Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 5 (1923)
- Issue
- Heft 1537 (25.5.1923)
- Date
- 1923-05-25
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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EfnzslnnmmerKlOOB Wien: Zum Abholen in der Expedition, II., Taborstr. 1-3, oder ineinerVerschloisstelle (Trafik) monatl. K 28.000 Mit Postversand für Wien u. Oesterr. monatl. K 28.000 Tschecho-Slowakei: Mon. K17. Ungarn: Mob, K 600. Jugoslawien: Mon. Dinar 40. Polen: Mon. Mk.l5.000.Deutschland: Mon.Mark 15.000. Frank r., Belgien: Monatl. Frcs, 8 r Nachzahlungen "WB Praiierhohungen Vorbehalten Rr. 1537 . Wiener ♦ «Men, Freitag. LS. Mak 1923 rstflsenp-siowak«1 tschech. K 1.- Italien: Monatl. 10 Ur» Rumänien', Bulgarien Monatl. 75 Lei bezw, Lewa, Schweiz und das übrig« Ausland mönatlich Frcs. 3 Redaktion u. Administration Wien, II., Taborstrasse 1—3 Telephone: 44-0-38,43-3-19, ab6Uhrabds.l9-483,16-301 Tel-Adr.: »Morgenzeitung0 Wien Oösterreichisches Postsparkassen-Konto Nr. 150.693 5. BetHlens erpreßtes Wohlverhaltungszeugnir. Re Leumundsnote der Budavester jüdischen Gemeinde. Budapest, 24. Mai. (Tel. der „Wr. Morgenzeiturig".) Die Budapester Israelitische Kultusgemeinde wurde Donnerstag vom Minister des A e u ß e r n, Daruv a r y, verständigt, daß Ministerpräsident Graf Bethlen bei seinen Bemühungen um die Erlangung einer Ausländsanleihe große Schwierigkeiten habe, da er überall wegen der I u d e n P o l i t i k der Regierung mit Mißtrauen zu kämpfen habe. Namens der Regierung forderte der Außenminister von den Vertreter!! der jüdischen Gemeinde eine Erklärung, welche geeignet wäre, die Negierung zu d e ck e n und bestätigen sollte, daß die Juden in Ungarn im Be s i tz e all e r R e ch t e seien, welche der F r i e - densvertrag von Trianon den Minoritäten einräume. Nach mehrstündiger Beratung gaben die Führer der jüdischen Gemeinde die Erklärung ab, daß die Konsolidierung der ungarischen Verhältnisse fortschreite und daß zu hoffen sei, daß die Juden in Ungarn die.Gleichberechtigung erlangen werden. Diese Erklärung wurde durch einen diplomatischen Kurier nach Paris befördert. Warum Bethlen die Staate» der kleinen Mente nicht besucht. Eine Irohu»g der Diktators Gömbös. (Von besonderer Seite.) Als Graf Bethlen in Paris weilte, wurde ihm von Ler französischen Regierung nahe gelegt, zwecks Verbesserung der Beziehungen mit den Nachbarstaaten die 'Hauptstädte der kleinen Entente zu besuchen und dort mit den maßgebenden Persönlichkeiten zu verhandeln. Bethlen nahm diesen Ratschlag zur Kenntnis und erklärte, die ungarische Regierung habe schon geplant, Ministerpräsidenten Be ne sch und der jugoslawischen und rumänischen Regierung einen Besuch abzustatten, und daß diese Absicht nach her Rückkehr BetHlens nach Budapest durchgeführt werden würde. Die politischen'Kreise wurden heute durch eine Erklärung BetHlens überrascht, in der er die Absicht eines Besuches in den Hauptstädten der kleinen Entente entschieden abstritt und auf eine offenkundig von ihm bestellte Anfrage erklärte, daß kein Anlaß vorhanden fei, eine ähnliche Reise zu unternehmen. Wie nun aus gut informierten Kreisen mitgeteilt wird, hat der Diktator der Regierungspartei Herr Gömbös die Absicht BetHlens vereitelt. Als in Budapest bckannt wurde, daß Bethlen in Paris die Anregung der französischen Regierung, mit den Staaten der kleinen Entente in ein freundschaftlicheres Verhältnis zu gelangen, mit dem Projekt eines persönlichen Besuches in Prag und Belgrad beantwortete, hatte Gömbös sofort alle Minen springen lassen, um diese Absicht zu durchkreuzen. Gemeinsam mit seiner ziemlich starken Clique und den Organisationen der Erwachenden ließ er Bethlen mitteilen, daß ein Besuch des Ministerpräsidenten bei Pasie und Benesch eine sofortige Sprengung der Regierungspartei zur Folge hätte. Gömbös stellte auch Straßenkundgebungen in.Aussicht und drohte mit der sofortigen Kündigung des Burgfriedens. Als Bethlen gestern nach Budapest zurückkehrte, hatte er eine Aussprache mit Gömbös, worauf er dem Terror dieses wiMchen Machthabers wich,-rmd .chie 'bereits erwähnte Erklärung abgab. Durch das'' HurücMichen Bethleüs ist aber die Krise nur ausgeAoben. Wie die Situation cheute ist, kann mit Bestimmtheit gerechnet werden,' daß Bechlen auf die Dauer dem Terror der Gömbös-Leute nicht gewachsen fein wich, so daß über kurz oder lang mit einer Regierungskrise in Ungarn gerechnet werden kann. Als der kommende Mann wird allgemein Gömbös bezeichnet. Die Kreditfrage scheint diesem Desperado vollkommen gleichgültig zu. sein. Erst nachdem Gömbös abgewirtschaftet haben wird, ist mit einer Besserung der innerpolitischen Ävge in Ungarn zu rechnen. Die Kreditgeber in London und Paris können ebenso wie die Reparationskommission diesen, Augenblick in Ruhe abwarten. Re Entscheidung der Revarationskommission. Nach der Agence Havas hat der Beschluß der Repatationskommrssion über das Ansuchen um Aufhebung des Genevalpfandvechtes folgenden Wortlaut: Die Reparationskommrssion hat beschlossen: 1. Sich grundsätzlich dem Ansuchen der ungarischen Regierung nicht zu widersetzen, das dahin geht, das Pfandrecht auf gewisse Einkünfte ungarns' zeitweilig auszuheiben, die notwendig sein könnten, um eine Garantie für bewilligte Anleihen zu bilden, diese Erleichterung aber nur in bestimmten Fällen und für genau, umschriebene Anleiheprojekte zu gewähren, die die ungarische Regierung der Reparationskomm i s s i o rr zur Genehmigung unterbreiten würde. und von denen ein noch zu bestimmender Teil für Reparationszwecke gewidmet sein würde, wobei es andererseits selbstverständlich ist, daß der Reparationskommission die n ö t i g e n' G a r a n t i e n und K o nt r o l l m i t t e l gegeben würden, durch die sie sich versichern könnte, daß der zur Verfügung der ungarischen Regierung belassene Teil der Anleihen ausschließlich zur f i n a n z i e l l e n W i e d e r a u f r i ch t u n g Ungarns verwendet werde, um es in den Stand, zu setzen, seinen Reparationsverpstichtungen nachzukommen, und daß es zu< gleich im Innern alle notwendigen Maßnahmen treffe, um diese Wiederaufrichtung zu sichern. 2. Unverzüglich zur Prüfung der finanziellen und wirtschaftlichen Lage des Landes eine Mission nach Ungarn zu entsenden, der seitens der Regierung alles zu diesen: Zwecke notwendige Material zur Verfügung gestellt werden müßte. 3. Die ungarische Regierung unter Bekanntgabe der vorhergehenden Beschlüsse aufzufordern, in regelmäßigster Weife diese Zahlung der Kosten der B e s e tz u n g s a r m e e sowie die laufenden Vieh- und Kohlenlieferungen durchznsühren, Pauschalverträge über Restitutionen in möglichst kurzer Frist abzuschließen und mit bestem MMr Ms MriM BLÜrNW-aNKey des. FxiedensVertrages zur Ausführung zu bringen, die keine finanziellen Lasten bedeuten, wobei es selbstverständlich ist, daß die Reparationskommission in den konkreten Fällen, die ihr nach den oben angeführten Bedingungen unterbreitet werden würden, für ihre auf Grund der Prüfung zu faffenden Beschlüsse der Art und Weise Rechnung tragen würde, in der Ungarn seine Verpflichtungen erfüllt hätte. Re Abstimmung Wer die Aufhebung der ungarischen Generalpfandrechte. Paris, 23. Mai. (Havas.) Der Beschluß der Reparationskommission über den ungarischen Antrag auf Aufhebung des Generalpfandrechtes wurde gegen die Stimmen des britischen und des italienischen Delegierten gefaßt, wobei die Stimme des französischen Delegierten als Vorsitzenden den Ausschlag zu gunsten des Antrages gab. Bestürrung in Budapest. Budapest, 24. Mai. (Tel. der „Wr. Morgenzeitung".) In hiesigen, politischen Kreisen verursachte die Entscheidung . der Reparationskommission insofern« Bestürzung, als' ein Teil der etwa zu bewilligenden Anleihe für Reparationszwecke in Anspruch genommen werden müßte. Die Regierung ist eifrig bemüht, glaubhaft zu machen, daß der Beschluß der Reparationskommission diese Bedingung nicht enthält. Grast Albert A p p o n h i erklärt in einem Abendblatt, daß er nirgends jenen großen Erfolg sieht, den die Regierung ausposaunt. Der Beschluß der Reparationskommission bedeute in seinen Augen den vollständigen Sieg der Auffassung der kleinen Entente, daher den Mißerfolg der ungarischen Bestrebungen. In der Regierungspartei erstattete Bethlen heute abends seinen Rechenschaftsbericht und mußte dort alle Kräfte aufwenden, um den Ausbruch der Unzufriedenheit der intransigenten Elemente zu verhindere BetHlens erfolglose EHrefferpolitik. Kr. Wien, 26. Mal Der Empfang des ungarischen Ministerpräsidenten bei seiner Rückkehr von seiner europäischen Rundreise in Budapest war nicht minder kühl und zurückhaltend wie die Empfänge bei seimr Ankunft in Paris und London. In Rom war seine Aufnahme rm Quirinvl etwas höflicher, aber das war auch alles. Herzlich wurde Gras Bethlen nur im Vatikan empfangen, wo ihm auch fiir seine reaktionäre Politik eine hohe päpstliche Auszeichnung zuteil wurde. Diese ganze Reise war von vornherein zum Scheitern verurteilt, denn Graf Bethlen mußte sowohl bei den westeuropäischen Mächten als auch infolgedessen zu Hause enttäuschen. Die alte diplomatische Kunst, die in Ungarn stets zu Hause war, hat diesmal versagt. Bethlen schenkte weder dey Berichten des Grafen Apponyi Glauben, der von jeder seiner so häufigen Auslandsreisen den wahrheitsgetreuen Situationsbericht nach Hause brachte, daß Ungarn nur dann Sympathien, Kredit und politisches Vertrauen im Auslande finden werde, wenn es untrüglkche Beweise der inneren Konsolidierung auf demokratischer Grundlage zu liefern vermag, noch schenkte er den Vertretern der Arbeiter Gehör, die ihn versicherten, daß die zeitgemäße Behandlung der Arbeiterklasse . in- Ungarn eine wichtige Vorbedingung fiir eine gute Außenpolitik sei, und auch die Führer der Judenschast fanden keine Beachtung, wenn sie dem Ministerpräsidenten ans Herz legten, endlich einmal seine Macht gegen alle Zügellosigkeiten der Unverantwortlichen, die in der unmenschlichsten Judenverfolgung ihren barbarischen Ausdruck finden, zu entfalten und den alten Rechtsstaat Ungarn wieder herzusteüen. Auch die -Mahnungen .der kleinen Entente, doch endlich die versteckten-Rüstungen, die verschleierten Musterungen und ' die verborgene Änsammklng von Waffen einzustellen und sich zu einem ehrlichen,' freundschaftlichen Nachbarverhältnis mit den Nationalstaaten, die nun einmal unwiderruflich geschaffen sind, zu bekennen, haben nichts gefruchtet. Alle diese vernünftigen Ratschläge und Mahnungen hat Graf Bethlen mißachtet und nur jenen Ratgebern sein Ohr geliehen, die ihm einredeten, daß die große Entente sich von der Politik der kleinen Entente bereits emanzipiert habe, daß der allgemeine europäische Kurs nach rechts seiner Politik recht gebe, die Behandlung der Arbeiter eine nebensächliche Frage sei und daß schließlich der lärmende Antisemitismus, der in den letzten Jahren nicht nur in Mitteleuropa, in die Halme schoß, ein Beweis dafiir sei, daß der ungarische Antisemitismus fiir die Durchsetzung der Aspirationen Ungarns nirgends ein Hindernis sein werde. Diese Kurzsichtigkeit BetHlens und seiner Regierung hat sich bitter gerächt. Er glaubte ein diplomatisches Meisterwerk zu schaffen, als er auf Grund der eben gekennzeichneten politischen Auffassung die Reise nach Paris, mit Umgehung Prags und Belgrads, unternahm. In Paris sowohl wie in London'wurde er darüber belehrt, daß der Weg zu aussichtsreichen Verhandlungen in der Reparations- und Anleihefrage über die Hauptstädte der kleinen Entente führt. In Paris wie in London mußte er auch erfahren, daß die Frage des Numerus clausus, der politischen und gesellschaftlichen und nicht zuletzt der administrativen Verfolgung der Juden als Zeichen innerer Unruhe, der Ünkonsolidiertheit des Landes angesehen und bewertet werden. Er konnte auch beobachten, daß die Juden des Auslcnckes, die nicht unter dem Drucke der Horthy- Behörden stehen, in der Anleiheftage nackensteifer sind als. die großen Juden des eigenen Landes, die mit dem Horthh-Regime ihre Geschäfte machen. Auch den Einfluß der Arbeiter auf die allgemeine Politik hat Bethlen stark unterschätzt, wie er sich in den Zentren der europäischen Politik überzeugen konnte. Deshalb mußte die Reise BetHlens mit einem sirrchterlichen Fiasko enden, und es ist nur zu begreiflich, daß er, der sich im Kreuzverhör der Weltpolitiker wie ein Angeklagter in Widersprüche verwickeln mußte und Versprechungen zu machen, gezwungen war, -die die Stützen seiner Politik daheim' in Mißsümmung versetzten, bei seiner Heimkehr wegen dieser Entgleisungen zur Verantwortung gezogen wurde. Da hat sich nun der echte, wahre Bethlen wieder entpuppt. Mit einem Zynismus sondergleichen gab Gras Bethlen gleich am Tage seiner Ankunft offen zu, daß er Wohl kein greifbares Resultat seiner diploma« tischen Reise nach Hause bringe, daß er sich aber auch als oberster Schutzpatron der. Erwachenden Unsarv