Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 5 (1923)
- Issue
- Heft 1535 (23.5.1923)
- Date
- 1923-05-23
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Der plötzliche Mcktritt des englischen Premierministers kommt überraschend, auch wenn die Nachrichten aus -er letzten Zeit, die von Bonar Laws Krankheit zu melden »wußten, die Möglichkeit einer Neubesetzung /dieser die Politik der Welt beherrschenden Stelle immer mehr in den Bereich der Möglichkeit rückten. Bonar Law, der an die Spitze des englischen Kabinetts trat, als die Koalition in die Brüche ging und die Konservativen Lloyd George die .Gefolgschaft verweigerten, hatte nicht die glänzenden Eigenschaften Lloyd Georges, und die Politik des Premiers schlug 'mit seinem Amtsantritt ein anderes Tempo ein. Er wollte nicht verblüffen und sein Wesen hat nichts von der tem- - peramentvollen Art seines Vorgängers; gleich fein Aniirittsprogramm, das auf politische.. Stabilität Nachdruck siegte und allen Abenteuern aus dem Wege gehen zu Dollen versprach, wies eine deutliche Spitze gegen seinen Vorgänger und Arbeitsgeuossen auf. Das Kabinett BoMr Laiw kann auf manchen , Erfolg ' zurückblicken. Das englische Budget zeigt gegen früher eine beträchtliche Besserung, das Abkonmlen über die Zahlung der Schulden an.Amerika hat am besten die Wirtschaftskraft des Imperiums dargetan und die englisch-amerika-! Nischen Beziehungen gefestigt, die Arbeitslosigkeit ist in Entschiedenem Rückgang begriffen. Namentlich aber hat England in der Orientfrage einen starken Erfolg zu buchen, ber i» erster Reihe das Werk des Außenministers Lord -Curzons ist, aber schon durch Bonar Law selbst' fnitiiert!tzvurde, welcher in einew Politischen. Brief, der unmittelbar ltznm Sturze seines Vorgängers führte, die Abkehr'von dem -antitürkischen Kurs gefordert hatte. Es ist Curzon gelungen, durch geschickte Schachzüge die Ängoratürken von -den Bolschewiken zu isolieren, der. Jreundschast zwifchew jParis und Angora emm -fühlbaren Noß zu versetzen mnd :ik Unterschrift der Türkei zum Abkommen über die Meer-,!; ^u.erlangen,. >woiUit den Schiffen derM^twächtes-dep Wer'.-Äe Oppösit^ostst! gogensidsiekRMevung Bonar iLaws ist darn^t '.rnchi. stmn; Schweigen;; gebrächt worden und sie hat .einen' der Regierung Höchst' unwillkommenen Zuwachs durch den linken Flügel, der konservativen Mehrheit erhalten, welcher der > Regierung.,recht v unangenehm, "geworden ist und . ihr die Gefahren etlicher , fataler.Mb-!stimmungen bereitet' Die Erfolge der Regierung Bo- >nar Laws sind darum'nicht zu verkleinern, und in Paris Hat MM deutlich das, Gefühl,, wertvolle. Chancen im Orient vertan zu haben, und. vielleicht heute stä^er isoliert zu sein als zur Zeit Lloyd Georges, der auch darum zu Falle gebracht wurde, weil seine, konservativen Koalitionsgenossen ein einmütigeres, Zusammenwirken mit Frankreich forderten. Dies beweist am deutlichsten die herbe Kritik der Pariser Presse an der italienischen Beantwortung der deutschen Reparatiönsnote, in der man mit einmütiger Unzusriedeicheit feststellt, 'daß . es England gelungen sei, Italien auf seine Serie hinüber. zu bringen. Aber die Opposition in. England ist darüber verstimmt, daß es Englands Politikern sticht gelungen ist, die französische Rrchrpolitik zu einer Aenderung zu bringen. und daß sich das politische Gestrüpp immer mehr verdichtet. Die Opposition ist. nicht zuftiedeN mit den momentanen Konjunkturgewinnen, welche die englische Wirtschaft ans dem Ruhrahenteuer zieht, und sie erkennt deutlich die Gefahren für den Kontinent, welche eine völlige wirtschaftliche Zermürbung Deutschlands eröffnen müßte. Bonar Laws Reparationsprogramm, das er in'Paris ans den Tisch legte, stieß bei Poincare auf ein entschiedenes Nein, und die folgenden Vermittlungsversuche von englischer Seite 'hatten kernen besseren Erfolg. Die - Ungeschicklichkeit der deutschen Politik, die sich am schlagendsten , in ihrer letzten Note enthüllt; welche der entscheidenden Frage,- jener der Garanten, gänzlich aus dem Wöge geht und.den Scharfmachern, tu Paris ihr Werk erleichtert, hat alle Englischen Bevfuche, den Gegensatz zu übsrbrücken, zuschanden gemacht, und nian ist heute einer Lösung um keinest.Schritt näher gekommen. . / ' Die englische Politik sah . sich/ genötigt, unter dem Zwange der Verhältnissezur Pelitih Lloyd Georges Frankreich gegenüber gurüchukehren, und auch die künfige Zu-. -sanMensitzung/des Kabinetts wird hieran nicht viel zu 'andern vermögen. Ein stärkerer Mirswechsel liegt jedoch, jim teilweifen Zusammercha.nge mit der. Türkenpolitik -von .Bonar Laws Kabinett, sin. der Politik Rußland gegenüber por, '-welche -in den letzten Tagen einen'scharfen Konflikt gezeitigt hat. Lloyd GepM hat verschiedene und vergebliche Versuche gemacht, zwischen der.Politik der Sowjets und stuer der Westmächte.-einH notdürftigen Ausgleich zu schaffen. Er versuchte HM nach Versailles, M siMMm Lottdon, 22 Mai. (Reuter.) Der König hat den Schatzkanzler Baldwin zum Premierminister ernannt. Mehrere Minister hatten dem König Baldwin als den g e e ig n e tste n Ra ch folger Bonar Laws vovgeschlagen. Durch die Ernennung Baldwins hat der König die Tradition fortgesetzt, den Posten des Premie r- Ministers einem Mitgliede des Unterhauses anzüvertrauen. Man /ist der Ansicht, daß die Wahl Curzons offensichtlich die absolute Beibehaltung derselben Politik bedeutet hätte; die A n h ä ng.e r C.u r z o n s geben jedoch zu verstehen, daß der Weg, austden sich! Frankreich durch seine letzte Note eingelassen 'hat, dornenvoll und schwierig bleiben werden Der Optimismus Frankreichs dürfe dÄ>er nicht übertrieben sein. Die übrigen Minister des Käbinetts werden dem ihre Demission überreichen. Die BWung des neuen Kabinetts wird nicht vor Ablauf von 24 Stunden erwartet. Hör ne werde, wie es heißt, den Posten des Schatzianzlers übernehmen und E u r z o n die Leitung der a u s w ä r t i ge n A ng e l e g e n h o i t c lt bekbehalten. Auf Glückwünsche erwiderte Baldwin: „J ch bedarf mehr Jhreb Gebete, als Ihrer Glückwünsche!" Parteien aus den Prinzenistseln an den Beratungstisch zu bringen, er! fchickte ejnen UnterhLüdlex 'nach Kopenhagen, der schließlich ein Wtffch-enMih-s^ ^MchastMLAimsten Der neuernannte Premierminister steht rm 66. Lebensjahr Obwohl er schon seit dem Jähre 1908 dem Unterhanse angchövt und seit, längerer Zeit eineder führenden PersönlichLeiten der Konservativen Englands. ist, trat er-erst vor wenigen Jahren mit jener Aktivität hervor, die ihn zunächst in seinem Lande zu einem der populärsten Mästner, dann aber auch im weiten Ausland zu einem Finanzpolitiker ersten Ranges auftücken. ließ. > Baldwins eigentliche Karriere begann als Privarsekretär Bonar Laws, dem er nun in der Pvemierstelle nachfolgie. Als die Frage der Rück Zahlung der englischen Schuld an -Amerika akut wurde, fuhr Baldwin als Delegierter des englischen Schatzamtes nach Washington, um dort über die Konsolidierung dieser Schulden im Betrage von zwei Milliarden Pfund.Verhandlungen zu fuhren. Nach derhältnismäßig kurzer Zeiß gelang es BaMvin, die überaus komplizierte Frage in einer für England derart günstigen Wüst zu regeln, daß er, der schon bisher den Posten eines Sekretärs im Schatzamte bekleidete, nunmehr als erster Finanzsachverständiger Englands angesehen wurden Im Kabinett Bonar Law. wurde. Baldwm, der vorher kurze Zeit, auch Handelsminister gewesen war, Schatzkanzler. Ms solcher arbeitete er eine -großzügige Fmanzvesorm.ans,-die in einem detaillierten Erspavungspro-gramm gipfelte! Der leitende Gedanke Baldwins bei dieser' Maßnahme, die bedeutenden Steuerlasten für.die Bevölkerung brachte, war die Absicht, Amerika jede,n geI -ieheneu Penny zurückzuzahlen, ein Beginnen, das den ' . en glischen Kredit im Ans-la-nde -neu festigre. ist, und nur den Argwohn aller, zur. Folge hat, würl^n sie ihre äNßeniPolltische Einstellung mit. ganz anderen Miteln dürchsühren. . . , / , - . - .Graf-'Bethlen hofft noch' immer, Haß die -natürlichen großen WWeichsi mitHen Tächjets -hringM-AbevM Bol- J schewiken .gingest, ihre . eigeyen.^Wegch.' ihre E^ansiöM-j pMnk sitfsÄsätz^ Seht dev WfftMSm an Juterisrtät .nichtj nach/ und ie^mehr sich/die. Wrkejr von ihnen.-loslöften,/ mnso heftiger setztzr ' ihre Propaganda in Asien ein, dia allein '^MMs UltlmafttmHeranlaßt hat. j Nnnsttöhr tritt der bisherige. Schatzkanzler Baldwm. das Erbe' Bonar Lckws mt. Er gilt als einer der fähigsten unter -den jüngeren.Pärtanientariern,- besitzt als Wirj> schaftspolitiker einen guten '.Namen und hat durch die erfolgreiche Führung feines Ressorts auch auf gegnerischer Seite manche Anerkennung erworben. Noch ist nicht s-ekannt, wie das neue Kabinett beschaffen fein wixd, a!)er es wird jedenfalls ein uniönistisches Kabinett, sein/dem ^die oMielle . Opposition^ der Arbeiterpartei' gegenüberst^hen! wipd. Eine Aendemng der. Regierungspolitik steht nicht zu gewärtigem, und die Orientfrage sckvie das Reparatidnsptoblemwerden nach, wie vor die ungeteilte Aufnrerkjämkeit der Heueir Negierung, erfordern. Das Ultimatum an Rußland ist von ^Curzon .verlängert worden und, oMeich die Bolschewiken nach gewohnter Art in die Fanfare stoßen, wird Wohl wieder ein Ausgleich züsamMengekleisterk 'wev-- den. Mas jedoch das /deutsche- Reparationsproblem betrifft, so ‘ ist' es an Deutschland, das richtige Wort zu sprechen und von, der Einsicht der Berliner Politiker, die an einer neuen Note brauen, wird es abhängen,'ob die Bemühungen des künftigen englischen Kabinetts - von größerem Erfolge begleitet, sein werden als bisher. (Von diplomatischer Seite.) Graf Bethlen'.hat -seine „Inforntationsreise" an die' Hauptstädte der Weststaaten beendigt^ und kehrt .mit mancherlei Erfahrungen und Ratschlägen' nach 'Budapest, heim.. Wenn er die' ihm 'gegebenen Minke richtig -ausnützt,' so kann.für die ungarische Politikeingroßer Gewinn er-' zielt werden. Nach den Jnfomiationen der maßgebenden diplomatischen Kreise hat.Bethlen in Paris den Rat erhalten, vor .allemsich-mitseinen - nächsten Nachbarn freundschaftlich'auseinanderzusetzen,, und' die ungarischeauswärtigem Politik 'sp^^ zu! gestalten,- daß sich die Nachbarstaaten nicht beuvrp.hjgt7M)lett. Das -HorthyMegime i hgt seit Jahr und - Tagin Budapest eine Politik etabliert^ die - voll Hinterhältigkeiteir ist, und die/ alte Diplomatenwktik verfolgt, einen Staat gegen den anderen auszuspieler^' und auf -Grund der - jeweiligen,Page siderMeinftiche'- ..Gewinne .-für fich -herauszuholeu.^Wenn die Budapester Regierenden AÜen MWn. daß Me alle Kaktü MtzsigM deMteieLt Zeit-bestrebt, in'piesem Sinne geheirstnisvolle Andeutungen zu' machen und der ungarischen.Oeffentlichkeit einzureden, daß Bethlen sich bereits heute diesen Zukun-Dwechs-el honorieren lassen kann. So wie immer, ist guch diesmal die ungarische Oeffentlichk-eit wissentlich falsch informiert und es wird ihr verheimlicht, daß alle - DifferenzPUnkie zwischen Italien und Jugoslawien auf ftchmdschastliche Weise ausgetragen werden können, und daß die ungarischen' Hoffnüngen in diesenr Prurkte leere Hirngespinste sind.; Kenmr der internationalen politischen Verhältnisse erklären' nun, daß dem ungarischen Kreditbegehren nur unter einer Bedingung entsprochen tverden' kann: So wie bei der -Oesterreichlschen Völkerbundanleihe müßten die Staaten der kleinen und der großen Entente die Kredit-, garantie übernehmen, urid Minister Dr. Benesch ist ausersehen, so. wie für Oesterreich der Fürsprecher für Ungarn zu sein. Ob. aber Dr. Benesch für ein Ungarn des Horthy-' Kurses dieses Amt ÜbernehiNen kann, ist glatt zu verneinen. . - Die Vorbedingungert für eine" Teilnahme der kleinen Entente am ungarischen Hilfswerk sind zur Genüge bekannt: Aenderung der inneren und äußeren Politik und Demokratisierung des politischen Lebens, in Ungarn. Graf Bethlen hat 'diese Bedingungen auch aus . dem Munde der französischen Regierung erfahren und sich auch in Rom überzeugt, daß Italien außer höflichen Redensarten für!-das. jetzige Ungarn.nicht viel übrig hat, und daß sich Ungarn seine Kastanien selber aus dem Feuer holen -mnß. Die Entscheidung für Budapest ist also . nicht sehr konrpliziert. Nach dem ersten Begrüßungsfeuerwerk, WÜches nach der Ankunft Bethlens in Budapest abgebrannt werden! wird, wird die Oesfentlichkeit klar sehen/ daß Herr Bethlen den Weg, dem er 'bisher -beharrlich auswich, -wird betreten müssen. Der Weg zu den Kassen-des Westtapitals geht für Ungarn nur über P r a-g. Diese Erkenntnis'ist siir Horthyr Ungarn - zwar. bitter, aber. sie ist die.'üatürftche Folge, des gtorreichen christlichen Kurses. .- ' HondM 22.'- Mai. (Tel. - der „Wr. Morgenzeiiung".) Nach einer» MeldupA aus M-a l t q haben 15 Torpedo-' i^oätzerstörev''Pep'englischen. Mittelmeerflotte Befehl er-' - halten, nach ' best - Dar d a n e l l». n abzudampfen. Mit Ausnahme von zwei' Panzerschiffen und einigen unterge^ ordneten Einheiten wird die gesamte englische Ätttteb rneerflotte. in Hst-.Wachsten- Tagen' wieder in den türkst >-1K e st' fp e' w a \ s e r st k o n z« n t r i e r t fein/ '