Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 5 (1923)
- Issue
- Heft 1590 (17.7.1923)
- Date
- 1923-07-17
- Page
- Seite 8 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Wiener MorgenzettuM Wien, Dienstag Seite 8 ' KuCixr-zm&i •; Das internationale leichtathletische Meeting der Hakoah. Zweiter Tag. Am zweiten Tage war die Hitze noch größer als am ersterr. Die Zuschauierzahl war leider allzu gering in Anbetracht der auf die Veranstaltung verwendeten. Arbeit und auch in Anbetracht der großen Kosten, die ein solches Meeting verursacht. Man denke: das erste „internationale Adeeting", das überhaupt ein jüdischer Verein veranstaltet. Und zwei- bis dreihundert Zuschauer!! Soll das zur positiven Arbeit aufmuntern? Wir wissen von den Fußballspielen, wie viel Hakoay- Anhänger wir in Wien haben. Eine Schande für diese jüdische „sportbegeisterte" Jugend ist es, daß zu einem großen lelchathtetischell Fest nicht einmal 1 Prozent der Fußballzuschaner kommt! ' t* IÄ! Am zweiten Tage waren die Preise zn Beginn der Wettkämpfe ausgestellt. Hervorragte der Preis der „W i c n e r Morgenzeitung", der für das IM) Meter-Laufen bestimmt war. Aber auch Klubleitung, Schwimni-, Hockey- und Leichathletik-, Damen-Handballfektion hatten Preise gestiftet, ebenso die Sporthäuser Stadion und Häusler u. Co.; ferner die Herren Süß, Taeni, Cafetier Stein vom Klubheim Ätlashof, Koch scn., Schön, Herbst, Juwelier Goldschmidt und fünf Herren des Leichtathletik-Vorstandes. All den Spendern den Dcmk der Hakaoh. Eine kurze Wiedergabe der Resultate des zweiten Tages brachten wir schon. Zuvor sei jedoch noch eines sestgchalten: Der W. A. C. hat sich nur in ganz geringem Maße an der Hakoah-Veranstaltung beteiligt. Wenn auch vier Mann außerhalb waren, so hätten gerade deshalb die abgegebenen Meldungen eingehalten toetben sollen. Aber tveder Gasser, noch Weikhenn I und 2, noch Ccrssinone usw. traten an. Gerade da, wo Wien gegenüber den llngarn und Deutschen eine Repräsentation gebraucht hätte, zum Beispiel im 1000 Meter- und im Hürdenlauf, fehlte der W. A. C. trotz abgegebener Nennung. Am zweiten Tage wollte er dann in der 4 mal 10V Meter Staffel antreten, ohne daß er genannt hatte. Das Kampfgericht, das viele Nachmeldungen abgewiesen hatte, ließ es nicht zu, zumal dann ein Vorlanf entstanden wäre. Schwer gekränkt zogen die W. A. C.-Leute ab. Viel mehr Grund hat die Hakocch, sich gekränkt zu fühlen, weil sie stets W. A. C.-Verachtaltungen mit vollen Kräften unterstützt hat und so glaubte, bestimmt erwarten zu dürfen, daß sie — bei ihrem ersten Internationalen — nun auch der W. A. C unterstütze, soweit er Leute hier hatte. Das Gesamtergebnis beider Tage war das folgende. Sieg 3 Punkte, 2. Platz --- 2 Punkte, 3. Platz --- 1 Punkt' Klub Erster Hakoah ....... 7 M. T. K.8 W. A. F.5 Vienna.2 Rapid.2 W. A. E..2 Wacker.2 Reichsbund.1 Bar Kochda (Berlin) . 0 W. S. C.1 G. Oe. C. ..... v F. A. C. ..0 Gradjanski (Jugoslaw.) 0 Zweiter Dritter Pnntte 9 10 49 3 2. 32 6 2 29 4 3 14 1 3 11 0 4 10 1 0 8 1 2 7 2 0 4 0 1 4 1 V 2 1 0 2 l) 1 1 Copyright 1923 Nachdruck verboten. hyß.L5wit-Verlag,Wien-Leipzig. (39. Fortsetzung.) Fu Polens Wäldern. Roman von I. Opatofchu. Autorisierte Ilebertragung aus dem Jüdischen von Siegfried Schmitz. Bei Tagesanbruch erhob sich Mordechai. Er hatte Tranen in den Augen, fühlte aus den Wangen Rachels Küsse und erbittert wollte er im ersten Augenblick begreifen, warum man ihn von ihr fortgeschickt hatte. Er stchr zusammen; dann erinnerte er sich, daß er soeben vom Schlaf ausgestanden war und sah unr sich. Der Wagen stand. Ein Greis auf hölzernen Krücken, einen Sack auf den Schultern, kam heran: ,Mrtsn Morgen, nehmt einen Juden in die Stadt mit!" Man machte Platz und setzte den Alten in die Fuhre. Jemand fragte ihn: ,-Seid Hr von Kogk?" ,/Ungefähr," antwortete der Alte lächelnd, „eigentlich ßra ich in Praga geboren, doch ich wohne in Kozk schon mehr als vierzig Jahre." „Söffe alt seid ihr, Großväterchen?" fragte ein jünger Mann, indem er den Alten am Aermel zupfte. „Mußt du das unbedingt wissen?" antwortete der Me brummig, fuhr aber gleich weicher fort: „Ich will dir ein Geheimnis anvertrauen, ich weiß es selber nicht; wie ich bei Berek vor Praga gedient habe, da war ich sechzehn Jahve alt und das ist schon 'hübsche paar Jahre her, beinahe, warb, das war 5550, also rechnet es euch aus!" Der Me lächelte; seine zwei letzten Zähne ragten dÄbei wie Schaufeln hervor. ,/Da seid Hr also schon nahe an die Achtzig," rief eyrer. ,>Jhr HM wicht gut gerechnet, lieber Freund," der We lächelte, „ich bm älter." ,Natürlich, natürlich," mischte sich Schmiet ein, „der Jude ist schon mehr als achtzig." junge Mann hat 's erraten," (der Alte nickte Mt dem Kopfe, ,Ml ersten Tage Schewuoth bin ich 81 Jahve alt geworden." Die Pferde.kamen auf die Chaussee, zogen fester an und trugen die Fuhre nrit lautem Klappern vorwärts. $5» knarrte und ächzte, die Näder rieben an den trocke- Einige Berichtigungen zu unseren gestrigen Resultaten: Im 1000 Meter-Lauf muß es nicht: 1. Form, 2. Friedländer heißen, sondern 1. Görög, 2. Simon. Im. Halbstunden-Paar- ^lansen belegte Hakoah (Nußbaum-Tabak) mit 9,216 Kilometer den dritten Platz. Im ICO Meter Jugeridlcmf durfte Jive nur außer Konkurrenz laufen, Sieger in Konkurrenz war Ferry Kohn (Hakoah) vor Groß (M. T. K.) und Weinreb (Hakoah). Im Standweitsprung war nicht Ball, sondern Palfi (W. A. C.) Dritter. In dem 50 Meter-Laufen gewann Kaindl (Rapid) infolge sehr schnellen Starts gleich 1P Meter, Lustig konnte nur bis auf Brustbreite auflausen. Zeit 400 Meter Hürden: 2. Pall 00,2, nicht 1:02. — Den Fünfkampf, die schtverste Konkurrenz des Ganzen, gewann Polese (Vienna) mit 18 Punkten vor Muskat (M. T. K.) mit 15 und Dr. Rezsucha (W. A. C.) mit 12 Punkten. Herr Direktor Spiegler nahm die Preisperteilung vor, dankte allen Gästen und Bcrbandsfunktionären und beglückwünschte die Sieger. Der Abend sah noch lange die Hakoahner mit ihren auswärtigen Gasten zusammen, denen die Klubnadeln der Hakoah .überreicht wurden und die ihrerseits wieder den Hakoahnern dankten un-d sie zu ihrem internationalen Fest im nächsten Fvuhiahr emlnden. _ MM. Eine Verleumdung der Hakoah. Unter >de>m Titel ,/Die Affäre 'der Hakoah und ihre Gastspiele in Zagrsb". veräfiMtbicht der dem Gradjanski nahestchmde ,M>ortfkiUt" einen HetzartM gegen die Hakoah. dem wir folgendes entnehmen: ,^Es wevden zuerst die recht unerquicklichen Biomente über die Verhältnisse zwischen den Veranstal-tern iitternationÄer Wettspiele in Zagreb, dem Konzern Hask-Concordra einerseits und Gradjanski anderevsioits beschrieben, rS>i.c gerade nicht zur Ehre des filgoflawiischen Sportes gereichen. Nachher folgte wörtlich: Dieser Zustand führte dazu daß ii.> Zagreb sportlich ganz mi-nderltoertige Mannschaften erscheinen konnten. Während irn Vorjahre als Entschädigung durchschnittlich 15.000 Dinar bezahlt wurden, verlangten Vereine von internationaler zweiter Klasse heuer sogar schon 30.000 Dinar. So ko,uie es geschehen, daß eine Hakoah für;/jcei Spiele in Zagreb 45.000 Dinar sovdterte und das wurde ihr auch bezahlt- Diese i'portgeischäftlichg Konkurrenz führte überdies dazu, daß 'das pvoj-ektierte Wettspiel 9 i WerbetMomevteusördie I; „Wiener Morgenzettung" I neu Achsen mit einem Kreischen, Öaä die Zähne hohl machte. Mordechai betrachtete den Juden, der an der Schlacht bei Praga teilgenommeit hatte und fühlte sich zu ihm hingezogen. Er setzte sich näher zn dem Alten hin; sein Staunen und seine Ueberraschung waren so groß, daß er nicht wußte, tvas er ihm zuerst sagen sollte. Mehr als einmal hatte er von seinem Vater gehört, ein Verwandter der Familie, Schlojme Zbhtkower, habe van,als den Kosaken einen Silberrubel für jeden toten Juden und einen Goldrübel für jeden -lebendigen gezahlt. . „Ihr habt alfo bei Berek Josfel-owitsch gedient?" Ein alter Chassid, der die ganze Zeit stumm auf feinem Bündel gelegen war, setzte sich plötzlich auf und rieb sich die Angen: „Ski demselben, der hinter Kozk begraben liegt?" ,^a, ja," der Alte zog eine aus Horn gedrechselte Tabaksbüchse hervor, nahn, eine große Prise, bückte sich, nießte irr seinen Bart und ließ die Tabaksdose weitergehen, „bei demselben habe ich gedient, bei Jossel..." „Und es war wirklich ein so großes Morden, wie?" fragte ein Chassid, während er seine Sanrtmütze putzte. „Mai: erzählt, daß es schrecklich war... Ich weiß es nicht, aber man sagt, das ganze jüdische Regiment fei umgekommen..." „Richtig, richtig," der Alte loies auf seine Krücke, „dort habe ich auch meinen Fuß angebracht!" ,-So — wirklich ei, ei!" einige Chassidim ^bewunderten die Krücke, als hätte sie jetzt mehr Bedeutung bekommen. Der Alte dachte ei,de Weile nach, dann seufzte er: /Ach, Jahre ist 's her, lange Jahre..." „Und er war wirklich, der, wie heißt er nur, no, der Berek," fragte der Chassid mit der Samtmütze wieder, „erwar also wirklich'ein so großer Führer?. Da mußte er eint Mann mit Kopf sein! Es ist nicht so ohne, Taktik! Das ist eine schwere Wissenschaft!" ,Mn Abtrünniger war er!" warf einer ein. ,L)esfentlich hat er den Sabbat entweiht!" ,Mst nicht wert, seinen Namen in den Mund zu nehmen," fuhr der Alte hitzig auf, „wer «bist du, Zadik im Petz? Kümmere dich lieber um deine eigenen Sünden?" „Am Jom-Mppnr hat er Krieg geführt," warf ein I zweiter Chasiid ein. 17. Juli 1923 - M. Mtz - —-L - - - - — - -.- - Hakoah—Gratzftmski nicht abgichalten wevden krurmbe. Der Konzern Hask-Concordöa hatte - mit der Hak«chzwS Wettspiele abgeschlossen und nachdem auch GvaVjanSK" bei Willen hatte, E dieser Mannschaft seine Kräfte m meMen^ kan, es zur Bere!m'bavtvrrg, daß Haiko-ah nach den Wetü .spielen mit Hast und Concordia mit GvMcmÄk ein Match austragen werde. Als hievon der Konzern Kenntnis erlangte, holte er alle Kräfte zur VersitÄning dieses Spiele- -auf, mit Mometvischen Dcpefchen bombaMevte er die Hakoah -und es glückte den, Hask und der Eomovdia, de,m zum WÄtspiele kam es nicht. Rur Hask und Concordia sind schllld daran, daß es M keinem Mettspiele zwischen Hakoah und GradjanE kam nrd -daß die Hakoah den Bert vag nicht enchielt. Me Ausrede, daß der Kvnzem Hask-Coneordia smanziell geschädigt wäre, itvenn es zun, Wett«' spiel mit Gradjar-ski käme, ist ein geltvöhnlicher Bluff, weK das Pnblibun, nicht das Spiel des Hask oder der Concordia, sondern 'das der Hakoalh schon wollte. Der Spielplatz des HaSk war gesteckt voll, trotzden, an, selben Tage noch das Wettspiel Hakoah mit Gradjanski -verölffentlicht wurde, aber man wollt» auch da noch, der Hakoah 10.000 bis 15.000 Dinar.von, vereinbarten Betrag in Abzug bringen, falls sie mit Gradjanski doch das Spiel abhält, als bei einem erstklassigen Besuch der BrwrÄ erbracht wurde, daß der Konzern fin-ansiell absolut nicht.geschädigt ist. Hakoah hat den Vertrag mit Gradjanski frech gebrochen, - und wird darüber -noch zwischen dem Jngosiawischen . . Oeisterroi-chischen FußbaMevband die Rede sein. Hakoah hat das Wettspiel mit Gr-adjansLi niemals gekündigt, sie redete sich ans, daß sie es -unter bei Pression des Konzern tat. welcher chv den vereinbarten Betrag entzi-chen, resp. im letzten Moment i— sollte sie das Spiel mit Gradjanski aufrecht erhalten, das Wettspiel absagen wollte. Es ist eine Frechheit mit -uns in einer Sprache zu reden, die wir nicht verstehen," tvaren die letzten Worte der Hakoahner, als wischen den Funktionären des - Gradjanski zufällig einige kroatische Worte fielen. Es versteht sich, daß Gradjanski nach' diesem Vorfall keine weitoren Verh.mdlttngen mchr Pflegen konnte, und wie es schien, wären diese auch ergebnislos und würden zu keinem Resnlltat führen. Es ist die Folqe dieser Kampagne, daß es sich Leute erlauben, uns für nufer tenveS. Geld -in unserem Heim zu beleidigen." Wir bringen morgen den wahren Sachverhalt der nur für den, jugoslawischen Sport sehr traurigen AnWlegenheit. Ein neuerlicher Sieg der Amateure. (Drahtbericht der „Wr. Morgenzeitmvg".) Die Wiener Amateure konnten auch ihr sonntägiges Wettspiel siegreich gestalten. Diesmal bezwangen sie die tüchtige Mannschaft Oerobros 5:1. Die Wiener waren noch mehr überlegen, als es das Resultat zum Ausdruck bringt. Hechnwer—T. V- Stockerau 1:0 (1: Sportplatz Unter den Linden, Stockeram. Schiedsrichter: Ochlberg. H-echawer: Grün; Bien, Feldstein; Kollmam,. Kurt Jnhn. Groß; Wirtschafter, Fuchs. Dickler, Schweitzer, HeckLer 2. Hechwver konnte auch dieses WetispiicL, trotz «Niger Ersatzl-ertte gewinnen. Lobend ist die Vereiristvene Kurt Juhns „Ja, das hat er!" zornig hob der Alte die Krücke, als tvollte er ans den Chassid losge'hen, „Rabbi Merck hat ihn losgesprochen; wenn du nichts >weißt, so schweig'!" „Nur nicht streiten, nur nicht streiten!" beruhigte Schlnie-l den Alten. ,Mer streitet denn?" schrie der Alte noch lauter. „Ich kann es nicht leiden, wenn einer rodet und nicht weiß, was er re^et!" Mordechai zog ein Fläschchen süßen Schnaps aus dem Koffer und reichte es dem Alten; -der machte erneu Zug, daß mehr als die halbe Flasche leer wurden der Schluck erlvärmie ihn und er wurde lebhaft. „Wie hat Berek mit euch gesprochen, jiddisch?" ftagte Mordechai. „Welch' eine Frage! Natürlich jiddisch!" Der Alte lächelte. „Ich erinnere mich — ich sehe ihn vor mir, als wäre es heute—, wenn er auf dem weißen Gaul saß, so hat er ansgesehen wie ein Kaiser und einen Schnurribcrrt hatte er, alle Polen haben ihn darum beneidet; ich übertreibe nicht, der Schnurrbart hat bis zn den Schultern gereicht." „Waren auch ältere Juden iin Regiment?" fragte Mordechai. „Aeltere?" Der Alte schloß ein Auge und dachte eine Weile nach, als begriffe er nicht sofort, um was er gefragt wurde. „Aeltere gab es wenig, es waren zumeist junge Leute. Unser Regiment hat sich aber nicht schämen müsien! Sogar die Ulamn waten znrückgegangen, sie konnten das Feuer des Feindes nicht mehr aushalten, aber wir Juden find mehr als vier Wochen beim alten Friedhof hinter den Schanzen gelegen, haben den Russen unser Pulver kosten lassen und ihn festgvhalten. Hatten wir damals nur ein Regiment zu Hilfe bekommen," der Me senkte seine' Stimme, als spräche er ein tiefes Geheimnis aus, „so wäre Warschau in unseren .Händen geblieben. Selbst am Jom-Mppur haben wir die Schanzen nicht verlassen. RaM Meirl hat uns losgesprochen. M erinnere mich, als wäre es heute —- nach Kol Nidve hat sich der Himmel geklärt, die Stewe leuchteten, einer dicht neben dem andern, wie Blattern haben sie ausgeseihen; es war eine Helle Nacht. Keme-r von uns hat ein Auge geschlossen. Wir sahen in Gruppen bei Aeinen Feuern, plauderten, machten ein Paar jüdische Spaffe und erwarteten jede Minute den Süirnr' des Feindes auf unsere Schanzen. ^For!sctz>'»'.i folgt.)