Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 5 (1923)
- Issue
- Heft 1576 (3.7.1923)
- Date
- 1923-07-03
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Einzelnummer R ltlQQ Wien: Zum Abhole* in der Expedition, II.VTaborstr.1-3, oder in einer Verschleisstelle (Trafik) monatl. K 28.000 Mit Postversand für Wien u. Oesterr. monatl. K 28.000 Ts che ch o-Slowakei: Mon. K17. Jugoslawien: Mon.Dinar40. Polen:Mon. Mk.25.000.Deut schiarid: Mon.Mark 25.000. F rankr., Belgien: Monatl, Frcs. 8 - Nachsah'lunsren Preiserhöhungen Vorbehalten Nk. 157k Wie». Sienstag. 3. Juli 1923 Tsch«cho-Siowalc«tf (schach. K 1.— 11 a 1 ie n : Monatl. 10 Lira, Rumänien Mon. 90 Lei» Bulgarien Mon. 75 Lewa,; Schwei z und das übrige Ausland monatlich Frei, 3 Redaktion ^Administration - Wien, UL, Taborstrasse l*r*S Telephone: 44-0-38,43-3-19, ab 6 Uhr abds.19-483,16-301 Tel.-Adr;: .Morgenzeitung“ Wien Oesterreiehisches Postsparkassen-Konto ,Nr. 150.693 3. Fichrga«s Ae AutorttSt der BerHetzmg. —y. Wien, 3. Juli. Der ungarische ImstiMimster Hat in einer Versammlung eine Rede gehalten, b>ie voll der bemerkenswertesten Geständnisse ist und als ein gewichtiger Kommentar zur Erkenntnis des ungarischen politischen Lebens gewertet werden muh. Aus seinen Darlegungen geht nämlich hervor, daß die Hetze, die seit vier Jahren Ungarn verwüstet, nicht bei den ^uden .Halt macht. Sie greift über die Synagoge hinaus und zieht die protestantische Konfession m den Bereich ihrer lieblosen Aufmerksamkeit. Ja, es geschieht sogar, -daß auch der Reichsverweser in die Kritik hin^ingezerrt wird. Der Iustizminister bedauert dies und meint, daß durch die Verbreitung konfessioneller Schlagworte^dieser Art die Autorität des Reichsverwesers geschwächt werde. Ueberhaupt liegt die Autorität dem Minister sehr am Herzen: Neben der Autorität des Staatsoberhauptes gibt es noch eine solche der Nationalversiammlung und der bürgerlichen Rechtsordnung, und der Herr Minister will alle diese Autoritäten durch eine Iustizreform sichern. Er verurteilt alles, was die bürgerliche Rechtsordnung stört, unter anderem auch die wirtschaftlichen Ergebnisse, zu denen der chvistlichnationale Kurs bisher geführt hat. Ueber die Methoden dieses Kurses verliert der Mnister kein Wort. Die Gründe hierfür such nicht bekannt. Entweder wagt es dieser Mnister, der, wie gesagt, IustiHmimster ist, nicht, seinen Hals zu riskieren, denn mit den verschiedenen Kuikturverbänden ist nicht gut Kirschen essen. Sie haben Ekrasit und Bomben und außerdem eine wetterfeste Atöral, die jsde Kritik radikal mit der BesÄÜMNg^ des Kritikers beantwortet. Oder, der Minister ist einverstarchen, was^wrr von emE IlMpiOMer nicht Mvrvchs «ren wollen. Der Minister bchauert^ daß der chrWch-- nationale Kurs nicht die erchofsten Segmngen gebracht hat. Es fetetr die wertvolleren Elemente des ungarischen 'Iudontums in die extreme Richtung, getrieben worden, wahrend sich ,Me dvittklafsigen Elemente" m unglaublicher Weise bereichert hätten. Aber es fft schon viel, wenn ein ungarischer Minister über Ursachen nnd^Wirrkung nachzudenten beginnt. Er ist allerdings noch nicht auf der richtigen Fährte. Der Verein der Erwachenden, dessen Kohlengeschäfie fonderibavster Art eben jetzt bekannt wurden, ist bekanntlich nicht jüdisch. Me KulturbüMer uiü> die Bvachmlsormattonen, die die Praktische Politik der Erpressungen betreiben, sind gleichfalls nicht als jüdisch destruktive Elemente im Sinne der magyarischen Rasserrchoovie anM- 'sprechen. Sie haben den weißen Bolschewismus, den der IustiMinister gerne vermei^n möchte, schon längst zmn herrschenden Systein erhoben und ihm die stärkste Autorität gegeben, die nur denkbar ist: Den inappellablen Galgen. . Es ist nicht das erste Mal, daß ein Minister die melancholische Entdeckung von dem. fortwirkenden Fluch der bösen Tat machen muß. Wenn die Gesetzlosigkeit an einem Punkt unbestraft - bleibt, wenn sie erfährt, daß Unrecht Recht werden kann, dann bleibt sie bei dem einen Punkt nicht stehen. Da die Schützer der magyarischen Rechtsordnung sich Mrzeugen konnten, daß die Juden, die Demokraten und die Arbeiter außerhalb des Gesetzes stehen und daß gegen sie jedes Verbrechen nicht nur gestattet sei, sondern sogar die höhere Weihe der patriotischen Nottvendigksit besitze, mußte naturnotwendig der Augenblick kommen, wo sie über diese Grenze hrnmrs- 'gehen. Und da diese Patrioten wissen, daß ihr Dun ungesetzlich ist, so besehen sie sich ihren Protektor näher und erfahren, daß er sich von ihnen eben nur durch sein kirchliches Bekenntnis unterscheidet. Man belehrt sie, daß auch dieses Bekenntnis im Widerspruch, zum ungarischen Staate steht. Ist in den katholischen Kreisen Ungarns das Bestreben durchgedrrmgen, die jüdische Konfession mit dem Odium der GesellschaftsfeindUchlkeit zu belasten — die Konfession, aus der sich der Katholizismus erst entwickelt hat —' so steht dem Versuch weiter nichts im Wege, die gleiche Methode auch auf andere Konfessionen, zu übertragen und zu prüfen, ofo sich ihre Prinzipien nnt denen der ungarischen Staatlichkeit vertragen. Der Minister nennt in seiner Rede die Quelle für diese geistige Tätigkeit. Es ist der 'Hochadel, und es wäre sehr verlockend, der Richtung nachMgehen, Ms der dieser Hochadel seine Aufträge und Parolen erhält. Man würde jdann vielleicht an den Zentralpuntt gelangen, wo das 'Gift gebraut wird, dessen erstes Opfer das Judentum ist .und dessen nächstes die Demokratie nicht in Ungarn allein sein wird.- Noch ein paar solcher Reden, wie die letzte des ungarischen Itrstizntmifters, und man wird die Wur.'/'l der Verhetzung u-nd des Mordens bloßgeKegt Kchem London 2. Juli. (Wolfs.) In den vom Renterschen Bureau verbreiteten Ausführungen des Vipkomatischne Korrespondenten des „Observer" heißt es, die Auffassung in englischen amtlichen Kreisen gehe dahin, daß man eine mündliche Antwort aus die englische Fragenliste n i ch t a n n e hm e n, sondern auf einer schriftlichen Antwort bestehen würde. Lord Crewe habe bei seiner Zusammenkunft mit Poineare in der letzten Woche die übliche diplomatische Höflichkeit anfgegeben und eine Antwort ohne weiteren Aufschub verlangt. Die vor 14 Tagen Frankreich v'orgelegteN Fragen stellen einen wo hl überlegten Schritt der englischen Regierung dar. Os sei klar und deutlich gefragt worden, was Frankreich unter Einstellung des passiven Widerstandes verstehe, welche Maßnahmen Frankreich befriedigen würden und in welcher Eise sich die französische Politik bei Durchführung solcher Maßnahmen ändern würde. Die englische Regierung sei etttschlsssest, einer Zusammeuknnst Baldwins und Poiueäres üi ch t z uz u st i m m e n, solange nicht eine, schriftliche Antwprs ersptgt sei Vorher. köuste Lein w e i t.e r e r M esst n n g saß spa nisch stut tsistvew . Mxnst die französische Mgii^wng WM MrjWiM Antwort estrMsiWU EGne, MM erwarten, daß die estglWe KeMrststg in best nächsten Tagen w ich t i g e Schnitte unternehmen werde. Wahrscheinlich werde eine Me Smderaktion Englands. Anberafung einer Konferenr der neutralen Staaten? nNd die Fra genlisi e veröffentlicht wer den. Es werde höchstwahrscheinlich erklärt weiten, daß nach Ansicht der englischen Regierung die gegenwärtige Politik Frankreichs % direkt zum Anin Europas führen müsse und düß die englische Regierung entschlossen sei, eine wirtschaftliche Katastrophe in Deutschland und anderen Ländern zu verhindern, die die französische Diplomatie aus einer verkehrten Auffassung über die Sicherheit Frankreichs heraus Hervorrufe. Die englische Regiernng sei entschlossen, das letzte deutsche Reparationsangebot vom V. Junis 1923 zu beantworten und darüber Verhandlungen mit Deutschland einzuleiten. Wenn Frankreich es ablehnen sollte, an den Verhandlungen teilznnehmen, werde der englischen Regierung nichts anderes übrig bleiben, als selb st ä nd i g vor z u g e h e n. Ueber die Folgen eines solchen Schrittes sei man sich vollkommen klar, aber es habe sich gezeigt, daß eine unbegrenzte Fort-aper des jetzigen Zustandes mehr Schaden als Nutzen stiftet. Die englische Regierung sitt entschlossen, binnen einer W och e eine Entscheidung mit Frankreich herveizusühren. Falls die englische Regierung infolge der Weigerung Frankreichs, schriftlich zu ant Worten, genötigt seist würde, vor der Welt eine Erklärung über ihre Politik abzugeben und eine selbständige Aktion M unternehmen, dann würden bei btt Regelung der Reparationen wahrscheinlich «eue Methoden zur Anwendung gehracht werden. Man habe bishest Wersehen, daß die nentpAen Länder mit ihren vitalen Interessen von einem durch die geginrwärtige Politik Frankreichs hervorgernsenen wirtschaftlichen Chaos ebenso berührt würden wie Grvßbritmrnien, Italien und Belgien. Dairaus ergebe fich auch die Möglichkeit der Einberufung einer Kon ferenz der nentralen Staaten, woran entweder nur diese oder auch Eng l ä n d, I 1 a l it nn n d ä n d ere Alliierte teilnehmen würden, um abgesondert v o n F rank reich eine Regelung mit Deutschland zu erzielen. Selbst verständlich werde dieser Schritt nur unternommen werden, wenn die französische Regierung ihn ipr Lause diesev Woche unbedingt notwendig mache. Die eatfchekdende Mche. London, 2. Juli. Der Pariser Norre» spondent -er „Times" schreibt: Wir haben ven schwierigsten Augenblick in den sranzöstsch-englischen Beziehungen erreicht. Von dem, was diese Woche geschieht, kan« die künftige Freundschaft zwischen den beiden Ländern abhängen.. Es ist z w e cklos und gefährlich, sich in Prophezeiungen darüber zu ergehen, welche Wege Frankreich und Großbritannien in dem einest oder anderen Falle einschlagen werde. Frankreich ist der Anssasinng, daß es seine Hättung nicht vollständig ändern kann, ohne sich M demütigen. Paris, 2. Zstll. (WM.) ,Mhio Ae PMs" ma-Ht. düUMs archneMmr, daß mit foeät heutigen Tage eine ernste uyd schlviexige Woche bsgmne. Drei AngÄögercheitm ftündch zur Debatte: Seit zwei Tägen Leschäftigen sich fvalrzSftsche, englische und spanische' SachverstLMtze barmt, das SchiHal Tangers M Leftnnmen. Mve? ersten BechaMungerr Mchi estnusigestd. Miters werde heute in Mns jm. VSste^ hmHoat eine Debatte «her die Hpmstage e«Ket. W haMe sich^^ darum, einer -in' der Kmckpüch^ eiM^'MchMeniey'^ dm Pwsrh M Mchen^ einer nMn 'KomMssian Die dritte Debatte sei die ernsteste. Der 'französische Botschafter werde heute nachmittags tut Foreign Djffcc dvs Pwgvamm der svanMistschen PoMk, das er devEs E.11. Juni dapgelegt habe, notWieckn. Schon zweimal habe Firinkveich erklärt, daß es nur eine mündliche Antwort erteilen Knne. Wünschen denn BMwm und seine Kollegen, daß das- Non PoHUMUs in Frankreich oder in Englaud ausstHsProchen werAe-, «m englische mnMche AbschnSchmig. . London, 2. Juki. (Reuter.) In offiziÄetz'Londoner Kreisen ist man über die AnAeutung Wervascht,. wonach die britische Regierung entschlossen sei, eine sofortige Regelung mit. Frankreich zu erzielen.. Bon maßgebender Seite wird s^tgesiellt, daß es durchaus voveEg wäre, von erneM. gesonderten Borgehen Englands DM^schland gegenüiber zu sprechen." Scharfe snmMche Ausriffe. Grsis, 2. IM. (WM.) In einem außerordeMich heftigirrc Leitartikel erklärt der ,I-emPs", kein ausländisches Blatt, Aas eine offizielle.Memu-ng zum Ausdruck bringe, habe seit der Sarajewoer Krise die fvauzösische Regierung in dem Tone zur Rede gestellt, wie dies der gestrige ^bserver" z« tün wage. Das Blatt verlangt hinsichtlich der Darstellung des „Dbsrwer^^ über den Besuch Aes englischen Botschafters am Äuai d'Orsay ein DemLntr der englischen Negierung. Die Fälschung des ,^Observck" erinnere geradezu an den Inhalt drr Ew.ser Depesche? Gewisse Amte feien asio eniWosftn, eine. BerständigMg zu verhindern. Wenn der ^Hserver" glanbe, Are-FvanFvsen einschüchtern zu können, so wolle der ,Mmps" chm-sagen, daß er sich täusche. Wer das Gebäude des gemenchvmen Sieges mrterwiMe, werde zuerst das allem mit Geduld Provokationen vermeiden,.Me die englischfvanMsiche ^evsttrüdigung verhindern? Wer dem «Obsev». vor" zuftirmm, sei ein Feind des enMchen Volkes. ' Paris, 2. Juli. (WoM) ,MMoi^ schvecht zmn gestvigen Artikel des ,>Obserde^: Der Franzosenhuß des .Herrn B a l d w i u ist nicht irttstamAe, die Regierung sest- Wlegen, in deren Namen er sich fist ermächtigt halt, an Frankreich eine^W a r nun g zu ri ch ten,.!stren I u k o rr e k t 'h e i t so wenig mit den gewohnten Mechoden und Aeußerungen Baldwttis im Einklänge steht. Es bleibt nur wehr eine Annahme übrig: Sollte der ,^Dbserver" boaustragt worden sein, in Paris zu sondieren, um. auf-'die svcmzösische Regievnng Eindruck zu machen und sie! durch den Hinlveis auf Derantwortungen, die sie übeMehmen würde, ‘loemt sie sich als zu halsstarrig erwiese, zu «nrr Ermäßig <mna Äver Anwrücbe aeaettübsr DeutWcmd m