Mannheim
Compact Memory

Wiener Morgenzeitung · 1923-07-13 · Heft 1586 (13.7.1923) · p. Seite 9

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
5 (1923)
Issue
Heft 1586 (13.7.1923)
Date
1923-07-13
Page
Seite 9 (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/2979076-2980477-2980667--15404-3002227
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

9 entity mentions

Meiter MoVgenzeitung. 13. Kuli 1323 Seite S An die jüdischen Vereine! Die jüdischen Vereine «werden aufmerksam gemacht, daß Znischriften, die zur DerWentlichnng gelängen sollen, 'bis längstens um halb 4 Uhr nachmittags des Vortages tr* der Redaktion, 2. Bez., Täboristraße 1, eingelangt sein müssen. Zuschriften, die in der Druckerei Stemmann abgegeben «werden, können keine Berücksichtigung finden. ' Die SporLredaxtion. Numerus clausus und Profeffionalismus. Die Enquete, deren Resolutionen als Anträge der GeneralUrsammlung des W. F. P. vovgelegt werden, ist vorüber/ Sie zeitigte das von uns erwartete Ergebnis. Diese Gesellschaft ist viel zu verlogen und zum großen Teil auch viel zu dumm, um den Professionalismns yinMiren zu können. In der Ansläuderfra-ge wurde, wie schon so oft, das Recht gebeugt und gewissenloseste Machtpolitik getrieben. Wir wissen nicht, ob die drückende Hitze daran die Schuld trug, daß die meisten Zuhörer den nicht zu übevbietenden Stumpfsinn, den viele ,-Stammler", denn als'Riedner kann man diese Vereinsvertreter nicht bezeichnen, zum bestell gaben, widerspruchslos, und'gedankenlos über.sich ergehen ließen. Wahrlich, diese Delegierten sind lange nicht den vielgelästerten «Spielern würdig. Der Bundeskapitän Hugo' Meist schilderte die bei uns herrscheilden Verhältnisse und wollte damit die Notloendigksitder Einführung des ProfessionalismuZ beweisen. Er drückte durch seine unklaren und verschwommenen Ausführungen die . Tagung auf einen beschämenden Tiefstand herab. Nun meldete sich ein Mann zum Wort, der das geistige Niveau der Wechselreden sprunghaft in die Höhe ritz. Dirckkor Fischer von Rapid sprach derart sachlich, vernünftig und vor allem aufrichtig, daß' er in dieser Gesellschaft, deren hervorragendste Merkmales Scheinhoiligkeit, Machtdünkcl und Verlogenheit waren, direkt herzerfrischend wWte. Er stetste vor allem Nipp und klar fest,' datz sein Verein für die Einführung des Professionalismus sei. Dcmn bekannte er rückhaltlos, datz Rapid nicht mehr als Ama-, teurklub gelten könne. Direktor Fischer verlangte aber, datz man zwischen Berufsspieler- und Professiönalklubs wohl' unterscheiden möge. BerrrfDpielervereine sind solche, deren Gewinn in Dividenden umgesetzt wird. Der S. C. Rapid wünscht nun nicht, datz der Reinertrag den Mionären zugute kommt. Ganz im Gegenteil verlangt er, datz die Funktionäre . mich' weiterhin unbesoldet bleiben und der Gewinn nur sportlichen. Zwecken zufließen möge. Die Vereine sollen auch in Hinkunft' in administrativer Hinsicht Arnateurklnbs blet-. ben. Hingegen - vertrat Herr Direktor Fis ch e r' das Berufsspielertum, das heißt, datz'Vereine offen Professionals besitzen dürfen. Nach dieser sachlich, leidenschaftslos unk , aufrichtig gehaltenen Rede glaubten wir durch wenige Minuten, daß das von Direktor Mcher gegebene Beispiel/ beffruchtend' wirken werde. Als/ Wff gleich varältf Herr Schmieger dgs Wort ergriff, seine Rede mit einer glatten Lüge bMnn und dann einen Dreh nach' dem anderen praktizierte, 'bis er. die Sitzungsteiluchmev von der Professionalfrage abgelenkt und zur Ausländerfvage gebracht hatte, wußten wir, datz es mit der Aufrichtigkeit vorbei sei. Jeder anständige Mensch erwartet? nach den Ausführungen von Hugo Meisl'und Direktor Fischer, daß die folgenden Redner vorerst die Erklärung abgeben weriden: ,Mir besitzen Professionals oder wir haben ausschließlich Amateure." Dadurch wäre eine Atmosphäre des -gegenseitigen Vertrauens geschaffen worden, in der aufrichtige Resolutionen möglich gewesen wären. Herr Schmieger stellte in seiner anwidernden, süßlichen Weise «fest, daß die Prvfessionalsrage genügend (!) behandelt sei, weshalb man diese Diskussion abschließen könne. Die Enquete sei in erster Linie zur Bereinigung der Ausländerftage einberufen worden, und mit dieser wolle er sich eingehend beschäftigen. Cr. verwies dnrauf, daß er in einer Tageszeitung von einem ihm unbekannten Autor einen Artikel gelesen habe, worin die Ansicht verfochten wurde, daß man die Teilnahme von Ausländern an Meisterschaftsspielen nicht beschränken dürfe, wobei England, das ohne weiters Festländer einstelle, als Beispiel hingestellt wurde. Im Anschluß daran verzapfte Herr Schmieger neuerlich die gänzlich haltlosen und von uns einige Male widerlegten Weisheiten, die wir ans seinem Wochenblatte bereits kennen. Wir stellen fest, daß wir .Herrn Schmieger bei einer Lüge, ertappt haben. Der, bei uns erschienene und von ihm zitierte Artikel war gezeichnet und der Autor ist ihm besser bekannt als ihm lieb ist. Wozu also dieses Gemauschel? Seine ins Treffen geführten Gründe begann er mit den Worten: „Es darif nicht sein . . ., es muß verhindert werden . . ., man kann es nicht dulden . . . usw. Nebensätze, die mit dem Wörtchen „well" ihren Anfang genommen hatten, fehlten selbstverständlich. Diese Phrasen verlieren sofort jede Berechtigung, wenn man ihnen mit der Frage „Warum?" zu Leibe rückt. Wir haben einige Male versucht, uns sachlich mit Schmieger und Konsorten auseinanderzusehen. Unseren Einwänden gingen sie aber feige ans dem Wege. Sie operierten lieber mit Schlagworten, die in einer Fußballerversammlung immer wirkten. Dr. Körner stand um so mehr vor einem unlösbaren Problem, als ihm die notwendige Unterstützung abging. Er sprach ausgezeichnet und sein Witz wies die Gegenseite treffenv in die Schranken. Trotzdem fehlte der Sektionsleiter der Hakoah, Artur Bar. an allen Ecken und Enden, da er die Energie und Känrpserquafttäten besitzt, die notwendig sind, um den Herren - die Maske vom Gesicht herunterzureißen. Schade, daß er nicht zugegen war! Die Abstimmung bewies, daß selbst diesen Bereinsvertretern vor der Verletzung des Rechtes graute. Die Bestimmung, daß nur drei Ausländer in Hinkunft in einer Mannschaft spielen dürfen, wurde mit sechs gegen fünf (!) Stimmen angenommen. Für eine Karrenzfrist stimmte die Mehrzahl der Vertreter. Da für sine Sperre von sechs Monaten sechs und für eine Sperre von zwölf Monaten fünf Vereine ihre Stimme abgaben, wurde erstere Bestimmung zum Beschluß. erhoben. Die beabsichtigten «Satzungsänderungen besagen: „In jeder Mannschaft dürfen drei Ausländer, und zwar immer dieselben, tätig sein. Die vor dem 1. Juli gemeldeten auswärtigen Spieler dürfen weiter dem Verein angchören, falls dadurch die Zcchl drei nicht überschritten wird. Die Amateure zum Beispiel, die, in Schaffer, Brüder Konrad und Lohrmann vier Fremde besitzen, müssen einen abstoßen. Tritt ein Ausländer nach dem 1. Juli entern Klub, bei dem die Ziffer drei noch nicht erreicht ist, bei, dann darf ersterer erst sechs Monate nach erfolgter Freigabe durch den Stammverband in der Meisterschaft sPiÄen. Der Hakoah und dem Sportklub Slovan wurde das Zugeständnis gemacht, daß sie alle „Fremden", die vor dem 1. Juli im Verband gemeldet waren, spielen laffen dürfen, selbst wenn dadurch die Ziffer drei überschritten wird. Neuaufnahmen von „Ausländern" dürfen aber bei ihnen erst dann erfolgen, wenn sie weniger als drei „Fremde" in ihren Reihen haben werden.' , Viele Redner betonten, daß die Auslandevgesetze nur interimistisch Geltung haben können, da diese mit Einfiihrnng des Berufs sp ielertums jede Berechtigimg verlieren. Herr Schmieger hat aber sehr geschickt operiert, er kennt seine Pappenheimer und weiß, daß noch Jahre vergehen werden, bis bas Berufsspielcrtum Gesetzeskraft erlangt. Er ließ sich in das vorbereitende Komitee wählen und wird dort den Scharfmacher, spielen, kann er ,sich doch diese. Spässe erlauben, da die große joxrc. 2)!' il>rr.HfronaIfra?e gab Ihm zu emem Schemmanover Gelegenheit, der. tzaup^chlag führte er gegen die sogenannten Ausländer, und >v gelang es ihm. unter der willig geleisteten Gefolgschaft der gedankenlosen Vereinsvertreter das Recht zu vcrgewalriaen. * W :e und W a h r w ö r t e r.. Ans der Einleitunqsrede des Hevm Deuts ch : „Es soll schon (!) Vereine geben, die ihre «Spieler bezahlen." Schmieger: „Durch die Teilnahme von Ausländern bei Meistevschafsspielen wird dieser Wettbewerb eine Konkurrenz der Brieftaschen." N-r. 1686 Oten^ Freitag Budapest, 12. Juli. Die heutige Börse zeigte schon zu Beginn eine feste Haltung und setzte mit Kursgewinnen von 16 bis 20 Prozent ein. Diese Festigkeit hielt während der ganzen Zeit an und erstreckte sich auf sänltliche Märkte. Die führenden Werte des heutigen Verkehrs waren wiederum Bankpapiere.' Außerdem war das Geschäft in' Montan-, Kohlen- und Ziegelpapieren lebhaft. Avbitragepapiere waren infolge großzügiger Wiener Käufe schwartend. Später wurde die Tendenz flau und die anfänglichen Kursgewinne gingen zum Großteil wieder verloren. Holz- und Kohlenwerte waren auch weiterhin gesucht. Zum Schluß 'war' die Stimmung freundlich, der Berkchr lebhaft und die Tendenz fest. Budatzester Börse. S ch l u ß k u r-s er Ung. Kredit 220.000.—, Oesterr. Kredit 42.000.-, Britisch-Urig. Bank 30.000.-, Salgo Kohlen 329.000.-, Rimammanyer 90.000.—, Südbahn 60.000.—, Staatsbahn 818.000.—, Gran-Szaszvarer 235.000.—, Oberungarische Kohlen 370.000.-, Drasche-Ziegel 120.000.-, Ungarische Allg. Kohlen 1,075.000.-, Urikany Kohlen 500.000, Adria 360.000.-, Clotilde chem. Fabrik 88.000—, Ung. Eisenbahnverkehr 14.500—, Anglobank —, Verein. ' Holz 21.500, Koburg 35.000.—, Spodium 123.000. Die Ievisenkurse. Derlin. 12. Juli. (Devisenkrlrse.) — Arnsterdanr 72.817.50 (72.817.60), Belgien 9326.50 (9326.50), Christiania 30.324.- (80.224.-), Kopenhagen 32.817.50 (32.618.50), Stockholm 49.476.- (49.476.—), Italienische 8039.50 (8039.50), London 857.850- (857.850.-), New-Uork 186.532.- (186.582.-), Paris 11.132.- (11.132.—), Schweiz 32.618.50 (32.618.50 26.932.50 (26.932.60), Wien 266.33 (266.33s, Prag 5665.50 (5665.50), Budapest 21.44 (21.44), Sofia 1675.50 (,1675.50), Belgrad 1955.- (-.-). Berlin» 12. Juli. (Notenknrse.) — Noten Dollar 186.532.- (186.532.—), Pfund 857.850.- (857.850.-), Italienische 8039.50 (8039.50), Polnische 144.50 (137.50), Tschechoslowakische 5735.50(5735.60), Oesterr. gestempelte 271.30 (266.30). Prag» 12. Juli. (Devisenkurse. — Mitgeteilt vom Bankamte des tschecho-slowakischen Finanzministeriums.) — Berlirr 1.39 (1.32»/,), Zürich 583.75 (575.75), Paris 198.75. (198.50), London 152.25 (150.05), New-York 33.20 (33.15), Belgrad 36.25 (36.-), Bukarest (-.-), Wien 4.42 (4.43), Warschau 2.55 (2.55), Agram —(-.-), Budapest 35.50 (35.50), Jugoslawische 37.25 (36.75), Österreichische gestempelte Krone 4.53V, (4.52'/,), Polnische 2.75 (-.-), Ungarische 24.50 (24.-). Dndapest» 12. Juli. (Knrse der Devisenzentrale.) — Anlsterdam 3380 bis 3428, Bukarest 43.— bis 47.—, Kopenhagen 1480 bis 1540, Christiania 1376 bis 1436, London 38.800 bis 40.000, Berlin 0.0490 bis 0.0570, Italien 369.- bis 389.-, Paris 504.- bis 524.-. Prag 255.- bis 267-, Stockholm 2240 bis 2940, Zürich 1480 bis 1540, Wien" 0.1295 bis 0.1305, Sofia 78.- bis 82.-, Belgrad 89.- bis 93.-, New-Pork 8475 bis 8776, Warschau 0.0700Zbis 0.0780, Brüssel 422 - bis 442.-. Agram, , 12, Juli. (Devisen.) Wien 0.1325 bis —, Berlin 0.042 bis —, Budapest 1.05 bis —, Bukarest —bis — Italien 405.— bis —. Lorrdon 429.— bis —. New-Pork 9300.— bi- —, Paris 556.— bis —.—. Prag 281.— bis —, Sofia —Vis —, Schweiz 1637.50 bis Brüssel bis Warschau 0.077 bis Amsterdam 3615.— bis —.—, Stockholm Belgrad» 12. Juli. (Devisenkurse.) Feiertag. Amsterdam» 12. Juli. (Devisenkurse.) London 11.78 bis 11.73'/2, Berlin 0.0011 bis 0.0012, . Paris 15.17 bis 15.22V,, Schweiz 44.55 bis 44.66, Wien 0.0035V, bis 0.00361/<, Kopenhagen 44.55 bis Geld, Stockholm 67.55 bis 67.75, Christiania 41.40 bis Geld, New-Aork 264.62 bis 256.12, Brüssel 12.65 bis 12.70, Madrid 36.90 bis 37.19, Italien 11.— bis 11.10, Budapest 0.0275 bis 0.0325, HelsingforS 7.- bis 7.50, Prag 7.68 bis Brief. Warschau» 12. Juli. (Devisen.) Berlin 0.53, London 498.809, New-York 109.000.-, Prag 3315.-, Wien 1.48. New-Borkl» 11. Juli. (Devisen.) London 458.25, Paris 594.50, Berlin 0.0460, Mailand 436%, Zürich 1746.-, Kopen- . Hagen 1748,Stoächolm2646.—,Christiania 1630,Anlsterdam 3908.—, Prag 300.50, Wien 0.14, Budapest IV» Bukarest .52.—, Warschau 0.08, Madrid 1450.-, HelsingforS 275.60, Brüssel 497.—, Kanada 2»/„ unter pari, Brasilien 9615, Argentinien 3444, Belgrüd 196.—. opyri^Nt 1923 Nachdruck verboten. ^R.LöwU-VMia&Wfon-i,«!?»*. (36. Fortsetzung.) Zn Polens Mtdern. Roman von I. Opatofchn. Autorisierte UebevtraMng aus dem Jüdischen von Siegfried Schmitz. Die.WarsHauer liehen den bloßsüßigtzn Jswel los. Er erhob sich von der Bank, zog seine BeinAerder, die ans Salzsäcken zusainwengenäht waren, empor und ehe sich's jemand versah, warf er sich, so groß er war, vor R-eb Itsches Füßen nieder, umklammerte und küßte sie und ries: „Rabbi, tveise uns den Weg! Du weißt ja, daß wir keinen Hirten haben, daß die echten Ehassidim an fremden Tischen sitzen müssen und nicht mehr nach Kozk konrmen können-es gibt keinen Geist der Heiligkeit mehr, er ist fort! Die Schechinah hat ihn verlassen, böse Geister tollen dort umher --— Rabbi, weise du uns deck Weg." „Er lästert!" schrien eitrige Ehassidim. . „Man muß ihn vertilgen!" ries einer. Ein alter Chassid stürzte sich mit geballten' Fäusten auf bett bloWßig'en Israel, wollte ihn mit Füßen treten und schlagen; plötzlich blieb er vor Reb Jtsche stchen und konnte sich nicht rühren, als )väre er gelähmt. Reb Jtsche wurde noch bleicher als vorher; er hob Israel auf und sagte leise:' Kündige nicht, Israel! Rablbi Mendele ist der Zadik unserer Zeit. Geh' zu ihm und bitte ihn um eine Buße." Die Menge-stellte sich auf die Fußspitzen und umdrängte Reb- Jtsche, um seine Worte besser zu hören. Reb Jtsche nahm den bloßsüßigen Israel bei der Hand, führte ihn in ein Nebenzimmer und verschloß die' Tür hinter ihm. . Die Menge war erhitzt; Knäuel bildeten sich, schrien und tobten. Ba.lv lvar die Schenke in zwei Parteien geteilt. Die eine war der Ansicht, man dürfe Israel nicht nach Kozk lassen; die andere meinte, da Reb Jtsche ihn zum RaM um eine Buße schicke, dürfe sich niemand ein-; mengen. Mordechai stand seitwärts und sah dem Ausvuhr der Menge zu; er hatte ganz Vevgeffen, daß das Getümmel durch ihn hervorgeruftn worden war und dachte darüber nach, ob er imstande wäre, sich wie der vloMhige Israel vor eine Gruppe von Juden hinMtellen, sie zu beschimpfen und ihnen Moral zu pEgen. Dabei fühlte er, daß ihn aus einem Winkel jemand ansah. Er betrachtete den Fremden; das Gesicht war ihm bekannt, er hatte es schon irgendwo gesehen. Bon dem Blick des Fremden konnte er sich nicht befreien; gleichzeitig fühlte er jemanden in seinem Hirn sitzen, der darin blätterte. Mt einem Male tauchte in ihm die Erinnerung auf, wie er den Gwßvater bestohlen chatte, um nach Kozk zu fahren, und nun wurde es hell Var seinen Angen. Der Fremde, der ihn anfchaute, war der junge Mann, mit dom er gelernt hatte,-als der Großvater krank wurde. Mordechai wollte ihm ausweichen und sich unter die Menge mischen. Der junge Mann trat ihm in den Weg: -Mordechai, du erkennst mich nicht?" ' „Ah, Schmiel!" Mordechai tat, als lvär er überrascht. „Bist du schön lange' von- Ploek fort?" „Ich bin beinahe dre-i Wochenunterwegs." Schmiel steckte die Daumen in den Gürtel und trat von einem.Füß auf den anderen. „Das nenne ich . mir, ein Wiedersehey! Fährst du allein?" ,Min, mit. Reb Jtsche." . Mordechai bemerkte ein schwaches Lächeln um Schmieles Lippen, als er Reb Itsches Namen hörte. „Was sagst du zu Israel?" fragte Schmiel, nur um etwas zu sagen. „Ich -habe' schon von einigen Ehassidim gehört, daß in Kozk nicht alles in Ordmcug sein soll . . ." „Was heißt'das?" Mordechai sah Schmiel.fest an. „Das heißt," Schnttel dehnte die Worte, als wollte er ihnen mehr Bedenttmg hineinlegeu, „man sagt, daß der Rabbi niemandetc empfängt, niemandem den Willkommgrnß gibt nud sich in seinem Zimmer versperrt hat, seit das Unglück geschehen ist . . „Welches Unglück?" Mordechai - machte große Augen.' „Du weißt gar nicht?" fragte Schmiel verwundert und wandte sich um, ob niemand zuhöre. „Du fährst mit Reb Jtsche und weißt von nichts?" Er faßte Mordechai unter den Arm, führte ihn aus der Schenke und ging mit ihm im Hofe aus und ab. „Du hast also gar nichts davon gehört, was in Kozk geschehen ist?" „Nein." Schmiel dämpfte seine Stimme; er beugte sich Wer Movdechai, als. wollte er ihm ein Geheimnis ins Ohr raunen, und hielt ihn am Latzfest: „Adan erzählt, der Rabbis habe angesichts des ganzen Volkes und Lagers ausgerusen es gibt kein Gericht und es gibt keinen Richter! — Das Volk war natürlich außer sich — der „Hos" hatte Angst, der Rabbi könnte die ganze Gemeinde vertreiben, und deshalb läßt man niemanden zu ihm. Am Hofe des Rabbi sieht es traurig aus, so erzählt man. Der Rabbi will zum Volke heraus, schlägt mit den Fäusten an die versperrte Tür, flucht — begreifst du, was das heißt? Kannst du das verstehen?. Rabbi Mndele ist doch der wirkliche große Geist, der Zadik seiner Zeit, und sein scharfer, klarer Verstand hat das wah^e Wort gefühlt; dafür wird er m ein Zimmer eingesperrt, denn sie fürchten um die. Gerneinschast. . . Diele Ehassidim fahren nicht mehr zu ihm . . . man spricht davon, die große Masse werde jetzt zu Reb Jtsche fahren. . ." Mordechai war ganz verwirrt, ev traute seinen Ohren nicht; vor seinen Augen stieg Kozk auf, wüst und verfallen, der Hof mit Gras wild überwuchert; der Rabbi sitzt einsam in einer verfallenen Ruine und flucht der ganzen Welt. Unendliches Mitleid erMte ihn und er war entschlossen, sofort zu Reb Jtsche. zu gehen, seine . Hände zu küssen und ihn zu bitten, er möge Rabbi M'endele nicht seinen,Anhang nehmen; Mordechai lvar überzeugt, Reb Jtsche würde das . nie tun. „Du glaubst es nicht?" unterbrach Schmiel Mordechais Gedanken. .„Verlaß dich auf mich! Uebrigens werden wir ja bald in Kezk.seiu. Hast du schon gefrühstückt? Ich' habe noch keinen Dissen im Munde gehabt." (Fortsetzung folgt?

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.