Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 5 (1923)
- Issue
- Heft 1536 (24.5.1923)
- Date
- 1923-05-24
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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(Wiens Züfei AW'olenin der Expedition, II., Taborstr .1-3, (oder in einer Verschlcisstelle (Trafik) mon^tl. K 28.000 |Mit PostveraaQd für Wien o. Oesterr. mon&ti. K 28.000 -Tschechoslowakei: Mon. K17, Üngarn: Mon, fK 600.'Jugoslawien: Mon. iDinar 88. Polen: Mon. (Mk.l2.000.D eu t s c h la n d: Mon. Mark 8(100. F ran k r., Belgien: MonaÜ. Frcs. 8 •fr„Noolir-r-iu-5-v ym bti Prel»crhoh«ffltea Vorbehalte!) Tscheche-Slowakei a ftschech. K 1.— Italien: Monatl. 10 Lire Rumani en,. Bulgarien Monatk 75 Lei bezw. Lewa, Schweiz und das übrig« Ausland monatlich Frcs. 3 Redaktion u. Administration Wien, 11., Taborstrassei—:3 Telephone: 44-0-38,43-3-19, ab6Uhrabds.l9-483,16-301 Tel-Adr.: »Morgenieitnng*4 Wien Oösterreichisches Postsparkassen-Konto Nr. 150.693 Wie«, 8omtratag,24. Mai 1923 Ae Regierung Baldwin. Londöst, 23. Mai. (Tel. Her ,M. Morgenzeitung".) Die Bildung des neuen KabinetteS geht rasch vorwärts und dürfte wahrscheilich schon morgen beendet sein, so daß Baldwin auf dom Ende'der Woche siatifindenden Kongreß der Konservativen Partei sich bereits.mit dem Mi- Nistevverzeichnis wird ausweisen können. Dey Kongreß wird Baldwin zum Führer der Konservativen Wahlen und damit auch Zach außen hin die Zustimmung seiner Ernennung dMmeniieren; Bonar Law wird die Führerschaft' der- Konservativen an diesem Tage durch ein Schreiben zurücklegen. Die neuen Minister. . Soweit bisher bekannt wird^ bleibt Lord C u rz o n auch weiterhin Staatssekretär ^'für auswärtige Angelegenheiten. Schatzkanzler wird Sir Robert Harne, während Lord Derby das Portefeuille für Kriegswesen weitevbehält. 'Chamberlain, ,der sich in einem französischen Badeorie aufhielt, ist einem Rufe B a l d w i n s gefolgt und nach L o n d o n zurückgekehrt. Angeblich soll er das Handels re ffo rt übernehmen. Ueber die weiteren Kabinettsmitglieder ftcht noch nichts M; Die Politik der neuen Regierung. Baldwin genießt destMuf eines nüchternen, kühlen Rechners und diese Eigenschaft wird Wohl auch die Marke seiner Politik sein. Dennoch wird England von seiner bisherigen politischen Haltung nicht gleich abweichen, wie dies ja auch durch das Weiterverbleiben Curzous als Außenminister zur.Geltung kommt. Dennoch aber wird Baldwin eine ausgesprochen englische und nicht^Ententepolitikdurchßihren, das heißt, in 'den.-Kontineri-alsPa.Kn jene -Politik verfolgen,! dse iir echÄ^Rech^ZeMMMs ch.em Standpunkt ent-" spricht. B a lb w i E Anhänger ^des<W-e-.- dingten Fortbestandes derheutigenEnten't>e,da er gegen ihre heutige'ftanzösische Führung Hingegen erscheint chm bt<e enge Zusammenarbeit mit Italien; von großem Vorteil. | Diese Anschauung Baldwins kommt am besten in den beiden Begrüßungstelegrammen zum Ausdruck, die ev nach seiner Ernennung an Mussolini und Poineare gerichtet hat. Während der englische. Premier Mussolini gegenüber die Hoffnung ausspricht, daß die ge me infame Zusammenarbeit - der beiden Regierungen fortdauern werde, erwartet er von Poineare, daß die herzlichen Beziehungen zwischen den beiden' Landern erhalten bleiben mögen. . Diese feinsinnige Unterscheidung ist allzu auffällig, uA übersehen zu werden. Lloyd George gegen vre neue Regierung. London, 23. Mar. Lloyd George hielt in seinem Walliser Wahlkreise eine Rede, die in den Blättern als offene Kriegserklärung an die Regierung bezeichnet wird. Er fordert die Liberalen auf, sich zu der- <t in ige n. Die Rede enthält auch scharfe Spitzen gege n Frankreich, das, wie Lloyd George sagte, wegen des Sturzes feiner Feinde auf dem Kontinent mächtiger fei als je. Rußland -gegenüber trat Lloyd George für eine sch» sorgfältige, vorsichtige und dabei starke Politik ein. In der internationalen Lage habe sich ein ernster Wechsel zum S-ch l imm e r<e n vollzogen. Die Regierung könne nicht von einem beträchtlichen Anteil an der Verantwortlichkeit für diesen unglücklichen Wechsel fve'vgefprochen werden. Die.sAlpaH c. Behandlung, der Ruhrfrage habe Europa von neuem tz Anordnung/ Krisen und Konflikte gestürzt. Niemand'könne Voraussagen, was. Hort Mt geschehen werde. Das einzige» was klar sei,. Heine! baß von neuem Gewalt statt Ueberlegung die- Angelegenheiten Europas, beherrsche. Me Allianz bestehe' nHt mehr'lvirksaÄi. Es bestehe nicht ^langer irgendeine. Gleichheit in der BehaMung-nnd keine Gemeinsamkeit des Zieles. Es sei nicht einmal eine Freundschaft, es sei, ein reines Vasallentum.' . Brüssel, 23. Mar. (Tel. der „Wiener Morgenzeitung".) Die im Schoße der Regierung geführten Beratungen über die Aufstellung.eines neuen Reparationsplanes sind nahezu bis zum Abschlu ß gediehen. Der belgische Ministerpräsident T h eun i s, der sich persönlich für den neuen Plan einsetzt, hat mit verschiedenen Politikern und auch mit eitelsten Fachmännern über die dieses Problem rangierenden Fragen konferiert und die Ergebnisse nun m forrnuliert, der zunächst den Allierien, dann aber auch der deutschen Regierung .nberr«chL werden soll. Ueber den Inhalt diises Planes ist noch nichts bekannt, doch verlautet, daß er'den tatsächlichen Verhältnissen ziemlich Rech n u n g t r ä g t und für den Fall der A n n a h m r durch Deutschland nebst sofortiger Stundung der lausenden Reparationsraten auch die Gewährung einer äinternationale« Anleihe mit Unterstützung der Alliierten vorsieht. Hiev» .für würden aber die Alliierten me Einsetzung eines Kommissärs in Berlin verlangen. - - Der belgische Ministerpräsident wird sich in BeMklwA des Außenministers I a s p a Ende dieser Woche nach! Paris begeben, um dort mit Poineare die bereits an»' über die Möglichkeiten eines gemeinsamen Vorgehens aller Alliierten in der Repawtionsfvage abzuhalten. dem Ergebnis dieser Besprechung hängt es ab, ob da5 Mgrsche Projekt als - Unterlage zur Antwort auf die von Deutschland für nächst e W o ch e erwartet» Neue Note wird dienen können. Die zerrissene Internationale. F. W i e n, 24. Mai. In Hamburg ist ein Kongreß der sozialistischen Landesorganisationen zusammeugetreLen, der zur Wiederauftichtung der früheren sozialistischen. Internationale führen soll. Das provisorische Gebäude der in Wien geschaffenen sogenannten Zweiemhalbten Internationale soll zugunsten eines weiteren Rahmens verschwinden und es soll wieder, Wie einst in besseren Lagen, eine interterritoriale Einheit der. verschiedenen Sozialdemokratien begründet werden. Es werden in Hamburg große Reden gehalten und der feste Wille wird betont, das politische Gewicht des organisierten Proletariats in die Wagschale zu werfen, aber kein ^Radikalismus kann darüber hinwegtäuschen, daß die Sozialdemokratie in den Nachkriegsjähren stark ins Hintertreffen geraten ist. Während einmal, der Sozialistenkongreß den Aufmarsch der Vertreter einer ge- Mossenert Millionenpartei bedeutete, steht ' heute die europäische Sozialdemokratie in einem Kreuzfeuer zwischen Mn Links- und Rechtsvadikalismus. In Rußland sitzt -der Bolschewismus im Sattel, die Sirenenrufe aus Moskau haben der Sozialdemokratie beträchtlichen Abbruch getan, und die dem Moskauer Diktat gehorchenden Kommunisten sind stets bemüht,'' das Mißtrauen gegen sie zu schürest und ihr Prügel zwischen die'Füße zu werfen. Die .Reaktion gegen die Moskauer. Methode^ hat.den Faszismus in die Halme schießen lassen, dessen Propagandasystem in allen Ländern zur. Nachahmung lockt, wo ein chauvinistischer NationalisjmttS die Masseninstinkte aufzupeitschen sucht. Zwischen KomnHMsten und Rechtsputschisten fiihrt der Weg der Sozialdewokratt! und manche Gruppe, die ., äußerlich zurmarxistifchen Fahne »schwört, ist.in ein nationalst / stisches Kömpromißlertum verfallest, das alle Grund- j '.fitze Litzen straft. - . I Dell sozialistischen Parteien liegt der Krieg in den! Gliedern ustd sie werden lange brauchen, bis sie sich i ihre einstige Position erobert haben werden. Daß es . so gekonMM ist, ist in der falschen Ideologie der Sozialdemokratie in der Vorkriegszeit begründet, und man muß länger zurückgreifen, um diese Ursachen klarzu-! stellen. Es machte sich gut, wenn gesungen wurde: Alle! Räder.stehen still, wenn dein starker Arm es will; aber j die. stolze'Parole hat die Feuerprobe nicht bestanden, ' und keine Milliostenmassenpartei war imstande,, den Machthabern in den Arm zu fallen, als sie in wenigen .Tagen Pie Kriegsfurie entfesselten, die eine Welt zer-. stampfin sollte. Daß btes' geschehen konnte, ist nicht allein darin begründet, daß hüben und drüben rnit, unleugbarer Geschicklichkeit und wütendem Elan die national-patriotische Trommel gerührt und . dem deutschen Arbeitet die sittliche Pflicht der Verteidigung gegen den „Feindbund" gepredigt wurde, wie dem westlichen Proletarier die. der Verteidigung. der vom Preußentum bchrohM Demokratie. Die Schuld des politisch organisierten Sozialismus liegt tiefer. Sie ist darin zu suchen, daß seine Führer es nie'verstanden Haben, sich vom orthodoxen Parteidogma loszumachen,' und die Theorie" cher Wirklichkeit anzupassen, darin, daß der schließlich' aussichtslose Versuch unternommen wurde, die in der Frage des Kampfes um die wirtschaftliche Besserstellung . des Arbeiters verfolgte Realpolittk mit der „revolutionären" Ablehnung des Klassenstaates zu vevknüpfin, , welche natürlich in der Negation stecken blieb, um auf den großen Moment zu warten..So wurde ein jahrelanges. Ketzergericht gegen-alle des Reevisionismus „Verdächtigt" Elemente gesiihrt, welche den Gedanken der Evolution, in die Politik verpflanzten und -auf dem Weg - der' positiven < politischen Mitarbeit. zu einer allmählichen Umformung'von Wirtschaft und Gesellschaft gelangen wollten. Es war eine eindrucksvolle Geste» als det Sprecher der DreimillionenPartei im deutschen Meichs.kag, diesem einflußlosen Scheinparlamente, yer- ..'kündetH' „Diesem' System keinen Mann und keinen 'Heller^, aber daß die unerschLitterliche Jntransigenz den gegen die „Baterlandsverräter" ralliierten herrschenheu Machten geradezu die Mauer machte, sah der dstrch -den Dogmatismus getrMe' Mick nicht. Man Zehnte ab, 'ohne zu verhindern; man entfesselte --die ganze-.Wucht des politischen' Kampfes und des Massenstreiks, um -höhere Löhne und ein /gerechteres Mahlrecht zu. erringen, aber es hätte gegen! dievom Dogma - gelenkte Taktik verstoßen, auch gegen dest Produktiönsprozeß mobil zu machen und die HerstelLmg von MordwerkMgen zu -verhindern, die nur gMulte Hände erzeugen können. »Durch-diese prinzipielle Haltung, die in höherem Sinne MWSü .A. W die -Sozialdemakratie. am Weltkriege mitschuldig-geworden, weit , mehr dadurch als durch die. Haltung ihrer.Sozialpatrioten Verschiedener Nationalität, die' ftüher Verketzertes plötzlich anzubeten begannen. -/ . . . ' Wie schwer man. auf jener Seite umlernt, geht aus dem Verhalten der österreichischen Söziawemokratie hervor. . Ihr Sprecher in Haychurg, Dr. Otto. Bauer, hat unter die großen reaktionären Gewalten auch den Völkerbund gerechnet, der '.sicherlich vom Jdealzuftand weit entfernt ist, aber kaum besser werden kann, wenn im Kämpf gegen ihn sich^ SozirAsten mit. Reaktionären begegnen, und er -hat den Beginn der Reaktion in Oesterreich mit dem Einsetzen, der'Hilfsaktion des Völkerbundes zu datieren - versucht. Wer Dr. Bauer - ver- Mtf daß auch hierwieder die Sozialdemokvatte' selb'fi der Koalition der Heimwehrey; der^FrontkälNpfir und. der HÄkenkrenzfir;- - die. f ich -:.stnterdem'" von ^Herr.n. Urban, dem Vertreter des Industriellenverbandes,' entfalteten Banner vereinigest, die Bahn ftei gemacht hat. Me hat ist einM kindisch anmutenden Trotz, in einem 'Moment politischer. Verärgerung die Teilnahme an der BiAlAML M M SÄ ich!' ZonttM des reaktionären Treibens verzichtet. Sie muß es nun zusehen, wie sich die mit in- und ausländischen Geldmitteln gefiitterte Reaktion, die der Republik an den Kragen will, immer breiter macht, ihre Fäden nach den' ausländischen ^Zentren der Verhetzung spinnt und syste-s matisch die dunklen Masseninsünkte haranguiert;- und! es gehl nicht gut an, die Völkerbundhilfe siir eine- Ent-! Wicklung verantworMch zu machen, die. zu hemmen niemand berufener war. als die österreichische Sozialdemokrätte. Sie hat es. dorgezogen, den 'Waber und Frank den Platz zu räumen, und muß es nun zusehen, wie sich' das Uebel immer tiefer einftißt, während sie aus denr Schmollwinkel der Opposiston ihre Blindgänger losschießt.! Es. ist. billige Rhetorik, die ganze Schuld dem Völkerbund astfladen - zu wollen. Die österreichische .So- - zial'demokratte wird : sich zur Erkenntnis bequemen müssen, daß - ihre . Unfmchtbare Abstinenzpolitik der Reaktion in den Sattel geholfen hat, und sie wird aus dieser Erkenntnis ihre Folgerungen ableiten müssen, wie auch immer die Neuwahlen ausfallen mögen, tzenn sie eine .ruhige CntwicklunL der österreichischen Dingq. totik