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Wiener Morgenzeitung · 1923-07-07 · Heft 1580 (7.7.1923) · p. Seite 9

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
5 (1923)
Issue
Heft 1580 (7.7.1923)
Date
1923-07-07
Page
Seite 9 (sequence 9)
Language
German
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Nv. 1680 Wen, SamStag Wiener MörüertMims. T- Ee » Herr! und wir. Wasimr ihm vor a-lfom ban-feii ist, daß er in unser Leben die Idee gebracht hat. U-eber alles hinweg, die ganze Erde uncspannond, hieß es wl-eder: Koll lsraÄ achim. Wir gehen wie vor Jahrtausenden durch die Wiste; das Ziel, das er uns gewiesen und das unser Blut als sein unsterbliches eokan'Nt hat, steht wieder' vor. unseren Augen, nmg auch der Weg noch so Weit sein. Und heute, äu s-sinem DodeA-agc, ftogeu wir uns: Waren wir das, was unser Volk von uns verlangt? Waren wir eine Jugend, erfüllt von ihrem Geist und opsermuttg Mr alle den Wl^g bereitend? Die Antwort beschämt uns. Wir haben gezögert und tausend Pakte mit den: Alltag geschlossen, uns verlaust Umd unserer Not vergrjssM. Mer heute ist 'der Tag des Beginnens. Aus allem, was uns niederzog, heraus, heben wir unser Haupt und wandern wieder. Mag nran 'uns vmwersen, Ivas man will. Wir haben den Mut und die Kraft, die Sehnsucht und den Willen, unserem'Mute zu folgen. Uöber alles hinweg, aus dev'Nichtigkeit unseres Daseins hinaus, ans allen Nöten und Aengsten, ans allen Widerwärtigkeiten und Kleinlichkeiten zieht es uns hinaus, dem Ziele zu, von dein der Führer, dessen wir heute'gebenflen, allen Schutt hinweggeräumt, und das nun in untrübbarem Glanze wieder vor unseren: Auge steht, nah und doch fern. Denn Zion ist nicht gebaut, solange wir selbst es. nicht sind. Deine, meine und aller Seelen Gespanntheit und Hin- Mibv erst ist -Vollendung ihres Baues. Eines vor allem harrt unser. Die absolute Abkehr von der Unrast! und dem Ungeist Äeser Zeit —'oft schon erkannt, von wenigen vusgesührt —, ist der erste Schritt aus dem Wege Nach Osten, der erste Stein zum letzten, ewigen Tempel des Judentums. Dieses sei unser Versprechen' am Grabe dessen, dem wir unser geistiges Ä66ett danken. KoineRüh', keine Rast, .che'nicht dev' erste, der schwerste Schvitt getan ist. ' ' Gn M ällonM 'sei. diese Wchr.. ES wird erMlt, daß.' Maibbi SchweMe von Mkolsburg z« sagen pflegte: . Messias lkomimt nicht eher,'M bis die Tränen Eisau'S versiegt s>Ünd. DiiHe Trärve» ähvr sind die, die ihr Menschen 'weinet, wenn ihr etwas sürsuch begchrk und darum bittet, staitt zu. wein-sn, weik die Schechrna verbannt 'ist." Uüdsomüssen auch wir uns ' -besinnen, daß Zwn köstlicher als alles'andere.dieser Welt ist 4md. unsere gchpan-nt« ©sie' ans dieses richten. Neunzehn lange Jahre mch dem Tode Herzls stchen wir. Diebes ist erreicht, das Hm noch kühnster Tva-um erschien.!Wber wir nMsen uns das 'Land erohern. Keine Macht der Welt wäre imstande, es uns zu schenken. 'Keine Macht der -Welt hat eS besessen, keine Macht der Welt kann es zerstören. »Mviitz währet Jerusalem." Mer es wird nicht früher unser <M> Mt so lange ein toter Name und Begriff, als wir nicht vonihm durch unseren Geist, das größte Geschenk des großen Führers, Befitz evgwisen. Und es sei unser Versprechen an diesem Tage: ,MrS Land,. das er uns gezeigt, und das unser wartet, mit dem Geist, dener uns geschenkt und dom wir ihm ewig danken, zu erobern." Ewig währet Jerusalem, ewig seine Jugend und sein Geist. - b—. Le« Anne» Aeodor Herzlr. Von Max N o r d a ü. Ob-der StauS von Ms geschieden Schwebt doch über uns dein Geist, Der aus deinem Grabesfried eil Noch die Bckhn der Pflicht Ms weist. Ewig in des Volks Gedachtst^ Lebt dein Werk und lebt dein, Bild, Sich',.wir hüten dein Vermächtnis Treu, den stolzen Davidschild. In der Zionsfahne Fakten Wird dereinst dein Sarg gehüllt, Was du schwurst, wir werden's halten Und-dein Sehnen uürd erfüllt. , Me ich in Jerusalem Baumüeiter wurde. Don Dr. Wustüaug Weisl. ' ' 3. 7 ' Die ersten Arvöitsftmiden. ,. Mein Bauherr, ein russischer Jude, empfing rnich und,, l die zwei Kameraden die von anderen Bauplätzen zu ihm ge-! schickt waren, ein bißchen mißtrauisch. Der eine meiner Arbeits- ' geführten für diesen Tag war ein Automobilchauffeur von . . KonstMiMopell, der andeve ein Schalster aus Dwnis. Mettl« Wenigkeit braucht, nicht -erst vorgestellt zu werden. Zunächst hiM er uns «Ären, schönen Vortrag Mer doS Thema: ,^Milsche Arbeit utck avabssche Arbeit." Er sei durchaus .nicht begeistert von mropäischen Arbeitern. DWn>-müsse er für s8 Gttvnden Ärlb^t 215 Piaster gMen, . während er arabische Ar-! beiter für 9 Arbeitsstunden mit 20 Piaster bekommen könnte, sollen uns also danach richten. Gruppe I : zeichmugen. Gruppe II: Malereien. Gruppe IN: Plastiken. Gruppe IV: LaubsSgeu. andere Holzarbeiten. Die Arbeiten solle« bis 2 0. August l. I. dem Sekretariat des Jägendreferates, 2. Bez., Taborstrahe - 59, übergeben werden. Ern vom Jugendverbrmd bereits ernanntes Pvöisvichter-- kollegium wird über die Zuerkennung -er Preise entscheiden. I. Preis: Herzls Tagebücher. II. Preis: Mische Geschichte von Grötz. Ul. Preis: 8ine Gordon-Plakette. Außerdem 10 Trostpreise. Dany wies er uns die Arbeit zu. Ich bekam den Ehrenauftrag, Bausteine, die-von Kamelen -zum Bauplatz gebracht wurden und dort in buntem Durcheinander aufgeschüttet waren, zu sortieren und in Reih' und Glied, schön ausgericht-et, Niederlagen^ Diese Steine' hatten ein Durchschnittsgewicht von 40 Kilogramm. Es gab aber auch solche von 60, 70 und noch mehr.Kilogramm. Nachdem ich versuchsweise einen gehoben hatte, 'beschloß - ich,-!es nicht .zu-halten Wir di/'avaöffchen Ar-' beiter, welche mit. Bausteinen im Arm spazieren gehen, sondern-' die Steine auf der Erde zu wälzen:; . Ich ging frisch an die Arbvit. Mein Wer war um so feuriger, als der Bauunternehmer die ganze Zeit hinter mir war. Ich weiß nicht; ob ich Hm so besonders gefallen habe, oder ob meine goldene Brille und die leider noch-allzu deutliche Bügelfalte meiner frisch gekauften Kaltunhosen daran schuld war — Tatsache ist, daß -mir der Kerl nie von der Seite ging. . - Nun, war es natürlich mein Ehrgeiz, zu beweisen, daß ein Oefterreicher noch immer so viel arbeiten kann ^vie ein Araber. Und so wälzte ich denn einen Stein nach dem anderen in Reih' und Glied, daß mir der Schweiß nur so von der Sti-vne herunterperlte. Es wurde acht Uhr, es' wurde 9 Uhr — die Sonne stand hoch am staWlaicen' Himmel und die Hitze War erdrückend. Ich. war schon darauf gekommen, daß das SteineiWÄzen kei'ne. ungemischte Freude bereitet. Ein, paarmal war mir ein Stein auf den Fuß, gefallen, ein paarmal habe ich mir die Finlger gequetscht, außerdem mußte man acht gelben, olb unter den Steinen keine Skorpione liegen, und überdies hatte ich keinen Moment Ruhe. War nicht der Kablan hinter mir, so war es sicher der 'arabische Aufseher, vor dem ich mich geschämt hätte, eine Atempause zu machen. Um 9 Uhr endlich, war Frühstückspause. Ich ging zu meinen Kameraden und wir setzten uns am Rand des Berges, aßen Brot, Eier und Weintrauben und'-'rastete«., . .. - Und da kam eine eigenartige Stimmung Über uns. Zu unseren Füßen — vor. uns. —A-ag die heilige Stadt ' Jerusalem. Zum Greifen nahe ragte über der marmorweißen Gbme des Tempelplatzes die Marmormoschee. Um sie das Gewimniel der ' Altstadt, Mauern und - Türme, über ihr der Oel> ibeyg, zur LirLe-n pon uns das-Gebirge Judas und zur Rechten tief, tief unter uns der schimmernde Spiegel des unendlich Aaineu Jam Hamelach, des Toten Meeres. Ganz dünn, der blaue Faden des Jordan und märchenhaft fern die hellen Wände des Gebirges Moa' jenseits des Meeres. Wir saßen und sahen hinunter. Und einer -von uns sagte: .Mgesichts Jamschalaijims, angesichts - des Jordan u«id des Oelberges chürfen wir das. neue Jerusalem bauen. Es ist Ägün!t>l>ich unrecht, daß wir-dafür bezahlt werden. Bon -Rechts wagen nMtem wir idafür zWen, .daß man Ms eria'ubt, Hier zu - arbeiten . . ' Uns allen kam 'esvor, alsob der Junge recht hätte. Traumhaft, unwirklich" schien es uns, daß wir her Gnade teilhast gewogen, Vas mit eigener Hand schaffen zu dürfen, wovon andere wtt reden können, wonach so viele andere seit zwei Jahrtausenden sich sehnen.' ' - - ' Wir dürfen Jerusalem bauen. . - -. - - . ».1'. . Und scholl begann -wieder die- AvA>it. Noch heißer tvar es geworden, .steil braMie die - Sonne auf da§ schMenikofe Plateau.. Die. Swine, , die-ich an-rühoie, fchst-neu -u glühem :,;. 1 Mir war, als hätte ich noch nie solcher! Dutst gehabt, wie . während -der Arbeit. Die Flasche Wasser, -die ich miihatte, -war längst leer und die Zunge. brannte im trockenen Gaumen. Immer wieder ging einer der Araber hin und -her Und' brächt« -Ms -einem großen Wasstrsaß,-das in ci-n-em halbfertigen Nach- ' 'bachaüs stand und voll Kalk war, zum Trinken.' Mein ganzeärztliches Wissen' 'bäumte sÄ gegen dieses ' schmutzige, imge- ■ kochte Wasser. Aber bald dachte ich nicht mchr an Typhus und Ruhr, sondern trank, was ich bskoMnen konnte.! Immer heißer wurde es. Das Bücken nach den- Steinen, Ge Anstrengung, sie zu fassen,.sie zu wälM — es wurde immer schwerer. Wie . oft wollte,., ich mit aufrichteü,' um auszurnhen. Aber-immer war. der. 'KaW-an in der. Nähe,''immer,' wieder schämte ich mich meiner' NÄdigkeit und bückte, mich zur Wbeit. ' . Bis ich nicht mehr weit^l: konnte. Ich Mlte'mxmett Puls — 140 Schläge rn der Minute. Der'Atem sl-og, hie Knie Gitterten und schon hieß es wieder, zur Arbeit. Um 1^ Uhr sollte Mittagspause -sein. Es war 11, viertel 12, es war halb 12 Uhr und ich brach zusammen. Hatte ich schon die letzte halb« Stunde beinahe .nur „markiert" — .setzt, k-onut-e /-ich. üblerchaupil nicht. weiter. Ich war vielleicht in meinem ganzen Leben nicht so traurig, so ungücklich gewesen -wie^-jetzt.-, - - , . Ich beschimpfte mich.aus das furchtbarste. „Wso, wenn du ' zufällig nicht Doktor der Medizin wärst, müßtest du verhungern! Was alle Arbeiter -können, was die Araber..hier aushalten, du.hältst es nicht aus. Nicht einmal Steine tragen kannst du, wertloses-Subjekt!" - - Aber alle Selbsivorwürfd halfen nichts,.ich konnte einfach nicht weiter. Und so nahm^ich denn dem Araiber, der bisher Wasser getragen hatte, di« Flasche ab und ging statt seiner hin und her, Wasser, zu bringen. Und j^er Schritt tat mir weh. Dann kam Mittag. Ich saß mit meinen-Kameraden beisammen und überlegte angestrengt, ob ich noch bis zum Abend -arbeiten oder ob ich gleich jetzt gest-chen solle, da - ich -zur Aribeit zu schwachsei-und aus der Akwuzah a-ustwten wolle. Da sagte einer von uns: „Das' war heute ein schrecklicher. Tag. Ich hckbe .fast gar nichts avbviten Wunen.- Der Chamsun hat mich - W' tot gemacht." - - ' ' ... Ich--horchte' cms.' Richtig,' eä' -war ja Ehormlfrm-.'Mner M'. - seltenen Tage, wo .in. Jerusälem der Wind nicht kühlend vom - Mckr.her rvcht, sondern mit schwüler, erstickender Hitze Von der . Wüste her über.Has Land -streicht. Bei der Arbeit, hatte ich -nicht! daraus geachtet. Tlber jetzt fiel 'cs mir ein. - Und gleichzeitig juibelte etwas, -in mir: „Mso bist' d-u viel- ' leicht gar nicht so schwach! Vielleicht war -es nur Her Wüsten-, wind, den du nicht vertragen hast . . Und ich schwieg von meiner Msicht, die Atzbeit nicderzulegen. Ich blieb beim Bau. Nach dem Essen ging ich -einen Schlafplatz suchen. Hinter einem alten -Gemäuer war ein ganz wenig Schatten. Ich streckte mich auf dem Boden, wälzte'mir-einen schönen, glatt-Lu Stein ' ünter den Kopf, deckte mich mit dem Kopftuch zu und schlief, schlief tvaumlos, als ob ich sMst'aus Stein wäre. . Eine Ziegenherde trampelte über meine Füße hinweg, ohne daß ich mich rührte. Zwei Araber legten sich neben mir Mchfülls zuyn, WttagIschlüf-chen. Ich weiß nicht, nach welchem Pcrrisüm meine Nachbarn nach schwerer Arbeit rochen, aber französisches Parfüm war es bestimmt nicht. Ich rührte mich . nicht. Es war' so schön zu liegen Mnd zu schlafen und auszuruhen. '' ■ - - - . .Bis'der Aufseher kam und mich zur Arbeit rief. Ich war wie neu geboren.. Die Hitze hatte zwar noch nicht nachMlaffen. (Zwei Uhr nachmittags auif dem Hochplateau von Dabpiot!) Aber der Wüstenwind hatte außgeihör-t, anstatt seiner Mes der kühle Westwind feuchte Luft vom .Meerher gegen meine Brust. ' - Es war, als sei das ganze Leben anders, als fei ganz Palästina anders geworden, seit der Meerwind wehte. Ich bückte mich nach einem großen, schweren Stein, voll übermütigen- Kraftgefühles packteich ihn Mid, stattihn zu wältzen, Wans ich ihn -durch'die Lust an den Platz, wohin er gehörte. Und siche da, ich sah auf einmal, daß das „Werfen" und das Tragen der Steine viel weniger Kraft und Anstrenguvig erfordert, als sich zu wDzen. Aus. Faulheit hatte ich mir die Arbeit bisher überflüssiger-' Weise doppoli schwer gemacht. Diüse Entdeckung verisetzte mich sofort, in, die rosigste Stimmung, Ich war also gar nicht schwach, ich war nur dumm ' gewesen. Und damit kann sich unsereins schon abfinden. Rasch einigte ich mich mit meinen ßjweii 'Nachbarn' dem'' chinesischen' Juden und dem' tuvkilschen. Wechselweise trug einer die Steine herbei und der andere legte st«' anihren Ort. , Äv langsam die Stunden am' VoüuttttM vergangen waren, so rasch vergingen sie jetzt. ' - Um 6 Uhr abends machten wir Schluß mit der Arbeit. Meine Kameraden holten mich ab und fragten' mich, wie mir der' erste Tag - als.' BaMrbeiter gefallen hat. Ich) der.-cun Vormittag so unglücklich war, konnte jetzt voll Glück wiederholen, was mtzm Freund aus Linz beim Frühstück, ausgesprochen hgt ta ::, . Es ist Glück und Gmde, Arbeiter zu fern am. Bau Jeruschalajims. - '

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