Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 5 (1923)
- Issue
- Heft 1555 (12.6.1923)
- Date
- 1923-06-12
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Einzelnummer K1000 Wien: Zum Abholen in der Expedition,II.,Taborstr.l-3, oder in einer Verschleisstelle (Trafik) monatl. K 28.000 Mit Postversand für Wien u. Oesterr. monatl. K 28,000 Tschecho-Slowa k ei: Mob. K17. Ungarn: Mon, K 600. Jugoslawien: Mon. Dinar 40. Polen: Mon. Mk.l5.000.D eutschland: Mon.Mark 15.000. Fr ank r., Belgien: Monatl. Frcs. 8 Qfö* Nachzahlungen bei Preiserhöhungen Vorbehalten Wiener omewettung Rr. 1535 Wien. Dienstag. 12. Z««i 1923 to*cftecno-Siaw«k«l f tschech. K 1.« Italien: Monatl. 10 Lire Rumänien, Bulgarien Monatl, 90 Lei bezw, Lewa, Schweiz und das übrige Ausland monatlich Frcs. 3 Redaktion u. Administration Wien, II., Taborstrasse 1—3 Telephone: 44-0-38,43-3-19, ab 6 Uhr abds. 19-483,16-301 TcL-Adr.:,Morgenzeitung“ Wien Oesterreichisches Postsparkassen-Konto Nr. 150.693 9. Jahrgang Der GtsmtHrsW tu —7. Wien, 12. Juni. Die bis zur Stunde vorliegenden Meldungen über den Sturz des Systems StambuM geben noch immer kein klares Bild von den Vorgängen, die zit diesem Ergebnis geführt haben. Die neue Regierung, eine Koalition der Oppositionsparteien, ist so weit im Besitze der Macht, daß sie die Nachrichtenvermittlung nach dem Ausland beherrscht und die Grenzen gesperrt hat. In einem Communigue, das dem Ausland zur gleichen Zeit mit den ersten Nachrichten über den Umsturz zuging, erklärte die neue Regierung die Revolution als Auflehnung gegen die Gesetzlosigkeit uttb das Gewaltprinzip eines Systems, dessen Unpopularität und Korruption den raschen Sieg gesichert habe. Bulgarien wolle zum Gesetz und zur Demokratie zurückkehren. Solche höchst erfreuliche Zusagen finden sich in jedem Regierungsprogramm und auch der gestürzte Stambuliiski, gestern noch'allmächtig, heute ein gehetztes Tier, hat die von ihm inaugurierte Gewaltherrschaft als Demokratie gelobt. Bulgarien ist einer der drei europäischen Staaten, in denen nach dem Kriege die Diktatur einer Klasse eingerichtet worden war. Die revolutionäre Entwicklung war in Ungarn, in Rußland und in Bulgarien nach der radikalsten Seite hin gegangen. In Ungarn löste der hochadel vrit Hilfe der rumänischen Bajonette den Kommunismus Bela Krms ab, in Rußland bemächtigte sich der Bolschewismus, gestützt von lettischen, mitteleuropäischen und mongolischen Banden, der Herrschaft und verttieb die Demokratie Kerenskis. In Bulgarien hatte ein Aufstarü» der bäuerlichen Reservisten die Kriegsregierung und den Kriegszareu samt der städtischen Bourgeoisie von der Macht hinLveggesegt und eine Diktatur der Bauern eingerichtet. Herr Stambuliiski, den die Leidenschaft und der Zorn seines Volkes aus dem Kerker geholt uttb an die Spitze des Staates empor gettagen haben, teilt nun das Schicksal Kerenskis und Bela Kuns. Er hat ungeheuerliche polittsche Fehler gemacht, die Wirtschaftsverbindungen Bulgariens mit dem Auslande zerrissen und das Bürgertum und die Arbeiterschaft aus der Regierung und der Arbeit für den Staat ausgeschaltet. Er hat die Oppositton in der brutalsten Weise unterdrückt und die seinem System widerstrebenden Intellektuellen ms Gefängnis geworfen oder aus dem Lande gejagt Aber Stambuliiski hat Bulgarien auf den Weg der Wiederaufrichtung gebracht. Die Diktatur der Bauern hat sich mtt allen Kräften gegen die Revanchehetze gewehrt; sie hat allen Verlockungen der russischen Wrangel-Leute, das Land in ein Bündnis mit Kemal Pascha und Horthy zu bringen, und den Krieg gegen Sowjetrußland oder Jugoslawien zu beginnen, energisch abgewehrt. Es sei auch vermerkt, daß die Pogromtreibereien der russischen Monarchisten von der Bauerndrktatur tmcksichtslos abgeschüttelt wurden. Die neue Regierung versichert die weitestgehende Loyalität gegenüber allen Verpflichtungen und Verträgen. Sie will aus dem Boden des Friedens bleiben, würde also außenpolitisch keine Aenderung des Kurses bedeuten. Auch die Regierung Stambuliiskis war verttagstreu und loyaL Trotzdem ist es klar, daß es sich nicht mn eine bloß innere Revolution gehandelt hat, sondern daß ausländische Einfliisse sehr stark am Werke waren. Stambnlnski hat sich den mazedonischen Irredentisten widerseht und immer wieder betont, daß Bulgarien erst gesunden müsse, ehe es an eine attive Polrttk denken könne. Unter diesem Gesichtspunkt bettachtet, bedeuttt die Militärrevolution eine sehr bedenkliche Komplikation der Orient- und Balkansragen. Die jugoflawische Regierung verhehlt auch nicht ihr Mißtrauen, hat sogar der neuen Regierung in Sofia die Unzufriedenheit aussprechen lassen und die Grenzgarnisonen für alle Fälle verstärkt. Der Sturz Stambuliiskis entspricht zu stark den Wünschen des Mussolinischen Imperialismus und macht die Unruhe in den Belgrader Negierungskreisen verständlich. In Bulgarien selbst wttbeln die Dinge durcheinander. Das erst im April gewählte Sobranje ist aufgelöst worden und aus verschiedenen Meldungen ist ersichtlich, daß die Bauernsührer sich mit der jähen Wendung des Geschickes nicht widerspruchslos abfinden wollen. Stambuliiski ist mtt der Organisierung des Bürgerkrieges beschäftigt. Der Brand in Bulgarien bedroht den ganzen Balkan und von diesem aus die Ruhe Europas. Me Verwirrung auf dem Balkan. 8sgoflawreu und Nulgarieu. Der MW in Sofia. - MMSrische Maßregeln der Belgrader Regienmg. - MamdnIiisR organisiert den MrgeMeg. Die Vorbereitung des Umsturzes. Sofia, 10. Juni. (Del. d. ,Mr. Morgenzeitung".) Der Hauptsitz des revolutionären Offizierskomitees befand sich irr Philipoppel. Bon dort wurden Freitag nachmittags Truppen nach Sofia gebracht, wo sich der Stab der Aufrührer und das mazedonische Komitee im Hause des Generals L a z a r e w versammelt hatte. Ein Regiment, das nicht ausrücken wollte, wurde entwaffnet. Um 2 Uhr nachts besetzten die Sofioter Kadettenschüler, von ihren Offizieren geführt, die Polizei- und Postämter fowie die Bahnhöfe. Andere Truppen umstellten die Sobranje, während Pairoillen in die Wohnungen der bäuerlichen Minister und Politiker gingen und diese verhafteten. Professor Alexander Z a n k o w begab sich um 3 Uhr morgens zum König, der im Schloß V r a u j a weilte. Nach kurzem Widerstand Unterzeichnete der König drei Erlässe: die Entlassung Stamb uliis'kis, die Ernennung des Kabinetts Zankow und die Auflösung der Sobranje. Die erste Regierungshandlung war die Proklamierung des Ausnahmszustandes. Der Chef der Sofioter Polizei wurde in einer Konditorei verhaftet. Als man ihm bedeutete, daß sich die Stadt in den Händen der Revolutionäre befinde, erwiderte er, er werde aus seinem Posten bis zum Tode ausharren. Kurz darauf wurde er durch einen Revolver schuß getötet. Zu Beginn des Umsturzes wurden sofort alle öffentlichen Gebäude von Umstürzlern besetzt. Die;rasch durchgeführte Besetzung <Ker Villa Stambuliiskis hatte nicht den gewünschten Erfolg. StamüuliiLki sollrechtzeitig Mitteilung bekommen haben, um die Macht ergreifen zu können. Unmittelbar nach der Revolution ließ die neue Regierung die in Zaribrod verhafteten Minister des Kabinetts Radoslawow in Freiheit setzen. Der Prozeß gegen fte wurde niedergeschlagen. . Stambuliiskis Aktion. Sofia, 10. Juni. <Trl. d. ,Mr. Movgentzettnng".) Der Putsch war von langer Hand vorbereitet und gelang ohne R u h e st ö r u n g. Die Revolution war in wen ige» Stunden vollendet und Samstag mittags bot die Hauptstadt ein vollkommen normales Bild. Die Grenzkontrolle ist sehr scharf, auch die Eisenbahnzug e fahren unter militärischer Begleitung. Etwa tausend Anhänger Stambuliiskis sind in Haft. Der gewesene Ministerpräsident ist entkommen und wird im ganzen Land gesucht. Er organisiert, wie verlautet, ans dem Lande die Bauernmassen, um dann gegen Sofia zu marschieren mW die revoluttonäre Regierung zu stürzen. Man erwattet den Ausbruch eines blutigen Bürgerkrieges zwischen Stambnlnski und den Revolutionären. Eine Aktion der kleinen Entente. Graz, 11. Juni. Die ,Tagespost" meldet aus Belgrad: Der gesttige Ministerrat beschäftigte sich in einer anderthalbstündigen Sitzung sehr eingehend mit der Lage in Bulgarien. Der Ministerrat steht auf dem Standpunkt, daß man die weiteren Dinge ab warten müsse und hat nur Präventivmaßnahmen zur Sicherung der Grenzen ergriffen, indem dorthin militärische Verstärkungen entsendet wurden. Der Ministerrat hat weiters beschlossen, daß der Außenminister eine diplomatische Aktion bei der kleinen Entente unternehmen solle. Die Regierung steht ferner auf dem Standpunkt, daß die revolutionäre Regierung durch die Organisierung der Revolution die Bestimmungen des Friede ns Vertrages vonNeuilly grundsätzlich verletzt habe. In den Kommentaren geben die Blätter ihrer Bestürzung darüber Ausdruck, daß die Politik Bulgariens zu einer längslvergangenen Richtung zurückkehre, die man hier als endgültig abgetan angesehen habe. ,Mreme" schreibt: Das Ereignis kam um so unerwarteter, als die Verhältnisse in Bulgarien in der letzten Zeit den Weg der Konsolidierung betreten haben, was auch in dem Steigen der bulgarischen Valuta zum Ausdruck gelangte. Serbien betrachtet den Staatsstteich mit um so größerer Beunruhigung, als in der letzten Zett die Hoffnung auskam, daß Bulgarien unter dem Regime Stambuliiskis auf dem Balkan nicht.mehr das Nest und die Quelle von Ruhestörungen und Zusammenstößen sein werde. Zankow bei Rakre. Belgrad, 11. Juni. Die Mreme" meldet aus Sofia: Der neue Ministerpräsident Z a n k o w stattete gestern dem jugoslawischen Gesandten Rakie einen Besuch ab. Er setzte dem Gesandten das Programm der neuen Regierung auseinander und brachte chm die Konstttutierung der r evolutionären Regierung, die eine Regierung der nationalen Konzentratton sei, zur Kenntnis. Der jugoslawische Gesandte erwiderte dem Ministerpräsidenten, daß die Belgrader Regierung mit der Billrung der neuen revolutionären Regierung uichtzufrieden sein werde, da diese offensichtlich gegen die Bestimmungen des Friedens- Vertrages Verstöße. Die verhafteten Minister. Risch, 10. Juni. Es sind folgende Minister verhaftet worden: Christo Stojanow, 32 Jahre att, Innenminister, von Beruf Schriftsteller und Redakteur; Stojan O m a rcevski, 39 Mhre alt, Kultusminister, von Berus Mittelschullehrer; Peter Janjew, Finanz-minister, 38 Jahre alt, früher Staatsanwalt; Spas (Salvator) Duparink o w, Justizminister, 35 Jahre alt, von Beruf Journalist; Konstantin Murawiew, Kriegsminister, 30 Jahre alt, Offizier; Elegant Obbow, Landwirtschafts- und Domänenminister, 36 Jahre alt, Schrerbergehilfe; Kiril Pawlow, Berkehrsminister, 31 Jechre alt, Redakttonsschreiber; Nedeljko Atanasow, Eisenbahnminister, 42 Jahre alt, Volksschullehrer. Keine SrklSrung Snldlvins Wer die deutsche Me. London, 11. Juni. (Wolff.) Premierminister Bald Win erklärte im Unterhause, Lord Robert Ce eil werde Großbritannien im Völkerbundrat ebenso, wie es Lord Balfour getan habe, vertreten. Auf eine Anfrage erklärtt der Premierminister, er sei nicht in der Lage, irgend eine Erklärung bezüglich der deutschen Note abzugeben. Auf die Frage des liberalen Parlamentsmitgliedes Lambert, ob der Premierminister mitteilen könne, was die Regierung jetzt tun werde, um für Großbrttannien einen gerechten Anteil an den deutschen Reparationszahlungen und an den Zahlungen der aMerten Schulden zu sichern, erwiderte Baldwin, er sei nicht in der Lage, mehr zu sagen, als daß diese Frage die Aufmerksamkeit der Regierung in Anspruch nehme. Andere Parlamentsmitglieder fragten den Premierminister, ob er in der Lage sei, eine Erklärung bezüglich der Lage im R u h r g e b i e t abzngeben. Baldwin antwortete: Ich kann im Augenblick keineErklärung abgeben. Wedgwood Benn fragte, ob der Premierminister eine Erklärung vor der Debatte abgeben werde, die, wie er höre, morgen im Unterhause stattfinden werde. Baldwin erwiderte: Ich weiß nichts davon, daß sie morgen ftattfinden wird. Die Konferenzen des englischen Außenministers. London, 11. Juni. (Wolff.) Wie die Blätter melden, erörterte Lord Curzon heute mtt Sachverständigen die deutsche Note, empfing ferner den britischen Botschafter in Berlin, Lord d'A b e r n o n, und den französischen Botschafter St.-Aulaire, der ihm eine Mitteilung Poincares überreichte und zwei Stunden mit ihm beriet. Lord Curzon erwarte noch das Einlangen der Ansichten der italienischen und der belgischen Regierung, so daß dem britischen Kabinett in der heute abends, stattsindenden Sitzung die Änsichten aller drei AMerten vorliegen würden. Samstag hätten sehr wichtige Erörterungen zwischen Baldwin, Lord Curzon, Lord Robert Cecil und anderen Kabinettsmitgliedern stattgeftmden. Was Poineare von England verlangt. London, 11. Juni. (Reuter.) Es verlautet, daß von britischer Seite kein endgültiger Vorschlag für eine intet*.