Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 5 (1923)
- Issue
- Heft 1545 (2.6.1923)
- Date
- 1923-06-02
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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m 11 * 'Ar t ff, * r*vrwSFVK ElBzdnommerKlooo Wien: Zum Abholen in der Expedition,II.,Taborstr.1-3, oder ineiner Verschleisstello (Trafik) monatl. K 28,000 Mit Postversand für Wien u. Oesterr. monatl. K 28.000 Tschecho-Slowakei: Mon. K17. Ungarn: Mon, K 600. Jugoslawien: Mon. Dinar 40. Polen: Mon. Mk.l5.000.Dentschland: Mon.Markl5.000.Frankr.i Belgien: Monatl. Pres. 8 Q0f Nachzahlungen i'W8 bei Preiserhöhungen Vorbehalten orgenieitung rsehecho^lowakM tschech. K1.~ Italien: Monatl. 10 Lir* Rumänien, Bulgariel Monatl. 90 Lei bczw, Lew^ Schweiz und das übrigt Ausland monatlich Frei./ Nr. 1545 Wie«. Samstag. 2. Zuni 1923 - Redaktion u, Administration Wien,: II., T aborstrasse 1— Telephone: 44-0-38,43-3-191 ab 6 Uhr abds.19-483,16-30} Tel.-Adr.: »Morgcnreitunx* Wien Oesterreichisches Postspan •kassen-Konto Nr. 150.693 5. Jahrgang Die DmchhalLer. —y. Wien, 2. Juni. Der Vorschlag Otto Bauers aus den Währungsanschbuß der österreichischen Krone an die deutsche Mark ist nun erfüllt. Freilich nicht in dem Sinne, wie dies der Leader der österreichischen Sozialdemokratie gemeint halte. Die Mark ist der Krone gleich geworden. Dieses Ereignis ist die derzeitige Etappe in der Entwicklung der deutschen Politik, tue mit dem Krieg begonnen hat und nunmehr dort angelangt ist, wo Oesterreich vergangenen Hochsommer stand, als der Bundeskanzler Seipel die Reise antrat, die ihn nach Prag und Verona, und schließlich nach Gens führte, und von der er den Generalkormnissär mitbrachte. Was sich im Meinen in Oesterreich vollzog, die Sabotierung aller inneren Sanierungs- Versuche durch die antisozialen Tendenzen des Großbürgertums und die Ratlosigkeit der sozicckdemokraüschen Opposition, das hat sich in Deutschland auf einem ungleich größeren Terrain, innerhalb einer kräftiger konstruierten Wirtschaft und in einem längeren Zeitraum abgespielt. Und demgemäß sind auch die Wirkungen der Markkatastrophe für die ökonomische Lage Europas diel tiefgreifender und zerstörender. Die Gewinne, die das Hyänentmn der Schieber aus dom Verfall der Wiener Krone zog, verblassen gegenüber den Erträgnissen, die die Stmnes und Konsorten für sich buchen konnten, und die ihnen eine ungleich größere Machtkonzentration ermöglichten, als jemals die antisemitisch erhitzte Phantasie eines alldeutschen Zeilenreißers den AÄwsten der Weisen von Zion znlügen konnte. Einstweilen sitzen kn Berlin um das flackernde Lichtftümpflein der Mark die Regierungsmänner beisammen und beraten über die Repavationsnote. Näm- 6ch darüber, ob diese Note, die keine Note, sondern ein Memorandum sein soll, an alle Mächte A richten wäre oder nur an England, Italien, Amerika und Japan, also nicht au Frankreich und Belgien. Das scheint im Sinne der so glücklich vollführten passiven Resistenz eine sehr wichtige Frage des Prestiges zu sein, viel wichtiger als die außechaÄ der Politikberuse brennende Sorge um die nächsten Tage und um die eMiche Einleitung direkter Verhandlungen auf der Grundlage eines festumrisseuen Zahlungsplanes. Die Bestürzung im deutschen Publikum ist kaum zu schildern. Alle Preise sind in den Wirbeltcmz der Teuerung geraten» der Preis des Brotes hat sich verdoppelt, die Personentarife der Bahnen verdoppelt, die Ählenpreise sind um 50 Prozent, Kleider und Schuhe um 60 Prozent verteuert wollen. Das sozialdemokratische Zentralorgan, der „Vorwärts", macht ans die Anruhe in den Betrieben aufmerksam, und schreibt: „Wenn nicht bald^ Durchgreifendes geschieht, wird die Macht des Hungers über die Selbstbesinnung triumphieren." Das Durchgreifende ist schon aus dem Wege: Die Berliner Polizei geht gegen die Kommunisten vor und hat deren Versammlungen verboten. Sie will die Behandlung des Fiebers beim Thermometer beginnen. Die Regierung wartet. Sie hat einige Vertreter nach London und Paris entsendet, die sich über die Ansichten der englischen Finanz- und Handelswelt informieren sollen. Die deutsche Industrie, deren Führer jetzt wie im Krieg das Prinzip des Durchhaltens aller anderen ausgestellt haben, will die Notlage des ^Reiches, nachdem sie an der Markverelendung fest verdient hat, zu einer politischen Erpressung benützen. Sie fordert für die 500 Millionen Goldmark, die sie dem Vaterland in unabänderlicher Treue und Selbstlosigkeit zur Verfügung stellt, die Einleitung eines inneren Krieges gegen die Arbeiterschaft. Denn nichts anderes wäre das verlangte Arbeitszeitgesetz, das in den linksstehenden Massen als ein Angriff auf den Achtstundentag und als eine vorbereitende Maßregel in dem von den Nationalsozialisten, Offizieren und Junkern angestrebten Bürgerkrieg gedeutet wird. Die Schwerindustrie, die diese Tendenzen bezahlt, hält den Augenblick für günstig. Sie beherrscht die Regierung und ihr Patriotismus stößt sich nicht daran, den Geschäftsvorteil sich vom Feind garantieren zu lassen. Diese Kreise sind schon seit langem mit der Einrichtung der ausländischen Finanzkontrolle einverstanden, zu deren Organen sie leichter den Weg finden als der Arbeiter und Kleinbürger. Das hindert sie nicht, täglich dreimal die „Wacht am Rhein" zu singen und im Ruhrland durch Minietetes Gesindel „Kommunistenputsche" zu arrangieren, -in ihrer Presse hie Juden zu begeifern und die Republik zu beschimpfen. Die Negierung ist weiches Wachs in diesen Händen, die die deutsche Wirtschaft lenken, so gut lenken, daß sie auf dem österreichischen Weg angekommen ist. Die KMKWhe der deutsche« Währung. Die Mark tiefer als die Krone. Der WährungszrtsrrmmenVrmch Deutschlands schreitet unaufhaltsam weiter. Es ist eine beispiellose Katastrophe» die sich hier abspielt. Die deutsche Regierung und Reichsbank stehen ihr vollkommen machtlos gegenüber. Auf den ausländischen Plätzen werden Milliarden Mark aus den Markt geworfen und verursachen den weiteren Sturz bis zu unerhörten Tiefstandsrekorden. Ja, die Mark notiert sogar schon unter der österreichischen Krone, die bis jetzt als die tiefste Währung Mitteleuropas galt. Die Mark hat auch diesen Rekord geschlagen. Während die Devise Wien in Zürich 0,0078,25 notiert, notiert die Devise Berlin nur 0,0077. Sie hatte noch vorgestern 0,0084 notiert und ist gestern auf dieses Niveau gesunken. Im Zusammenhang damit macht aber auch die Panik in Berlin immer weitere Fortschritte und treibt die Kurse der fremden Valuten immer weiter in die Höhe. Gestern notierte in Berlin der Dollar 74.164, das Pfund 341.803, der französische Frank 4877,50, der Schweizer Frank 13.500,50, die tschechische Krone 2244 (gegen 2077,75 am Vortag); nur die polnische Mark ist von 177,50 auf 129,75 gesunken. Die Markflucht ist allgemein. Das Interesse wendet sich den ausländischen Werten zu. Starke Stelgeruugalk! Effeüeu. Berlin, 1. Juni. Die Börse ffattb heute wieder im Zeichen eines neuen Katastrophenhaussetages, der sich am Devisenmarkt bei dem anscheinend unaufhaltsamen Verfall der Markwährung in einer weiteren sprunghaften Steigerung der Notierungen fortsetzte, die die in weiten Kreisen des Publikums vorhandene M a r fi fluch tft immun g verstärkte und sich in einer starken allgemeinen Kauflust aus allen Märkten -er Effektenbörse äußerte. Verkäufer verhielten sich unter diesen Umständen zurückhaltend. Infolgedessen traten überall neuerdings ganz außer, or d e n t l i ch h o h e K u r s st e i g e r u n - gen ein. Diese betrugen in der Regel bis 30.000 Prozent. Solche von 50.000 bis 70.000 Prozent und darüber waren nicht selten, und einzelne Papiere wie Deutsche Erdöls Riebek Montan» Otavi, Siemens n. Halsk« und Staatsbahn-Aktien wurden in raschen Sprüngen sogar 100.000 bis 140.000 Pro« zent im Kurse in die Höhe gesetzt. Diese Steigerungen erstreckten sich ans alle I n, dnstriepapiere einschließlich der Schifp fahrts-Aktien. Bei den Bank papieren betrugen sie bis zu 10.000 Prozent und «mj bei der Deutschen Bank 13.000 Prozenh Von Valrvtenpapieren setzten anÄ ländische Renten ihre starken Steigerungen unter Bevorzugung der Türken und Mexit kaner fort. Die Kauflust griff auf alle in, ländischen Renten über, von denen besonders Alte, Reichsanleihe und Konsuls anßeri ordentlich stiegen. In die Hausseströmung wurden im entsprechenden Ausmaß auch Kolonial- und Kali-(Freiverkehrs-)Werts mit nach oben gezogen. Das Geschäft rmhrrr überall einen großen Umfang an, fo daß sich die Kursfestsetzung wesentlich verzögerte. Die Bergarbeiter gegen das Anbot der Fnbnftrie. Berlin, 1. Juni. Die „Voffifche Zeitung" meldet aus Essen: Zu dem bekannten Angebot des Reichs Verbandes der deutschen Industrie in der Reparationsfrage erklärte eine gestern abgehaltene Revierkonferenz des Altener Bergarbeiterverbandes, die Konferenz nehme mit Staunen und Entrüstung Kenntnis von den Forderungen, welche der Reichs- Verband der deutschen Industrie als Bedingung für seine in erstaunlich geringem Umfang angebotenen Garantien für die deutschen Reparationsleistungen stelle. Drost Forderungen bedeuten eine so starke Bei d r o h u n g dessen, was die Arbeiterschaft auf wirtschaftlich-sozialem Gebiete errungen hat, und somit eine fo große Gefahr für eine vernünftige Entwicklung der Produkt Lion, daß der Verband der Bergarbeiter Deutschlands sich zu der ernsten Erklärung genötigt sieht, daß er sich der Verwirk« lichung dieses Planes mit allep möglichen Mitteln widersetzen werde. Nu Zwischenfall im Mlkerbuud. Exodus der Amerikaner. Genf, 1'. Juni. (Tel. der „Wiener Movgenz-eiülug".): Heute kam es in der Opiumk o m m i s s i o n - des .WoIf erb unde s zu einem peinlichen Zwischenfall zwischen dem Präsidenten der Kommission Bourgeois und dem Führer der amerikanischen Delegation Porter. Bourgeois bat um die Erlaubnis, vor Eintritt in die Diskussion der amerikanischen Delegation einige Fragen stellen zu dürfen, um nähere Aufschlüsse über die amerikanischen Vorschläge, die ihm nicht klar genug scheinen, zu erhalten. Porter erwiderte, daß er die Notwendigkeit, diese Fragen zu erläutern, ebensowenig einsehe wie die Nützlichkeit der Anwesenheit der amerikanischen Delegation während der Disküssion im Saale. Bourgeois bestand nochmals, und ztvar in. zienrlich heftigem Tone, darauf, Erklärungen zu etha-ltett, woraus Porter erwiderte: i r haben zu unseren Vorschlägen, die ganz klar sind, nichts h r n z u z u f ü g e n. Sie wurden von mir uird einem amerikanischen Bischof in zwei Fragebogen ganz unzweideutig erläutert. Der Völkerbund muß etwas tun, und unsere Vorschläge sagen vollständig klar, Inas sie sagen wollen. Es ist an Ihnen, die Verantwortung dafür zu übernehmen, ob Sie unsere Vorschläge annehmen oder znrückweisen wollen. , Uns bleibt nichts anderes übrig, als uns znrückzuzrehew" An der Spitze seiner Delegation det\ ließ Porter nicht nur den Saal, sondern auch das Völkerbundsekretariat und begab sich in sein Hotel zurück. Diese Haltung rief gewaltiges Aust sehen hervor. Die Sitzung wurde, aufge^ hoben. Trotz aller Bemühungen gelang es nicht, den amerikanischen Delegierten umzustimmen. Bei. Wiederaufnahme der Sitzung konnte man das. sonderbare Schauspiel beobachten, wie sich der englische Delegierte Sn Malcolm-Della-vignes bemühte, klarzulegen, tvas man unter den amerikanischen Vorschlägen zu verstehen habe. Verzögerung in den Lausmuer Beratungen. Lausanne, 1. Juni. (Tel.-Komp.) - Me Konferenz von Lausanne hat eine unerwartete Verzögerung erfahren. Die Sitzung des, Politischen 'Komitees, die für -heute vormittags einberufen woMn war, wurde v e r - schoben. Man glaubt sogar, daß die Delegierten kaum vor eingen Tagen wepikn zusammentreten körnen Den 'hwund der Verzögerung ist unbekannt. Auch die Sachverständigensitzung, die henk vormittags zusammengetreten ist, kam in der Frage der Coupons des ottomanischen Schuld zu k e i n e m Ergebnis. Dir Sitzung wird heute nachmittags fortgesetzt. Was dir Räumung von Konstantinopel betrifft, so scheint man eine b e s r i e d i q e u d e F o r m e l gefunden zu haben.