Mannheim
Compact Memory

Wiener Morgenzeitung · 1923-06-28 · Heft 1571 (28.6.1923) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
5 (1923)
Issue
Heft 1571 (28.6.1923)
Date
1923-06-28
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
89% known words query
IRI
…/2979076-2980477-2980652--15231-3002039
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

EtozsImnmnerKlOOO Wien: Zum Abholen in der Expedition, II.,Taborstr.l-3, oder in einer Verschleisstelle (Trafik) monatl. K 28.000 Küit Postversand für Wien n. Oesterr. monatl. K 28.000 Ta check o-Slowakeis Mon. K17. Jugoslawien: Mon. Dinar 4Ö. PolemMon. Mk.25.000.D eutschland: Mon.Mark25.000.Fr ankr., Belgien: Monatl. Frcs. 8 BflT NachaahlunSfen *^■8 bei Preiserhöhungen Vorbehalten IIIBI1IIWWIIIIMW1IIWHM Nr. 1571 rener Wien. Jomerstag. S8. AM 1923 rachacho. Slowaken 11 tschech.K 1«— Italien: Monatl. 10 Lire» I Rumänien Mon. 90Lei,J Bulgarien Mon. 75 Lewa,! Sch w e i z und das übrige ' Ausland monatlich Free. 3 1 Redaktion u. Administration Wien, IL, Taborstrassei—3 Telephone: 44*0;38,43*3-19, ab 6 Uhr abds. 19-483,16-301 Tel-Adr.:,Morgenzeitung'* Wien .Oesterreicbisches Postsparkassen-Konto Nr. 150.693 5. Zahrgaug Ter Zweck der Betmacht. —7. Wien, 28. Jrmi. Der Minister für das österreichische Heertvesen hat vor einigen Tagen eine Rede über den Terror gehalten, deren Inhalt erst jetzt bekannt wird. Er hat sich mit Anklagen auseinandergesetzt, die von sozialdemokratischer Seite gegen ihn erhoben wurden und deren Inhalt die unterschiedlichen Verordnungen des Ministers bilden, welche die Wehrniacht zu einer Armee im alten Sinne des Wortes umgestalten, sollen. Der Minister gehört der Ehristlichsozialen Partei an, die sich in Fragen der Armee im striktesten Gegensatz zur Sozialdemokratie befindet. Die Sozialdemokraten reklamieren die Wehrmacht als republikanische Garde, deren Zweck weniger die Abwehr äußerer Angriffe als vielmehr die Verteidigung der Staatsform ist. Die Christlichsozialen gehen darauf aus, eine „unpolitische" Truppe zu erziehen, die den Staat in dem Sinne auffassen und restaurieren soll, wie dies die gegenwärtige Regierungs- Majorität und die ihr zur Seite stehenden Organisationen . wie Frontkämpfer, Wehrbund, Schutzvereine, Heünwehren und ähnliche wünschen. Dieser Sinn ist die ZurÜckfiihrung des Kasernengeistes, die Aufrichtung einer Ordnung, die nicht von dem republikanischen Bürger und der Demokratie, fordern von dem Feldwebel geschützt wird. Wir halben kern Hchl daraus gemacht, daß wir die ganze Armee für eine herzlich überflüssige.Sache halten, die die Steuerkvaft der Bevölkerung in durchaus 'unproduktiver Weise belastet. Da der Friedensvertrag dem österreichischen Staat nicht gestattet, seine Heerscharen über'die Ziffer von etwa 30.000 Mann; hinaus zu vermehren, /jo hersteht es sich von selbst, daß: eineventueller Angriff von außen,, von irgend einem unserer bis an die. ZöhrA HepMen Rachbarn von die^r .. Armee kaum erNstNch 'aw^chMen wewen könnte- Mr die innere Ordnung rmd chren Schutz genügen' Polizei' .und Gendarmerie, und es hat sich bisher' GEsei Dank nirgends die Notwendigkeit erobert,' zur Unterftützung' der Sicherheitsbehörden militärische' Affistenz anzü-' sprechen. Welchen Zweck hat nun eigentlich diese AMee, die unter 22.759 Mann fünf Generäle, 601 Stabsoffiziere und einen Leutnant zählt, die dem Staat einen Aufwand von 14,3 Millionen Kromn jährlich pro Mann und 10,3 Millionen Kromn jährlich pro Pferd verursacht?! - Die Armee ist tatsächlich, wie dies seinerzeit der jüdischnationale Abgeordnete Stricker im Nätionalrat vorausgesagt hat, ein Gegenstand des erbittertsten Parteienstreites geworden. In diesem Streit geht es, wie bei allen Konflikten, die aus der sachlichen Besprechung ins Politische hineingezerrt werden, um die Macht, und das heißt in Oesterreich, um die RepMik oder um den Rückweg zur Monarchie. Die Armee, die nun einmal besteht, darf kein Parteiinstrument sein. Das ist klar. Sie muß, da sie von allen gezahlt wird, außerhalb jeder Politik bleiben. Das sagt Herr Baugckn und mit ihm alle Freunde der Entpolitisierung der Wehrmacht. Mer was sie darunter verstehen, das-schasst eben die Stimmung des Terrors, und es gehört viel rosenrüter Optimismus dazu, den Bestand des Terrors von dieser Seite her aus dem Handgelenk zu dementieren. Die Armee soll eben zu einem gehorsamen Organ ungestaltet, werden, das die völkisch-arischen Aspirationen verwirklichen und ihnen Helsen'soll, die Lösung der politischen und sozialen Probleme mit Flinte und Säbel zu versuchen. Die Wehrniacht soll die Kaders bilden, um die sich die sattsam bekannten, militärisch formierten und dressierten Korps der Rache sammeln und im gegebenen Zeitpunkt das Werk vollziehen, zu dem die geistige Vorbereitung in tausend Versammlungen, in den frechen - Mauewnschlägen und in der noch frecheren reaktionären Presse geschieht. Diese geistige. Vorbereitung erschöpft sich in der Identifizierung alles Bösen mit dem Juden und in der ununterbrochenen Betonung des antisemitischem Prinzips als der einzigen Heilquelle für alle Schäden. Alle arisch-völkischen Etappenoffizieve, die jetzt mit den gekauften Heldendekorätiorcen hemmsteigen, alle im Weltkrieg aus sämtlichen Fronten verprügelten Generale, alle Meister der Jntendanzschiebungen, alle Kommandanten der Spitals- und Beutezüge sehen mit \ hoffenden Augen aus die Hakenkreüzler rmd Front-, .. kämpfer, die ihnen wieder zu dm schönen Tagen ver-. Helsen sollen, wo man ungestraft brüllen konnte:'„Ein-' sperren das jüdische Schwein! Abtreten!" llrtb zur - Bor-: bereitung dieser kommenden herrlichen Zeiten dient der Terror der Stuvintrupps mit ihren Gummiknüttelu, soll die Wehrmacht dienen. Das ist die „Ent- Attentat Mf Pasit. Der Mer ein Bankbeamter. — Paste unverletzt. Agram, 27. Juni. Das Korrespondenz-Bureau meldet aus Belgrad: Als Ministerpräsident P a s i e um 1 Uhr nachmittags das Skupscht.rragebäude verließ, gab der Bankbeamte Mihajlo Naie vier Revolverschüsse gegen ihn ab, ohne ihn jedoch z n t r e f f e n. Das Motiv des Attentats ist bisher n n b e k a n n t. . Aus Ungarn... Agram, 27. Juni. Das Korrespondenzbureau nreldet aus Belgrad: Ministerpräsident Pasie hat durch einen Streiffchuß an der Hand mp durch Splitter einer Glasscheibe des Automobils, in dem er saß, sehr laichte Verletzungen an der Nase erlitten. Der Attentäter ist ein ungarischer Serbe, geboren im Jahre 1897, der nach langem Aufenthalte in U ngarn vor ganz kurzer Zeit nach Belgrad gekommen ist. Er war Bankbeamter in Budapest. Das Motiv der Tat soll politischer Natur sein, und zivar soll sie von der serbischen Nationalpartei (?) in Ungarn ausgehen. Belgrad, 27. Juni. Der Urheber des Anschlages gegen den MnisterPräsideMen Pasic,.Rare, hat angegeben, daß er einer serbischen Familie entstamme, die seit 16 Jahren in Budapest seßhaft sei. Er erklärte, 'daß ihn bei seiner Tat persönliche Motive geleitet hätten. England und das Mische Ball. Fudentum und Völlerbund. Der Präsident der Minoritätenkommission der in Wien tagenden Union.der Völkerbundligen, Sir Willoughby Dickins.on. hatte'die Freundlichkeit einen unserer-Mitarbeiter zu empfangen .und ihm gegenüber.-folgend^ angesichts der 'in dieser Kommission herrschenden einseitigen Einflüsse besonders bedeutsämeMAeußerungen getan: „England will', den 'Frichen der Welt erhalten. Das Un- , recht, dasin vielen Ländern - Mittel--: und Osteuropas den;nationalen/ sprach.l ich e n/und ■:xeligiös.en Min o r i t ä t en.zügesjjgt wirdiistellti'erne/ ernste Gefährdung des .HelMMnZ^yax.Me^M.dies^'Müwfitäten.'muß also allen... jönech die Hdgcht,st^,/he.ch,MWechHlüern.d zu,erhalten7Mn-! ruhe ejnflößen. Die ÄnzustrüüUhÄp Mst-jeitälen erzeugt in'' ganz Europa eine gereizte Stimmung, u^b so.lange.es de'n' be-. treffenden Staaten nicht gelingt, die Ndtionälitäten,^welche auf .ihrem Gebiete-leben, ausnahmslos zufrivdeuzustetteu, so lange . eiMlm Gruppen ' ' 5 ' ■;" wegen ihrer Rasse, Sprache ober Religion . unterdrückt werden,^ wird die Gleichgewichtslage in; Europa nicht herzu stelle n sein. > Wenn es der Mehrheitsgruppe auch scheint,- die Minorität ,'ohne Gefahr für sich selbst unter- . drücken.'zu können,' so hat es ja' d'e x Weltkrieg zur Genüge gezeigt, daß diese Rechnung falsch ist." Frage: Will England-seine imnoritätsfreundliche Politik auch in bezug auf die jüd.ische Bevölkerung in Mittel- und Osteuropa auswirken lasten? ' zweifellos! Und ich kanti dies ohne eine Sekunde Bedenken versichern. Den Schutz!; , Sympathie für das Judentum ist jedenfalls ein positiver Be^ standteil' der Stellungnahme Englands bei den verschiedensten Anläßen." Frage: Ware nicht die-Gründung einer jüdischen Völker- ' bundliga erwünscht? ' „Mgeiseheu davon, daß bei der Zerstrenungder Juden in der Welt eine solche Organisation ~ nicht leicht Zustandekommen würde und auch Bedenken juristischer Art auftauchen könnten, halte ich eine. Propaganda für . den Bölker- -bund und.Yen Frieden gercche unter Juden k aum f ür n ot- )v ewd i g. Der Sieg dieser Ideen wird gewiß' sticht ohne das Judentum zuftandekommen. Trotzdem wäre erwünscht) daßsich baSA Judentum eine Repräsentanz schaffe) welche bie GesaMett Äs Volkes vertritt. Wenn dies möglich, wäre, könnten die Rechte der jüdischen Minoritäten in Europa jedenfalls viel wirksamer geschützt werden." , ■ Frage: Ist nicht zu befürchten, daß die Oeffentlichkeit dir im Interesse 'der Minoritäten gefaßten Resolutionen der Union angesichts der Tatsache, daß die Lage der Juden in, rnanchen Ländern gar nicht erwähnt wurde, nichts ernst nehmen wird? ,; „Es ist ja bekannt, daß die Beschwerden der jüdischen; Minoritäten den Völkerbund ständig beschäftigen. Natur-- gemäß sind dort auch, Dinge wohlbekannt, mit Denen man sich aus Höflichkeitsruckstchten vielleicht nicht öffentlich beschäftigen will. ber jüdrschen Minoritäten betrachtet England womöglich in noch stärkerem Maße als seine Aufgabe, -als den anderer nationaler und religiöser Gruppen. Die, Achtung und das Interesse für das jüdische Volk kann in England durch nichts gehemmt werden und das Schicksal des Judentums ist für keinen Engländer bedeutungslos. Auch die euvopärsche jübrsche Frage spielt in der englischen Politik eine hervorragende Rolle.' Die' Die Untevdrückung dev Juden auf den Gebieten des Vereinsrechtes, des Unterrichtes, ja sogar der kulturellen und religiösen Tätigkeit in gewißen Ländern, ist nicht unbekannt. Die Minoritätskomm'lsston selbst wird sich ständig mit diesen Fällen beschäftigen und wird alles unternehmen, um Abhilfe zu schaffen. Die Unterdrückung der' Rassen-, Sprachen- und Religionsminoritäten muß jedenfalls aufhören, und gerade England wird stets sein Augenmerk auf diese Zustände richten." Gilt Mflawischrs SwDeräut. . Graz, 27. Juni. Die Tagespost" meldet aus Belgrad: Aus Sofia' werde berichtet, -^aß eine Sonderkommission. . im Archiv des ermordeten Mnisterprästdenten Stambuliiski sehr wichtige P0litische Doku-mentt gefunden habe. Vor allem sei der Kommission ein vollständig ausgearbeiteter Plan eines föderakrstischen südslawisch e n S t am t e s in die Hände gefallen, woimch eine' sevbisch-Zvoatisch-flowemsch-bulgLrisch-monten'egriinsch-maze-' donische.Union unter deMNamen,/Südslaw is ch e s I inst e r i u m". gegründet werden sollte, dessen Oberhaupt zu- ' erst König Alexander und nach fünf bis' füntzehn Zähren abwechselnd ein Sevbo-Kvoate und Bulgare sein sollte. . - ' - , - . Irr deutsche Ruhrproteft im eugiische» Unterhaus. Äonddn, 27. Jchri. Jn'B«L>Mtwötwirg''!M^^ im Unterhaus gestellten Anfragen erwiderte der Finanzsekretär, daß, so-' i lange Vechandhlngen Kölschen.'-der ^Mischen - und..fraWöstfchen ' Regierung andauem, keine Mtteilunigen über die V e r r e-ch-' nun'g der französischen BeseWngSkosten im Ruhrgebstt-gemacht werden könnten.. Weiters erklärte er, daß die britische Regierung "beabsichtige, dem 'Parlament die Note der deutschen -NeaieMng vorMlogen, worin sie gegen die von den französischen Truppen im RnhvgMet iperübten „Terrorakte" Protest erhebt. Die britische Negierung habe 'keineswegs die Mbsicht, in dieser Angelegenheit etwas zu unternehmen, da ihre Vercnrtwortl-ichkeit hierbei nicht itt Betracht komme. Weiters erklärte er, daß die britischen Behörden mit Dr. Dorten oder anderen Führern der separatestifchan Bewegung im Auslände .n-iemrlls verkehrt oder verhandelt haben. Sieg des Frauemechtes im Sberhaus. London, 27. Juni. (Wolff.) Das Oberhaus hat -den MN 8. Juni vom Unterhaus angenomnsenen Gesetzesantvrg über.die Gleichstellung der beiden Geschlechter bei Begxüwdung von'EhescheidungsNägen mit 95 gegen 8 Stimmen angenommen. Dieser Beschluß ist ein großer Sieg der Suffragetten.' - Masartzk nicht rrkraE. - Prag, 27. Juni. <Tschech.-s>low. Pveßbureau.) Die Rach» .rich-t.stl einiger ausländischer Blätter über die-Erkrankung des ' Präsidenten- Masaryk sind' nach den «letzten Jnsormationen aus stineL' all^nächsten Umgebung vol X ft än d i g n n w a h r. Der Präsident ist vollkommen gesund. Prag, 27. Juni. „Tribuna" erfährt an zuständiger Stelle, daß es sich bei der Erkrankung des Präsidenten M a-' , f a r y k nur um eine Verkühlung handle

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.