht begünstigt zu haben; chve Nanren toerden -nn Interesse der Untersuchung vorläufig iwch gehecnr gehalten. Berlin, 18. Juli. Wie du „Boffrsche Zeitung" meldet, ist heute vorniittags nach einer Mldung der Berliner politischen Polizei m Berlin mi junger Mann verhaftet worden, der in dem -dringenden Verdacht steht, die Wucht Ehrhardts beigunstigt zu haben. Ein frommer Verschwörer. Berlm, 18. Juli. Aus Leipzig wird gerneldet: Die Uritersitchuug, die wegen der Wucht Ehrhardts geftchrt wird, hat ergeben, daß nahrschemlich der Gefängnrsg e ist l i ch e an der Wucht m l t g e w r rk t hat. wvrd bestätigt, daß eine Anzahl GofangniMeamter verhaftet worden ist. - Der Steckbrief gegen Ehrhardt. Der von dem OberreichsiMwalt gegen den Wuchtigen erlassene Steckbrief hat folgenden Wortlaut: ,Korvettenkapimn Hermann Georg Ehrhardt, geboren 29. November 1891 in Diersburg/ ist am 13. Juli 1923, nachmittags, vermutlich Mit einem Nachschlüssel, vom Hiriitsgerkchr ans aus dem Gefailgnis Beethovenstvaße entwichen. Er muß Helfershelfer gehabt haben. Die Türen konnten rmr vom Amtsgericht geöffnet werden, nicht vonr Innern deZ Gefängnisses. Ehrhardt, der früher einen Schnurr- und SvchbaU trug, ist jetzt vollständig b a rt so s. Er ist 1,70 bis 1,72 Meter groß, von kräftiger Gestalt, har emen eleganwn Gang u-nd HaÜuM, eme Uari Stuunle und uo.MMÄL WMMZ-'

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