Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 5 (1923)
- Issue
- Heft 1553 (10.6.1923)
- Date
- 1923-06-10
- Page
- Seite 15 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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“Ä.. i®6Ö Wien, Sonntag /r’*) r ■ t 1 r .. ■■—-— ---— tSopyägl* 1913 Stachdruck verboten. %fäiiÄwitv«ri»g,Mrt«n-Leiprig. ' (8. Fortsetzung.) \ 3a Polew ffiSIleta. Roman von I. Opatoschu. /" AutovMevteUebevtrarmna ausbm Jüdischen von Siegfried Schmitz.. Mordechai ivcmte seinen Ohren nicht; mit w^ltgeöfftreivtt Augen sah er den Vater an. Solche Reden hatte er me von ihm gehört. »Mas schaust du mich so an, ha?" der Alte Vchette weich und nahm den Sohn beim Arm. — Mundevst du dich? 'Ja, sag' doch, wie gefällt dir Reh Jtsche? Das ist ein Zabdck. Was?" — begann der Alte unvermittelt, als wollte er den Sohn vom Thema <ch- Lvnrgen.— Bleibt ja unter uns — mir gefällt er besser als Reb Mendele. Red Mendele hat zuviel Weiber um sich. Das gefällt den Leuten. Aber Reb Jtsche, verstehst du, ist ein Ärgel! Vielleicht — durch seine Gnade — wir wohnen ja unter einem Dach — weißt du, so Gott will, ÜU Herbst schicke ich dich mit Reh Jtsche nach Kozk." Mraham Keß Mvvdechais Arm los, rieb sich Wt Hände, strich sich durch den langen Bart und nachdem er schweigend einige Schritte vorausgegangen war, wandte er si ch u m: „Ich sehe ja, dich zieht es zu dm Fischern, was? Wso geh'l Za, was wollte ich sagen? Ja, hör' zu, Lausbub!" — lächelnd drohte der Alte mit deur Anger. — ^Lafs' die Fischermädcks in Ruh', hörst du?" Mordechai schlug die Augen nieder; bei den letzten Worten des Vaters wurde er rot, wie ein junges Mädchen. Er blieb stehen und sah dem Vater nach, wie er dahinging, tiefe FuMnrren hinter sich lassend, steif mit emporgerichtetem Kopf, mit Bewegungen der Arme, wie Flügel; Wärme durchzog Mordechai. Und dann sah er, wie der Vater mitten im Gehen den Kopf senkte; der stets gerade Rücken beugte sich und die ganze Gestalt wurde mit einem Male schwerfällig und alt; Mordechai durchflog der Gedanke, bald, bald werde er allein im großen Wald bleiben, der letzte des ganzen Stammes. Er schämte sich dieses letzten Gedankens, haßte sich beinahe deswegen und Trauer legte sich auf sein mattes, schmales Gesicht, Trauer blickte aus den großen grauen Augen. Er fühlte eine wehe, starke Liebe zum Men. Er liebte ihn für seinen Zorn, seine Streitsucht, für die Schläge, die er von ihm erhalten, und es schmerzte ihn, daß mit dem Vater der Stamm fast zu Ende ging. KaPktÄ 4. Die Prozession. Mordechai lenkte, seinen Schritt zu den Fischerhäusern. ~; Eine alte, dürre Buche, die einzige im ganzen Wald, mit zerrissener Rinde, stand aufs einem Hügel. Sie war über und über mit eingeschnittenen Namen Unbekannter be- __Wiener Morgenzeitung. deckt, mit Nachen Verliebter und mit Daten. Unter den Namen hoben sich deutlich die quadratischen hebräischen Zeichen von Mordechais Großvater und Urgroßvater hervor, welche sie vor Jahrzehnten eingeschnitten hatten; sie hatten sich wohl freudig aüsgemalt, daß einer ihrer Enkel oder Urenkel diese Zeichen lesen, an ihren Ursprung denken und sich der Ahnen erinnern werde. Mordechai blieb stehen. Die großen grauen Augen des Sechszehnjährigen weiteten sich und mit einem Male fühlte er' unbewußt hinter sich Generationen; er fühlte1 die Kraft in sich, den Faden weiterzuspinnen. Ebenso wie die Waldheger, glaubte Mordechai, daß die Brr che, wohl die einzige ihrer (Älttung, die irr ganz Polen über ge-blieben war, wenn sie in einem Land verschwindet, im anderen emporwächst und nach etlichen Jahrhunderten sich wieder zeigt. Durch den Wald drang Gesang. Mordechai legte das Ohr an die Wurzeln eines Baumes —- er wollte wissen, woher der Gesang kam; aber die Stimmen vermengten sich, kamen von allen Seiten und widerhallten, wie das Summen in einem Bienenstock. Mordechai schritt durch den Wald, riß vorjährigen schwarzen Wachholder ab, der wie große schwarze Brombeeren aussah, kaute die Beeren und dachte an fcfen Vater, an die Prozession und daran, daß die Bauern bitteren Wachholder in Wasser aufweichen, ihn dann durch Stroh seihen, mit Hopfen mischen und so ein schwarzes .Hausbier brauen. Er trat aus dem Walde und betrachtete die alten Fichten, die noch im vorigen Jahr geblüht hatten. An ihren Spitzen hatten sich Kronen länglicher Nadeln gebildet, die wie große Nester aussahen. Das war das Zeichen, daß sie nicht mehr weiterwachsen würden. .Sie reckten die stolzen Köpfe und stumm, wie zum Tode Verurteilte, harrten sie der Axt. Mordechai erkletterte eine Fichte — er hielt Ausschau Nach den Fischern. Er sah den alten Wald sich stolz meilenweit hinziehen, sah aus verfaulten Stümpfen junge Eichen sprießen, sah die nackten Felder sich begrünen, sah aus den kleinen Fischerhänschen nach dem langen schweren Winter auf allen Vieren neue Geschöpfchen kriechen: sie sahen aus wie Küchlein, die aus dem Ei geschlüpft waren und öffneten verwundert die Mäulchen, blinzelten mit den Hellen Aeuglein und blickten auf die blauen Wälder und dem noch blaueren Himmel. Da faßte Mordechai die Fichte fester, streckte den Kopf über ihre Krone, blickte freudvoll von Osten nach Westen und empfand Entzücken über Gottes schöne Welt. Die Fischer zogen, jung und alt, mit Gesang vom Bauernwald in den Adelswald und vom Adelswald in den RegiemngSwäld. Voran schritten in rotgestreisten Kleidern vier Mädchen und trugen die Strohpuppe. Die Weißen Tüllschleier, welche von den Köpfen der Mädchen wehten, hoben sich im Wind und flatterten wie Fahnen über der Puppe. Die Fischer, bronzefarben und stahläugig, gingen mit den Frauen und sangen laut; erschrocken hoben sich die 10. Juni 1923_ Seite, 15 Vögel von den Zweigen, hielten eine Weile vor der Sonne an und jubelten erst leise, dann höher und höher, bis zum lautesten Triller; das Vogelgezwitscher erfüllte den Wald, die weiten nackten Felder und vereinigte sich' mit dem Fischergesang. Im fernsten Winkel hinterließ es Freunde. Der Prozeffion fuhr ein Wagen mit Krüppeln nach —. meist Kinder mit großen Wasserköpfen, dünnen Füßen, die wie Stöckchen aussahen, und hart gespannten ge^ schwollenm Bäuchen, wie Pauken, von zu viel ungeschälten Kartoffeln.;} Ber der Mutter Gottes am Kreuzwege, die vor langen Jahrein ausgestellt worden 'war, damit die Cholera aufhöre, machte die Prozession halt. Am Fuße des Standbilds, wo der ,/bose Geist" begraben lag, wurde die Puppe niedergelegt und die Jugend zündete ein Feuer an. Die Mütter nahmen ihre Kinder vom Wagen, brachten sie zum Muttergottesbild und die Krüppel schmückten es mit Kränzen von Papierblumen und grünen Wachholder. Die kranken Kinder streckten ihre dürren Händchen der Muttergottes entgegen, schauten in Hve träumerischen ArMn, blickten auf ihre schönen halbgeöffneten Lippen, fühlten strahlend glücklich, daß es chnen besser wurde,-, Md hofften, die Muttergottes werde sich für sie be-. mühen. Die unglücklichen Mütter fielen mit ihren Krüppeln der Muttergottes zu Füßen — und auch zu Füßen der Puppe; Tränen in den Augen, beteten sie lang und leise und strichen dabei fortwährend den Kindern mit geweihten farbigen Eiern und langem Teufelsfingerkraut über die Augen. ,MNUg, Weiber, genug!" — rief ein Fischer. — „Geht Md setzt die Krüppel wieder auf den Wagen!" „Ai^ was!" — rief ein zweiter und kratzte sich dabei unterm Hut. — „Es wird genau so helfen, wie Weihrauch einem Loten!" t0) es helfen wird oder nicht, daß weiß ich nicht!' Das ist.Gottes Sache!" — eine Bäuerin in mittleren Jahren erhob sich kokett und nahm ihr krankes Kind auf den Arw. —„Aber lachen, Bruder, darfst du nicht! Sonst können dir die Fuß« dürr und krumm werden und man wird dich auf einer Tragbahre heimbringen müssen!" ,^verzeih' mir solche.Rede, heilige Muttergottes" — ein zweites Weib hatte sich aufgestellt und bekreuzte sich vor dem Bilde — „für solche Worte möge ihm das Maul hinten stehen!" „NUN, genug, genug, Weiber!" — rief es von allen Seiten. Ein älterer Fischer steckte die Hände in die Hosentaschen, spuckte aus und sagte, als spräche er zu sich: „Wer zu viel betet zur heiligen Mutter, Hat sicher auf dem . Kopf, viel Butter!" . Alle lachten. j ,; ■ (Fortsetzung folgt.) 'Theater von heute »«fgtbrrNer: Goldfische 7 Hkadetaie-tbeater: Verkündigung — Die Gesellschaft des Abbs Chateauneuf 7*8 Maatioper: Die Meistersinger von Nürnberg 7,6 Mkioper: Tosea 7,3 — Mozart 7*8 llemscher stsllrrthealer: Taifun 7 klaiMMck-rbe-ter: Wie eS euch gefällt 7 KPtr.Kamtnmpitlet Lisch, die Kokotte 7 — Johann, der muntere Seifensieder — Das Äte Lied — Ein Roman in der Waschküche 10 ÜOiefftädter-Cbeater: $>ie Frau Präsidentin 7,8 st-I-mst.vüdner Maison Grünwald — Gastspiel Adoröe Villanh, 7,8 Nackttänzerin neue Wiener Böhne j Ein idealer Gatte 7 Renaiisance-Bftbiitt Epsteins Witwe 8 107. Stadtthtattl: Ein Jahr ohne Liebe '/..8 LaMütater: Madame Pompadour 7 Cbeater au der miete Die Baechnsnacht 7 Jod. Straus*»Cbeater, Katja, die Tänzerin 7 rnr. Bürgend Skier. Der ledige Schwiegersohn 7 mr.KomodienbauSi Die Maschinenstürmer 7,8 JfpoMeatert Gastspiel der Exlbühne 7,8 Wie, Kurt Lessen in „Der König träumt" — Robert Valberg in „Ein.wenig Musi!" re. 8 «tat ttoir: Gastspiel der „Vudapester", Trebitsch, Fleischmann, Lindau, 2 Possen re. 8 verguügungrparic: Weltvariätö — Doppelkorizert des SymphomOrchesterS und einer Militärkapelle ipsVimtn mm Der Verein T’islcha fiTtiikar ChaQlisi.lMien, m. veranstaltet heilifi Sonntag den 10. Juni,- 7,5 Uhr nachm., im Lokale der Toynbeehalle, XX.» Denisgasse 33, ein KONZERT mit dem berühmten Kantor Wes, Restaurants Md Sümmerelablistements Laf6u. GarleN'Reslaurant „Konstankinhügel", im Prater, Hauptallee. Unter neuer Leitung wieder eröffnet. Zu jeder Tageszeit warnte und kalte Speisen. Vorzügliche Viere und Weine. Bei schlecht. Witterung geheizter Prachtsaal. Kvlel und Restaurant Baron, II., Große Schiffg. 19. Streng “WD Küche. Mäßige Preise. Max Lazar's Selchwaren-Nestanrant, II., Untere Augartenstraße 19. 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Josef Welss Fa ss grösst Andlttoj XVII., Ottekringcftraiwe 7 m PnndontArthur ........ George Washington ......... 4. Juli 8. Aug. ...... . . . 11. Juli 15. Au§. (futiS'tfie VertMgtcn Staaten* \ Mstett/rti Vbrttilttatt« Gele^enlxelt tür ÖfiteirbeXBrderuug UNITED STÄTESTME; IL, Nordwestbahnstr. 21 8 Original8,7 NShmaschinen sind die besten BERLIN WS k Unttr den Linden 1 WIEN, IV. Wiedner Gürtel 10 (taer&Verttetättjtt Norddeutscher Lloyd, ßrtöB« i? ■iKMaaflaiaHBHHasfiiasBüiBäMttai