Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 5 (1923)
- Issue
- Heft 1558 (15.6.1923)
- Date
- 1923-06-15
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Etnzelnnmi&er K1000 Wiea: Zu,raAbholen in der Expedition, II.,Taborstr.l-3r oder in einer Verschleisstelle (Trafik) monatl.' K 28.000 Mit Postversand für Wien n. Oestcrr. monath K 28.000 Tschecho-S,lowakei: Mon. K17. Ungarn: Mob . K 600. J ü g o s,I awi e n: Mon. Plnar 40. P o len: Mon. Mk.15.000. Deutschland: Mon.Mark 15.000. Fr am k r., Belgien: Monatl. Frcs. 8 >G- Nachzahlungen *W0 bei"• PreiaerhShupgen Vorbehalten leitet /sch«cho-tf lowakftl I tSChttCh. Kielt a l i e n: Monatl. 10 Lire R u m an i en, Bulgarien Monatl. 90 Lei bezw. Lewa, Schweiz und das übrige Ausland monatlich Frcs. 3 Redaktion u. Administration Wien, 11., Taborstrasse 1 —3 Telephone: 44-0-38,43-3-19. \ ab 6 Unrabds. 19-483,16-301 Tel.« Adr.: .Morgenzeitung** Wien Oesterreichisches Postsparkassen-Konto Nr. 150.693 Rk. 1338 Wien. Freitag. 15. Fnni 1923 s. Fahrgang Stollen. Franlreich und der Ballan. Ls. Wien, 15. Juni. Parallel mit der. Annäherung der italienischen Politik an die englische vollzieht sich in einem immer größeren Fragenkomplex ihre Entfremdung von der französischen. Gab es früher zwischen Frankreich und Italien nur in der deutschen Frage und auch hier nur insoferne Differenzen, als Italien im Ruhrgebietkonflikt dauernd das Zünglein an der Wage Men wollte,so mehren sich jetzt die italienisch-französischen Gegensätze nach dem Umsturz in Bulgarien auch als Konsequenz des jugoslawisch-italienischen Gegensatzes. Ein großer Teil der italienischen und speziell der faszistensreundlichen Journale ist besonders über die jüngsten Inspektionsreisen des französischen Generals - Leronde nach verschiedenen rumänischen und jugoslawischen Festungen und Hasen sehr verstmunt. Erst vor kurzem erklärte die römische „Gpoca" die französischen Ziele bezüglich Jugoslawiens der auf die Freihaltung der Adria gerichteten italienischen Politik gegenüber für durchaus entgegengesetzt. Die Revue der jugoslawischen Flotte in Cattaro sei für die französische Politik gegen Deutschland absolut überflüssig und werde, wie überhaupt die ganze französische Ostpolitik, für Italien gefährlich, dessen Sicherheit die französischen Rüstungen auch im westlichen Mtteilmeer bedrohen. Der Mrsbau des französischen strategischen Bahnnetzes in der Provinz Nizza — das bekanntlich nicht an Deutschland grenzt —. die Landungen von französischen Senegalnegern in Korsika, einer Insel,, me Genua und nicht Hamburg' gegenüber liegt, und endlich die Unterstützung der Separatisten in Sardinien durch Frankreich bergen nach dex Aufsagung der „Epoca" ruch-der hinterHMN stehenhen italienischen Militärkverse große Gefahren für Italien.? v :; Italien hat vor dem Weltkrieg am Balkan mit den Serben sympathisiert und in den letzten Friedens- Verträgen, durch Vermittlung Englands und ' Frankreichs, sich auch teilweise vorübergehend mit dem jugoslawischen Staate verständigt. Doch diese Verständigung war kein Ausgleich von Volk zü Volk, wie unter anderem auch die andauernden nationalen Zwistigkeiten Zwischen Italienern und Jugoslawen in Istrien und Dalmatien, Triest und Fiume beweisen. Aber abgesehen von diesen Differenzen droht, als Konsequenz der bulgarischen Umwälzung und der Aufrollung der mazedonischen Frage, auch das albanesische Problem. Italien hat sich als Folge der Austeilung Mazedoniens an Serbien, Griechenland und Bulgarien auch mit der Austeilung Albaniens vorübergehend abgefurwen. Wenn aber die Revolution in Bulgarien zu neuen Komplikationen in Mahonien führen sollte und es zu Verwicklungen zwischen Bulgarien einerseits und Jugoflawien sowie Griechenland andererseits käme,' dann wäre auch der Zusamenstoß der italienischen und französischen Politik am Balkan unvermeidlich. Während Frankreich, wenn ein bulgarisch-jugoslawischer Ausgleich ihm nicht gelänge, entschieden für Jugoslawien Partei ergriffe, würde Italien jedenfalls auf seiten Bulgariens treten und sich als Anwalt der Mazedonier, Albanesen und Montenegriner beim Einmarsch der italienischen Truppen in Albanien und Montenegro aufspielen. Sehr beachtenswert ist die Stellung des Bauernführers Radic, der sich gegen Italien'und Frankreich wendet. In seiner Zeitschrist „Slobodni Dom" nimmt Stephan Radic, ähnlich wie manche tschechische Blätter, sehr sympathisch für die englische Politik Partei, „die dem französischen Einfluß nicht nachgebe, der in Prag, Warschau und Belgrad den Krieg vorbereitet". Die übrige jugoslawische Presse, auch die der zentralistischen Richtung, blickt sehr besorgt auf die englisch-französischen Differenzen, um so mehr als sie durch das Näherrücken Italiens cm England ein Wachsen des italienischen Einflusses itu Adriagebiete und speziell in Albanien befürchtet. Sehr komplizierte werden diese Angelegenheiten noch durch den noch keineswegs endgültig beigelegten griechisch-türkischen Konflikt und die schwankende Stellung sowohl Frankreichs tvie Italiens , zu dieser Streitfrage. Ein etwaiger Aufstand in 'Mazedonien lyürde automatisch auch diesem ' griechisch-türkischen Konflikt eine andere Richtung geben 'und möglicherweise den von-Italien geförderten albanisch-<bulgarrsch-türkischen Block zum Eingreifen in den Balkankonflikt ebenso veranlasien, aber auch» Rußland das Stichwort bringen, aus seiner Neutralität herauszutreten. . In welcher Weise eine russische Aktion erfolgen würde, darüber gehen die Meinungen auseinander. In manchen Bal- Baldwin für Uebereinftimmung mit Fraulreich. — Anftagm nach Paris. - Palmare für eine Sachverstimdigeakommissio«? Der englische Kabinettsrat. London, '13. Juni. (Reuter.) Unter dem Borsitz des Premierministers Baldwin wurde heute eine K abinettssitzung abgehalten> in der die Reparationsfrage einer eingehenden Besprechung unterzogen wurde. Eine Erklärung über die britische Politik wird nicht vor nächster Woche erwartet. Es herrscht die Ansicht vor, daß es unbedingt notwendig sei, zu einer Entscheidung zu gelangen, und daß alle Mittel angewendetwerden müßten, um eine U e b e r e i n st i m m u n g zu erzielen, die eine Einigung auf eine-von den Alliierten zu befolgende Richtlinie ermöglicht. Zwischen -den alliierten Hauptstädten finde ein lebhafter Verkehr: statt.'Ta Frankreich die Frage des passiven Widerstandes zum wichtigsten Verhandlungspunkt gemacht habe, versuche Großbritannien, genau in, Erfahrung zu bringen, was Frankreich unter der Forderung, den Passiven Widerstand zu beendigen, verstehe, und ob eine gemeinsame Politik geführt werden.könne, die für beide Länder befriedigend wäre. ,, Das britische Mernouanbrnn an Frankreich. Wie die Agence Ha das meldet, wurde am Quay d'Orsay das vom englischen Kabinettsrat beschlossene britis.che -Memorandum überreicht. Darin werden Aufklärungen über die Bedingungen verlangt, unter denen Fvarckreick^on Deutschland' die Beendigung des passiven Widerstandes zu fordern beabsichtige, sowie über' die Modalitäten, die für die Bezahlung der Reparationen ins Auge gefaßt werden. - Londoner Meldungen ergänzen die nicht.-altzu klare.Wiedergabe des Inhaltes des Memorandums dahin, daß England zu wissen -wünscht, ob Frankreich und Belgien,, falls Deutschland -den passiven Widerstand aufgibi, bereit wären, die Ruhvbesetzung auf das ursprünglich in Aussicht genommene Maß zu reduzieren und die Zollbeschränkungen zu erleichtern, ferner, wie nach den Plänen Frankreichs und Belgiens bei Zahlung durch Deutschland die allmähliche Räumung des 'Ruhrgebietes vor sich gehen soll. Besprechungen zwischen Baldwin und Poineare? Mehrere Londoner Bltter wollen wissen, daß angesichts des sich als schwerfällig erwiesenen diplomatischen Verkehrs zwischen Frankreich und England in der Frage der gemeinsamen Antwort in Deutschland m Kürze, eine Entrevue zwischen Baldwin und Poineare stattsinden' soll. Es scheint, daß Poineare dem Vorschlag einer Prüfung der Zahlungsfähigkeit Deutschlands - durch eine Sachvevstä-ndlgungskommission' nicht völlig ablehnend gegenüber steht. Diese Kommission würde jedoch erst an die Peche kommen, wenn eine gemeinsame Beantwortung der deutschen Vorschläge ermöglicht ist. Ae «irre» i» Bulgarien. «MgemUgMstmüi? - Flucht der MlMeri Aow. — I« MenbWiWG, - WchMn« iuRumSnien. deshalb auch . bieT gegen Kapital, Banken, Börsen-urck ändere ähnliche Einrichtungen gebilligt. Man müsse sie in ihrer Mtzbringenden Rolle belassen, gleichzeitig -aber-auch. Maßnahmen treffen, um Mißbräuche zu verhindern Ungarm wittert weitere Konflikte. Budapest, 14. Juni. (Del. der ,ßk. Movgenztg.") Die Gegensätze zwischen der Gömbös-Gruppe und der Regierung verloren in den letzten.Tagen angesichts der bulgarischen Ereignisse ihre Schärfe. Der Sturz der Bauernrogierung Stambul'i i s k i s, noch mehr aber der Sieg der nach Budapester Ansicht kriegerisch und. revanchistisch gesinnten städtischen Elementen fand in der gesamten ungarischen christlichnattonalen Poesie lebhaftes E ch o und wird ohne Rücksicht auf die verschiedenen' Schattierungen innerhalb der chrrsilichnationälen Richtung als g r ö ß e r B o r t e i l f ü r die Sache Ungarns betrachtet. Die Pvesie erklärt, Laß mit Stambulriskr ein Politiker gestürzt wurde, der ein Anhänger der Erfüllungspolitik «war und der auch mit Jngoslcuwien ein freund na chbarliches Verhältnis anstvebt. Die Polittk Stambul i i s k i s war Ungarn alles andere als angenehm. Um so mehr jubelt jetzt die Pvesie den neuen Machthabern zu, die Anhänger der Revancheidee und Gegner der pazifistischen Ri ch.tung sind. Es ist kein Zufall, daß der GeneralPr.otogerow von Budapest aus die militärische Bewegung der. Verschwörer gegen Stamb ulii skr organisierte. Man wittert neue Konfliktsmöglichkeiten am Balkan rmd daher auch große Mch B u! a r e st e rMeldungen P der Eisenbah w- und Postve rk eh r zwischen Bulgarien und Rumänien unterbrochen. Die letzten diplomatischen Informationen gehen dahin, daß die neue Regierung wegen der stetig Wachsenden Gefahr eines aktiven und passiven Widerstandes der Landbevölkerung den Belagerungszustand im ganzen Lande erklärt habe. Sofia und Rustschuk werden befestigt. Ueber Stambuliiskis Aufenthalt ist trotz eiftiger Nachforschungen noch nichts bekannt. Von den Mitgliedern des Kabinetts Stambulriski ist nur Ackerbauminister Obo w, der sich bei Ausbruch des Umsturzes auf einer Propagarwareise befand, der Verhaftung entgangen. Er organisierte in P l e w n o bewaffneten. Widerstand der Bauern gegen das neue Regime, wurde aber nach'kurzem Kampfe von der Regierüngskavallerie g e s ch l a g e n. Er floh mit seinem Sekretär auf die rumänische Donauinsel Karl ovae, wo er von den rumänischen Grenzwachen gefangengeuommen und nach Maguele gebracht worden ist. Er wurde hier interniert. Auch an anderen Grenzpunkten ergaben sich zahlreiche ' bulgarische politische Flüchtlinge den.rumänischen Grenzwachen. Die Wiener bulgarische Gesandtschaft über den Eisenbahnverkehr. Die Wiener bulgarische Gesandtschaft teilt mit: Der Reiseverkehr nach und durch Bularien geht ohne jede Einschränkung oder Störung vor sich. Nachrichten über Unsicherheit der . Verhältnisse, Störung der öffentlichen Ordnung und Bedrohung fremden Eigentums in Bulgarien sind böswillige Erfindungen. Reisepässe werden selbstverständlich vidiert. Der neue Finanzminister über die Steuerpolitik. Sofia,' 13, Juni. (Bulg. Tel.-Ag.) Finanznnnvster Todorow erklärte gegenüber Pressevertretern/ daß der Gesichtspunkt, ob die Steuerträger Städter oder Landlente sind sowie ihre politischen Ansichten hätten bei der Besteuerung nicht in Betracht zu kommen. Die Steuer müsse nach der Zahlungsfähigkeit der Steuerträger ausgeteilt werden. Der Minister sei kein Anhänger jener, die einen FelLtzug gegen bös- Kapital eröffnet haben. Das Kapital müsse an den Staatsschatz einen größeren Bruchteil abliefern als das Arbeitseinkommen. Deshalb müsse man aber: dem. Kapital Siche r.h e i t gewährleisten. Der, Minister habe Chancen für Ungar«, um eine Revision des Friehensvertrages durch Diplomatt« oder durch Säbel zu erwirken. Die Einheitsstimmung der Nation unter der Devise' „Das Vaterland ist in Gefahr" ist wieder aktuell geworden, und so kommt es, daß Gömbös eine Sprengung der Regierungspartei nicht als aktuell betrachtet. Er sandte heute seinen.Parteigenossen Karl -Wolff zum Ministerpräsidenten und ließ diesen seine Friedfertigkeit versichern. Gömböß stellte' dem Mmisterpräsidenten einige leichte. Bedingungen und versprach,, rm Falle ihrer Annahme seine Aktion gegen die Regierungsmehrheit einzndämmen. Die. Aussöhnung ist nunmehr eine-Frage von wenigetl Tagen. - ' > kanstädten befürchtet man einen Vormarsch der russischest Truppen gegen Westen und Südwesten, eine aridere Meinung geht dahin, Rußland werde mit dem Programm auftreten: . Der Balkan allen Balkanvölkern, Beseitigung jeder nationalen Vvrherrschast. Jedenfalls wird man in der nächsten Zeit damit rechnen müssen, daß Rußland sowohl der großen wie auch der kleinen Entente gegenüber seinen Standpunkt, Schaffung einer Balkanföderätion unter russischen: Einfluß, zu verwirklichett sucht.