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Wiener Morgenzeitung · 1923-07-05 · Heft 1578 (5.7.1923) · page 1

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
5 (1923)
Issue
Heft 1578 (5.7.1923)
Date
1923-07-05
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Der Nattonalrat, der es an antisemitischen Gemeinheiten fast schon mit der Nattonälversanwttung Horthys ausnehmen kann, ließ gestern widerspruchslos einen Rede-. exzeß über sich ergehen, der alle antisemitische' Niedertracht in den Schatten stellt, die man bisher in diesem Hause zu hören bekam. Öffenbar 'hat die Entrüstung, mit der die Mordtat in Neulengbach in der gesamten Oessentlichkeit ausgenommen wurde, die Hakenkveuzler in der österreichischen Volksvertretung unangenehm berührt, und sie suchen nach einem Mlenkung'smittel — sie hetzen darum die Bevölkerung wieder auf die Juden. Dem Haus lag gestern ein Resolutionsantrag vor, in dem die Regierung aufgefordert wird, ehenstens ein Gesetz über die Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten vorzulegen. Der Großdeutsche Dr. Ur sin verstieg sich nun zu der Ungeheuerlichkeit, die Juden aus dem Osten für die Verbreitung der Geschlechtskrankheiten verantwortlich zu machen und die ärztliche Untersuchung aller im Lande besinnlichen oder ins Land einreisenden Oftjuden zu verlangen. Bemerkt sei, daß Dr. Ursirm selbst Arzt ist und daß er seine Mitteilungen über die Verbreitung der Geschlechtskrankheiten! unter den Juden lediglich auf unkontroMerbare Angaben eines Freundes, der angeblich in Lemberg gewesen ist, stützt. Wenn Un sin behauptet, daß, die Lues/von den niedevösterreichlschon Mchtlingslägern aus. das. flache Land hinausgetvageu, wurde, so mich ihm entgegen,gehaltert werden, däß gerade' in.den mederUterrslchischen Lagern nicht Ostjuden, sondern in der Hauptsache Ruthenen und Italiener interniert waren. Gerade das mustergültige'. Familienleben der Juden wirkt erfahrungsgemäß der Ausbreitung der erwähnten Seuche entgegen. Wenn für die Verbreitung der Geschlechtsleiden in der Nachkriegszeit irgendwer veranwortlich gemacht werden kann, so ist es nur der vom Ursin und seinen Parteigenossen als kräftigendes Stahlbad der Völker gepriesene Krieg. Die Lues wurde von der glorreichen k. u. k. Armee ins Hinterland verschleppt, Frontsoldaten und Etappisten brachten diesen bösen Gast während ihres Urlaubes in die Familien; und in der Stoppe wurden häufig von Offizieren und Mannschaften nicht nur die Bevölkerung, sondern, auch die bei den Kommanden eintzeteilten weiblichen Hilfskräfte mit diesem fürchterlichen Veid'en infiziert. Herr Urs irr, der , sich Militärischer Spitalspvaxis im Kriege rühmt, kennt diese traurigen Kviegssolgen, und lo'enn er gestern im Nation'larat eine so infame Beschuldi-gung aussprach, so hat er dies Wider b e s.s e r e s ärztliches Wissen und menschliches Gewissen getan. ' Zur Kennzeichnung Ursins sei feine Rede im folgenden möglich t, wörtlich angeführt. Er sagte unter anderem: Im Gefolge des Krieges hat sich die Luesseuche in erschreckender Weise verbreitet, und namentlich ist sie durch d i e F l ü chtlinge a u s d e m O st e n in unsere Gegenden eingesch'leppt worden. Er erzählte daun, nach einem ihm.angeblich zugekommenrn Berichte und nach dem, was er selbst in Garnisonsspitälevn gesehen habe, daß in den Flüchtlingslagern, in denen Flüchtlinge aus dem Osten waren, die Syphilis besonders verbreitet gewesen sei. Die Krankheit sei von den Flüchtlingslagern radikal in der ganzen Gegend verbreitet worden. Ein Freund von ihm sei nach Galizien gekommen, und zwar nach Lemberg. Dort fiel ihm das Benehmen'eines Berpflegsoffizials auf, der ihm, dem Arzt, sofort die Mitteilung machte, er möge sich in seiner Familie umschauen; und da habe sch nun folgendes ergeben, daß es in Lemberg und in Oftgälizien überhaupt fast keine jüdische Familie gibt, in der die Syphilis nicht hereditär oder akut anzutreffen ist. Tatsächlich zeigte es'sich, daß in der betreffenden Familie ein Vetter und ein Onkel an Syphilis litten, ein Onkel sich im Irrenhaus befand und eine Schwester an den Folgen der Syphilis gestorben ist. In einem zweiten Flüchtlingslager in Niederösterreich war diese schreckliche Krankheit ebenfalls verbreitet. Man brauche nur nach Niederösterrcich zu gehen: der größte T e r l de-r Gesch! e ch t skrankheiten stamme aus dem Osten. Es sei eine viel schärfere Kontrolle 'nötig.. , Er rege deshalb an, daß j e d e r, d e r a N s dem O st e n a n d e r G r e n z e a nko mmt, u nd. jed er au s dem O.sten ft am men de F r emrd e, der sich.MÄM'seßhM^ntachrn eäWer- Wäs.se rman scheu BlmtuntLrsN chu n g ' zu unterziehen'ist. Wenn die'PWe Positiv ausfällt, sei er sosortüberdie Grenze zu schaffen. Die christlichsoziale Frau Rudel-Zaynek machte die sittliche Verwahrlosung der Jugend fürdas Ueberhandnehmeu der Geschlechtskrankheiten verantwortlich. - Sozialhygienie und Sozialpolitik werden nie imstande sein, ihre Ausgaberestlos zu erfüllen, wenn nicht Ethik und Religion ihnen zu Hilfe kommen. Die Sozialdemokratin, Frau Popp, beklagte es, daß die Frauen die alleinigen Opfer der Hotelvazzien, der abscheulichen und barbarischen Menschenjagden, seien, die von Zeit zu Zeit stattfin'den. Hoffentlich werde das hier geforderte Gesetz diesem Zustande ein Ende machen. Die Debatte. wird in der nächsten Sitzung fortgesetzt werden. Vorher wurden das Gesetz, über den Auge stellte n a b bau bei den Privatbahnen Md die Novellierung des Bäckerschutzgesetzes beschlössen, nach welchem die gewerblichen Vorarbeiten in den Backstuben statt wie bisher um 5 Uhr, schon um 3 Uhr früh, beginnen, können. Nächste Sitzung Freitag den 6. d. um 11 Uhr. vormittags. ' Professor Aulard Wer den R«mem« clausus. , Paris, 1. Juli. (I. C. V.) In einem Artikel des nnabhängigen französischen Blattes „QuoMen" vom 29. Juri stellt der Historiker Professor Anilard mit'Freude fest, daß, die polnische Liga , für Menf chenrech te eine. Pwiestversanlmlnng veranstaltet, hat,: in ,der Senator Lim an oiw-Kki die, Eins'i'chvnr.g des Numerus clausus ü'ine Barbarei und eine Schande nannte. Professor Aulard spricht die Hoffnung ans, daß Polen endlich mit der Rvakttdn und dem Fanatismus brechen und bas in seiner, Verlsassnng ausgesprochene Prinzip der Freiheit und Gleichheit voüwiMchen werde. „Von der DvmoTvatisievung Pollens" schließt Professor Aulard, „hängt die ZMufft Polens nnd der Friede in Europa ab." HuuÄertvroreutige Neuerung in DeuWlaud. Berlin, 4. Juli. Die ReichsindeWffer für die LebenshaltnngÄ'osten stellte sich nach den Feststellungen des statistischen Reichsamtes für den Monat Juni auf 7060 geM 3A.6' ttn Mai. Die Steigerriaig gegenüber dem Vormonate beträgt fcuu'ii .1.00,5 Prozent. Die Ernährnngskosten allein sind um 102,3 Prozent gestiegen. Infolge der sPrnnOaften Preisfteigerimgen sind diese Zahlen bereits wesentlich überholt. Keiue iutemMette Koukereuz? Paris, 4. Juli. (Tel. der „Wiener Morgenzeitnng".) Der Korrespondent des „Ternps" in Brüssel meldet, daß die. belgische Regierung aus Grund der gestrigen Besprechung des belgischen Botschafters in London. Moncheur mit Lovd Curzon auf den Plan ve.rzichtet habe,! die Einberufung einer Za« PkoMmm des Kabinetts Lheuuis. Brüssel, 3. ..Ju5ü (Wolfs.) Gei der Vorstellung der neuen Regierung in'der Kammer eMärte Ministerpräsident T h e un r s, die neue Regierung trete nr i t d e m selb ic n vollständigen Programm beizwglich der militärischen' nnd' der Sprachenfvage anihre Geschäfte heran, wie-die vorige. Das militärische System müffe-vor allem durch die technische NotweMiKeit der Cruppencursbildung foivie durch dm nationalen Bedarf an-ausgebildeten Bestanden besttmmt werden. Der Zweck werde durch Annahme, der zw ö lfmo nat igen D ien st z e i 1 . mit der zweimonatigen Zufcchvevpflichbung crveiicht. .Ebenso-müßten die zur Zett gegen Äentfchland angewandten Zwangsnnd Ausnahmsmaßnahmen -cnffrechtechalben werden. Der Minister besprach sodann, die Genier Umiv ersttätsftr age und.erörterte den Entwurf der Regierung, wobei er hinzstfügte, die Rvglevung sei -überzsugt, ein-nützliches Werk zu tun, in'dem'sie Belg^n eme.vlämifch e Univiersriät gebe. Der Mörder Raschins z« 18 Fahren Kerker dernMlt. Prag, 4. Juli. Bor dem Staatsgemch-tshof fand heute die Verhandlung im Prozeß gegen Sonpal,statt, der am 6. Jänner d. I. auf den Fiuauzminister Raschin ein Revolverattentat verübt -Hai. Die Anklage läuteite auf Verbrechen des Meuchelmordes. Der' AngeKagie lehnte jede Aussage ab und verlangte, vor das Schwurgericht gestellt zu, werden. Der Antrag des Verteidig-ers auf Nich-t-toucheteng des Gerichtes wurde abgelehnt. Der Staatsgeri-chtshoif hat der: An>geK>ag-ten Sonpal zu 18 Jahren -Kerker, vevschärst durch Fasten und M weiße Garde. —y. Wien, 5. Juli. Die Awrdaffäre im Nerrlengbacher Wald ist in ihren Zusammenhängen mit der Politik noch immer nicht restlos aufgeklärt. Immerhin hat die kriminalistische Feinarbeit der Wiener Polizei -in verhältnismäßig kurzer Zeit die Fäden des Netzes bloßgelegt, das in Wien und München gesponnen worden war. Die Nationalsozialistische Partei wehrt sich zwar noch in entrüsteten Erklärungen gegen die Beschuldigung, die hmte von der gsfamten Oeffentli-chkeit ausnahmslos gegen sie erhoben wird. Sicherlich liegt darin das stärkste Moment gegen diese Partei, der jedermann inftinkttv die Schull» an dem Mord be-imißt, an dem M-ord, der nur ein Med aus einer ganzen Kette von Erscheinungen ist, die seit , einem Jahre das öffentliche Loben nicht nur Oesterreichs, sondern ganz Mitteleuropas vergiften. Wir hoffen, daß die Antersuchiing nicht an einen toten Punkt kommen wird'. Die Behörden erklären, daß sie in der Erforschung der Wahrheit schonungslos Vorgehen wollen. Es liegt bis jetzt kein Grund vor, an dem Ernst dieser Versicherung zu zweifeln, und es ist nicht anzunehmen, daß sich in Wien etwa das Beispiel Budapests, Münchens und Berlins wiederholen wird, wo die Polizei in ihrer Forschnngstätigkeit plötzlich von verantwortlichen und unverantwortlichen Elementen gehemmt worden ist.; t; In Gewahrsam - der Wiener - Polizei befindet ..sichern ganzer Haufen junger. Menschen, deren. ZugchgM< keit zur Pogrömpartei erwiesen ist. In den Wohnungen.' Hat..wKy. .WtzHii,:.,WrniÜon >uM.>lUfte ,gesnn^^-KE. es cftMeklärt -'MlÄeL/^ woher diese Dinge kamen und wer sie bezahlt hat? Wird' Wh der' OeffenthiDeit m'i-tget-erlt werden? Es sind ferner /einige Leute verhaftet, worden, die aus Deutschland kamen, geraume Zeit in Wien lebten und sich hier durch -Verschwörertum unangenehm bemerkbar machten. Es ist wiederholt in der Presse auf die Anwesenheit dieser Leute auftnerksam gemacht worden. Es ist wiederholt darauf hingewiesen lvorden, daß einer der Organisatoren des Kapp-Putfches, der steckbrieflich verfolgte Oberst Bauer, ein intimer Freund - Ludendorffs, in Wien seinen Wohnsitz aufschlug und von hier aus die Rettung Oesterreichs eifrigst betrieb. Man weiß es nicht erst seit dem Mord, daß Wien eine Filiale Münchens geworden ist und daß sich hier dunkle Existenzen wie die Fliegen beim Aas zusammenfanden. Ihre Konferenzen galten der Sprengung des mitteleuropäischen Staatenfystems und dem Ausbau eines groß angelegten Mordsystems, welches mit Juden und Demokraten grüMich aufräumen sollte. Es waren schwarze Listen angelegt, welche die Namen, der im Ernstfall zu beseittgenden Personenenthielten, und auch im österreichischen Nattonalrat sind sehr' detaillierte Mitteilungen gemacht worden. Die Sprache, die in den Versammlungen der Nattonalsozialisten und der ihnen im Iudenpunkt befreundeten Verbände geführt, wurde, war von wünschenswertester Eindenttgkeit. Die Behörden wußten alles. Und trotzdeur ist nichts geschehen, was das Unglück verhüten konnte. Trotzdem ist es geduldet worden, daß Wien einer der Zentralpunkte des internationalen weißen Terrors geworden ist, daß hier Gesinnnngsspionage betrieben wird. Es ist sogar vor kurzem aus einer Angelegenheit des Generals Kraus bekannt geworden, daß nicht einmal das Briefgeheimnis mehr sicher-ist. Die Polizei hat, wie man genau weiß, ihre Schuldigkeit im vollsten Ausmaße getan. Sie hat stets über das referiert, was ihr bräunt geworden vpr. Geschehen ist nichts, als daß die ärgsten Exzesse von der Polizei abgewehrt wurden. Es ist nicht schwer, dieses Rätsel zu lösen. Die Iudenfrage erklärt alles. Die RepMik hätte man, wenn^s darauf ankam, vielleicht mit Hilfe der fozialdemokrattschen Ordnerwehren vor dem Letzten bewahren können. Aber zum Judenschutz gab sich niemand her, und die Ättnister, die ja den anttsemittschen Parteien angekchren, hättenin ihrem Innersten vollste Uebevernstimmung mtt den Tendenzen der Pogromovganisatton; nur ihre ~ lärmenden Methoden fanden Verurteilung, nicht das Ziel. Ohne Einspruch der Staatsanwaltschaft konnte die Nattonafsozialistrsche Partei in faustdicken Typen den Krieg gegen das Judentum predigen. Ohne Einspmch der Regierung konnte an der Wiener Technik der Numerus clauses fiir Juden eingeführt, an den übrigen Hochschulen vorbereitet werden. Ohne Einspruch der Regierung konnten junge Burschen -mtt Gummiknüttvln die Tore der Universität besetzen und jüdische Hörer auf die Straßö weisen. Es ist kein Wün^ «AMI»'

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