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Wiener Morgenzeitung · 1923-05-29 · Heft 1541 (29.5.1923) · page 1

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
5 (1923)
Issue
Heft 1541 (29.5.1923)
Date
1923-05-29
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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HnztinpmmerSlQOO Wien: Zum Abholen in der Expedition» II.»Taborstr. 1-3, oi|er in ein er.Verschl eisstelhs (Trafik) monatl. K 28.000 Mit Postversand für Wien u. Oesterr. monatl. K 28.000 T*<;hech o-Slowakei: Mop, K17. Ungarn: Mon. K, 800, Jugoslawien: Mon. Dinar 40. Polen: Mon. Mk.i5.000.Deutschland: Mon.Mark 15(000. F r a n k r.» Belgien: Monatl Pres. 8 ' kl»<>l,r»klvnxva Prciserhöhnnsren Vorbehalten 8T Rk. 1541 Wie«. Dienstag, 29. Mai 1913 Tscheche-Slowaknl | fischech. K l.— Italien: Monatl. 10 Lirt Rumänien» Bulgarien Monatl. 90 Lei bezw. Lewi\ Schweiz und das übrig« Ausland monatlich Pres. 1 Redaktion u. Administration Wien, II.,'Taborstrassei —3 Telephone: 44-0-38,43-3-19, ab 6Uhrabds. 19-483,16-301 Tel.* Adr.: »Morgenzeitung" Wien Oösterreichisches Postspar* kasaen- Konto Nr. 150.693 5. Jahrgang Die Hamburger Resultate. -7. Wien, 29. Mai. Der SozisaUstenklMgreß in Hamburg hat eine neue Internationale begründet, die ihren Sitz in London haben soll. Das mag in den Parteikreisen als eine große Errungenschaft bezeichnet werden; vom Standpunkt der Weltpolitik urw des PoMsch-sozialen .Geschehens nimmt sich dieses Resultat ziemlich ärmlich aus, zumal es nichts weiter ist als die Fusion der Londoner Internationale und der Wiener Arbeitsgemeinschaft, bei der Miglich die taktische Zweckmäßigkeit Pate gestanden ist. Wie denn überhaupt im Sozialismus die Taktik alle politische Einsicht erschlägt. Ans Taktik übergeht die Leitung der neuen Internationale vom Kontinent, von dom ureigentlichen Kampfplatz des Ringens der Weltanschauungen, nach England, dessen Sozialdemokratie gerade nicht in den Geleisen des revolutionären Sozialismus wandelt, aus -Taktik vevmieden die italienischen Delogierten jedes allzu scharfe Wort wider ihren heimischen FasziSmus, aus Taktik stellte Otto Bauer den Bölkedburd auf das gleiche Niveau wie den Horthy und die. Moskauer Diktatur und bezeichnet« ihn als Gefahrenzentvum. Im großen und ganzen zeichneten sicherlich die Reden und Debatten ein gutes Bild der Fehlerquellen, von denen der Bau der europäischen .Staatengemeinschaft mit Verschüttung bedroht ist. Es wurden der Imperialismus, der Revanchegeist, der -MilitarisNms angeklagt. Aber Hei all den Beschwerden, die da laut wurden, schwang für den Zuhörer die Mag mit: Was hat die Bekennerschast der Sozialdemokratie, was Haben' ihre Führer getan, um dieser yenen Sturmwoge der Reaktion einen Damm entgegeiMstelleü? ' Auf diese Frage gab keine Rede Antwort und auch die gefaßten Beschlüsse lassen kaum einen Weg erkennen, der aus dem Chaos hinausführt. Der Kongreß verurteilt die Politik der Gewalt, wo' immer sie belieben wird, und er -verlangt von Rußland, im Interesse der sozialistischen Weltbewegung, den Verzicht auf den Terror. Die neue Internationale will den Krieg gegen den Krieg. Alle diese Beschlüsse sind schon auf früheren Tagungen gefaßt worden, sie entsprechen dem Geist des Sozialismus und gehören zu jenen Resolutionen, die jeder Kongreß, im Interesse der historischen Kontinuität nun einmal armehrnen muß. Aber hinter diesen Anträgen steht ein schr matter Wille und ihre periodische Wiederkehr ist, bei Licht besehen, ein sehr ansehnliches Armutszeugnis für die Führer, die seit Jahr und Dag jegliche Energie in . der Verfolgung des einzigen Zieles des Sozialismus, seiner werbenden Idee vermissen lassen. Wenn es hoch kommt, so protestieren sie. Aber nicht einmal in allen Fällen, in denen Unrecht geschieht, und die schmerMche Entwicklung, die ' das Minoritätenproblem nimmt, ist eine geradlinige Konsequenz dieses Mangels an Festigkeit des Prinzips.' Der Sozialismus ist. zu . einem opportunistisch angefaßten Wirtschaftssystem erklärt worden. Seinen menschlichen, moralischen Inhalt haben ihm seine Vorkänipfer genomillen und ihn seelenlos gemacht. Wäre er dieauf lebendigen Kampf gegen Unrecht, auf hie Solidarität aller Entrechteten" eingestellte Bewegung geblieben, bann hätte sich, weiß Gott, an der' Fülle des Unrechts, das heute geschieht, das Temperament der Nässen entzündet, und sich nicht am Betviebsrätegesetz und ähnlichen Errungenschaften, fo wertvoll sie an sich sein mögen, genügen lassen. Der Völkerbund, den ' Herr Lauer genau ^verächtlich abtut wie irgendein Stinnes, ist doch wenigstens ein Ausdruckder Sehnsucht, das Problem des Zusamnrenlebens der Menschen irgendvie der Verwirklichung anzunähern und sich hierzu der vorhandenen, freilich sehr kärglich bemessenen Mittel zu »edierten. Haben die Führer der Sozialdemokratie in >en schweren Jahren seit dein Krieg auch nur den Verüch >des Wettbewerbs mit dem .Völkerbund' unternommen? lieber ihren Zänkereien haben, sie die: frische Initiative der Tat verabsäumt und der Reaktion das §eld überlassen. Im Streit um das Programm haben ie die Grundwahrheiten des Sozialisums beiseite geegt. Ist die österreichische Partei,'die mit den Hakenreuzlern in dem aktiven Kämpf ' gegen jüdische Heinätrechtswevber Ivetteisert,' die Änsweisungsevlässe hver eigenen Parteifunktionäre geduldet hat, überhaupt pzialistisch? . Eine Idee, die zum Objekt des Komprmnisses sird, hört auf, Idee zu sein. Sie wird ein Handelsssgenstand wie Kattun oder Krawatten. Sie verliert. Änzrsh«ngskvast und den werbenden Inhaft. Der Sie Urten ir Sie Kämpfe im Ruhrgebiet. - 8«tto, 28. Mai. (T-IvKmnp.) Das ß UHEdtt" meldet aus dem Ruhvgebiet, es könne kein Zweifel darüber bestehen, daß sich die Lage an der Ruhr ständig verschärfe. Das ganze neubesetzte Gebiet st-che unter dem Eindruck der allenchalben aufflackevnden süddeutschen Aufruhrbewsgung. In Bochum fanden in der Nacht von Samstag zum. Sonntag so schwere StraßeMmpfe statt, daß allein die Angreifer 18 Tote und 80 Verwundete hatten. In Gelsenkirchen hoben die Kommunfften gestern den Generalstreik proklamiert. Tatsächlich ist auch heute von der Arbeiterschaft die Generalstreikparole befolgt worden, so daß im Gelsenkirchner Betzivk die Arbeitsruhe beinahe allgemein ist. Die Aufrührer versuchten mit allen Mitteln, die Aufstandsbewegung auch über die Grenze des Ruhrgebietes hmauszutragen. Dresden, 28. Mai. (Tel,-Komp.) Die Lage hat sich heute bedeutend verschärft. Ein starkes Aufgebot von Polizei hält mit größter Mühe die Ordnung einigermaßen auftecht. Sämtliche Lebensmittelgeschäfte und auch die meisten anderen Läden sind geschlossen. Aus den Kaffeehäusern wurden einzelne Gäste' mit Gewalt herausgezerrt. Die Kommunisten fordern durch Maueranschläge zur Bildung proletarischer Hundertschaften auf. Blutige Zusammenstöße in Lübeck. Lübeck, - 28. Mai. .(ÄWff.) AnläMch. des gestrigen Divisisnsappells der 43, ReftM-In-faytexichivision auf , Burgfelde ist es zu Unruhen gekommen. Kommunistische Demonstranten, die das BurgfÄ betreten wollten, wurden. von der Schutzpolizei . Mücktzchrängt.". .AU später, Teilnehmer des Tivisionstages "tzoni l der. Einweihung eiyes Ehvendenkmals.züm. Burgfeld zupückkamen/ durchbrachen Kommunisten die' Postenkette.' Die'Beamten gingen mit Gummiknüppeln vor und. nähmen Pechastungen - vor, da die Unruhestifter den Versuch machten, die' Polizeiwache zu stürmen. Mehrere Personen erlitten Verletzungen. Cunos Stellung erschüttert? Berlin, 28. Man (Tel. der ,Mr. Morgenzeitung".) Heute haben die Parteiführer des Zewrmns, der Deutschen Völkspartei und der Demokratischen Partei die politische Lage im Zusammenhang, mit dem Angebot des der Taktik der Führer, die es glücklich so weit gebracht haben, daß ihre Organisationen in Rußland verdrängt, in Ungarn niedevgeknüppelt und in Italien kampflos aufgelöst wurden: Diese Taktik macht sich die Reaktion zustatten und sie marschiert stellenweise bereits aus mn proletarischen Terrain der - Sozialdemokratie. I!! « La. Wien, 29. Mai. Rach dem Zusammenbruch des Donaureiches wurde in allen Nachfolgestaaten der vergebliche Versuch gemacht, der neuen Staatsidee künstlich einen einseitigen nationalen Stempel aufzudrücken. Dieser Versuch ist überall gescheitert und darauf ist es zurückzuführen, daß auch heute noch Mittel-, Osteuropa und - der Balkan weit von einer Konsolidierung entfernt sind. Der einzige Staat, in dem in jüngster Zeit sich Stimmen für eine nationale Verständigung auf Grund der nationalen Autonomie und Demokratie erheben,' ist. die Tschecho-Slo w.a k e i.. Der zunehmende Zersetzungsprözeß innerhalb der tschechiWn. Koalitionsparteien ebenso wie im Verbände der deutschen Abgeordneten,- die steigende Wirtschaftskrise und. nicht, in letzter Linie die allgemeine europäische Lage -mögen wohl'die Beweggründe sein, daß in der jüngsten Zeit sich .einerseits auf tschechischer. Seite die Stimmen gegen den Chauvinismus mehren und. daß andererseits. auf - deutscher Seite die' Zahl, jener -wächst, w e I ch e g e ge n' eine irrepent.iM'sche Pol it-il sowie gegen die Negierung -der tschecho-flowakischen Staatsidee Front, machen. . ' . - In der den maßgebenden tschechischen Kreisen nahestehenden Zeitung „Sluzba" — welche erst jüngst in einem sehr sympathisch' gehaltenen Artikel die zionistische Bewegung besprach — erörtert der tschechische Abgeordnete .Alois Hajn ' bie Pflichten der Tschecho- Slowakei gegen ihre Minoritäten, die 30 Prozent der gesamten Einwohnerschaft ausmachen: „Auch a» Men", führt er ans, wir staatstreue Biftssr - KrMsche Lage in Drerden. RnchsverbaNdes der deutschen Industrie einer Erörte» rung unterzogen. In der letzten Zrit Verdichten sich die Gerüchte von einer bevorstehenden Krise des Kabinetts Cuno. Die Parteien der bürgerlichen Arbeitsgemeinschaft sind mit den Vorschlägen der Industrie, welche Cuno anzunehmen geneigt ist, nicht besonders zufrieden, obwohl der Reichsvevband der deutschen In'dustrie sich bereit erklärte, unter der VoraussetzMg der Ausnützung , der staatlichen Garantiemöglichkeiten eine Zusatzgarantie zu leisten, wodurch ein Betrag von insgesamt 600 Millionen Goldmark von privater Seite garantiert würde. Auf der anderen Seite richten die Sozialdemokraten scharfe Angriffe gegen das Kabinett Cuno, besonders gegen den Außenminister Dr. Rosenberg, dem seine zögernde und schwankende Haltung in der Ruhrfrage auch von anderen Äiten vorgeworsen wird. Die Angriffe sind nach dem Angebote der deutschen Industrie, welche als Bedingung die Aufhebung des Achtstundentages verlangt hat, noch schärfer geworden. Wenn auch im allgemeinen, ausgenommen bei den Sozialdemokraten, bei den parlamentarischen Parteien der Wunsch vorherrscht, die Ruhrangelegenheit vom Kabinett Cuno erledigen zu lassen, so sind doch Ueberraschungen nicht ausgescholfsen. 80 Milliarden von den Franzosen beschlagnahmt. Essen, 28. Mai, (Tel. d. „Wr. Morgenzeitung".) Die Franzosen, requirierten - gestern die. Notenbestäude der Reichs'bankfiliale in Essen, wobei nach den offiziellen Berichten ÄO Milliarden Mark von ihnen.beschlag- -n a h lit t - und abtransportiert wurden. Nach anderen Meldungen soll die den. Franzosen in die Hände gefallene Summe 97' Milliarden' Märk' Mtragen. Die Beschlagnahme wird mit der Wer ge m it g. der deutschen Reichsregierung begründet, die für die Bedürfnisse der Besatzungsarme e benötigten Gelder zur Verfügung zu stellen.' Infolge der Beschlagnahme von 100 Milliarden in. der Reichsbank haben.die übrigen Effener Bankinstitute geschlossen. Die Direktoren der Privatbanken sind zu einer Konferenz zusammengetreten, um über Sicherungs-Maßnahmen gegen ein weiteres französisches Vorgehen beraten. ' ' haben, die an der Existenz und Entwicklung des Staates Interesse haben... An uns als dem Volk, das den tschecho-slowakischen Staat geschaffen hat und für ihn in erster Linie verantwortlich ist, liegt es, unseren Minderheiten die neue Orientierung durch ein wirklich demokratisches Regime zu ermöglichen. Im deutschen Lager zeigen sich schon Anzeichen der beginnenden Ernüchterung und der Abkehr von der erfolglosen Taktik der Verneinung und des Trotzes zu einer realen Politik. Die Vereinigung der fortschrittlichen Demokratie hat es sich zur Aufgabe gemacht, zu einer Lösung des Minovitätenproblems und namentlich der deutsch-tschechischen Frage beizutragen . . ." In dieser Richtung bewegt sich auch ein Vortrag des tschechischen Professors G. Ra d l in Prag über eine deutsch-tschechische' Verständigung. Der Vortragende stellte folgende Forderungen auf: „Nationale Gl-eichberechtigung, nationale Autonomie mindestens in allett kulturellen Angelegenheiten, Entpolitisierung der Sprachenfrage, objektive Volkszählung und. Pflege der nationalen Verträglichkeit in Schule und Aemter." Wohl sind die angeführten Stimmen noch vereinzelt im tschechischen Lager, sie gewinnen aber dadurch an Bedeutung, daß sie auf deuffche'r Seite Resonanz finden. Erst jüngst schrieb das „Präge r Tag b l a t i": „Heute sind mindestens neun Zehntel der Deutschen in Böhmen'in ihrem Innern dafür, bei Anerkemmng der gleichen Rechte des Deutschtums sich mit der tschecho-slowakischen Republik aus zusöhnen. Wenn sie noch den Mut finden, sich öffentlich dazu zu', bekennen, so kann keine Macht der Erde aus'die Dauer den Deutschen verwehren, ihren Anteil an .'der Regierung, an der Verwaltung mrd an dem Wirtschaftsverwögen des Staates in die Hand zu bekommen..." Nach den vielen Agrariern und Christlichsozialen hat sich kürzlich in einer .Broschüre der scharfnätionale Doktor- Fr e i ß l e r, dergewesene Landeshürptmann TroPPaus, vom Jrredentismus losgesagt. — Der Nurnationalisutus hat also den Höhepunkt bei hen Tschechen" und Deutschen überschritten. Mit Spannung sehen die Politischen Kreise drv TMcho-SlowaSü tat dsvvräLkt -stM-sMy MWWta«,

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