Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 5 (1923)
- Issue
- Heft 1559 (16.6.1923)
- Date
- 1923-06-16
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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EtazelnmnmerKlOOO Wien: Zum Abholen in der Expedition, lI.,Taborstr.l-3, oder in einer Verschleisstelle (Trafik) monatl. K 28.000 -Mit Postveraand für Wien u. Oesterr. monatl. K 28.000 1s ehe eh o-8 I owa lc ei: Mon. K17. Ungarn: Mob, K600. Jugoslawien: Mon. Dinar 40. Pqlen: Mon. Mk.l5.000.Deutschland: Mon.Mark 15.000. F r an k r„ Belgien: Monatl. Frca. 8 |g* Nachzahlungen M b«i Preiserhöhungen Vorbehalten. i '■ Vschetho-Siowakii, tschech. K 1.- Italien: Monatl. 10 Liri Rumänien, Bulgarin! Monatl. 90 Lei bezw, Lew», S chw e i z und das übrig» Ausland monatlich Ff cs. i Redaktion u. Adniinistratioi Wien, 11., T aborstrasse 1 —3 Telephone: 44-0-38,43-3-19 ab 6 Uhr abds. 19-483,16-301 Tel-Adr.: ,Morgenzeituhg* Wien Öesterreichisches Postspar kasseri-Konto Nr. 150.691 Nr. 1359 Zank an die 8ude«. —7. Wien, 16. Juni. Gm österreichischen Nationalrat Hat dieser Tage der Bundesfinanzminffter Kienböck die' abschließenden Mitteilungen über di« Völkerbundanleihe gemacht und hiebei I auch allen jenen Personen den Dank ausgesprochen, die sich um das Zustandekommen - der Anleihe verdient gemacht und Oesterreich geholfen haben, den Weg zur Sanierung zu betreten. Es war ein öigenEmMhes Bild, das der I Nationalrat bei dieser Stelle der Ministerrede bot. Vorher; hate eine Debatte über Land- und Forstwirtschaft einem ' Sozialdemokraten, einem Christlichsozralen und einem Großdeutschen die Gelegenheit geboten, sich in antisemitischen | Purzelbäumen zu überschlagen, wobei ihnen die Parteigenossen durch lebhaftes Händeklatschen das erforderliche Stimulans beistellten. Als aber der Minister dann die Namen der Personen murrte, denen Österreich tiefsten Dank schuldet, wurde es auf allen Bänken still. Herr Kienböck mußte lauter jüdische Namen nennen: Rvstnberg, Novmann, Strakosch, Wallerrberg. Die Volksvertreter, die einander eben noch die Judenknechtschaft und' den Judenschutz vorgeworfen hatten —- der.Sozialdemokrat hatte von bert ,^beschnittenen" geredet —, mußten jetzt deu-quälenden Gegensatz zwischen der Wahrheit und ihrem Getue erkennen. Wahrend sie die Lebensunfähigkeit Oesterreichs, zur. Grundlage ihres Wirkens gemacht und damit aller .Welt die Ueberzeugung hatten beibringen wollen, daß dieser Staat, zum Untergang bestimmt-sei und daß es deshalb unangebracht erschiene,-ihm aus den Sumpf zu helfen, war von jüdischer Seite der Beweis des Gegenteils geführt worden. Daß dieser Beweis gelungen ist, ist zugleich auch ein Bur eis für die Sachkenntnis und den guten politischen . Bück, den , diese jüdischen Persönlichkeiten gezeigthatten und.es ist zugleich ein Beweis dafür, daß sich das Judentum, in dieser Zeit * -jm Wien. Samstag, 18, Juni 1929 5. Jahrgan» sche Initiative, in Europa lähmt. Wer etwas Gutes tut und sich mit seinen Gedanken und Werken in das Licht der Oeffentlichkoit stellt, mutz darauf gefaßt fein, mit Schmutz und Steinen beworfen zu werden. Es gibt bielleicht keinen schlimmeren Anreiz zum Haß als das Bewußtsein, von niemandem etwas Gutes empfangen zu haben. Es ist daher nur sMsjverständ'lich, daß die Pvest orgaue der österreichischen Regierungsmajorität sich durch eine Verschärfung ihrer Pöbeleien an den Juden zu rächen versuchen. Sie erkennen ganz genau, daß in dem energischen Eintreten der von Kienböck genannten Juden für die österreichische Sanierung doch etwas mehr liegt als ein Finanzgeschäft. Es ist ein Bekenntnis zu der Idee des Völkerbundes,. durch gemeinsame aufbauende Arbeit die materiellen und moralischen Schäden des Krieges zu heilen und die Völker aus der Unfruchtbarkeit der Revanchehetze zur Versöhnung zu führen. Das ist ein Ziel, das der österreichischen Regierungsmehrheit und ihren Gleichgesinnten in anderen Ländern bis in die Seele zuwider ist. Das Zeichen, in dem sie siegen wollen, ist das Hakenkreuz, das Symbol der Verfolgung und der Unterdrückung der Juden. Die jüdische Arbeit aber greiftüberall. dort ein, >vo sie positiv wirken kann, wo die vom Krieg verurteilten, aber noch nicht beseitigten Ideen der Gewalt versagen. Die Resultate dieses jüdischen Wirkens läßt sich die avischvöMfche Gemeinschaft gerne gefallen und da das Annek tieven ihrem Wesen entspricht, so annektiert sie auch das, was der jüdische Fleiß schafft. Es wird eine Ideologie des Betruges verbreitet. Wäre die Sanierung mißlungen, so hätte es kein Wort -des Schimpfes Und des Hasses gegeben, das nicht über , dem Grab des Dr. Rofenberg 'gesprochen worden wäre. Da die Sanierilng gelingt oder zu gelingen scheint, so ist es der Bundeskanzler Seipel gewesen, ter sie erreicht hat und er ist von diesem Gesichtspunkte aus mrchaus im Recht, wenn er der soKialdemokratifchen Kritik vorwirft, -daß sie keinen Gvund habe, antisemitisch zu sein. Es ist unter diesen Umständen, nicht weiter verwunderlich, daß auch diejenigen österreichischen Kreise, die vermöge ihres Berusts. und ihrer Kenntnis der Vorarbeiten ür die Sanierung die Bedeutung der jüdischen Leistung lar erfassen müssen, auf ihrem antijüdischen Programm liehen bleiben. Es ist nicht verwunderlich, daß die Regierung wch immer nichts getan hat) um die Bestimmungen der Verfassung über die Freizügigkeit auch für die Juden zu sichern und es ist nicht . verwunderlich, daß die Großindustrie ihre Subventionen für die Hakenkreuzler auf- *- wchter'hält. Diesen Kreisen sind die^ Juden, die den Frieden vollen, verhaßt. Sie halten es mit dem Stinnes, der den Woh-lstand und die Freiheit der Deutschen im Reich, und n Oesterreich an die französische Kanonenindustrie ausiiefert. Das ist die Jnteressengemamschaft, die arische dämlich. Sofia, 15. LiUnA (Tel. der „Wr. Morgenztg.") Der gestüMe Ministerpräsident Stambuliiski Golak ergriffen. An es ihm, zu entkvm und erschossen. *>• Die Negierung Bericht: Stamhuli Meierhof in S l a w flüchtet. Dort traf Fester» um Militär zu feiner -Verhaftung rde gestern früh in dem Transport gelang n. Er wurde verfolgt erüffentlicht folgenden ki war aus seinem witza nach Golak ge- V Uhr früh ein. Starnbuliiskr hatte sich ay den Kommandanten der Truppen mit der Erklärung gewendet, daß er sich e r geben wolle. Um ü Uhr nachmittags war Stambuliiski in einem Automobil von Wetren stach Tatar-Pazardschik gebracht worden. Da die Menge ihn b e s chi m p f t e und sogar l y n ch e n wollte, wurde Stambuliiski zur Vermeidung von Zwischenfällen neuerlich nach Slawowitzn gebracht.. - Auf dem Weg nach dieser Ortschaft griff eine Gruppe von bewaffneten Bauern den Wagen an, wob ei es Stambuliis ki gelang, zu entkommen. Es erging sofort der Befehl, ihn zu verfolgen, festzunehmen und unter guter BedechustK nach Sofia einznliefern. Während, der Verfolgung kam es zu einem F e. n e r g e f echst, in dessen Verlaufe Stambuliiski getötetwurde.; AieWuetznteuteMd Bulgarien. . -Die' BesetzÄDgjHofistB Wplästt. ^' B e l g r a d, li; der „Wr. Morgenztg ") Die „Txibstna" meldet: Die Staaten der kleinen Dntente sind übereingekommen, daß die südslawische Regierung i n ihr e nt Nam e n die Beschlüsse über die Haltung der kleinen Entente gegenüber B n lg a r i e n ansführt. Falls sich die kleine Ent ente für eine bewaffnete Intervention entschließt, wird die südlälvische Regierung sei tens Rumäniens, Griechlands und der Tschecho-Slowakei ermächtigt werden, Sofia'zu besetzen, um die Ruhe und Ordnung herzustellen/Ansterdem entschied sich die kleine Entente dafür, gegenüber Bulgarien nur entsprechend den Erfordernissen ihrer eigenen Interessen, nicht aber jener der Alliierten vorzugehen. Mnzelheiteu Wer de« Reftaumtiourvutsch. Exkönig Ferdinand in Wien. Aus Mener diplomatischen Kreisen gehen der,Wiener Morgenzeitung" die folgenden Informationen zu, die auf Grund brieflicher Mitteilungen aus Sofia geschöpft sind: Es bestätigt sich, daß der Sturz Stambuliiskis das Resultat einer von langer Hand und sehr oorsichtig vorbereiteten Aktion ist, die zuerst'den'Zweck hatte, den Exkönig Ferdinand wieder aus den Thron zu bringen, dann aber auch als Teil -der in Deutschland zentralisierten Reaktronsbewegnug auf den Zusammenbruch des gesamten, derzeit in Europa bestehenden politischen Systems h.nzielt. Als der schwächste Punkt in der jetzigen Konstruktion Europas kam derzeit Bulgarien in Betracht, weshalb das in Berlin arbeitende Umstnrzkomitee seine Anstrengungen auf dieses Land' bereinigte. , An der Ovgänistemng des Reparationsputsches wirkten alle Gegner Stambuliiskis mit.- Es gelang nach und nach, in Bulgarien über 60.000 Reserveoffiziere-und Soldaten für den Plan, zu gewinnen; nachdem nijan sich auch'die Mithilfe der Mazedonier gesichert hatte, die über 25.000 Komttatschis zur Verfügung stellten, schritt man zur Ausführung des Staatsstreiches.. Der gegenwärtige Zeitpunkt warnicht schlecht gewählt.- Die . politische Aufmerksamkeit der Großmächte ist gegenwärtig vom Balkan weg auf das Rnlzr- I, gebjeb gerichtet und, die einzige Macht, die den Balkan nie" ' aus den-Augen läßt, Jtäl i e n, war an dem Gelingen des' Putsches direkt interessiert. Auch innerpolitisch war die Situation günstig, da die Bauern, deren Regime gestürzt werden sollte, derzeit.vollauf mit den Vorbereitungenzur Ernte beschäftigt sind. Man versprach den > Putschisten alles Erdenkbare, insbesondere aber den M azedoniern die direkte Unterstützung ibver Beftvebunsen. Auf der Flucht erschaffen. das griechische und serbische, Mazedonson zurück^uerobern um es mit dem bulgarischen Teil in einem autonomen unter bulgarischer Souveränität. stehenden Staatsivostn zu vereinigen., In diesem Punkte erfreuten üch die nmzedonischen Revolutionäre auch der direkten Unterstützung Italiensdenn b efer Saar hatte den von Sia.nonlust. abgeschlossener Rischer Vertrag ung rn geststn. da er die. politische K'Njc':di"iuug am Balkan beMnstigte, während Jtalrcv eine ständige Rückenbedrohung Jugoslawiens, wie' sie durch die fortwährenden mazedonischen Bandenkämpfe erreicht wurde, ftir seine Zwecke brauchte. Au der Vovbereituiig des Putsches nahmen auch . . die Wrangel-Organisattonen teil, die durch Stambuliiskis energisches, Auftreten in,Mev Verschwörungen gestört worden waren. Es, ist bekannt, daß, diese Kreise der . russisch-reaktionären, Monarchist, iv direkter Verbindung mit General. L u d e n d o r f f stehen, als dessen Vertvauensnmnn. General , Biskupski fungiert., ' ' Die Vorbereitungen der militärischen Aktion. wurden erst vor,^kurzem dem mazedonischen Führer General Protogerow übertragen, der von, seinem ständigen Wohnsitz Berlin n a ch B u da p est übersiedelte, um, von dort aus die Aktion zu leiten In.ButzapisyifMst. fustgieM Todor Aleksandro.w^chlDMr'Mellvertret^/ währeM General Lazärow die Heserveofsizieve. organisierte.- ’ Als alles bereit war,, schritt.uian zur Ausführung der Aktion. Der Putsch Wurde' nur ' in' der' Hauptstadt ' selbst vollzogen. Mit ^den. Ministern und-eiWtzlnen.' Abgeordneten^, -wuxde auch die' ga n z e P ol'izei verhastet. Den' .SWr- Mtsdienst übernahmen . MWärdekacheBeuts.^ - Der , Ausgckng'Ärs StaatsstreicheZ wurhe.östrch.'*,• - -' ( 7 . das passive Beryaltm der Kormmmifirtt begünstigt, die durch ihr Verhalten SiamibüliiM beweisen wollten, daß er, der sie vor kurzem fallen ließ, ohne-sie nicht regieren könne, da er bloß das Land,,,sie.aber.die Städte beherrschen. ' ' " Exkönig Ferdinand ist nun in Begleitung seines früheren Hoftnarschalls Weich, der während des Krieges Bulgarien im österveichi-- schen A. O. K., vertrat, von.Bad,- Mrgentheim. dur ch, Wien nach Budapest abgereist, um von dort aus dje weitere Entwicklung der Situation abzuwarten. Wie wir erfahren, hat ,E xkönig Ferd in an d während. seines nur wenige Stunden dauernden Aufe-nthaltes in Wien in -dem Coburg-Palais auf der - Seilevstätte gewohnt. Einen Tag später kam auch .sein zweiter Sohn, Prinz CyrilZ nach Budapest. Auf Anraten des Exkönigs bleibt Protogerow weiterhin in Budapest, um die von der neuen Regierung ausg-egebene Mitteilung,- die Revolution sei eine nationale, nicht zu desavouieren. Dadurch will mancmch den Nachbarstaaten jeden Vorwand, für eine -Intervention nehmen. Zur Umgebung Ferdinands gehört auch - der Schwiegersohn Radoslawos, Dr. Anaftasow. Durch diese -Einzelheiten' scheint der Boweis erbracht, -daß die bulgarische Revolution zunächst nurzu dem Zwecke unternommen wurde, um den Exkönig.Ferdinandwieder auf den Thron zu bringen. Der jetzige König Boris >war damit einverstanden, da er nur in einer solchen Revolution die Möglichkeit sah, Stambuliiski, der nicht mchr hinter, sondern vor der Krone stand, zu beseitigen. Die HalUmg und Befestigung des neuen Regimes wird davon abhängen, wie weit die neue Regierung die den Mazedoniern gemachten Versprechungen halten wird. Solle Zankow das Rischer Uebevernkommen nicht erfüllen, was er den Mazedoniern zulieb zu tun ' gezwungen wäre, so würde Jugoslawien mit Berufung auf -das Wiederaufleben, der mazedonischen Bandenkämpfe. in Bulgarien einwarschieren und dadurch den Sturz der Regierung Z a n k o w erzwingen. Als eine der merkwürdigsten Erscheinungen dieser Gegenrevolution kann angesehen werden, daß . die Zankow-Regierung keinen einzigen , Auslands-Ber- - kreier besitzt. Alle Gesandten Bulgariens gehörten mit alleiniger Ausnahme der Wiener Vertreters Stoilow zum Parteikreis Stambuliiskis. Sie haben sich jetzt ' dein Prager Gesanden Daskalow unterstellt, gegen den vorgestern Herr Dr. Stoilow öffentlich , polemisierte. Dr. Stoilow war Sekretär des Ministerpräsidenten Ra d o skaw o w, der sich in Berlin befindet, und vertritt desierr Politik. / .