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Wiener Morgenzeitung · 1923-07-15 · Heft 1588 (15.7.1923) · page 1

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
5 (1923)
Issue
Heft 1588 (15.7.1923)
Date
1923-07-15
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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EtnzelmumnerKIOOO Wien: Zum Abholen in der Expedition,II.,Taborstr. 1-3, oder in einer Verschleisstelle (Trafik) monatl. K 28.000 'fe. Mit Postversand für Wien u. Oesterr. monatl. K 28.000 Ts ehe eh o-81 owa hei: Mon. K17. Jugoslawien: Mon.Dinar40. Polen:Mon. Mk.25.000.Deutschland: Mon.Mark25.000. F r an k r., Belgien: Monatl. Frcs. 8 HV* Naehzahlunj'en *VB bei Preiserhohangea Vorbehalten Ts checho-Slowakei: Ischech. K 1.— .Italien: Monatl. 10 Lire, Rumänien Mon. 90 Lei, Bulgarien Mon.75 Lewa, Schweiz und das übrige Ausland monatlich Frcs. 3 Rr. 1588 Wien. Smmtag, 15. guli 1823 Redaktion n. Administration Wien, I!., Taborstrasse 1—3 Telephone: 44-0-38,43-3-19, ab 6 Uhr abds. 19-483,16-301; Tel.-Adr.: .Morgenzeitung“ Wien Oesterr viehisches Postspar-i kassen-Konto Nr. 150.693 5. Jahrgang Sie englische Mion. —y. Wien, 15. Juli. Die englische Regierung läßt durch ihre Sachverständigen die in der Erklärung Ba-ldwins angekündigte Antwort an Deutschland vorLeveiten. Aus einer Bemerkung des Reuter-Bureaus geht hervor, daß die Antwort die Einsetzung einer internationalen Kommission vorschlägt, welche die Zahlungsfähigkeit Deutschlands fostistellen soll. Mich die Frage des passiven Widerstandes im Ruhrgebiet soll in der Antwort berührt werden. England kommt demnach auf zwei Angelegenheiten zurück, in denen sich die Jrrtransigertz Frankreichs bisher am schärfsten ausgedäÄt hat. Die franzöisdsche Regierung hat wwdeÄhoK erklärt, daß sie eine internationale KomnrWm nicht akzeptieren könne, Werl Hr die Entscheidungen der Reparationskonmtisiion,. in der Frankreich die Mehrheit hat, vollauf genügen. Die Ansichten Frankreichs über den passiven WDerstcmd sirch bÄcmnt. Es ist also zu konstatieren, daß sich England für seine Aktion die Punkte des größten WtderstarLes v aussucht. Durch die Prüfung der Zahlungsfähig^' DchtHchKmds wird die Frage der Repavationen von Gvutzd aus.aufgerollt, aber der Entscheidung' des Hauptgläubigers, der zugleich AnLäger und Richter ist, etttzogeu. ' D« engWhe Regierung hat in ihrer Ha-ttung eine! sehr kräftige Unterstützung durch den gestern gefttzten - Beschluß der MKour Pcully geftmden. Dieser Beschluß Mt, daß in der öffentlichen Meinung Englands eine errcheMche AuWfung der ganzen Frage MW' Die ErWvnng BMwÄ^ wird gebilligt imd gleichzeMg der Metente^ als notwendig <Men sehr repMenHert und weil sie in vielen Aeußernngen als Re Partei bezeichnet würdetvelche berufen P, in nicht allM ferner Zeit die Regierung des Landes zu übernehmen. Daß auch die Arverterpartei an dem Bündnis mit Frankreich ftsthält, trägt in die schwankenden VechämÄsse Europas wieder einige FestiMt und ist für die politische Entwicklung Europas wie des nahen und fernen Ostens von großer Wichtigkeit. Es ist notwendig, daß sich diese beiden großen Staaten miteinander über alle PrMeme verständigen, die das ' pvWsche Leben der Welt beunruhigen, und daß ihre Einigung die Grundlage einer neuen europäischen PoMk wird, welche den Ausbau des ' Völkerbundes durchführt. Es ist ein Grundsatz der englischen Politik geworden, daß auch Deutschland in den Völkerbund eintreten muß. Diese Forderung hat bisher nirgends so heftige. Anfeindung erfahren wie in Deutschland selbst, dessen Regierungen unter dein Einfluß der Rechtsparteien noch immer an der Anschauung sesthatten, daß ihre Unterschrift aus dein Versailler Vertrag erzwungen. ' sei und 'daß der Eintritt in den Völkerbund einer Anerkennung des Fviedensvertrages in seiner heutigen Ge- ' statt gleichkäme. Die Rechtsparteien gehen hierher von. dem Gedanken aus, daß es ihnen möglich sein werde, die Befreiungskriege zu wiederholen. Aber die Geschichte liebt keine Wiederholungen solcher Art. Frankreich ist heute , die stärkste Macht, während Deutschland vereinsamt und ohne Rückendeckung dasteht. Die österreichische und russische Bundesgenossenschaft ist in den: Massengrab des Krieges bestattet. Ueber diese . Tatsache kommt auch Ludendorff nicht hinweg; er hat seine Bemühungen zur Organisierung einer Kvregspartei bald anfgegebcn und sich lieber dazu entschlossen, seinen Heldensinn in Deutschland gegen Jstden und Demokraten zu betätigen und die politische Zukunft Deutschlands bei der Wiederaufvichtirng der Monarchien zu suchen. Die Freunde, die er gefunden hat, die österreichischen Sturmtruppler und die ungarischen Erwachenden, reichen ebenfalls nicht für eine ernstliche Beunruhigung der Entente aus und haben es sich darum angelegen sein lassen, ihre Lorbeeren aus dem ergiebigem Feld 'des AntijndentU'Ms zu suchen. Für ditz deiltsche De-lnokratie wäre der Anschluß an den.Völkerbund dagegen eine kräftige Unterstützung. Ob er zustande kommt, , scheint jedoch angesichts der mnrnterbrochenen Wiihlarbeit der Hakenkreuzler sehr zweifelhaft. Eben, erst ist der Landsknechtführer Ehrhardt - aus.,dem Leipziger Staatsgefängnis von seinen K-änreraden herausgeholt worden und der „Vorwärts" nennt dies das Signal zur äußersten Bereitschaft für die Arbeiterschaft. Die ' Putschisten Äudendorfss arbeiten fieberhaft mr der Herboifichrung vollzogener Tatsachen. London, 14. Juli. Der diplomatische Berichterstatter des „D a i l y T e l e g r a p h" schreibt: In der Vorbereitung des Entwurfes der Antwort auf das deutsche Memorandum und des Mantelbrieses dazu hat das britische Vorgehen sein z w e i t e s S t adium erreicht. Um eventuellen puristischen Einwendungen zu begegnen. Wird vorgeschlagen, daß die Sach b e r st and i g e n k o mm i s s i o n zur Feststellung der deutschen Zahlungsfähigkeit i n n e r h a l b d e s R a hme n s desVersailler Vertrages arbeiten soll, indem sie als ein A n sschnst der R e P a r a t i o n s k o mm i s s i o » gebildet werden soll. Natürlich würde cs von allen Alliierten begrübt werden, wenn ein A m e r i k a n e r den Vorsitz der Kommission übernehme. Da die Frage der Aufgabe des passiven Widerstandes im deutschen Memorandum nicht erwähnt ist, wird sie wohl auch nicht im Entwurf der Antwortnote, sondern im M a nt e l b r i e f e erörtert werden. Die Mißbilligung der französischen Rnhraktionen in der Erklärung Baldwins sei auf volksw i r t s ch a f t l i ch e G r Änd e und die P olitische Zweckmäßigkeit gestützt worden. Die juristische Auffassung in Amerika erhebe in Mbereinstimmung mit der Auffassung in England Einwendungen ge- . Mi die^ des K 'Wen Melles geWW ser, Wp Ken Kall eines WMM»«ds '.eh* MWW-...SatzAipMn ’:•#*'• geben, das. die; WWse^H^MdeM.MWHa','-einer MI M.t würde. Die damalige Äuffaffung sei -Hin Mangen, daß es notwendig sein sollte, daß die Regierungen sich e r st z u e i n i g e n hätten. Es sei niemals beabsichtigt gewesen, Maßnahmen im unbesetzten Deutschland zn ergreifen. BWrbund und Minoritäten. Ge«fs ^4 Juli. (I. C. B) Im Berlauf der Verhandlungen des Völkerbnndrates über die Minor Mäten frage erklärte der Vertreter Lettlands M. Walters, seine Regierung anerkenne das Recht des Rates, die Lage der Minoritäten in Lettland zu untersuchen, falls diese den in den Verträgen festgelegten Prinzipien nicht zu entsprechen scheint. Der Bölkerbundrat beschloß weiters, die Unterzeichnung der von Litauen abgegebenen Erklärung über den SHntz der'Minoritäten ans die Tagesordnung der nächsten Sitzung zu setzen. v; Hinsichtlich des Artikels 4 des Minoritätentraktats in dem zwischen' den alliierten tznd assoziierten Mächten und der R e p ub l i k P o l e n abgeschlossenen Vertrage beschloß der Völkerbundrat, den Internationalen Gerichtshof um eine Interpretation zu ersuchen. Bernstein gege« Ford. Eine VcrLeumdungsklagc. New-Uork. 13. Juli. (JE. B.) Die New-Aorker Blätter veröffentlichen an erster Stelle einen Brief des bekannten Journalisten Hermann B e r n st e i n an Henry Ford, in dem er ihn anffordert, für eine im Ford-Blatte „Dearborn-Jndependent" enthaltene Verleumdung die Verantwortung zu übernehmen. In diesem Blatte wurde behauptet, Mr. Bernstein sei ein „Spion d e r internationalen jüdischen Bänkiers", weswegen Mr. Bernstein gegen Henry.Ford eine Verleumd un g s k l a g e erhoben hat. Der Advokat Samuel Unterme i e r wird als Rechtsbeistand Hermann Bernsteins fungieren. Mr. Bernstein ist der bekannte russische Journalist, der die zwischen Exkaiser Wilhelm den Zweiten und Zar Nikolaus den Zweiten geführte „Niki-Willi-KoNrespondenz" veröffentlicht und die Protokolle der Weisen von Zion bloßgestellt hat. Alexander Marmorek ist gchorben. Ein Mamr, der einstmals zu drn tatsreirdigsten Venfecht-ern der jungjüdrschen Idee zählte, dessen 9!amen aber schon seit geraumer Zeit in unserer Reihe vermißt wurde. Er ging die neuen Wege nicht mit, die der Zionismus seit dem Kriegsausbruch gehen mußte, die zur Balfour-Deklamtim und zum VÄkerbünd führten. Alexander Mavinovek war einer der Männer, die sich um H e r z l scharten, als er an das jüdische Volk den Ruf zur Sammlung ergehen ließ. Der Gelehrte, der im Laboratorium Pasteurs den Gcheinmissen einer fast unsichtbaren Welt nachsann und ferne von jeder Politik nur seiner Forschung lebte, fühlte, als der „Iudenstaak" erschien, sein jüdisches Blut in den Pulsen. Hevzls Wort rüttelte an seiner Seele, und wie Nordan, an den ihn warme Freundschaft fesselte, wir sein Binder Oskar, der gefeierte Wiener Baukünstler, stellte auch er sich mit seinen reichen Gaben, seiner Beredsamkeit und vor allem mit dem Schütz an Treue und heißer Hingebung dem Schöpfer des politischen Zionismus zur Verfügung, und in der Zeit, die hrnte schon fast vergessen ist, in >der ein zu den Toten geworfenes Volk sich den Schlaf der Jahrtausende aus den Angen rieb, war Alexander Marnwrek bald einer der Lieblinge der Nation geworden. Seine mrtallhatte, in den Kämpfen der internatimvalen Gelehrtenrepublik geschärfte Logik duldete kein Kompromiß. .Er war politiischer Zionist bis zür letzten Konsequenz; die Jndenstaats-Jdee, so wie ^sie Hrrzl in seiner Schrift uiedergelegt hatte, war sein erstes und letztes Bekenntnis. Wie so viele andere, hat auch'er cs äb^lehNt, sich auf den Boden der neuen Tatsachen. zu stellen, die nicht das Jirdsntum, nicht der Zjomswns, sondern der Krieg geschaffen hatte. Das große Uml^rnen, dM wir-alle/uns -er nicht mrtmachen, nicht/Mft Schwerz und Trauer hat die Zionistische Organisation es ertragen müssen, daß ihr die Einsicht dieses.heißblütigen Freundes sich entzog, daß er zuerst in die Opposition trat und sich bald außerhalb des Rahmens der Bewegung stellte. . Unvergessen sei ihnt' die hinreißende Kraft und Schönheit seiner Kongreßreden, unvergessen seine vermittelnde Arbeit an der Ausgleichung der Gegensätze in der Bewegung, seine Tätigkeit bei der „Friedenskonferenz" in Berlin, die zur Versöhnung Wolffsohns mit der russischen Opposition führte. Unvergessen bleibt uns Alexander Marmorek, der mit reiner Seele das Beste gewollt hat, der an die Polittsche Kraft des jüdischen Volkes glaubte und so wie Nordmr das Abilenken des.Heimweges, das er nicht verstand, nur kurze Zeit überlebt hat. Wir trauern darüber, daß es nicht gelungen ist, so wertvolle Aienschen von mtevnaiti'onaler Bedeutung unserer Organisation zu erhalten, und wir wollen an seinen: Grabe die Hofstmng aussprechen, daß die Freundesschar Atarmoreks bald wieder den Weg zur zionistischen Einheit finden möge. Von Dr. Isidor Schallt, Vizepräsident des Zionistischen LandeskomÄoes für. Oesterreich. - Der Tod hält reiche Ernte in unseren Mühen. Ein Mann .ist dahingeschieden, dessen Wirken and Schassen wort ' über die jüdische Welt h'lnansgÄommen ist. Dr. Alexander Marnwrek ist vor wenigen Tagen in - Paris «einem tückischen Darmleiden ettegen./ Unerkvartet trifft m«s diese Nachricht, 'denn die Berichte über seinen Gesnndhcitsznstand.lauiNen m > den letzten Monaten günstig, und mit tiefem Schmerz und in 1 inniger Trauer gedenken - wir seiner als eines Mannes, der immer sein bestes Können, sein Maßes Wißen und seine ganze Kraft restlos in den Dienst des Volles gestellt hat. Dr. Marmovok hatte nicht das Glück, in einem jüdischer Mlilieu aufgÄvachsetr zu sein, das ihn: alle Kulturgüter des jüdischen Volkes geschenkt hätte, erus demu er seine Erbeunt- Uisse und seine Begeisterung hätte schöpseir können. 2lus sich selbst heraus war er zum Zlonism-us gekommen. Wie alle jene Männer, 'die vor nvehr als dreißig Jahren die Plattform ' für' Herzls' Arbeiten in Wien schufen. Dr. Mcrvmovok gehörte idem 'Kreis der Mdomischen Verbindung Kadimah in Wien, der ältesten zionistischen und auch der ältesten abademi« . schen jüdischen Vereinigung in Westeuropa, an. Jüdische Studenten aus Rußland und Polen hatten sie begründet, aber «das Echo, das sie in Wien fanden, war wicht groß. Einige «wenige Dutzend Menschen, das war die ge-nze zionistische Bewegung Wiens. Einer von diesen wenigen üoar Alexander Marmorel sowie auch' sein verstorbener Brrtder Oskar. Von fomem Vater, einem bökannt^en Wiener Arzt, in strenger Zucht erzogen und zu großen Arbeitien bestimmt, widmete er sich -Mch erlangtem Dobtorat ganz seinen Studierin Paris.

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