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Wiener Morgenzeitung · 1923-06-06 · Heft 1549 (6.6.1923) · p. Seite 5

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
5 (1923)
Issue
Heft 1549 (6.6.1923)
Date
1923-06-06
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 1549 - Wien, Mittwoch Wiens« Mpvg-ftzeitttNg. Hie tote Stadt. Eine kleine Hgftestelle an der Hchmebergbahn: Halte- We Feuerwerksanstalt. Und nnr ein paar Minuten davon entfern liegt eine der größten Produktionsstätteu Oesterreichs, die Wöflersdorfer Werke. Dort, wo vor, mehr noch Während des Krieges die Arbeit rastlos dröhnte, Räder surrten, Tausende von Menschen in emsiger Tätigkeit waren, liegt jetzt die tote Stadt Wollersdorf. Denn wie eine Stadt ist der riesige Komplex dieser Gebäude und Anlagen Mit Straßen und Plätzen. Die weiten Hallen erzittern nicht nehr vom Gang der Maschinen, die AvbeftKsäle fiebern nicht mehr von Tätigkeit und Arbeit, und die Plätze und Straßen liegen verödet da — eine tote Stadt. 7 Nach und nach ist es so geworden. Seitdem Wöllersdorf aus den Friedensbetrieb nmgestellt wurde, gibt es der Oefsentlichkeit fortwährend Anlaß zn Erörterungen. Man hat auf verschiedene Art versucht, diesen großen Betrieb wieder zu beleben: Die österreichischen Industrie- Werk e, ein privates Syndikat und zuetzt die A. E. G. haben die Sanierung der Werke nicht durchzusühven vermocht. Heute ist die Erzeugung vollständig eingestellt und es arbeitet nur mehr die Expedition, um die alten Aufträge auszuführcn. Jegliche Produktion hat aufgehört. Und so sind auch alle Bemühungen, der toten Stadt am Steinfelde neues pulsierendes Leben einzuhauchen, anscheinend auf einem toten Punkt angelangt. Die A. E. G. und die Arbeiter in Wöllersdorf stehen gegenwärtig einander schroffer gegenüber als je zuvor, hauptsächlich darum, weil die A. E. G. versucht, den Arbeitern gewisse soziale Errungenschaften zu entwinden und weil von der Direktion Entlassungen vorgenommen wurden, die nach Ansicht der Arbeiter ungerechtfertigt waren. So ist das gegenseitige Verhältnis zwischen Unternehmern und Arbeitern ein sehr gespanntes. Denn die Arbeiterschaft von Wöllersdorf steht zu diesem Werke anders, stls etwa die städtischen Arbeiter zu ihren Fabriken. Sie sind durch die Wohnungsnot oder durch gemeinwirtschaftlichen Besitz an die Scholle gebunden. Me Gemeinden um Wöllersdorf leben von den Werken, und die wirtschaftliche Existenz des ganzen Gebietes hängt von ihrem Gedeihen ab; etwa 50.000 Menschen haben ein eminentes Interesse an der Erhaltung eines Betriebes, der ihnen Arbeit und Brot gibt. Und so ist die Erbitterung gegen die A. E. G. deshalb so groß, weil sie den Betrieb stillgelegt hat. Die Einstellung des Betriebes hat natürlich ihre Hquptursache in der Absatzkrise. Die Wöllersdorfer Werke haben größtenteils für den Export gearbeitet und dieser hat, ganz aufgchört. Daß die Produktion jetzt eingestellt werden mußte, mag auch eine Folge der unrationellen Wirtschaft in früherer Zeit sein. Sowohl Erzeugung wie Vertrieb der übrigens vorzüglichen Waren waren schlecht' geleitet, der ganze Betrieb war bureaukratisiert, statt kaufmännisch bewirtschaftet zu werden. Es wurde erzeugt, ohne auf die Bedürfnisse der Praxis Rücksicht zu nehmen, ohne sich der Nachfrage anzupassen. Und unter diesem System hat das Werk noch bis jetzt zu leiden. Der Ministerrat, der in nächster Zeit zusammentreten soll, um einen Ausweg aus all den Schwierigkeiten zu finden und die Angelegenheit Wöllersdorf zu erledigen, wird keine leichte Arbeit haben. Die A. E. G. verlangt nicht weniger als 43 Milliarden, wenn sie von Wöllersdorf zurücktritt. Es sind noch eine Anzahl von Interessenten da. Die Firma Neurath. Dieser aber paßte die Beteiligung des Staates und der Druck, den die Arbeiter aus die Leitung des Werkes ausüben, nicht. Eine andere Gruppe, die Ald er -Gruppe, scheint die Lust verloren zu haben, denn um das Werk mit mindestens 2000 Arbeitern wieder in Gang zu bringen, sind riesige Summen erforderlich. Der neueste Anwärter ist, wie wir hören, Rothschild, der in der vorigen Woche das Werk eingehend besichtigte und großes Interesse dafür zeigte. Wie die Aegelegenheit sich weiter entwickeln wird, sst noch fraglich. Jedenfalls bleibt es zweifelhaft, ob der Ministerrat imstande sein wird, das Problem „Wöllersdorf endgültig zu losen und in der toten Stadt auf dem Steinseld nertes Leben erstehen zu lassen. Me Lausamier Konferenz. LansMtne, 5. Juni. (Sonderbericht der Toll-Aümp.) Das politische Komitee regelte gestern nachmittags zunächst die endgültige griechisch-türkische Grenze. Es wurde bestimmt, daß der Talweg der Maritza die Grenze zwischen 'den beiden Ladern bilden wird. Bezüglich der Grenze im Irak zwischen Syrien und der Türkei werden die Türken ihre Antwort erst Samstag erteilen. Weiter wurde beschlossen, den Türken die drei kleinen Mertem-Jnseln am Eingang der Dardanellen zu überlassen. C a st e l o r i z o wurde Italien zugesprochen. Doch werden noch Besprechungen staltfi-nden, mn zu entscheiden, ob diese Insel eine Militär- und Flottenbasis bilden darf. Die Türken verzichteten aus die seinerzeit von ihnen beansprchte Doncminsel Ada K a l e h. BeKiiglich der Bakufgüter Kögen die Türken rlle Vorbehalte zurück, während Sir Horaee Rumbold erklärte, daß England keinerlei Aenderung an den Vaknsgütern vornehmen wolle. Beim Nieder lass um gsflbkommen stimmten die Türken der'Forderung der Alliierten zu, daß dessen Dauer auf sieben Jahre festgesetzt werde. In der Frage des G e r i ch t s s y st e m s für die Fremden in der Türkei wurde die von Jsmet Pascha abgcänderte Formel Montagna angenommen, Sodann wurde auch die A m ne stie.frage mit Ausnahme einiger geringfügiger Punkte geregelt. Die Griechen werden nach Konstantinopel zurückke'hren können, ebenso die Armenier. Doch machte Jsmet Pascha den Vorbehalt, daß die Armenier nur in geringer Anzahl zurückkehren werden. Sir Horace Rumbold gab der Hoffnung Ausdruck, daß bis kommenden Sonntag die Arbeiten der Lkonserenz beendet sein werden. General Pelle teilte mit, daß in feiner Kommission nur noch die Frage der Bezahlung der Coupons der ottomanischen Schuld zu behandeln sei. Er hoffe, daß diese Frage im Lause der Woche erledigt werde. Mpntagna erklärte, daß in seiner Kommission nur noch die Frage der Konzessionen übrig sei, in der man ebenfalls noch im Laufe dieser Woche zu einer, Verständigung gelangen dürfte. * Wie man sieht, hat die Konferenz gestern einen bedeutenden Schritt vorwärts gemacht. ' London, 6. Juni. Woirt-er.) Die letzte Note Englands an Rußland ist entgegenkommend und schlägt ein gegenseitiges Abkommen vor, um jede Bewegung zu vermeiden, die geeignet wäre, irgendeine Institution in Rußland oder England zu zerstören. ,Manchester Guardian", welcher den Inhalt der englischen Rote veröffentlicht, bemerkt, nach den: Wortlaut der englischen Note besteht kein Zweifel mehr, daß ein Abbruch her Beziehungen Mschen GwKand und Rußland nicht mehr M Irage konmrt. Völkerbund und Abröstung. Gens, 6. Juni. (Schweiz. Dep.-Ag.) Die Abrüstuugs-- kornmissiou des VSLksrbundes hielt am Montag unter dem. Vorsitze Schanzers (Italien) die erste Sitzung in der siebenten Session ab. Sie nahm Kenntnis von den Maßnahmen des Sekretariats zur Fortsetzung der Untersuchung über die Abrüstung und die Wirkungen des chemischen Krieges. Es wurde ihr Mitteilung gemacht von den Schritten des BMerbuudes bei der amerikanischen Regierung, die ersucht wurde, anzugeben, in welcher Weise sie mit anderen Regierungen Zusammenarbeiten wolle, zur Kontrolle der Privaten Fabrikation von Waffen und des Handels mit Waffen. In bezug aus diese Frage beschloß die Kommission, den Völkerbund emMlbaden, auch die anderen Staaten, die nicht Mitglieder des VLMeribmckes sind, gu befragen, ob sie gewillt wären, im dieser Angekögenhsit mit dem Völkerbund zusammen- Mrbeiten. Ile IleberMe der Samelots du Roi. Paris, 6. Juni. (Havas.) Die Kammer hat heute die Assichierung mehrerer RÄ>en beschlossen, die in der Freita-gssitzung im Lause der Debatte über die Interpellationen betreffend die von den Camelots du Roi begangenen Uaber fälle gchalten worden sind, und Mac der .Rede Herriot mit 280 gegen 31b Stimmen, jener des Deputierten B r o u s s e mit 620 gegen 44 Stimmen und.der des Deputierten Maunoury mit 878 gegen 61 Stimmen. Ein Antrag des Deputierten der Rechten Magallau, den Bericht über die ganze Sitzung zn affichieren, wurde mit. 410 gegen 30 Stimmen verworfen. Die Kammer ging sodann zur Beratung verschiedener Gesetzentwürfe Wer und nahm den Gesetzentwurf über die Regelung der österreichischen und ungarischen Gebührenschulden an. Me Franzosen besetzen Gelter. Essen, 5. Juni.. Heute morgens besetzten die Franzosen sämtliche Stationen der einzig noch bestehenden Bahnlinie Bergeborbeck — Alte n—E ssen — Dor tm u tl d. Ans den Bahnhöfen sind T a n k s itnd M asch in engewehre ausgestellt. Das gesamte Industriegebiet von Herne bis Duisburg ist nunmehr ans die Straßenbahn angewiesen. Erschießung eines Flüchtlings an der ßolnischruffischen Grenze. Leinberg, 4. Juni. (I. C. B.) In der Nähe des ostgaltzisch-podoli scheu Grenzortes Husiathn erschoß der sowjetvussische Grenzposten den Mischen Flüchtling Gerfon Sommer, der versucht hat, sein und seiner Mitflüchtlinge Gepäck über die Grenze §u transportieren. Me Ermordung des Kardinals Soldevila. Saragossa, 4. Juni. (Havas.) Der Mordan'schlag gegen den Kardinal-Erzbischof Soldevila wurde in dem Augenblick verübst, als er von feiern Besitztum in der Nähe von Saragossa das Automobil verließ. Zwei junge Leute, die zu beiden Seiten des Tores standen, feuerten etwa zwölf Revolvevschüsse ab. Der Kardinal war io fort 6. Juni IM tot. Sein Begleiter uB der EWfftuv Mrdm Mletzt. Der Leichnam des KardiMls wurde m das eMMsluhe Palais überführt. Nach dem Attentat wurden von mm zwei Individuen gesehen, die seldeiuwärts Mchftte». . Wie verlautet, syst dem Morde ein politisches Motiv zugrunde liegen, Soldevila, der in der Bewegung der katholischen Gewerkschaften eine Rolle spielte, hafte eine jüngst an die Regierung gerichtete Denkschrift mitunterzeichnet, worin gegen eine eventuelle Gesetzesvorlage Verwahrung eingeM wind, deMsolge die Staats- Verfassung in der Richtung eine Abänderung erfahren sollte, daß allen Religionsgemeinschaften absolute heit und Gleichheit ^gebilligt werde. Aus aller Welt. l e.in trägt sechs zehwDie durch die Wasserernbmche Min.verursachten Schäden werdest, ahne die Prwaübcmten nnttznrchnen, auf 17 MiNiönen L»re Mchatzt. L o n d o n, 6. Juni. «Times mÄden aus T an ge r. Die Lage in der spanischen Westzone hat sich verschlimmert. Die Spanier haben schwere Berkuste eÄNten. Abd rl Krim bedroht hie Barbnchunaen zwischen Deinen und Shospuan. Der Kampf im Rffgebiet dauert fort. Pilsen, 6. Juni. Der Hangar des westtbchmffchen mamuk ift abgebranN^ wobei M ^KuWeM Verbannten, mchrere andere Mafchmen und Werwolles Watewal beschädigt wurden. Schaden e>me Mrllron tfchechffche Kronen. Ae amerikanischen Sionisten »nd der iz, Kangreb. Die zionistische PartCiPresse in Amerika faßt die auf dem dreizehnten Zionistenkongreß in Karlsbad einer Lösung zuzusührenden Probleme in nachstehende vier Hauptfragen zusammen, die auch offiziell zur öffentlichen Diskussion gestellt wurden: 1. Wie soll die Jetvish Agency gebildet werden und durch welche Mittel hat ihre Etablierung z« erfolgen? 2. Darf die Zionfft^che Organisation grundsätzlich und ohne Vorbehalt alle aus einem wahrhaft demokratisch jüdischen Weltkongresse für Palästina sich ergebenden Folgen annehmen? 3. Soll die Autorität der Zionistischen Organisation weiterhin bestehen bleiben »und zwar durch eine vereinte und feste EMtive. mit erweiterten Vollmachten zwecks Ausführung ihrer Funktii-nen? 4. Soll der KereN Hajessod sich lediglich aus die Schaffung der ökonomischen Grundlagen für das jüdische Nationalheim durch die Entwicklung landwirtschaftlicher Siedlungen beschränkm oder soll er gemäß den Beschlüssen des letzten Kongresses auch fürderhin einen Fonds für jedweden Zweck bilden? Das offizielle Parteiorgan „New Palest ine" hält diese Fragen für die wWtigften, die auf dem dreizehnten Kongresse gelöst werden müsse«, und bemerkt, daß die gesamte bisherige Diskussion in der jüdischen und zionistischen Presse über den "bevorstehenden Kongreß nicht eine einzige konstruktive Idee gezeitigt habe. Jedenfalls sei von keiner Seite angeregt worden, wie' die Zionistische Organisation zu stärken oder wie die zionistische Verwaltung in Palästina zu verbessern sei. Kn „Fudenblatt". Die „Irene Freie Presse" veröffentlicht mMemNsche Inserate) Die „Neue Freie Presse" gfft als der Prototyp jener sogenannten ,^JMMätter", die, soSveit sich dies.m'it ihren besonderen ,JnteMen" verträgt, ftir Freisinn, Fortschritt und ähnliche schöne Dinge eintreten, hier und da auch gegen den kuilturfeiM'ichen Antisemitismus, natürlich stets aus der Emstellung des nicht direkt 'interessierten Beobachters ein Mort fallen lassen, um dann wieder als Sprachrchr der großdeutschen Judensresftr und Rassensanatiker deibütieren zu können. Im Hause Benedikt ist man vorurteilslos und übt ausgileichvnde Gerechtigkeit: die Wisch-liberale Wchltätcrei und Henry Ford, der Apostel der Lehre von den „Weisen von Zion" — fte finden in den Spalten dieses Blattes ihr Plätzchen. Wie weit die Borurteilslasigjke'it der ,/Neuen Freien Presse" reicht, ersieht man am besten aus ihrem Inseratenteil. Nicht immer kann man mitteleuropäische Numinrern mit seuilletonistisch adjustierten Inseraten erscheinen lasstn, an normalen Werktagen begnügt man sich mit Kleingeld. Daß die Ausnahme von Horcherateu be'v der ,Muen Freien Presst" mit größter BledenkeAvsigkeit erfolgt, hat ja schon Theodor Herzl gewußt, der seine Leute kannte und, wie aus seinen Tagebüchern hervorgeht, wußte, daß per Umweg über das Inserat dort das sicherste.Mittel ist, um die Totschweigetaktik zu brechen. So wundert man sich demr nicht, wenn man in dem „fteheitlichen" Blatte die folgende Annonce findet, die dr^ gestern erschienen ist: Ajmmcr, Kabinett mit MchenbcMtzung, teilweise möWiert, in Untermiete M geben. Bon 8 bis 10 und 1 bis 3 Uhr. Juden ausgeschlossen. 6. Bez., Wiedner Haupt W'Lss Äir 1«/ ' AW0.li> Antisemiten, die gut untervermieten wollen, Wissen, an wen sie sich zu wenden haben: Die ,Mvue Freie Presse" öffnet ihnen bereitwillig zmn tariMäßigen Satz ihre Inseraten^ spalten. Dafür wird demnächst der salbungsvolle Predigertan eines Artikels gegen die Rassenhetze das Herz jener Sorte von Juden erfreuen, dst mitschuGig sind an der Schande, dcch man jenes Preßerzettgrri^ ein ,JtlderMatt" neunen kamri

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