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Wiener Morgenzeitung · 1923-06-10 · Heft 1553 (10.6.1923) · page 1

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
5 (1923)
Issue
Heft 1553 (10.6.1923)
Date
1923-06-10
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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NWS "'••-f’fcV.* ElazelnDmnerKlQOO Wien: Zum Abholen in der Expedition,II.,Taborstr.1-3, oder in einer Verschleisstelle (Trafik) monatl. K 28.000 Mit Postveräand für Wien u. Oesterr. monati. K 28.000 Ts chech o-Slowak e i: Mon. K 17. Ungarn: Mob. IC 600. Jugoslawien: Mon. Dinar 40. Polen: Mon. Mk.l5.000.Deutschland: Mon.Mark 15.000. Fr an k r., Belgien: Mönkti. Fres. 8 (MP Nachzahlung«* “W§ bei PraiMrhohtragaa (Vorbehalten. Nr. 1883 Me«. Sonntag. 1«. Juni 1923 3 ttM«M«i8ilewak^ i (schach. K 1.— Italien: Monatl. 10, Ljri' Rumänin n, Bulgarien .Monatl, 90 Lei be*w, Lewa, > Schweiz und ^asubiZg«, Ausland monatlich Frcs. 3 Redaktion u. Administration Wien, II,, Taborstrasse 1—~3 Telephone: 44-0-38,43-3-19, ■ ab 6 Uhr abds.19-483,16-301 Tel-Adr.:;Morgenxeitung<< Wien Oestenreichisches Postsparkassen - Konto Nr. 150.693 Set Mschlnß der Wttetbnndanleihe. —y. Wien, 10. Juni. Das österreichische Ministerium des Innern, geleitet von dem Vizekanzler Doktor Frank, hat endlich die so viel begehrte Definition des Wortes „Rasse" gegeben. Sie wurde an einen Optionswerber zur Begründung des Abweisbescheides erteilt und vorgestern vom Berwaltungsgerichtshof — Senat Schuster —- akzeptiert. Die Begriffsbestimmung lautet: „Rasse ist eine von der Sprache unabhängige, dem Menschen inhärente, durch physische und psychische Momente bestimmte Eigenschaft dauernden Charakters, die nicht willkürlich .abgelegt oder nach BelieLen verändert werden kann." Die naseböhrenden arischen Schrifttum- und Stammbaumkletterer müssen grün vor Aerger und Neid, werden. Was ihnen in jahrelangen. Mühen nicht gelang, das bringt das Wiener Ministerium, scheinbar ohne Anstrengung, aus dem Handgelenk fertig: einen Satz nämlich, mit dem. kein Mensch, auch wenn er noch so sehr den Hochzielen deutschen Geblütes arischer Weltanschauung nachsinnt, etwas anfangen kann. Völkisch allerdings ist diese Definition einwandfrei. Was aber dieser Begriffsbestimmung ihren über die Grenzen alpenländischer Belange hinausreichenden Sinn gibt, das ist der Unsinn, zu dessen Stützung sie ausgesonnen wurde. Der ab gewiesene Optionswerber ist nämlich auch gemäß den Weisungen Adolf Bartels ein Deutscher; er hat den Befähigungsnachweis seiner völkischen Art erbracht, ein Zertifikat einer italienischen Behörde, die ihn wegen „Betätigung" aus Südtirol ausgewiesen hat. Er war aber bisher nach Budapest zu-' stättdrg und heißt Heinrich Drucker. Das würde genügen, um die Stellungnahme des Frank-Ministeriums zu erklären. Budapest? Drucker?> Dos is'n Jud! Der Mann, wird abgewiesen. Der 'Männ Mg zM Kadi./M^ war im März 19221 Der Kadi, nämlich der Verwältungsgerichtsh'of, hob' die Entscheidung des Ministeriums auf, weil die Angaben des Herrn Drücker, auf'Grund deren er Eintritt in die bürgerliche Gemeinschaft Oesterreichs forderte, nicht gehörig geprüft worden waren. Das Ministerium laßt sich aber nicht dazu zwingen, sich selbst zu desavouieren. Der Mann ist kein Völkischer. Er is a Jud und bleibt aner. Und weil eine Definition verlangt wird, so gibt inan sie. Rasse ist also eine von der Sprache unabhängige, dem Menschen-inhärente, durch physische und psychische Momente bestimmte Eigenschaft dauernden Charakters, die nicht willkürlich abgelegt oder nach Belieben verändert werden kann. Man muß lange wandern, ehe man einen gleichwertigen Unsinn findet, der fast metaphysische Empfindungen auslöst Man steht vor dem absoluten Nichts und erinnert sich gerne an den ebenso tiefsinnigen Ausspruch des seligen Wiener Komikers Scholz, wonach des Lebens-Unverstand, mit Wehmut genossen, Tugend und Begriff ist. Mit Schmerz fragt man, weshalb Herr Frank nicht diese Definition auf den roten Zettel druckte, den er demLZolkszählüngsbogen beilegen ließ. Hätte er dies getan, so wären tausende Menschen zu ihm gepilgert und hätten ihn händeringend gefragt: Worin bestehen denn die physischen und psychischen Momente, die diese'Eigenschaft bestimmen, die so inhärent ist, daß sie weder abgelegt, noch verändert'werden kann? Sind es etwa Triefaugen, verbunden mit erblichem Wahnsinn?. Oder Hühneraugenschmerzen, die bekanntermaßen zu den inhärentesten Eigenschaften werden? Großer Minister, dessen Weisheit leuchtet von Spielfeld bis Gmünd; gib Auskunft! ■ Als Symptom für die Art, wie in Oesterreich verwaltet und judiziert wird, gewinnt die Rassendefinition freilich einen anderen.Charakter, der nicht mehr willkürlich abgelegt werden kann. Sie macht den -Staat lächerlich. Die Begriffsbestimmung muß, wenn ein Amt nun einmal dazu veranlaßt wird, hieb- und stichfest sein. Wenn aber eiitt Beamter, weil er innerhalb der von seiner Partei vorgeschriebenen Hakenkreuz-Gesinnung mit Nachsicht der.Kenytnis der deutschest Sprache bleiben will, die Vorschriften des Herrn Waber aus der Tischlade herausholt und sie zur Grundlage einer Entscheidung nimmft dann bestände' für den?Minister' die ernste. Pflicht, .sich die Sache doch, nähere zu besehen. Denn - dasftnfy doch die Beamten, die an mner österreichischen Hochschule ausgebildet wurden und .die matt durch den Numerus clausus gegen -die Ueberflutung durch die rassenfremde semitische Invasion schützen will, die? das Rechts- und, - Sprachgut des deutschen Holkes verdirbt. Es -geht: doch nicht gut an,, daß die Schivätzereien des Fromzosen Gobineau und deö Engländers Chamberlain <ms dem Umweg über ein Ministerium in die Judikatur gegangen und dort für künftige VerwalttmgsgerichtsWe,. System. Schuster,, aufbewahrt werden! In einer gestern im Finanzministerium abgehaltenen Pressekonferenz teilte der Bundesfinanzminister, Dr. K i e rrb ö ck das folgende mit: Da nunmehr die endgültigen Abmachungen über die Begebung der Teilausgaben der Bölkerbündänleihe getroffen Mb, so läßt sich der Gesamt umfang der Vökkerbundanleihe überblicken. Insgesamt wird ein Betrag von Nominale 32,623.500 Pfund Sterling (gleich 10,766 Billionen Papierkronen) placiert. Dazu kommen 20 Millionen Goldkronen, die von der schweizerischen Eidgenossenschaft als für die Schweizer Regierung unmittelbar übernommen zugesichert find, und weitere 26 Millionen Goldkronen, die von der Regierung des Königreiches Spanien in Aussicht gestellt find. Diese beiden letztgenannten Betrage ergeben rund weitere 2,470.000 Pfund Sterling. Von dem erst angeführten Gesamtbeträge pro 32,623.500 Pfund Sterling entfallen auf Oesterreich. . .... 3,807.700 Belgien . . . . ♦ . 294.100 . Tschechoslowakei . , 3,^73,000 Frankreich * . . . . 2,659.000 Holland . ♦ . .. . . 250,000 JtMen 7 . v*i.; * 1MÄ0W rmmi ■. v-'*>*: *.... . 97L700.’ Schweden . i . . ♦ ♦ 760.000 . Bereinigte Staaten . 5^400E0 . Großbritannien . . . 14,002.000 Die Anleihen sind in der bekannten Art durch Bonds d e r gara n t i e renden Staaten, welche bei der Schweizer N a Li o n a l b a n k hinterlegt sind, nach folgendem Verhältnis garantiert. Es garatierenr England . . . . . 24,5 Prozent Frankreich .... 24,5 Prozent Tfchecho-Slowakei . 24,5 Prozent Italien . . . . . 20,5 Prozent Belgien . ... . 2 Prozent Schweden . . . . 2 Prozent Dänemark .... 1 Prozent Holland . . ... 1 Prozent Zusammen ♦ . 100 Prozent Durch die Tranchen werden die im Jahre 1922' von den Negierungen Englands, Frankreichs, Italiens und der Tfchecho-Slowakei gewährten Vorschnßkredite sowie die Ende des Vorjahres im Inlands aufgenommenen Dollar-Anleihen und dfe im Februar d. I. im Auslande anfgenomwenen kurzfristigen Anlehen konsolidiert, beziehungsweise z u r ü ck g e z a h l t. Für Zwecke der österreichischen Staatsgebarnng verbleibt ejn Betrag von rund fünf Billionen Kronen, dev die Abgänge der Sanierungsperiode zu bedecken hat und nach Maßgabe der Freigabe durch den General komm i ff är sukzessive für diesen Zweck beranznziehen ist. Die Ausgabe der Anleihe-Prospekte ist wie folgt fixiert: In England der 9., in Amerika und Schweden der 12., in Holland der 14. und in der Schweiz der 15. d.; in Belgien,., erfolgt keine öffentliche Emission, da die Ttzres bereits unter der Hand placiert worden sind. Infolge der erfolgreichen Uebernahme der englischen Tranche sind die Titres der von Oesterreich in London im Jahre 1923 begebeUen kurzfristigen Anleihe im Kurse von 93 ans 97 gestiegen und am Markte nicht mehr erhältlich. Mundeskanzler Dr. Seipel erklärte: Meutt wir, di« wir verschiedene Male im AuÄand waren, beobachteten, wie wir mir schvitttvvise vorwärts teilt, so. Mütcg Wr Ms. depi. Giudpuche .nicht entziehen, daß wir. wenn sich nicht einige- P«r.sön.l'i!chke>rte» ’ bW, Sache besonders angenommen, hätten, nicht so zeitgerecht unser Ziel.erreicht.hätten. Sowohl.in London als auch in.Paris haben die maßgebendem Pycs>ÄMchkei>ten sowohl der Regierung als der dordMN BanLvelt auf das intensivste unsere Sache gefördert/ und es ist gerade-barnf der Vevmittl'nng dieser PersäMchkettM gelungen,.auch'.das.am«rika.n'-sche Kapital für unsere Anleihe: heranznziehen, was für uns eine besondere. Befriedigung' bedeutet. Insbesondere. hat. der Generalkommissär Dr. Zimmerman. eiuett ganz außerordentlichen Anteil an.diesen L-vistüngen.-Mr.hoffen,.daß,der- Eindruck über den Ech«g, den wir im Auslande erzie-öt.haben, - auch in den Kreisen unserer eigenen -BMöWevung den Pessi-. mismus endgültig zurückdrängew und, ,sich auch, günstig' in bezug ans unsere eigene -- Tranche der Anleihe , äußern wird.- , ' Durch den Erfolg der Anleihe .sind wir chber noch keines- : Wegs, etwa dahin gekominren, .daß'wir'.fetzt sin .'leichtes- Leben führen könnten; -vielmehr bestehe« alle, Ver-, pflichtun-gen, die wir überrromme« haben, natürlich -ajuch^ weiter fort und jetzt-erst recht: ' - . •, ' . . - Unsere Politik nmß auch in, Zv^tnst die Politik der -Er-, sp-arn ngen sein. Wir haben -jetzt die Mittel gesichert, w'.r können nicht mchr i«- SchwieriBertL» Titel der: man-, gelnden Änstanüskredite gelangen.. Aber-' das heißt nicht,, daß - wir einfach hineingreisen und in 'dem.'emen Monat so viel, in - dem. andern - so viel hevauftiehmen können.' Wir 'kömren >n,cht, mehr veÄvendcn, als ivach. dem biGevigen - Plane. Denn Tbic; .HMte sind, g e s p.e r r t - und weGen nür. noch. Maßgabe - -nn« seres -Sanierungsplanes pfff gemächti. Vizekanzler Dr. Frank betonte, das Primäre am. .'SDtMWprägrärW 'sind die. E r- ' sp a r u n g s m a ß.n a h m e n, . K.r e ö i t e. sind f t.i u n-! dar. Eine Erreichter«ng^in..der.FmanZgchavuirg wirb' daher jetzt nicht eintretenkönnen.- Medechosi, insbe-' sondere bei Beginn der SanievungsaTtM, wurde der' Regie-' rung der Vorwurf gern acht, baß im Sanierunc^prograntm zu sehr auf die FinanKftagen- und niD ,genügend auf'voffswirj- ' schaftliche Momente Rücklsicht genoanmen wurde. Dem ist cntgeigenznhalten, daß eine Sqnievnnß^wnlsever. .BMSWivtschaft' ohne vochergehende Sanierung. unserer Sbaatswrrtschaft deshalb 'ganz unmöglich.gÄvcsen wäre,. Werl bas Geldwesen eine der wichtigsten Grundlagen unserer V-öllswivtschast biilldet und eine Sanierung Hne Wieidecherstellüng eines geordneten Geldwesens ganz unmöglich, wäre. Gerade, von.diesem Gesichtspunkte aus.ist nicht.nur in der Tatsache, daß die Anleihe von den ftemlden Ländern' übernonrmen wurde, , sondern in 8er Bereitwilligikeit, die sich dgbei gefügt hat, ein . auch füx unsere Volkswrrtschast äußerst erfreuliches iSymHom. zu erblicken. Di-üse Stimmung der. Auslandes hat unsere Volkswirtschaft in der letzten Zeit schon gespürt.und wir erwarten uns gerade von der Wiedecherstellung des Vertrauens auch in Zukunft wesentliche Impulse für unsere VEsWirtschast..' ,, Präsident der Nationalbank Dr. Reisch bespricht die Be-deutung der Anleihe tont währungspolitischen Gesichtspunkte. Wir müssen mit der Tatsache rechnen, daßauch unsere- Volkswirtschaft durch das gegenwärtige Desitzit unserer Zahlungsbilanz belastet ist. Mr haben die große und schwere Aufgabe zu lösen, dieses Defizit allmählich zu beseitigen. Durch die aus dem Auslande eiÄMeßenden Kredite wird uns mm die Möglichkeit geboten, ein noch bestehendes Defizit der Zahlungsbilanz durch Hewnzichnng ausländilscher Zahlungsmittel zu beseitigen, chne genötigt zu sein, Mva in forcierter Weise Kvonenbeträge im Auslände abzugeben und dadurch den Kurs unserer Krone aufs neue zu gefährden. Dadurch, daß die aus der Völkerbundsanleihe einfließenden ausländischen Zahlungsmittel ebenso wie bisher in erster Linie der N a t i o n a l b a n>k zur Verfügung gestellt werden, wird diese für absehbare Zeit in die' Lage versetzt, allen auftretenden Ansprüchen zur Deckung des Defizits der Zahlungsbilanz Genüge zu leisten- und ^dadurch unserer Volkswirtschaft die. notwendige Atempause z u g e w ä h r e u, damit.sich in der - Zwischenzeit die P roduktion -derart stärken k-ömre, daß das Gleichgewicht zwischenden zur Erhaltung unseres Lebensstandards noüven-- digen Importen' und unserem Epport horbeigchühvt werden könne. Wir hoffen, daß inder Periode, die für die San-ieruirg unserer Staatsfinanzen eingeränmt ist, das ist bis Ende.de- Jahves 1984, auch unsere Industrie in der Lage sein wird, die Exportmöglichkeiten derart zu stärken, daß wir das Gleichgewicht in der Zahlungsbilanz erreichen, iverden. Wir dürfen diese Hoffnung umsomehr hegen, als wir beobachten konnten, daß die österreichische Währung neben dem Dol- , lav dö« stabilst« Mähruntz ist,

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