Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 5 (1923)
- Issue
- Heft 1544 (1.6.1923)
- Date
- 1923-06-01
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 88% known words query
- IRI
…/2979076-2980477-2980625--14936-3001717- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
ÜPien: Zum Abholer» io der bqpedttion, II.<Tabor&tr,l*3, Wer in einer VerscKIeisstelle (Trafik) monatl. K 28.000 Äit Postversand iürWienu, - Desterr. monatl. K 28.000 fschec h o*Sl owa k e i r Hon. K17. Ungarn: Mo*., C 600. Jugoslawien :Möh. )inar 40. Polen*. Mon. dk.l5.Q00.Deutschland: rton.Mark15.000. Fr ankr.. lelgien: Monatl Frcs, 8 KaehsAhliinsren *VB tei Prdierhohunffen Vorbehalten rener Tschecho -Slowakei i tscheeh. K 1.— Italien: Monatl. 10 Lire R um an len, Bulgarien Monatl. 90 Leibezw. Lewa,' Schweiz und das übrige Ausland monatlich Frei. 3 Redaktion n. Administration Wien, II., Taborstrasse 1—3 Telephone: 44-0-38,43-3-19, ab6Uhrabds.!9-483,16-301 Tbl-Adr.; »Morgenzeitung" Wien Oesterreichisches Postsparkassen-Konto Nr. 150.693 Rk. 1544 . Wim. Sttttag, 1. gmrt 1923 5. Iahrgimg §in Zahl. -y. Wien, 1. Juni Bvr ^rttem Jahr ist Herr Dr. Seipel zum Bun- »eskanzler gewählt worden. Sein Vorgänger Schober var durch einen meuchlerischen UeLerfall durch die NroHdoutschen dafür bestraft Wochen, daß er den ersten Staatsvertrag mit der Dschecho-Slowakei abgeschlossen rnd in Genua die Aufhebung des Generalpfandrechtes Lber Oesterreich durchgesetzt hatte. Am 31. Mai 1922 aahm der NastoMrat mit 101 gegen 58 Stimmen die Wahl des ersten Kabinetts Seipel vor, das sich in dieser Zdvm bis zum 17. April 1923 hielt und dann infoilge »es allgemeinen Beamtenabbaues von elf auf neun Refforts restringiert werden mußte. UebeMickt man dieD Jahr der Rogierungstätrgkett dB Kabinetts Seipel, so muß hevvovgchckben werden, daß einarrsehniiches Stück Arbeit geleistet worden ist, um den wirtsthastspolitrschen Achstöstmtzspvozeß der Republik zum. Stillstand zu bringen. Die Notenpresse stellte ihre TattMt ein und die österreichische Krone könnte auf tem Tiefstand ftstgchalten werden. In den zukünftigen Geschichtsbüchern Oesterreichs vrrd freilich dieses Jahr keineswegs rühmlich erwähnt Verden. Es brachte — dWck den ernsten und opferoallen Bemühungen des Bundeskanzlers — den Bepn der SamerungsaLtion, aber unter der schrneH- Üchen und traurigen Kontrolle durch den WNevbund. Die in Gens protoMarrsch anerLcrmtte Unabhängigkeit Ocherreichs besteht serther. eben nur m diestr Konvention. Nach jeder Richtung hin hat der Staat die BewegungsfreHett verloren mÄ alle Me Politischen und wirtschaftlichen Aktionen, nach innen wie nach außen stehen ucher der. mrßtraujschch Ohevcmfficht eines GeneraKomunffarL, der einer "auswärtigen vevanb> wörtlich ist. Rach der entsetzlichen KronenLatastrophe^ hie dem Beginn der Amtstätigkeit des Kabinetts folgte» hatte sich Herr Seipel entschlossen, den Mächten die poWsche Säte des osterverchkschen Problems vor Augen zu führen. Er ries die Regiernngen vou Prag und von Rom an und es gelang ihm tatsächlich, die Gefahr des Zusammenbruches des kleinen Staates ztt bannen. Aber Oesterreich mußte euren sehr Wen Preis dafür bezahlen. Nicht durch die peinliche Schuld des Kanzleä, der in disseM Augenblick v«lleicht nichts anderes hätte erzielen können, aber durch die Schu-L der eingerissenen politischen Verrottung, die Oestetveich um den moralischen Kredit gebracht hatte, Und dies' ist nicht in letzter Linie den Parteien zuzuschwiben, h^e sich nach der Sprengung der Koalition iu dem Besitz der Macht sahen und mit ihrer Stellung nichts anzusangen wußten. Das politische Leben Oesterreichs ist unter diesem System bis zum Mel entartet und die gesamte Bevölkerung hat das Treiben in den Couloirs und den Kanzleien bis zum Halse satt. Sie ist so weit gekommen, daß sie sogar die Einrichtung des MneraKommiffariats, die Bestellung von Beratern mit beschämender Apathie ausgenommen hät. ‘ Gewiß ist dieser unnatürliche und gefährliche Zustand auch eine FoligewirWcg des' unnatürlichen und gefährlichen Friedens von Hüinh-Gerniain; aber dje österreichische Politik' hat nirgerchs aus ihrer . eigenen Kraft die Schäden des Krieges und des Kriegfriedens zu heilen versucht.' So. oft sie dazu ansetzte — Renner und Schober haben sich viel abgMüht — stieß sie auf die Sabotage der Großhentschen, und'gerade dieses letzte Jahr hat vehemente Httacken von dieser Seite gegen den inneren Frieden und die Entwicklung Oesterreichs - gebracht, die einen bedenklichen Tiefstand, der polittschen Einsicht verraten. Die Großdeutschen, deren politische Richtung der des Kabinettschef direkt entgegengesetzt ist, sitzen in der Regierung. Ihre Unzuverlässigkeit hat Herr Schober zu verspüren bekommen. Herr Seipel war zu schwach, diese Einflüsse, wie ex es. gerne gewollt hat, auszuschälüm, ich der kultiviert und intellektuell hoch-. , stehende Mann hat mit ihnen Paktieren müssen. Er hat durch das bis heute noch 'nicht kommentierte Wort, die Sanierung Vierde dem , bodenständigen, christlichdeutschen Volk zugutekonrmen, den - zeitlichen,, wenngleich nicht zur Ganze ursächlichen Augenblick gegeben in dem eine unsäglich verlogene, hochverräterische Demagogie die Methoden; des Horthy und Hitler a>uf bic Wiener Straße trftg und sich anrNaßte, den jüdischen Teil der BovWemng iw gesamten.Staatsgebiet außer Recht und Gösetz zu stellen. Der Kanzler hat diesem . Treiben nicht gÄvehrt und es der' Polizei überlassen, JrrLparables zu verhüten; er hat nichts unternmnmen, um der Raffenzälhliung des Großdeutschen Frank, die doch WN Endes a«chan die LrWlische Weltanschauung des. ßi« Vorschlag der britischen Handelskammer. London, 31. M<r.i. (WM.) „Gvenüvg Standard" zufolge werden die drei Delegierten des BeMMs der britischen Handelskammern auf dem geplanten rnternatio nalen Handelskvngr eß in London folgende Vorschläge.mrterbreiten: Ein Moratorium für Deüitschiländ für eine bestimmte Zahl vor.« Jahren, dir Festsetzung einer R-epavaLionssumme, die Deutschland innerhalb einer angemessenen Zähl von Jahren ohne Schaden für den Handel der alliierten Nationen zahlen kcmn, und Gewährung einer intern-ationalen Anleihe für Deutschland unter Sicherheiten für deren Zinsen und Amovttsatiomn. Mit Bezug auf den letzteren PuM werde vovgeschlagen werden, daß eine Abgabe in GM> auf die Ein- und Ausfuhr golegt werden könne. Zu diesem Zwecke müßten die Mi irrten eine internationale Kontrolle der deutschen See- und sonsLdgen Zölle Vevornbaren. Reparatrons- und Schuldenfvage. 3kom, 31. Mai. .(Tel. V. ,ßk. Morgenzettung".) Der deutsche Botschafter hatte heute mit dem Ministerpräsidenten Mussoli«i eine längere Unterredung über den neuest deuisthen RchWatiomsP Muffol-rni nahm mit Genugtuung' davon Kenntnis, daß die 'Ansichten der Ber- Ifeter Regierung mit den Bemerkungen des M-tzmorandüms übereuchrnvnten, das dieitäkenffche Regierung in London ^- . Mttffvlstü iM immer' nöch^WWe Zustummn-. legmrg dev Rcharattonsmü) Schuldenftcrge ern, mch wünscht eiE solidarrschen Befchluß hürch die Mi-ierten, der auf einer neuen Kattferenz Maßt werden soll. 127.5 Milliarden Mark von den Fvanzosen beschlagnahmt. Bierlin, A. Mai. (Del. der,Mr. Movgenzöituny".) Wie von der Reichsbünik beEanntgegebvn wird, haben die Franzosen und Belgier seit dem 19. Februar d. I. zusammen fast 187.6 M-rLliavdo«n. Ma-rS ReichsbarckgÄder beschlagnahmt. ' ' Me Tenenl«gs«nmhen fo -eutschlasd. Berk«, 31. Mm. (Tel. •».•-, „Wr. M«rz-nz«ititns".> Die Unruhvn im Ruhrgebiet, die, wie die ,^Sossische Zeitung" feststellt, etwa 40 Todesopfer forderten, wähs rend etwa 300 Personen mchr oder minder schwer verletzt ikt Spitalspflege zugeführt werden mußten, sinh abgeflaut. Freilich ist die Ruhe und die in den meisten Städten erfolgte Arbeitsaufnahme noch nicht allgemein. In Dort'mund, wo auf neun der früher streikenden Zechen die Arbeit noch nicht ausgenommen wurde, sind sieben Zechen neu. in den S t r e r k getreten. Das Uebevgreifen der Unrichen auf verschiedene Teile Deutschlands scheint aber immer wettere, Kreise zu ziehen. In D r e s d e n, wo gestern D e- Monstratio nsumzüge gegen Teuerung und W u ch e r stattfanden, die o h n e Zwischenfall verliefen, kam es heute zu starken Arbeitslosendemo n- •ft x at ionen, wobei Z u s a m m e n st ö ß e der Demonstranten Mt der. Polizei vorkanwn. Auch in Bautzen fänden * heute Arb e itsLofen'dem'onstratio ne n statt,, wobei die Schließung der meisten/Kaffeehäuser, Resiauränts» und' Hotels e r z w u n g e n wurde. Aus. K ön.iIsberg werden Teuerungsd emo nstra ti o- .ÄeLr.MreAet. Die Demonstranten.verlangen durch' eine -DeMMÄl^Vom Magistrat die DlürchMrung eines energischen Preisabbaues.' Die von .Stunde zu. Stunde starker werdende Teuerung ruft ln ÄlÜk' Tellen Deutschlands wachftnvä Erregung hervor. . Moralcheologerr Sechvl rührt, mtgegerMlreten. Er hat kein Wort gesprochen und diese Unwrlaffttttg fM ihm persönlich zur Last. Wenn man die. Bilanz aus diesem Jahr ziehen will, so muß man anerkennen, daß viel gearbeitet, viel Gutes angestrsbt:wurde. Die Sanierung fft in Fluß gekommen, wobei noch die Frage offtn bleibt, ob dies trotz oder wegen des Regierungsshstems geschehen ist. Als äußerliche Merkmale stehen: am Ende dieses Jahres der Generallvmmiffär Nnd die Plakate der Hakenkreuzler an den Straßenecken. Das . hat Herr Seipel sicherlich ' mchvigewollt. Er hat es aber, nicht verhindert. , . Theodor Herz! md die Wische Sanl. Bon Dr. Hans Cohn. Box 25 Jahren trat Theodor Herzl zum ersten Male vor das. jüdische' Volk. Ein Fremder war er ihm' noch; aber von dem ersten Augenblicke an faßten die Massen Liebe und Zutrauen zu diesem Manne, der den Menschen des Ghettos in einer kühnen königlichen Geste das Reich der Verwirklichung ihrer jahrhundertealten Träume wies. Die-Tagebücher Herzls aus jener Zeit, die jetzt dem breiten Publikum zugänglich werden, zeigen, wie er in einem Fieber seine Idee des Judenstäates gebar. In seinen Unterredungen mit den großen jüdischen Finanziers und mit den Fürsten der Bankwelt,' mit Baron Hirsch, R o t hs ch i l d Md Montag u e, tritt er ihnen gegenüber als einer, der sich bewußt ist, mit seinem Auftreten , eine Epoche der Geschichte einzuleiten, als einer, der kühner und größer in gewaltigen Plänen, Millionen—nicht dem Eigennutz, sondern dem schöpferischen Bau einer neuen Welt — dienstbar macht. Die. Zionsliebe hatte stets im jüdischen Volke weiteste Kreise erfaßt, war ihnen der Sinn ihres Lebens geworden. Aber es war nur eine kleine verborgene Bewegung, die nicht in die Welt hinauswirkte, die ihr Recht und ihr Leid nicht vor aller Welt hinausschrie, und der die große Geste und die großen Pläne ftemd waren. Theodor Herzl brachte ihr' dies; er schuf den Kongreß als das erste jüdische Parlament, als die erste öffentliche allweltliche Tribüne, von der offen und für alle Völker der tausendjährige Traum verkündet wurde. Er schuf der Seele des jüdischen Volkes, die nach Zion dürstete, einen Leib; einen mächtigen Körper, der sich bis in die entferntesten Teile der Erdoberfläche erstreckte, aber dessen Herz Lu Palästina Mg.' Der Kongreß war die Geste; aber Theodor Herzl war viel zu sehr Realist, um nicht zu wissen, daß die schönste Mamsestation, die. glühendste Sehnsucht unerMt bleiben, wenn sich nicht eine w i r t s ch a f i l ich e M a ch t dahinter stellt, die den Plan nicht nur ausarbeiten, sondern auch verwirklichen kann. Der Kongreß war das Parlament; aber vom ersten AugeMick.an wußte Herzl, daß neben das Parlament der FinanzäpParat, die Bank, treten muß. Juden hatten vielfach schon Banken'geschaffen und waren oft * bahnbrechend auf diesem Gebiete vorangMngen; Mische KlugM unv Energie hatte mgnchen Banken einen wAtbcherrscherÄen Einfluß gesichert. Mer i diese Banken bereicherten fremde Volkswirtschaften. Eime jüd i s ch e Kolonialbank, sollte eine jüdische Volkswirtschaft .anfbauen; sie,sollte die Konzeffionen und den Charter von den Regierungen' erwerben, Monopole und Prttnlegiv» kcmfen konnen; mit ihrem. Gelde sollten Schätze des Bodens gehoben, die Wasserkräfte des Landes nutzbar gemacht werden. Es^ sollten Häuser gebaut und Boden urbar gemacht werden und die Räder surren, Zeichen ver Blüte und des Wohlstandes, des Fleißes und der Energie jüdischen Unternehmungsgeistes. Theodor Herzls Pläne waren kühn unv groß; das Volk war ihnen nicht gewachsen. Eine Bank von zwei Millionen Pfund als Anfangskapital sollte geschaffen werden, es wurde daraus eine Bank, die in jahrzehntelanger Existenz das Zehntel dieses Kapitals aufgebracht hat. Dennoch hat sie begonnen, den ihr vorgezeichneten Weg'zu gehen; sie hat sich Vertrauen geschaffen und durch ihr Tochterinstitut, die A n g l o - P a l e st i n e C o mpany, fördert und beherrscht sie Händel und Industrie in Paläsüna; durch ihre Beteiligung ermöglicht sie die Ruthenberg-Konzession, sie gründet die Hypothekenbank, um der dringenden Wohnungsnot zu steüern; sie schasst Filialen in Amerika und in Osteuropa, um so das willige jüdische Kapital aus der Diaspora zu schöpferischer Arbeit nach Palästina zu lenken. Werfall'Pies ist nur ein kleiner Anfang. So wie die polittschen Pläne Herzls jahrzehnielang nur ein Träum blieben, 'so schien es auch mit. der Bank. Etst das letzte Jahr brachte ihr Auffchwung und neues Leben. Vor kurzer Zeit ist Theodor Herzls polittscher Traum in ErWung gegangen. Fast 25 Jahre, mchdem in Basel d.ie. Schaffung einer öffentlich-rechtlich gesicherten Heimstätte für das jüdische Volk in Palästina vor aller Well als das Ziel-des Zwnismus verkündet worden war, hat de, Völkerbund, haben die Vertreter Englands, Frankreichs, JtaliM, der Meimgten Staaten und aller anderen Wchtß