Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 5 (1923)
- Issue
- Heft 1538 (26.5.1923)
- Date
- 1923-05-26
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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BiBüHinianmarKlQQO Wien Zum Abholen in der Expedition» Hy ^bo'‘str.l-3, odermein*>rVerscble1s|teUe (Trafik) >0^*1» K 28.000 Mit Postversand für Wien u. Iq£££, nnonatl. K 28.000 ‘Ts che ch ^“Slowakei: ■Mon. Kit Ungarn: Mob, iK 600. Jugoslawien: Mon. •Dinar 40. Polen: Mon.!Mlc.l5.OO0.Deutschland: ';Mon.Mark 15.000.Frankr.. iBelgien* Monatl. Pros. 8 IMP Kl«»«"/HOI |b«i PrebcrM»«»«» Vorbehalten ieuer T schach« -tSiOWtlMk ( tschech. K 1-— Italien: Monatl. 10 Lin Rumänien, Bulgarien Monatl. 75 Leibezw.Lewft Schweiz und das iibrixß Ausland monatlich Fres. 3 Redaktion u. Administration Wien, II., Taborstrasse 1—1 Telephone: 44-0-38,43-3-19, ab6ührabds.l9-483,16-301 Tel.- Adr.: ,Morgenzeitung‘ Wien Oesterreichischeg Postspar« kassen-Konto Nr. 150.693 Ar. 1538 aBten. Samstag. »«. Mai 1923 5. Zahrgang WchM Urban. F. W i v n, 2b. Mai. Dos amerikanische Bankhaus Morgan hat sich jbereit eEärt, eine Tranche von fünfundzwanzig Mililionen Dollar von der zur Sanierung Oesterreichs beijtimmten Bölkerbundsanleihe zu übernehmen und in AlmerM M placieren. Zur Begründung dieses Entischlusses M)rt die bekannte Weltfirma an, daß das 'vertrauen zur Samerungsmögttchkeit Oesterreichs dieisen ihr^n Entschluß rechtfertige, den sie in dem Glauben unternOine, daß vom Werk des Völkerbundes eine Wiederbelebung der mitteleuropäischen Wirtschaftskraft zu erwarten. sei. Das amerikanische Kapital läßt sich inatürlich — nicht minder wie jenes Europas — von nüchternen kaufmännischen Erwägungen leiten und sieht irr der Beteiligung an der österreichischen Anleihe das günstige Geschäft. Daneben kann es für den BeiMgurtgsd^lUg des amerikanischen Finanzmarktes ver- Ggttb erscheinen, mit relativ geringen Mitteln die Mitwirkung Amerikas zu sichern, wenn ein internationales Gläubigersyndikat geschaffen wird, das auf kapi- P' üschem Woge die am meisten zerrütteten Länder opas in den Prozeß des Welthandels und der Weltvroduktion wieder einbeziehon soll. Es ist anzuertennen, paß diese amerikanische Bereitwilligkeit nicht bloß von Hellem, sondern auch von moralischem Wert für ^erreich ist, insoferne, als sie das Vertrauen in fterreichs Lebensmöglichkeiten und den Glauben M dessen Zukunft zum Ausdruck bringt und geeignet x xann, die Realisierung des gesamten Anleihe- Sektes zu fordern und zu beschleunigen. ZDenn in 'Amerika Interesse und Sympathie fiir rxreich zu finden find, so darf in diesem Zusammenj daran erinnert wecken, in wie hohem Maße dies .fte^reich dew Judentum zu danken hat. Die Juden Österreichs Hecken ihre Beziehungen unermüdlich ausiaemip, - Um drüben für die Situation Oesterreichs Verständnis zu erwecken, und der stete Kontakt zwischen jtat Organisationen des hiesigen nationalen Juden- Ifofttta und den: verschrienen amerikanisch-jüdischen jKörpevschasten hat reichlich das Seinige getan, um den Wall von Feindschaft und Mißtrauen abzutragen und zas dessen Stelle bessere Empfindungen zu setzen, wie schm in dem grandiosen jüdischen Hilsswerk unsrer amerikanischen Brüder zum Ausdruck gekommen Pas keineswegs auf die Juden allein beschränkt Die endliche Realisierung der Völkerbundanleihe keineswegs bedeuten, daß wir schon über dem iBerAe sind imd müßig die Hände in den Schoß legen Eontzen. Die mit dem neuen Kurs verbundene Abbau- .imd Ersparungs-Politik legt gerade den ökonomisch lschwachn Schichten der Bevölkerung gewaltige Opfer und das Werk kann nur gelingen, wenn alle Schichten zusammenwirken, um die Sanierung zur .Tat werden zu lassen. Für die Uebevspannung des;Parteiengegenfatzes ist irr Oesterreich kein Raunt, und die Lebensfähigkeit des Staates wird nur möglich sein, .joetttt man sich einer wirklich produktiven Politik zu- IlDetÄst, welche noch gowalüge Probleme zu lösen haben Das neue englische Kabinett. London, ,25. Mai. (Tel. der „Wr. Morgenzeitüng") Der König und die Königin sind heute vormittags aus Aldershott nach London zurückgekehrt. Am Nachmittag hat der König der Sitzung des Privatrates präsidiert. Die neuen Minister wurden vereidigt und die traditionelle Zeremonie des Handkusses vorgenommen. Das Kabinett Bald Win, setzt sich nunmehr folgendermaßen zusanrmen: Premierminister und Schatzkanzler — B a l d w i n; Minister des Aeußern — Lord C u r z o n; Kriegsminister — Lord Derb h; Minister des Innern — Bridgeman; Lordpräsident des Rates — Lord Salisbury; Lordkanzler — Lord Cave; Gesundheits- Minister — Neville Chamberlain; Handelsminister Sir Philipp Lloyd Greäme; Minister für Landwirtschaft — Sir R. A. Sanders; Erziehungsminister — Colonel Woo-d; Arbeitsminister — Sir Montagm B a r l o w; Minister ohne Portefeuille — Austin Cham, b e r l a i n; Kanzler für das Herzogtum Lancaster — Lord Robert Cecil; Staatssekretär für Indien — Viscount Peel; Staatssekretär für die Kolonien — Herzog von Devon shire. Zu dieser Zusammensetzung ist zu bemerken, daß sich Ba ld Win seine Mitarbeiter nicht allein aus dem konservativen, sondern auch.aus dem n a t i o n a l l i b e r a l e n und links konservativen Lager geholt hat, so daß die innere Politik Englands Wohl einige Zeit hindurch sich in ruhigen Bahnen bewegen dürfte. Der Eintritt Lord Robert Cecils,' des bekannten P h i l o z i o n i st e n, in die Regierung kann als Gewähr für dir intensive Beteiligung Englands an den Völkerbundarbeiten gewertet werden. Jüdisches Selb für Der „Wiener Jnduftriellen-Verband" versendet an seine Mitglieder ein, vorn, 16. Maipatiertes Rundschreiben unter Nr, 100-1, welchem wir den folgenden Passus entnehmen: . : V e rwe u'du ng. der Mj.t gl i tfo tragen ^Entgegen den in letzter 'weMWsnen Dage^zMm^n^kMeMch.'HW-uchej^Ns^ünricht^gen oder entstellten Mitteilungen über angebliche Drfser-enzen wegen Verwendung der MitgllMbejträge, stellt der gesertrge Präsident— in Wedecholung schon mehrfach albgegebener ErMrungsn — fest/ daß die durch den Verband eingeholbenen' Beiträge weder d i r e k t. n o ch indirekt halkenkreuzlorischen Organisationen in irgendeiner Form zusließen.. Hochachtun-gsvoll. Wiener Jndulstriellen-Berband. Präsident: Alfred Hauser, m. p.Der Sekretär: Dr. Eugen Mcrrgarother m. p." Demgegetrüber sei festgestellt, daß nach langem Ausweichen und Hinziehen das Präsidium des Jndüstriellenverbandes dem Drängen einiger jüdischnationaler Industrieller Nachgeben und eingestehen Mußte, daß mit Geldern jüdischer Fabrikanten die antisemitischen FronMmpfervereittigungen und Heimwehren» deren, Mitglieder und Kömmandanten fast durchwegs antisemitische Terroristen und Hakenkreuzler sind, ausgiebigst unterstützt werden. Der Präsident Urb a n ging so weit, zu erklären, daß es der Verband lieber in den Mus nehmen wolle, die jüdischen Mitg.liMer aus-sch^e id em z,m seche^ >als-aus--.die: Unterstützung der antisemitischen Organisationen zu .verzichten. Das wurde ün Versammlungen und in dev Presse wiederholt gemeldet, ohne daß es der Jndustriellen-Verband gewagt hätte, zu berichtigen. Angesichts dieser Sachlage muß nran den traurigen-Mut des Juden Alsred Hauser bewundern, welcher es unternimmt, allerdings nicht öffentlich, sondern unter Kuvertschluß, die schändliche Tatsache abzuleugnen und solcherart seinen jüdischen Berufsk o-'l leg ctt tontet Geld für..anstüsem U tische Hetzvereinigun g e n z u - e n t l o che-n. Jeder Jude, welcher in Kenntnis der erwähnten Umstände Geld für antisemitische Knüppelhelden gibt, handelt e h r l o s. Daran sverdeu alle Verdrehungen eines Herrn Hauser nichts ändern. Der österreichische Produktivierungsprozeß wird sich in erster Reihe auf die Industrie stützen müssen, idie ihrerseits den Nachweis erringen muß, daß das vertrauen des Auslandes zur ruhigen Entwicklung des Staates gerechtfertigt, ist. Die Politik jedoch, welche die führende Organisation der österreichischen Jnduistrie, der Jndustriellenverband, eingeschlagen hat, präludiert der Sanierungsära in einer merkwürdigen Wtise. Dieser Verband, tvelcher eine Summe sehr be- 'delltender wirtschaftlicher Energien zu-sammensaßt, ist lzu einem Paschalik des Herrn Urban geworden, der seine Ailfgabe darin erblickt, alle Bestrebungen zu föritz'evn, die . den Bürgerkrieg vovbereiten. und die Verätzung ins Land tragen. Der ' Jndustriellenverband hat einen eigenen Geheimfonds geschaffen, der hauptsächlich zur Speisung aller jener rechtsradikalen PNtschistenovgamsationen verwendet wird, die, 'miß-, idräuchlich an der republikanischen Freiheit schmarotzend,;bt(i Unruhe im Lande schüren, die brutale Gewalt, ins 'äftentliche Leben tragen und' auf einen reaktionären ^Umsturz sinnen. Der Jndustriellenverband glaubt zur Sanierung Oesterreichs in der Weise beitragen zu können, daß er unter verschiedenen Namen Söldnergarden lsottteniert, die zur Niederkmippelung der Arbeiterorganisationen dienen sollen; Herr Urban will den Mussolini in Taschenformat spielen und Oesterreich mit seinem Faszismus beglücken, der hier übrigens nur zur iMLesselung des WWlerkrieMs Mren MM, DaÜ von den Milliarden der Industriellen bezahlte Hetze den niederträchtigsten Antisemitistmls nährt — bisher, ihr einziges Ergebnis —, ficht Herrn Urban wenig an. Jüdische Industrielle, die es nicht mitansehen wollen, daß aus ihrem Geld die antisemitische , Mordhetze bezahlt werde, haben die Abstellung des Unfugs gefordert. Umsonst, .Herr Urban blieb unevschiittevlich; mit ihm aber auch, um die Wahrheit zu bekennen, jene zahlreichen jüdischen Mitglieder des Verbandes, deren Leistungen und Mitgliedschaft er seine Bedeutung dankt. Dem jüdischen Volk haben die Reichtiuner seiner Großjuden bisher geringen Nutzen, aber vielen Schaden gebracht. Der internationale Antisemitismus hat unserer Volksgesamtheit immer die Macht des jüdischen Kapitals angekreidet, wie oft sich dieses auch gegen die eigenen Volksintereffen kehren mochte, und das Beispiel des Jndustrielleuverbandes gibt hierfür wieder einen, schmachvollen Beleg. Aber man soll nicht verallgemeinern. Wir können nicht glauben, daß alle jüdischen Mitglieder des Verbandes sv volksverräterischhandeln werden, daß sie, eingebildeten-Interessen zuliebe, die Maffia füttern, die ihrer eigenen Gemeinschaft an den Kragen will. Der österreichischen Regierung und der Bevölkerung aber ist ernstlich zu raten, mit Methoden Schluß zu machen, welche die Hilfe von außen im Innern zu sabotieren geeignet sind. Hepte findet eine Kundgebung der Arbeiter statt; die' dem Andenken eines von den österreichischen anüsemitischen Fäszisten ermordeten Arbeiters,, gilt.; Die Politik; der Provokationen muß ihr Ende finden, auch wenn Herrn "Urbans jüdische Freunde an ihr Gefallen finden. Die Finanzhilfe des Auslandes meint ein ruhiges Oesterreich, und nicht einen Aufinarschvaum für' die mitteleuropäische Umsturzkoalition. Re kurze Krise in Paris. Poineare bleibt. Ein verhältnismäßig geringfügiger Anlaß hat ein De» nrissionsangebot desftanz-ösischen Ministerpräsidenten herbeigeführt: Der Antrag der Regierung, der französische Senat möge sich zur Aburteilung Marcel Cachrns und -seiner Genossen, die angeblich ein kommunistisches Komplott geschmiedet Hüften, als Staatsgerichtshof konstituieren, wurde vom Senat mit der Motivierung der Unzuständigkeit abgelehnt. Durch das Eingreifen 'des Präsidenten der Republik Millerand wurde die Mimsterkrisc rasch beigelegt. Wenn auch Porncare sein Weiterveo bleiben im Amte von einem Vertrauensvotum des Senates abhängigmacht, so kamt doch als sicher angenommen werden, daß er seine. Demission zurückzieht. Eine Mnisterkrrfe in Frankreich . ist - also, wenigstens für den Augenblick, vermieden. Das Dennssionsangebot Poincares könnte zu der An» nähme verleiten, der ftanzösische Ministerpräsident habe die Lage an der Ruhr durch seinen Rücktritt klären trollen. Wohl ist es richtig, daß die > oppositionellen. Vorstöße in der'Kämmer Porncare immer wieder bedrängen, es ist ihm aber stets gelungen, seiner Ruhrpolitik in der Kammer Anerkennung zu verschaffen. Gerade jetzt, da der Ministerpräsident gegenüber dem Sozialisten A u r i o l in der Kammerdebatte über die Ruhrkredite den klaren Standpunkt einnahm, Frartkreich sei in der Lage, ab w a r t e n z u können, bis Deutschland seine Verpflichtungen^ erfülle ist es schwer, .anzunehmen, daß Porncare die wettere Entwicklung an' der Ruhr fiirch'te und deshalb den Ztvffchenfall im Senat als Vorwand für seinen Rücktritt benützt habe. Vielmehr scheint es ihm daraus anzukonMen. seine gesamte Politik nicht so sehr gegen der: Ansturm von links, als vielmehr gegen jenen von rechts sicherzüstellen. Es ist kein Geheimnis, daß die Ruhrpolitik Poincares die rechter; KreiLe in" Frankreich nicht beftiedigt, weil sie hi*,