Mannheim
Compact Memory

Wiener Morgenzeitung · 1923-07-14 · Heft 1587 (14.7.1923) · p. Seite 10

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
5 (1923)
Issue
Heft 1587 (14.7.1923)
Date
1923-07-14
Page
Seite 10 (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
89% known words query
IRI
…/2979076-2980477-2980668--15416-3002240
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Vcke 10 Wien, SamÄag Wiener: Morüenzeitnns.^ An die jüdischen Veveine! Die Mischen Bereme werden aufmerksam gemacht, daß Zuischrfftem, dre zur Veröffentlichung gelangen sollen, - bis lanOtens um haL 4 Uhr nachmittags des Vortages in der Redaktion, 21 Bez., Daborstraße 1, «Mgelangt sein müssen. Zuschriften, die in der Druckerei Steinmann abgegeben lverden, können keine Berücksichtigung finden. _ Die SporttedaLtLon. Leichtathletik. ^nierniMmmles leichtathletisches Meeting der Hakoah. Heute, 4 Uhr, Dorkämpfe, 5 Uhr Entscheidungen' — Morgen, 4 Uhr, Vorkämpfe, halb 6 Uhr Entscheidungen. Wir bringen im sagenden nur die Vorschau für heuie. Die erste Entscheidung fällt" im 100 Meter-iLaufen. Im Endlaus erwarten wir Mmskat M- T. K., Budapest), Rauch (W. A. F.), Lustig (Hakoah), Kai-M (Rapid) und Sachet ^V. A. C.). Wer wird Kegen? Rauch scheint vielleicht «in Lein wenig starker als me andern. Mer Lustig und Muskat sollten ihm sehr starT znsetzen. Die 800 Meter gehören zu den schärfsten Kampfe«. Fätto W. T. K-) ist aus Göteborg zuriiöMchrt und gewann in Kopenhagen am vergangenen Sonntag die 800 Meter in 1:98,8, also in einer hervorragenden Zeit. Sein KliMmnevad Göröq und Simon (Bar Kochba, Berlin) könnten ihm diesmal gefährlich werden. Simon geben wir sogar Siegeschancen. Er gewann in Berlin de« Au^cheidungskampf für Göteborg, in Hannover bei den deutschen ÄusschÄdungen wurde er von Pelzer knapp geschlagen und vermochte Kern (Frankfurt) hinter sich zu lassen. Auch Simon läuft unter zwei Murrten. Friedländer (ebenfalls Bar Kochba, Berlin) acht ebenfalls mit. Wir sind begierig, wie sich dieser junge Kämpe (1Ä04 geb.) hält. Bon den Merievn sollten Stumvoll (Rapid), Teckart (W. A. F.) und Scheu (Hakoah) die Bosten fein, ohne aber erngreifen zu können. Der Jugend-Weitsprung ist eine Ziemlich offene Sache, doch erwarten wir auch hier die Gäste Groß und Hahn (M. T. K.) in' Front, nach ihnen sollte sich Hübsch (Hakoah) placieren. Dann folgt der 110 Meter-Hürdenlauf mit drei Nennungen. Muskat (Är. T. K.), Weicheim (W. A. C.), Ball (Hakoah). Seilhöim sollte, wenn auch knapp, siegen. Der AD Meter-Lauf für Argem) wird i» der Entscheidung einen harten Kampf zwischen Ferry Cohn (Hakoah), Groß (M. T. K.) und Sieding (W. A. F.) bringen. Eine ganz offene Sache ist der 3000 Meter-Vorgabelauf. Dom Mal starten hier Tr. Barady und Cittbah (M. T.. K.). Bruhnsen bat 40 Meter vor, alle anderen haben eine größere Vorgabe, d-e bedeutendste hat Saler (A."Sp. El.) mit 380 Meter. Von den Hcckoahnern sollten Defser, Tabak, Klein und Engel gut ' abschneiden. Im Stabhochsprung ist nach unseremgestrigen Bericht keine neue ddennnng mehr erfolgt, Dr. Friedmann und Zug. Ball bestreiten ihnallein, noch dazu beide als Invalide. Der Kugelstoß der Jugend bringt -mit- Hahn (M. T. Budapest) eine überragende Klasse. Dieser 16jährige Athlet wirft den Diskus 36 bis 37 Meter, die schwere Kugel über 10,9 Meter, mit der leichten sollte er 12 Meter stoßen. Wir sind' neugierig, ob ihm «in Hakocchner gefährlich zu werden vermag. ' Daun fällt als viertes Hauptereignis des Tages nach den 100 Meter. 800 Meter und 110 Meter-Hürden die Entscheidung im 400 Meter-Lauf. Gestern gaben wir Cassinone vor Ball die besten Chancen, nun kommt Görög (M. T. K.) und Simon (Bar Kochba, Berlin) hinzu. Wenn Cassinon« in Form ist, dann dürfte er, trotz der neuen Konkurrenz, das ' Zielband als Erster durchreißen. - Der' 4.mal 100 Meter-Staffel für. Jünglinge bringt den traditionellen'Kampf W. A. F.'-chHÄoah, dem M ei'üer Ausnahme die'Hakoah :g>ewaE. Sie. wird .die -Schlappe vom W- A. F.-Meetmg' cmswetzen, wenn sie . fleißig wechselt, ^in Damenlaufen dürften Lahr Mmubra) und Kainz (Dannbia) die. echten Plätze einnchmen. Nach einer 4 mal 100 Met-et- Staffel für Änfängervereine,: die den Floridsdocher Athlet ik- Clüo mit dem Reichsbund der Kath. deutschen Jugend Oesterreichs zusammensührit — letzterer stellt drei Mannschaften — folgt der SchwcLenstafföl, das letzte und-heißeste Ringen des Tages. Ob M. T. K. antritt,. ist ungewiß. Aber W. A. C., W. A. F. 1 und 2, Hakoah 1 und 2, Rapid, Wacker werden für einen heißen Kampf sorgen. Me Wettbewerbe sind ncit Ehrerwre-ifen dotiert. Alle Ehrenpreise gelomgen am Sonntag nach Schluß der- Wettkämpfe zur Verteilung. Die Meetmgsleituug versucht diesmal,. durch besortdere Markierungen auch das Diskuswerfen für die Z-iffchauer interessant zu gestalten. Ein besonderer Pressedienst ist vorgesehen, so daß alle-Resultate sofort mit Maschine durchgüschvichvn .und an die Herren Berichtechtatter verteiü werden können. Da die Preise sehr niedrig gehalten sind (19.000 >K., 40.000 K., ,6000 K.. Schüler 2000 K.), ist --mit einem Massenbesuch zu. rechnen. . ’ Fußball. Fuffball und kein Ende. Obwohl der -Fußballverband beschlossen hat, ab 8. Juli - die - Sourmerpause - festtzusetzen, kommt der Lederball -doch mi cht zur Ruhe. Ganz ausnahmsweise wurde dem S. C. Blue Star, der heuer -das'Jübiläiün seiner löMrigen Zugehörigkeit, zum Verbünde feiert, gestattet, im Rahmen seiner Festveranstaltungen auch ein Kißballwettspiel zur Austragung zu.bringen. So werden einander morgen, auf dem W. A. F.-Sportplatz in Hütteldorf zwei MannischÄftendes jubilierenden Beremes gegenü'bechtehen. Blue Mar von - heute und Alt-Blue Slar, jene Mannschaft, die der Vereinheute halben Knute, wenn Brandstetter, Kuchan, Dietrich, Kauba usw. dem Mauen Stern treu geblieben wären. * Die hochsommerliche. Hitze macht das Spielen, aber.auch den Aufenthalt aus einem Sportplatz, nicht gerade zu einem Vergnügen, trotzdem dürfte auch dieses Spiel Interessenten finden. __• Jüdische Sport- und Darmbewegung in der Bukowina. Czernowitz, die Hauptstadt des Landes, ist auch der Ausgangs- und MittelPuM der Sportbewegung in der Bukowina. Von hier aus hat die vor dem Kriege hierzulande fast un-bekannte und „unmoderwe" Idee der körperlichen Ausbildung durch Sport und Turnen nnstveitbar infolge «des westlichen Einflusses sMessive. Vevbwitimp und Ausdehnung gefunden und kann der Sport- und Turnverein Mükkabi in Czerngwitz füglich als erstes Produkt dieser aüfkeimenden Bewegung betrachtet werden. .Die Makkabi-Wandever vom Jahre 1918 (nach -dem Muster des Blau-Mriß des Westens) bei-rieben lbäld auch Fußball, und mit zunehmender Mitgliederan^ahl gestaltete sich der junge Makkäbi-Verein nach kaunc einiährigenl Bestand . zu einem Großbetrieb, der eine Gliederung in Sektionen erforderlich machte. Mit Ernst 'und Eifer wurde gearbeitet und der Erfolg bliebnicht aus. Die gesteigerte Tätigkeit und der erweiterte Rahmen des Vereines machten über den Mangel eines <eiflcr.cn Sportplatzes -empfindlich fühlbar und der weit über die Grenzen des Landes bekannt gewordene Turn- und Sportverein müßte mit eiserner "Energie daran gehen, sich ein 14. Mi 1923 Ifitfl. -'-:---- eigerres Heim zu schaffen. Schon am 9. Juki 1628 körnte der Makkabi seinen modern adaptierten Sportplatz, den ersten südischen-in ganz Großr-umän-ie«, MMcher- - öffnen. Nun war ihm die Möglichkeit gegeben, durch MtzigeS Training auf dem eigenen Matz seinen DisMinen zu obsiegen, um gestärkt in den Men WErmpsi mit in- und aus- - 'ländischen Mannschaften zu* treten. So' fvlgte dem ersten i-m Juni 1921 stattgöfundenen Besuch des Wiener BrudervewmS Hakoah im Jahre 1622 ein zweiter, der -dazu beitvup, die sportlichen Beziehungen zwischen beiden Klubs zu festigen. Das Auftreten der Wiener Sportbrüder in 8er Bukowina war von großer Wirkung auf die körperliche FortlbilduM'.der jüdischen Jugend des Landes. Auch mit aüdeven Es«ländischen Mann-, schäften trat der McMaibl in letzt-er Zeit in Konkurrenz, so mit M. T. K. (Maros-Palsarthely), Lechia (tLembevg) und mir 3. d. mit MaDVabi (KvcAau) und verriet der MaMabi Wzernowitz) bei allen seinen Spielen ein stets sich steigerndes Können. Parallel-«nü der Pflege-des Fußüallspovts.geht die AuSbildung der Jugend durch turnerische Ueburgen und Hegen die jähMch stattifMdenden öffentlichen Pvodukilonen - bestes Zeugnis von steten Fortschritten ab. ' . - Auch die Leichtathletik findet gvüMiche. Pflegen .So konnte diese Sektion bei den olympischen Spielen Rumäniens im September 1628 in Anwesenheit des KvoupriMN Ecrröl von Groß-Rumänien 63 Nennungen von einer Gesamtzahl von 188. also 26 Prozent. albgeb'en und von -den' ausgeschriebenen 30 Pmsen 11 nach Hause bringen, Und Mar'drei erste, drei zweite und fitnlf dritte, Mo 37 Prozent der Ges-amtproise. Ebenso feierte diese' SÄtion beim M-cüi-Meeding 1626 des hiesigen Turnvereins Jahn im Karnpfe mit dem- Hermannstaldter Turnverein bedeutende Siege, indem sie zchn Preise : gewann. Die LeichtathlMseNion errang überdies bpi einem ' vom Bukowsimer Allgemeinen SpoMub Gask vevanslv'lte'ten Straßenlwöttliauf im Borfcchve von sechs Preisen fünf;' der Leiter dieser Sektion», Herr Schloime Gottli-eb, erhielt eine goDieue Ghrenmedaille. Zu schönster Entfaltung aelangterr auch die ScÄvimm- ' und WandersMonen, deren DeÄwehmerzahlin stetem Wachsen begriffen ist. Auch die neu-geschaffeice MusiWNon, - die Wer ein gutes Makkabi-Orchester verfügt, gereicht dom Bevem zur Ehre. Besondere. Erwähnung verdient noch die Radisahrsektim und' die - im' Brennpunkt des Interesses stehende Novität Hazena-Abteilunfl, die am L>3. Juni ihre Premiere ehrenvoll bestand. - Nach Uoberwinduug kolossaler Schwierigkeiten, wie es. . der schwer empsunden>o Mangel aines eigenen Sporchliatzes war, konnte der MaWabi mit der ihm eigenerr Energie und - Rastlosigkeit an inneren Ausbau der Qrganlisat'ion. und - an die gänzliche Realisiovung seinem Ziel-e schreiten,. und mit. Genugtuung, kann marr konstatieren, daß MakkM-seine ideale Aufgabe, den Gesundungs- und Ertüchtzigurgsprozeß am jüdi-1 schen Bolkskörper, mit großem Erfolg.hiermlande vollzieht. Nobst'b'ei bleibt aber nie die nationale Eigenart unberücksichtigt, im Gegenteil, sie findet immer ihre entsprechends Pflege,. denn . feit scher waren Makkabi und nationälphMche Bewegung im Lande untrennbare Begriffe, und die feierliche Annahme des Baseler Programms seitens der. Generalversammlung - im Jahre 1931 war quasi per i-nspivat-ionem erfolgt, sie war-der Ausdmck einicr längst gchegten Gesinnung der MaVabi-Wkit« gliüder. So gewann der junge Makkabi in Kürze an.Terrain, die Bewegung llmsaßte bald größere Kreise, alt und jurg erlangten Interesse für die früher ganz nnverstärMche -nationale körperliche Ausbildung und die furchtsaimen nnb besorgten- Eltern von gestern wurden gar ibald begeisterte BÄvunde-ver' ihrer energischen -und strammen- Kinder. Der Rahmen des . Makkabi wurde zu eng und es hatte dies-rr Mmstand die Grün-» dnng weiterer jüdische Klubs, der Hakoah und des Poale Zion, iu Czernowitz zur. Folge; in der Provinz erstanden - allerorts i . jüdische Sportvereine. . - . . . . Es kam Systematik in die Bewegung. Man begnügte sich . nicht nrchr mit >dem „lebensfähiger-" Nachwuchs,'cs' galt die Parole, „das Volk muß leistungsfähig sein", bestimmt durch das Moment -des Wettkampfes mit anderen und der Ervei- chung von Höchstleistungen. Tenn leistnUgsfähige Juden- - finden doch eher Verwendung. Palästina, das Land -unserer Zukunft, unser Heimatland, braucht tkräftig Menschen für den Ausbau. Kräftig an Körper, aber auch fähig an Geist. An den P'hMch Gvkräft-iqten -kann man mit -höheren geistigen An- ' Copyright 1925 Nachdruck verboten. byR,L3wit-Yei!ag,Wien-Leipzig. .. (37. Fortsetzung.) Fn Polens WSldem. Roman von I. Opatoschu. Autorisierte Uebertragung aus dem Jüdischen von S i e g f r i e d Schmitz. „Koin nsi in die Schenke," Mordechai legte seine Hand auf Schmiels Schulter, „wir wollen zusammen frühstücken." In der Schenke herrschte dasselbe Getümmel wie vorher. Chassidim liefen von einer Gruppe zur anderen, man stritt und t.rank einander zu. Jede Gruppe tat alles Mögliche, um die Gegner auf ihre Seite zu bringen. Di? Warschauer ließen Bier und Schnaps kommen und boten feinen Tabak an. Die Provinz ckber stand trotzig, wie eine Mauer aus Stahl und Eisen; nichts konnte sie bewegen, sie vermied es, über Nabbr Mendele zu sprechen und war fest entschlossen, wenn Reb Jtsche diesmal nicht zum Rabbi erwählt Würde, nicht mehr nach Kozk zu fahren. Mordechai bestellte das Frühstück. Er setzte sich mit- Schmiel an einen Tisch in einem Winkel'und beide aßen hungrig, wie nach langer Krankheit. Schmiel hörte nicht auf zu sprechen. Mordechai hatte bemerkt, daß sich sein früherer Lehrer vor dem Essen nicht-gewaschen hatte; über alles lächelte er, als wollte -er sagen: „Ach, ach, das ist eme Dummheit'." ' „Kommst du manchmal zu meinem Großvater?" fragte Mordechai. „Siehst du," Schmiel würgte schnell einen Bissen hin-' unter, „dein Großvater, das ist ein ehrlicher, braver Jude.. Je älter er wird, desto mehr haßt er die Chassidim. Hör' zu, du wirst lachen — am. ersten Pessachtaae. hat er doch ins Fenster eine Schüssel mit Klößen gestellt, damit die arnren Leute essen; du kannst dir vorstellen,-was da in der Stadt- Dovgegangen iftl Frage nicht erst! Die Chassidim habenmit den Zähnen aeknirschh aber offen hat keiner ein Wort fallen lassen, ß ist ja doch Rabbi Awrejml! Sie haben alle Ehrfurcht vor ihm! Und wenn man's recht bedenkt, machen, mir uns doch nichts vor — was hat ein Armer zu essen,. außer eingeweichte Klöße? Sonst haben sie'Kartoffeln und Borscht gegessen; aber woher soll man heuerKartoffel, nehmen? Bei dieser Teuerung kann man sie ja i.icht einmal mit Gold auswiegent" ,Meißt du, daß mein Großvater einmal nach Kozk ' gefahren ist?" unterbrach Mordechai. „Das weiß ich, natürlich, aber ein Chassid ist er nie gewesen!" sagte Schmiel, lächelte in sein Schnurrbärtcksen und öffnete dann einigemal den Mund, als wollte er etwas fragen; er begann zu stottern: „Ich »rächte wirklich wissen, ich meine, glaubst du, daß er in Kozk Wunschzettel entgegenne'hmen wird?" „Wer?" Mordechai Machte große Augen. -> „Ich meine, Reb Jtsche ..." „Wer.kann das wissen?" Mordechai zuckte mit den Achseln. „Was sagst du?" „Ich sage gar nichts," Schmiel lächelte, wie wemr er ein Geheimnis wüßte, „ich habe nur-so gefragt — und meinst du, daß Dowidl, Rabbi Mtzndeles Sohn, das ruhig hinnehmen wird? Und die anderen Kinder! Jedes wird ja nach dem Vater obenan bei Tische sitzen wollen. Nach denr Rabbi von Strykow führen alle vier Söhire einen Tisch und - jeder hat einen Anhang — es wird bald in jeder Stadt einen Rabbi^geben ... Mordechai verdroß das; er fühlte in Schmiels Lächeln Spott und wollte das Gespräch beenden; aber ohne zu wollen platzte er heraus: ' . „Wenn ein Rabbi Wunschzettel entgegennirmnt, so ist das vom .Himmel bestimmt." „Gewiß, gewiß, alles ist vom Hinrmel bestimmt!" Schmiel schaute mitz dem llinken Auge auf seinen Schnurrbart und schien zü lächeln'. „Du weißt doch, daß sich auf das Grab des i Rabbi von/ Pschhscha ein Singvogel gesetzt hat, gleich nach der Bestattung; er verließ das Grab nicht, fraß nicht, tränk nicht,- sangin einem fort, bis er auf des Rabbi Grab singend verging! Das ist auch vom Himmel bestimmt?" -' ,/Gewiß!" antwortete - Mordechai - faff schreiend. Er-merkte, wie Schmielrot wurde; seine Oberlippe betvegte sich 'und zitterte; es - schien, als wollte er Mordechai etwas anvertrauen. Er faßte ihn an der Pchulter, beugte sich zu seinem Ohr und sagte-läMnd: „Das muß unter uns bleiben'.— nie ist ein Vogel dort gesessen! Reb Hirsch aus Plinsk,- erp reicher Mann, ein- Ausklärer, einer.von..denen, tpelche die. Bibel mit Dessauers Uebersetzung lernen und ihre Kinder studiereu lassen, hat mir anvertraut, daß er ain Nwrgen nach dem Begräbnis einen toten Vogel aufs Grab gelegt hat; was sagst du - nun? Versuch' es, das einem Chassid zu ^erzählen, der bringt dich um! Sie deuten das als Symbol; es war gar ' kein Vogel für sie, sondern der Engel Gabriel hat sich in einen Vogel verwandelt, verstehst du? Der Vogel ist genau so ein Symbol, wie mit Sulamith im^ Hohen Lied die Gemeinde Israels gemeint ist . . Schmiel fühlte, er sei zu. weit gegangen; er säh sich um, ob keiner zugehört hatte und wollte den Eindmck seiner Worte verwischen; im selben Augenblick trat Reb Jtsche hinzu, sah beide mit einer Miene an, als hätte er alles gehört und waMe sich an Mordechai: „Wir fahren." ,Mielleicht ist auch ein Stückchen Platz für mich da,^ . bat Schmiel Mordechai unterivürstg, „es kann auch auf denr Kutschbock sein, das tut nichts, wenn ich, nur nach Kozk komme." Mordechai fühlte eine Feindschaft gegen Schmiel in sich aufsteigen; er wollte antworten, in der Frrlhre sei kein Platz mehr, eine Weile kämpfte er mit sich, dann nickte er mit dem Kopf: „Gut, ich werde für dich Platz machen." Könntest du mir vielleicht ein paar Gulden leihen? Ich muß dem Schankwirt bezahlen,"-warf Schmiel nebenbei hin. ' M'ieviel?" „Fünf werden genügen." «Mordechai reichte ihnr ein silbernes Fünsgul-denstück; er sah ihn zwischen der Menge verschwinden und versank in Nachdenken. Es ging ihm nicht in den- Sinn, warum ihm eigentlich Schmiel die Geschichte von dem Vogel' er- , $ zählt hatte. Wenn wirklich ein Abtrünniger euren toten - Vogel auf das Grab gelegt hatte, ist das denn eine Herab-'- Würdigung des Rabbi? Und warum hatte Schnriel das' Hohe Lied herangezogen? Glaubte er wiMch daran, daß nran das Hohe Med - wörtlich auffassen müsse, wie es gelesen wird? Wie lange ist es. her, daß derselbe Schmiel ihn in den Chassidismus emgeführt hatte? Mt 'welchem Feuer.hatte, er ihn: den kleinsten Arcsspruch Nobibi Mendeles ^erklärt! Wenn er aber in der kurzen Zeit abgefallen war, wozu fährt er eigentlich nach Kozk? (Fortsetzung folgt.) -

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.