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Wiener Morgenzeitung · 1923-06-09 · Heft 1552 (9.6.1923) · page 1

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
5 (1923)
Issue
Heft 1552 (9.6.1923)
Date
1923-06-09
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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ElnzelMunmerKlQOQ Wien*. Zum Abholen in der Expedition» JI..Taborstr. 1 -3, oder in eine? Verschleisstelle (Trafik) monatl. K 28.000 MitPostversand für Wien u. Oesterr. monatl. K 28.000 Tschech o-Slowakei: Man. K17. Ungarn: Mon, IC600, Jugoslawien: Mon, Dinar 40. P o 1 e n: Mon. Mk.l5.000.Deutschland: Mon. Mark 15.000. F r a nk r., Belgien:• Monatl. Frcs. 8 teuer OOT Nachxahlunjen _ _ bei Preiserhöhungen Vorbehalten M. 1552 -_ Wien, Samstag. 9. Stttrt 1923 Tscheche» -Slowakei. tschech. K 1a— Italien: Monatl. 10 Lire Rumänien, Bulgarien Monatl. 90 Lei bezw, Lewa, Schweiz und das übrige Ausland monatlich Frcs* 3 Redaktion u. Administration Wien, II.,Taborstrassei—3 Telephone: 44-0-38,43-3-19, ab 6 Uhr abds. 19-483,16-301 TeL- Adr.: »Morgenzeitung" .Wen Oesterreicbisches Postsparkassen-Konto Nr. 150.693 5. Jahrgang Das deutsche Angebot. -y.. Wien, 9. Juni. Die Regierungen der Alliierten sind in einen Gedankenaustausch über das deutsche Memorandum eingetreten. Sie wollen die Vorschläge, die Deutschland macht, gemeinsam Prüfen, und es wird auch über die Abfassung einer gemeinsamen Antwort gesprochen. Wenn es zu einer solchen käme, so wäre dies ein erfreuliches Novum in der Geschichte des Neparationskonfliktes. Bisher hat England eine Anteilnahme an den' Maßnahmen Frankreichs im Ruhrgebiet vermieden und es insbesondere unterlassen, seine Unterschrift unter die Noten Frankreichs an Deutschland zu setzen. Die englische Politik ließ sich, solange sie von Bonar Law als Premier geleitet wurde, in keinem Punkt bestimmen, etwas zu tun, was in Frankreich als Parteinahme für Deutschland gedeutet werden konnte. Würde nun England jetzt diese Passivität, die soviel Unglück angerichtet hat, aufgeben, so könnte es auf die Schritte Frankreichs mäßigend xinwirken und die beiden in- ,einander verbissenen Gegner an den Verhandlungs- Osch bringen. Der neue englische Kabmettschef, Herr Ba'ldwin, hat im Unterhaus angedeutet, daß die englische Politik aus ihrer Beschaulichkeit hevaustreten ^veÄ)e. Sie würde dcimit den Freunden des Friedens in Deutschland und in Frankreich einen großen Dienst ikvweisen, aber auch — und das ist das Merkwürdige m der heutigen Situation — den Kabinetten Poincare jtrtb Cuno aus arger Verlegenheit helfen. Mb Inhalt des letzten deutschen Memorandums zeigt, daß die Deutsche Regierung doch allgemach die Löge ihres Lan- ^es 'zu erkennen begirmt und sich anftrengt, die Dsychoiogische Verfassung ihres Gegners zu verstehen. Zwar vird von dem Aufgeben der passiven Resistenz im Kuhr^biet nicht gesprochen, die Regierung legt sich aber auch nicht aus ihre Fortsetzung fest. Mehr kann sie nicht dm und es ist anzunchmen, daß auch Frankreich und kelgien. trotz allem sich in diesem PuMe nicht o starrsinnig zeigen werden, wenn sich die Einwirkung LnMnds zunächst nach dieser Seite hin geltend machen loird. Der belgischen Regiemng liegt es sehr am Herzen, die Einheit in der Entente wieder herzustellen, und in Zrarckrvich ist eine deutliche Abkehr der Volksstimmung von dem militaristischen Fieber zu erkennen. Die franpfische Okkupation des Ruhrlandes hat Frankreich venig positiven Nutzen gebracht und nur die Nationalisten zu Borstößen ermutigt, die dann aus den entchloffenen Widerstand der republikanischen Kreise getoßen sind. Aus den letzten Vorgängen in der Kammer weiß man, daß die Linke jederzeit bereit ist, der Regiemng die Gefolgschaft zu kündigen und Poinoares Vorgänger, Herr Briand, hat sich in seiner großen Rede m Nantes deutlich als Nachfolger angomeldet und an seine VevhaMungen mit Lloyd George in Genua erinnert,. die geeignet gewesen wären, Frankreich auch ohne die Ruhrbesetzung alle gewünschten Garantien für seine Sicherheit zu bringen. Die Versuche der französischen Regierung, durch die Unterstützung der nationalisttsch-untisemitrschen Hitlerei, der sie Geld und Waffen schickt, von München aus Deutschland zu sprengen und in den Bürgerkrieg §u treiben, dauern zwar noch an und der gegenwärtig vor einem Münchener Ausnahmegericht durchgeführte Prozeß gegen den Kapellmeister Fuchs und seine Kompatrioten leuchtet sehr tief hinter die Kulissen , der bestechlichen und bestochenen 'Vaterländler. Solange französische Truppen auf deutschem Boden stehen, werden die Hakenkvouzler die Wacht 'am Rhein singen^ die Juden bedrohen und ftanMsche Franken nehmen. Sie müssen darum rin eigensten Interesse den Konflikt mit Frankreich fördern und die Geschäfte des Marschalls Degoutte besorgen. ' Die Pariser Presse hat sich beeilt, die deutschen Vorschläge für unannehmbar und unzureichend , zu erklären. Dagegen versichert eine Havasnote aus London, daß die amtlichen englischen Kreise in > dem deutschen ' Memorandum Anregungen finden, die zu VerhaMungen führen würden. Der Schlüssel zur Situation. liegt also wieder in London und es kommt jetzt viel darauf an, daß die deutsche Regierung die Angst vor Stmnes 'ablegt. Tut sie'dies, dann kann man darauf hoffen, daß der Druck des Reparationsstreites endlich doch einmal von Europa genomnren werden wird. Tut sie dies über nicht, dann setzt wieder der Marksturz ein und Deutschland gerät in den Bürgerkrieg.' Zu diesem Zweck bezahlt ja Frankreich die deutschen .Verschwörer. Ae Aufnahme der deutschen Rote. Asynith für Verhandlungen.—Frankreich lehnt ab. ft- Mussolini über die Revarationslrise. In Eyglcmd. London, 8. Juni. Wie das Reutersche Bureau erfährt, wird in amtlichen Kreisen noch immer völliges Stillschweigen bezüglich des deutschen Angebotes bewahrt. Eine Kabinettssitzung ist heute nicht einberufen worden und es ist' sogar möglich, daß eine Sitzung, in der die Lage besprochen werden wird, nicht vor nächster Woche abgchalten werden wird. Eine Erklärung Asqutths. London, 8. Juni. Asquith erklärte^in einer Rede in Paisleh über die Reparationssrage, es sei eine Vorbedingung für jedes Zusammenarbeiten zwischen den Miierten, daß die abgeänderten Vorschläge, die die deutsche Regierung jetzt unterbreite, nicht summarisch abgelehnt würden, sondern das Thema ernstlicher Erwägungen und Erörterungen bilden müssen. In Italien. Rom, 8. Juni. „Giornale di Roma" verweist darauf, daß die deutsche Note diesmal die Betonung der Unparteilichkeit der neuerdings geforderten internationalen Konferenz unterlasse. Wie können aber, fragt das Blatt, die Miierten den Versailler Vertrag fallen lassen und die Entscheidung Nichtsignataren überlasten! Daß die Frage per Passiven Resistenz in der Note nicht berührt werde, habe vielleicht seinem Grunpharin,. daß die Ruhrstage in dvü sind MÄitzsts Mchk tzrtvähnt-wurde» Deutschland glaube vielleicht, daß darüber aus der inter- «Monalen Konferenz werde gesprochen werden. Mussolinis Stellungnahme zue Reparationsfrage. Rom, 8. Juni. Ministerpräsident Mussolini legte heute in der Kammer die allgemeinen Linien der itali e- »ischen Politik dar. sts ist für Italien ein Interesse «sten Ranges, sagte Mussolini, die friedliche Aösung der europäischen Krise zu Leschileu- «igen. Diese Krise wird seit dom Versailler Vertrag von dtt Reparationssrage beherrscht. Es unterliegt -einem Zweifel, daß die Besetzung des Ruhvgebietes die Reparationskrise äußerst verschärft hat. Gegenüber diesem PrMem ist Italiens grundsätzliche Stellung'folgende: 1. Deutschland kann und muß eine Smnme b ezahlen, die nunmehr allgemein präzisiert werden soll und die von den mehreren hundert Milliarden, Von denen man unmittelbar nach dom Waffenstillstand gesprochen hat, recht weit entfernt ist. 2. Italien könnte Aenderuugen oder einen Umsturz territorialer Art, die eine politische, wirtschaftliche oder militärische Hegemonie herbeiführen könnten, nicht zu lassen. 3. Italien ist bereit, seinen Anteil an den Opfern für den wirtschaftlichen Wiederaufbau Europas, wenn dies notwendig sein wird, zu tragen. Re Müfseler Beschlüsse. Paris 5. .Juni. (Havqs.) Parisien" berichtet üb'.r dir o»n 2er B r ü s s c l e r f?.’: t v " n z gefaßten Beschlüsse: 1. Ti? Zo'Ichrauke »scheu der? besetzten und den urbrdesetzr-.'N Deutschland wird störk;. um'jede Warenfl cht unmöglich zu mrchen: i\ öle t-r.zeü.:sige Strecke. Düren— Euskirchen. dir für dm Ti-.rsport de Kohle gegenwärtig »ihr grnügr. wird zu einer Zwcigele'.llsen ausgebaut;. 3. die frattjönsch--belg:sche E.srnb.h'w.r: a't..ng soll angesichts des Anwachsens der Transport» in eine interalliierte Gesellschaft", nmgervandllt werden. —• ^)re französischen und belgischen Minister': haben - auch über die Frage einer im' Falle des F o r tdawerns.der-Markkrise cmszugebenden neuen WLHrung gesprochen, .waren aber der Meinung^ daß dieseMaßnahme nicht dringend sei,, da sie für Frankreich und Belgien, 'welche beiden Lander übrigens noch namhafte Markresevven besitzen, neue Lasten mit sich bringen würde. Der Brüsseler Korrespondent des „Journal" erinnert an den Beschluß der Kon'fevenz, daß die deutschen Zahlungen, nach deren LeistMg das Ruhrgebiet geräumt werden solle, für die f r a n z ü s i s ch - ib e l g i sch e Priorität vorbchalten sein müssen, und glaubt zu wissen,'daß die diplomatischen Verhandlungen über diesen Punkt unverzüglich zwischen allen 4. Die italienische Regierung ist heute mchr denn st der Ansicht, daß das Reparationsproblem und jenes der interalliierten enropäischen Schulden innig miteinander verknülpst sind und in einer gewissen Art voneinander ab Han gen. Frankreich lehnt ab. Paris, 7. Juni. Die Agenee Havas meldet: Amtliche Kreise sind augeMicklich der Ansicht, daß die deutschen Anibote unzureichend und unannehmbar seien. Diese Anibote stellen einen Scherz'des Deutschen Reiches har, das gegen die Uttbestimmtheit der Schuld protestiert, ohne aber heute die Summe anzugeben, die es allenfalls zahlen würde. Deutschland, regt an, eine internationale Kommission mit der Festsetzung der Zahlungsfähigkeit Deutschlands zu betrauen. Ein solcher Vorgang sei unannehmbar, da er im fornrellen Widerspruch zum Vertrag von Versailles stehe, der die Reparationskommission damit betraut hat, in bestimmten Zeitabschnitten die Hilfsquellen Deutschlands zu schätzen. Das Memorandum sehe indirekt die Gewährung eines Moratoriums bis zum 1. Juli 1927 vor. Durch seinen Vorschlag auf Einberufung einer internationalen Konferenz. verkündet Reichskanzler Enno den Boykott d e r R eparatiomskomm'ifsron und bestättgt dadurch ein ..s.tzstemätisches . Verkenn en ..des. - .Frred ensv e r t r a g e s. Weiter ivird darauf Vevlviesen, daß das MEovandmn in keiner Weise-den Widerstand im Ruhrgebiet erwähne. Die. neue Denkschrift, i gn o r i e r e / die für Belgien und Frankreich als unerläßlich erachtete Bedingung, nämlich die Einstellung des passiven W i d e r st a n d e s. Die Verbündeten Kabinette würden diesbezüglich ihre Standpunkte. eÄrander Mitteilen, und wenn die interessierten Regierungen sich über den wesentlichsn Grundsatz einigm, werde nichts der Abfassung einer Kollektivantwort im Wege stehen. . In Amerika. New-Iork, 8. Juni. (Wolff.) Wie das /Journal o f Commerce aus Washington' erfährt, wird die neue deutsche Note in amtlichen Kreisen als ein deutlicher Fortschritt gegenüber allem angesehen, was Deutschland bisher angeboten habe. Man sei der Meinung, daß der Vorschlag einer Konferenz geeignet sei, eine Grundlage für Verhandlungen zu bilden, die letzten Endes in eine Verständigung ausmünden würden. Obwohl berichtet werden könne, daß die Note einen'Hoffnungsstrahl darftelle, bestehe noch kein Anzeichen dafür, daß die Vereinigten S t a at e n auf der vorgeschlagemn Konferenz vertreten zu sein wünschten, es sei denn, daß sie von den Alliierten ausdrücklich zur Teilnahme eingelcchen werden würden. New-Aork, 8. Juni. Die MvrgenMiter erklären, das deutsche Memorandum stelle hiusichtlich Ton und Inhalt einen großen Fortschritt gegenüber dem früheren Angebot dar.. ' Alliierten beginnen würden. Das belgische Kabinett werde sicherlich sein ganzes Bestreben daraus richten, die Ei nl) e i t Sfront der Alliierten wrederherzüstellelln. Man könne «ffo sagen, daß die Regelung der Reparationssrage in eine newe Phase eintrete. Der passive, Widerstand. 8. Juni. „Petit Pariisien" meldet aus London, cs sei kein Zweifel, daß die Brüsseler Konferenz eine Entiäu.- ' schung hevvorgevufen habe, doch scheine die englische Regie- . rung prinzipiell geneigt, die svauzvsisch-belgische Fo-rlderung nach Einstellung des passiven Widerstandes im'R'uhrgebiet-vor Verhandlungen mit Deutschlai.d cmzuerkennen. Es bestünden daher keine unüberwindlichen Schwierigkeiten für ein Einvernehmen. Dagegen finde ver deutsche Vorschlag, die Zahlungssähirskeit durch ein kn t e rnationales Komitee faststellen zu lassen, keinen - Widerstand wie in Paris, sondern im GogenteÄ laute Befürwortung. Angesichts der Abr.eigung Frankreichs und Belgiens gegen eine internationale Einmengung werde die englische Regierung wahrscheinlich ein intevalliievtes Konntee Vorschlägen. Jedenfalls sei keincÄvogs die Rede von einer Zurückweisung der deutschen Note; man fiulbc im Goger.i-eil, daß sie eine eingchende Prüfung verdiene und als AusgangspuM iür VechaMungen dienen könne. - xMsmamiiisi&eS'ivam wiiiiiii i Ti mm aasBiamicai mpys&ias

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