Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 5 (1923)
- Issue
- Heft 1577 (4.7.1923)
- Date
- 1923-07-04
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Im Verlcmfe der Untersuchung gegen den Mörder N o v o s a t ist die Polizei einer Organisation des Terrors ans die Spur gekommen. In den Verhören war von dem Verhafteten ein Name genannt worden, der die Sicherheitsvehörde veranlage, sich näher mit dieser Persönlichkeit zu Vefassen. Gestern wurde in einem Hause in der Piaristengasse eine Hausdurchsuchung vorgenommen, bei welcher eine An zahl von Gewehren mit der dazugehörigen Munition sowie Pistolen und Handgranaten gefurrden wurden. Die Erhebungen ergaben nun, daß anher der Gruppe Novosat eine zweite Terrorgruppe, die sich Schlageter nennt, existiert und die gleichen Ziele verfolgt wie die Novosat- Gruppe. Die Häupter dieses Klüngels befinden sich in Haft. Der Gruppe gehören etwa dreißig junge Leute meist im Alter von 48 bis 20 Jahren an. Die Unterhaltungen' dieser Buben bewegten sich in dem Geleise jener politischen Anschauungen, die ihnen in ihrer Partei beigebracht worden waren. So hieß es immer, der oder jener jüdische Industrielle sei ein Schädling am deutschen Volk, der erledigt werden müsse. Auch von der Ermordung des MarschaUs F o ch war eine ZeitlanMiBUedr, und man erinnert sich noch der Borsichts'- maßnahmen, die die österreichische Regierung bei Gelegenheit der Durchreise des Generals Foch durch Wien getroffen hat. Die Piaristengasse spielt, wie bekannt, in allen Affären dieser Art eine gewisse Rolle. Die Angelegenheit Novosat hat sich nun zweifellos als ein politisches Verbrechen erwiesen. Im Zuge der Untersuchung gegen den Mörder wurde auch einer der Führer der National so ziali st ischenPartei einvernommen. Von der Leitung der Partei wird jeder Zusammenhangmit dem B e r b r e ch e n i n A V r e d e g e st e l l t und behauptet, daß Novosat wegen seiner phantastischen Ideen bereits vor einiger Zeit aus der Partei entfernt worden sei. Von einer anderen nationalsozialistischen Seite wird sogar erzählt, daß der jugendliche Mörder mit mehreren seiner gleichgesinnten Genossen selbst aus der Partei ausgetreten sei, weil ihm diese v i e l z u w e nigra d i k a l war. Novosat Hache dann seine eigene Terrorgruppe gegründet und auf eigene Faust Politik gemacht. Nach der Entdeckung des Mordes in Neulengbach nahm die Polizei sofort die Möglichkeit eines politischen Verbrechens an, da man bei dem ermordeten Karger die Mitgliedskarte der Nationalsozialistischen Partei gefunden hatte. Auch der Vater hatte mitgeteilt, welcher Gruppe sein Sohn angehörte. Dadurch wurde die Spur auf Novosat gelenkt. Der Mörder war nach dem Bekanntwerden des Mordes bei Freunden in der Nainergasse im 4. Bezirk versteckt. Auch die Leute, die ihm Obdach gegeben hatten, find verhaftet. .Das Verhör mit dem Mörder Novosat ist noch nicht abgeschlossen, Novosat hat gestern ausgesagt, daß die Mordtat ein ^p o l i tis che s Ü rtei l dayftetle, weil/ MerO a^MfdMBat i o n a t s o z kst rWhl-fPe n P a^M i geuht habe. Er mußte deshalb Mettigt werden. Novosat hat mit anderen radikalen Hakenkreuzlern eigene Pläne gehabt, von denen Karger gewußt Hütte. Diese Gruppe bestand aus 70 Personen, deren Kommandant Novosat war. Es ist bezeichnend, daß der Organisator dieser Terrorbanden in Oesterreich, Oberst Bauer, seit dem Bekanntwerden der Mordtat Wien verlassen und, wie wir erfahren, nach München gefahren ist, um Ludendorff Bericht zu erstatten. Weitere Einzelheiten im Innern des Blattes. Ae Außenpolitik Aalienr. ErMimgen MnMnis über die Ruhrlage: Aalien an der Seite Kurlands M eine gerechte Lösung der Aeparatianssrage. JKor.i, 3. Jum. Im Ministerrat gab Ministerpräsident Mussolini folgende Erklärungen zur auswärtigen. Lage ab: Infolge des Staatsstreiches in Bulgarien sind einige Widersacher des Faszismus in Jrrtnmer geraten. Das Ende Stambnliiskis und die Uebernahme der Negierung durch Zankow hat bei einigen Mächberr der kleinen Entente eine gewisse Gärung erregt. Italien hat sofort dort, wo es nötjg war, eine A k t i o n d e r M ä tz i g u n g eingeleitet und die befürchteten Komplikationen dem Balkan wurden vermieden. In L a u s a n n e scheint die Unterzeichnung des Fried e.us bevorzustehen. Im Ruchrgebicke hat sich die Lage in den leisten Tagen verschärft. Auf der einen Seite dauert die passive' Refisteuz fort, auf der anderen breitet sich die Bosetzung aus und intensiviert sich durch Maßnahmen, die immer mehr einen Politisch-militärischen Charakter annchmeu. Die allgemeine Rückwirkung dieser Krise, die gm Höhepunkt angelangt zu sein scheint, zeigt sich in den Valutenkur s c u der europäischen Staaten, die sich sämtlich verschlechtern, nicht ausgenommen das Pfund Sterling im Vergleich zum Dollar. Der Versuch des Papstes, der in seinen europäischen und menschlichen Beweggründen hochzuschätzen ist) hat die Lage nicht geändert. Am Tage nach dem Brief cm Kardinal G >a s p a r r i hat P o i u e a r e feine Rede gehalten, die die einstimmige Billigung des Senates fand, und am selben Tage , hat sich der ■ furchtbare Sabotageakt ereignet, der mehreren belgischen Soldaten das Leben kostete. Also nicht stuuüherimg, svAdem der Lage. JNMvffchen konnte nach Lösung dev belgischen Krise die diplomatische Aktion wieder ausgenommen werden. Italien nimmt daran teil und hAt, insofern das Problem seiner gänzlichen Losung zugeführt werden soll, an den Vorschlägen des Memorandums von London fest, von dem keiner der späteren Vorschläge abgewichen ist, nämlich Jmckttm zwischen. Reparationsproblem und interalliierter Schulde», ein genügendes Moratorium an Deutschland, Festsetzung einer definitiven Zisffer, ein vernünftiger Zisahilunspllan,. ernstliche Garantien wörtschaftlichier Art und darauf folgender Verzicht Frankreichs auf die. territoriale. Besetzung im Ruhrgebiet. Was die deutsche passive Resistenz betrifft, so glaubt die italienische Regierung, daß Deutschland kein Interesse daran Hot, sie zu verlängern, weil es nicht hoffen kann, Frankreich auf Re Knie zu zwingen, und sich nicht ewtfriflben kann, von außen Hilfe zu erlangen. Sicherlich ist es ein innerliches BMrrfms, die Mögl-ichLeit einer VerstonvMNig zu beschleunige»^ weil die Ruhrfvage schwer ans der europäischen WüWäst lastet und Hre«Wiedergenesu«g verzLMt. Was die Frage von Flmne antangt, so habe ich-inBelgrad urgiert, damit mrgesichts der Lage der Stadt und der Notwendigkeit, daß die Beziehungen, zwis^n den beiden Ländern ein vollständig normales Gepräge annchmen, die Bechandluugen in einem schnelleren Tempo geführt werden. Der Minister rat hat diese Erklärungen zur Kenut- Gift und Lolch. —y. Wien, 4. Juli. Vielleicht dämmert doch einem Mtglied der österreichischen Regierung, einem der führenden Pevsönlichkeiten dieses Staates die Erkenntnis, daß die Duldung der nationalsozialistischen Propaganda und chrer Blutmethoden ein Hochverrat an der Kultur und am GM war. Vielleicht wird einer der hohen Herren, die mit kalter Geste alle die Beschwerden über die -Plakate, über die V ersamnrlnngsreden und die Ordnergarden abzutun gewillt waren, jetzt die furchtbare. Gefahr verstehen lernen, ■ die in diesen. Erscheinungen liegt. ' In einem Waild bei Neulengbach hat'ein neunzehnjähriger Knabe einen anderen Buben umgebracht, und es besteht der begründete Verdacht, daß es sich nicht um einen ge-, meinen Mord, sondern .um einen politischen Akt harchelt, von jener Sorte,- die Deutschland in so reichem Maße heimfucht. Der Ermordete ist der Sohn eines der Führer der. völkisch-antisemitischen Bewegung, und.der unglückliche Vater kann an dem Schicksal seines Sohnes' lernen, welchen Inhalt sein eigenes politisches Bekenntnis hatte. Der Täter und sein Opfer gehören dem gleichen politischen Kreis - an; - sie waren Mitglieder der - Sturmtrupps, jener Verbände, die seit mehrals .einem Jahr die öffentliche Ruhe in Oesterreich bedrohen; weil sie in die politische Diskussion-den Gmnmiknüttel und den Revolver hineingetragen haben. Diese Sturmtrupps haben ihre Mitglieder aus den Mittelschulen bezogen. Gelvesene Offiziere instruieren die jungen , Leute im Gebrauch der Waffen, geben ihnen Gifte und ätzende Säuren und lehren sie den Mach. Mchts anderes. Man kann die Vorträge, die in diesen Verbänden gehalten 'wÄmtMüchL als politische hezerchnM -es fDt ihnerrdie Idee des Ausbaues und man erzieht die. jungen Leute planmäßig dazü^ alles Heil hes deutschen Volkes in der Gewalt und mit der Waffe änzusttobem Man kennt den Inhalt dessen, was den Sturmtrupps als politische Doktrine dargestellt wird. Der jüdische Kapitalismus, der Mische Sozialismus, alles Jüdische schlankweg fft ein Verderben für die Welt und insbesondere für das deutsche Volk, das von Juden in den Krieg gehetzt Irmrde und durch die Juden den Krieg verloren hart. Alles Unglück kommt von den Juden. Die Lehrer, die dieses verbinden, praktizieren freilich einen etwas eingeschränkten Antisemitismus, sie lassen sich von Juden bezahlen und ihre Partei lebt herrlich und in Freuden. Aber da geschieht es, daß die jungen Gehirne, erfiillt von Mord und Blutrausch, die Unterscheidung verlieren. Und so. mordet ein Kamerad den anderen, nicht in Leidenschaft und Affekt, sondern so wie er es in der Jnstvuküansstunde gelernt hat, durch einen Dolchstoß in den Rücken. Es ist eine sonderbare Erziehungsmethode. So oft im Parlament auf diese Dinge hingewiesen wurde, hat sich auf. der Regierungsbank ein Verteidiger gefunden. Es sind nur sportliche Uebungen, ist gesagt worden, wenn die jungen Leute außerhalb Wiens das „Marsch eins" und die ausgelöste Schützenlinie lernen. Es sind idealistische junge Leute, die eben auf diese Weise sich für den Dienst an der nationalen Sache vorbeveiten. Dieser Idealismus sieht so aus, daß die Nationalsozialistische Partei einen wegen Diebstahls abgestraften und relegierten Gymnasiasten, den Mörder, als Ordner in ihre Reihen nimmt, daß sie der Jugend die Technik des Verschwörertums beibringt und sie lehrt, auf ein Stichwort in dunkler Nacht Bravodienste zu tun. Ist das noch eine politische Partei? Ist \k es je gewesen? Ihr geistiges Rüstzeug besteht aus Fälschungen, und da sie sonst keine Argumente besitzt, sich aber im Kampf der Parteien nach vorne drängen will, so hat sie sich von der Politik des großen Mauls zur Polittk des Meuchelmordes emporgeschwungen. Die Regierung hat bis hellte nichts getan. Sie hat keine > Erklärung abgegeben, daß sie dieses Treiben verurteilt, und sie hat sich zu keiner Tat entschließen können, das lichtscheue Gesindel, das foett Begriff der Politik schändet, vom Grund aus auszuheben. Vielleicht liegt eine Rechtfertigung für diese Passivität in dem meckwürdigen Umstand, daß die Wiener Judenpreisse in ihrer Feighett und Rückgratlofigkeit, in ihrem Servilismus gegen die sehr hochgestellten Protektoren der „staatserhaltenden" und antisozialisüschen Terrorbrigaden das schändliche Treiben entweder totschwieg oder durch den Hinweis auf die sozialdemokratischen Ordnerorganisationen zu rechtferügen suchte. Die Reaievtmg erhielt daraus den billigen Vorwand, daß die