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Wiener Morgenzeitung · 1923-06-26 · Heft 1569 (26.6.1923) · page 1

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
5 (1923)
Issue
Heft 1569 (26.6.1923)
Date
1923-06-26
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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* EinzelnammerKlOOO Wien: Zum Abholen in der Expedition,II.,Taborstr.1-3, »der in einer Verschleisstelle (Trafik) monatl. K 28.000 Mit Postversand für Wien u. Oesterr. monatl. K 28.000 rener Ts ehe eh o-81 owake i: Mon. K17. Ungarn: Mon. K 600. Jugoslawien: Mon. Dinar 40. Polen: Mon. Mk.25.000.Deutschland: Mon.Mark 25.000. F r a n k r., Belgien: Monatl. Frcs. 8 MF* Nachzahlungen *MI bei Preiserhöhungen Vorbehalten tschech. K1-— Italien: Monatl. 10 Lira Rumänien, Bulgarin» Monatl. 90 Lei bezw, Lewa,; Schwe i z und das übrige j Ausland monatlich Frcs. 3 Redaktion u. Administration 1 Wien, II., Taborstrassei—3! Telephone: 44-0-38,43-3-19,; ab 6 Uhr abds.19-483,16-301 Tel.-Adr.: .Morgenzeitnng" Wien Oesterreichiscbes Postspar* j kassen-Konto Nr. 150.693 Nr. 1569 M Linzer Wahlen. —y. Wien, 26. Juni. Die Wahlen in die Linzer Gemeindevertretung, die am Sonntag stattfanden, haben mit einem Sieg des antisemitischen Radikalismus geendet. Die Nationalsozialisten, deren Stellung zu den Grundfragen des Staates genügend bekannt ist, haben vier Mandate errungen, in deren Verlust sich die Sozialdemokraten mit drei und die Christlichsozialen mit einem Mandat teilen. Dieser Wahlausgang ist ein mehr als lokales Ereignis. Die Majorität der Sozialdemokraten im Gemeinderat der Stadt Linz ist verloren gegangen und es versteht sich wohl von selbst, daß aus dieser Tatsache sehr gewichtige Schlüsse auf den Verlauf und das Ende der für den Herbst bevorstehenden großen Wahlen gezogen werden können. Die Pflicht, die kommenden Möglichkeiten rechtzeitig ins Auge zu fassen, besteht vor allem für die Wische Bevölkerung der Republik, die das Anwachsen der ihr feindlichen Stimmung nunmehr in den nüchternen Zisffern der Wahlstatistik vor sich sieht. Die Vorgänge in der deutschen Häuslichkeit, deren SpiegeMd jüngst in den Gemeinderatswahlen in Innsbruck und jetzt in Linz zutage tritt, zeigen ganz deutlich, daß sich das politische Empfinden der Bevölkerung nach der Seite der stärksten Reaktion entwickelt. Vielleicht wäre er unangebracht, von einem stärkeren AbbröMungsprozeß bei den Sozialdemokraten zu sprechen, die nur ihre Mitläufer verlieren. Klar ist aber vor allem, daß sich die politische Veränderung innerhalb der bürgerlichen Parteien vollzieht. Die Nationalfoziakfiten find eine junge und darum sehr offensive Partei, die mach nicht saturiert rft und wie jede radikale Gruppe sich! zunächst nach Innen auswnft. Sie Wagen, chre Schlacht j«uf dem Terrain der bürgerliche Parteien, und es sind 'insbesondere die Großdeutsihen, die den Mandathunger der Nationalsozialisten zu stillen haben werden. In -zloerter Linie stehen die Christlichsozialen^ die Haare lasten werden, und es. ist in erster Linie die Iudenfrage und ihre Austastung, die heute das bestNWnende Moment!.für die Wählerschaft geworden ist. Die bürgerlichen Parteien, die den Unfug der i tzakenkreuzler solange mit verschränkten Armen zugesehen haben, müssen nun erkennen, daß ihre Popularität unterwachsen ist, und sie werden sich jetzt anstrengen, das Versäumnis durch verstärkte crrÄisemitffche Aktivität nachzuholen. In dem politischen Programm der Nationalsozialisten spielt Wohl der Kanipf gegen die Genfer Sanierungsaktion des Völkerburü>es eine sehr große Rolle. Aber die Konventionen, die dieses Werk fundieren, sind mit so viel Kautelen umgeben und stehen so sehr unter der Kontrolle der ausländischen Gläubiger, daß ihnen auch die Opposition der Nationalsozialisten nichts wird schaden können, wenngleich die Hochverratsagitation sehr lebhaft betrieben wird. Aber in der Iudenfrage liegen die Dinge anders. Hier öffnet sich der Demagogie ein breites, nicht umhegtes Gebiet, auf dem sich alle austoben können, deren einträglicher Beruf die Vorbereitung des Iudenmordes ist. So tief auch die Differenzen zwischen den um den Wähler ringenden Parteien fein mögen — im Iudenpunkt besteht eina Einheitsfront, und es ist das ernsteste Gebot des Tagest an die Bildung einer jüdischen Einheitsfront zu schreiten. Die Gefahr ist auch dem blindesten Auge heute klar. Das vergangene Jahr hat gezeigt, daß das Ziel des antisemitischen Kampfes in allen Teilen der Einheitsfront das gleiche ist: die Vernichtung der bürgerlichen und politischen Gleichberechtigung der Juden, die Vernichtung ihrer wirtschaftlichen Existenz und die gesetzlich festzulegende Ausschaltung der Juden ans dem Schulwesen. Die ganze jüdische Gemeinschaft ist bedroht.'Keiner antisemitischen Partei fällt es ein,, eine Sondergruppe im Judentum als Angriffsziel zu nennen. Sie alle gehen auf. das Gesamtjndentmn los, die Numerus clausu's-Beschlnsse■ und die Optionsverordnnngen. ziehen ausdrücklich und mit unzweideutiger Klarheit eine scharfe.Grenzlinie zwischen dem bodenständigen christlichdeutschen Volk und dem Judentum. Die Hakenkreuzplakate an den Straßenecken, die, wie bekannt, unter dem besonderen Schutz des Gesetzes stehen, nehmen von der Hetze nicht einmal die Juden aus, deren Geld inr Hauptverband der Industrie zur Bewaffnung, der Pogrombanden mit Gumniiknütteln und Handgranaten verwendet wird. Niemand im deutschen Bürgertnm sagt ein ernstes Wort gegen diese moralische Verwahrlosung, und auch die Sozialdemokratie wünscht sich nicht durch Iudenschutz zu kompromittieren. Das jüdische Volk in Oesterreich muß sich zur Wahrung seiner Rechte und zur Sicherung seiner ■r> Wien. Siensfog, 26. Juni 1926. 5. Jahrgang Poinmres inmrpoMche Schwierigkeiten. Paris, 25. Juni. (Havas.) Die Sep katsgkuppe der demokratischen Linken hat heute darüber verhandelt, welche Haltung sie bei der Debatte über die Anfrage einnehmen werde, die der sozialistische Bürgermeister von Marseille Flai'ssieres an den Ministerpräsidenten Poineare wegen der von den Camelots du Roy hervorgernfenen Zwischenfälle stellen wird. Witz verlautet, sei beschlossen worden, daß sich die Gruppe, falls Poineare gewisie Punkte seiner in der Kammer abgegebenen Erklärungen über die Absteckung der Regierungsmehrheit in annehmbarer Weise klarftellen sollte, mit einer einfachen oder einer Vertrauens-Tagesordnung zufrieden geben würde. Wenn aber Poineare seine Erklärungen vollinhaltlich aufrecht erhalte, solle die Anfrage Flaisiieres' in eine Interpellation umgewandelt werden. Re Union der Böllerbundligen. Die Minoritätenfrage. In der gestrigen Sitzung des Präsidralrates der Union der Völkerbundligen wurde vom Generalsekretär ein Bericht über die Reibungen zwischen den deutschen und tschechischen Völkerbundvereinen in der Tschecho-Slvwakei erstattet. Gras Apponyi verlangte die Aufnahme des ungarischen Volkerbundveremes der Tschecho-Slowccker. Der Generalsekretär Ruyssen teilte mit, daß die Statuten des ungarischen Völkerbund- Vereines in der Slowakei HHHer nicht bestätigt seien und. der Verein daher derzeit nicht in 'die Union aufgenommen iverdm könne. Bezüglich der DifferenFm teilte Vas Präsidium der Ligen mit, daß es hier nicht gelungen ist, die Gegensätze auszngleichen und eine Verständigung zuev- Mn. . * Die ersten zwei. Kongreßt-age waren ausschließlich den Arbeiten in den, Kommissionen gewidmet, die außeroÄENt-; lief) viel MateriA zu bsstMigerv chatten. ->Ditz Kommistüm - f ü r internst ihn alo Huf am me n a r ibe it die ökonomische Kommrstion hMn ihr Programm erledigt, ihre Berichte werden an erster Stelle der BoMersammlung unterbreitet werden. Die M i n o r i t ä t e n k o m- Mission war sehr zahlreich besucht, die Diskussion gestaltete sich schr lebhaft. Zur Annahme gelangte der Bericht der ständigen MawriÄterckoMmission mit einigen mvweifeMichen Aenderungen. Schr bewegt war die Debatte in der Abrüstungskommission. Besonders die Frage des Schutzes für die auf Grund der Friedensverträge ent- Üvaffneten Staaten ries lebhaften Widerspruch hervor. Schließlich wurde jedoch ein vollständiges Einvernchmen erzielt. Die Kommission ist in der Lage, der Vollversammlung Beschlüsse Vorzügen, die einstimmig gefaßt wurden. Die juristische Kommission erörterte in sehr anregender Weise Fragen Völkerrechtlichen Inhalts, die Teilnahme an der Debatte war gleichfalls eine schr lebhafte. Für die Beratungen der Kommission für politisch e F ragen gab sich ein sehr großes Interesse.kund. Im Vordergrund der. Diskussion stanld das Röpamtionsproblenr. Die Kommission dürfte erst im Laufe des morgigen Tages zu entscheidenden Beschlüssen gelaugen. Botschaft Lord Robert Ctzeiks. Der frühere Präsident der englischen VÄkevbundliga und Nfinister des jetzigen Kabinetts Lord Robert Cecil sandte an den Prüsidenien der österreichischen VöWevbundliga Botschafter a. D.'Dr. C. Dumba folgendes'Schreiben: The Treasury, Wichehall, London S. W. 1,16. Juni 1623. Lieber Dr, Dumba!. Die Vollversammlung der VÄkevbnndligenunion,. die am 24. Juni iu Wien zusammentritt, ist eine Zusammenkunft" von großer Bedeuüurg. Denn die Unterstützung durch die öffenlliche Meinung ist für den Erfolg des Völkerbundes von vitaler Bedentung und diese Unterstützung hängt in weitem Maße von den Bemühungen, der verschiedenen Völkerbuudligen in ihren Ländern ab. Ich hege die volle Zuversicht, daß die Völkerbuudligennmon sich stets vor Augett ^halten wird, 'daß die Ermutigung dieser Bemühungen den wertvollsten Teil ihrer Arbeit bildet, damit der Völkerbund selbst in seiner hohen Aufgabe erstarke. Und diese Ausgabe besteht darin, den Krieg zu vernichten, den guten Willen und ein besseres Einvernehmen herzustellen nicht .nur zwischen den Nationen, die einander im.Weltkrieg feindlich gegenüberstanden, sondern zwischen allen Völkern der Erde. Mit aufrichtigsten Wünschen für ein volles Gelingen Ihrer Versammlung Ihr ergebener R o b e r t C e c i l m. p. Pokert und Tschechen. . Prag, 23. Juni. Das dem Außemmmsterimn nahe» stehende „Ceske Slovo" wendet sich gegen die letzte Rede des polnischen Außenministers Sehda. Es erklärt, daß ein derartiges undiplomatisches Vorgehen zu deinem Bünd^, nis führen werde, ckbenso wie auch die Iavorrna kein Kauf-' Preis fiir ein Bündnis Mit Polen sein könne. Man denke nicht daran, sich dem Urteil einer Kommission zu unter- ' werfen. Was die Klage der Polen über die Behandlung der polnischen Minderheit in Teschen betreffe, so wäre cs angezeigter, wenn die Polen den deutschen, rut herrischen, jüdischen und litauischen Mindecheiten in ihrem Lande ebenso entgegen kämen, wie die tfchecho-slo- 'wakische R^rerung den polnischen. Die Polen mögen sich nicht in die inneren Angelegenheiten emes fremden Staates mengen. Wenn diese Ermahnung nicht genüge, werde ein Verweis' aus dem- Fuße folgen, der laut genug sein werde, daß man ihn auch in Paris, London und Rom Wen werde. , " , Unggrn auf deut Kongreß. Ein Teilnehmer an der gestrigen Sitzung sendet uns das folgende Stimmungsbild: ., , . Immer dasselbe' Bild: Interparlamentarische Union, paziftstische Kongresse, Union der Völkerbundligen, immer die nämlichen feierlichen Gesichter urck nichtssagende Redewendungen. Betatignngsgebiete von pensionierten Ministern und Abgeordneten, die der Oeffentlichkeit doch noch nicht gänzlich Adieu sagen wollen. Ünter ihnen hoffnu'Ngsvolle Klubsekretäre, die außer ihrer Hebamme noch niemand ohne Monokel geschen hat; man köiMte Ivetten, daß drei Viertel ihres Wortschatzes aus dem DueWodex herstamnit. Man muß verzweifeln, wenn man diese abgelegten Staatsmänner sich als . Verfechter der hehrsten Ideale der Menschheit gebärden sieht: Menschlichkeit, BölkervevföhmMg, Frieden sind hohl Wngende Worte in chrem Munde, Don den meisten weiß überhaupt niemand, was sie als Mitglieder irgend einer Regierung oder gesetzgebenden Körperschaft geleistet hatten — und von denen man es weiß, wäre es besser, es nicht zu wissen. Irgend jemand beendet seine Rede unter allgemeiner Interesselosigkeit. Ein gedungener Klatscher in der Ecke beginnt zu applaudieren . . . Vor der. Sitzung. Ein Delegierter aus der Menge spricht mit einenr ungarischen Grafen. Der Delegierte, zufällig ein Jude, und der Graf ein Graf, der es nicht eben zu verheimlichen pflegt,' daß er keine Juden leiden kann. Aber der Graf ist jetzt sehr liebenswürdig, da Ungarn bekanntlich die Synrpachien der Welt nötig hat. Einzelne Worte gelangen, an.mein . Ohr. Der Herr Graf gebraucht ganz sonderbare Worte: lauter hohe Ideen. Kenner seiner politischen Tätigkeit meinen, auch äls schönste Lied dev Nachtigall komme nur aus der Kehle. und nicht aus dem Herzen. Doch der alte, närrische Jude läßt, sich nati'rrlich betören. Er ist bezaubert und man kann damit rechnen, so oft. der Herr Graf in. Hinkunft wieder einmal der Unterdvückung der . Juden in seiner Heinrat. Vorschub leistet, der 'Jude von der gräflichen B-MMtschaft wird ihn vor der Oeffentlichkeit stets in Schutz nehmen. Denn er ist ein Anhänger, der bürgerlichen Demokratie, und des Liberalisbnus. auf Kosten des Inden. Er spricht in der Sitznng sehr folgerichtig gegen den.i'lbevhandnchmerrden Ztationalismus ür der Welt. Er findet, Nationalismus und Völkevversöhnnng seien Gegensätze. Ihre Synthese in der jüdischen Prophetie kennt er. natürlich nicht. Er ist eben ein aufgeklärter Jude. Ein ' Gcgenredner kritisiert eine belanglose Bemerkung nnt ätzender Schärfe. Der Alte verteidigt feine Position und scheint, es nicht zu ahnen, daß man den Juden 'angreifen will und nicht seine Meinungen. Man hört ihni mit wohlwollender Herablassung zu. Eine Statue der Klio sicht im Saale. Unwillkürlich blicke ich hin. Sie lacht. schwört-es die ungarischen Zustände herauf, deren Ausbreitung zu einem politischen System nur durch die Vertrauensseligkeit und die mangelnde politische Organirr -Ä-Mw Möglich Mx, Auch in OMMch MM der nationalistisch-arische Chauvinismus nach dem Besitz der Macht, deren Wirkung das Iildentum in feinet Gänze zu fühlen bekommen wird, wenn es sich nicht zui Lechten Zeit M.die Waülen.organisiert.; ..... _ ,

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