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Wiener Morgenzeitung · 1923-05-16 · Heft 1529 (16.5.1923) · page 1

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
5 (1923)
Issue
Heft 1529 (16.5.1923)
Date
1923-05-16
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Das war die Ren- Nevsche Formel für die Schaffung des nach dem Zusammenbruch der Monarchie organisierten neuen Gemeinwesens. Nach kurzer Zeit verschwanden die Bürger, es blieb die Koalition der Bauern und Arbeiter unter dem Deckmantel des „werktätigen Volkes". Mit Renner fiel auch diese Formel und die Herrschaft kam an die neue Koalition,' die sich unter das Generalkommissariat gebeugt hat. Das Bürgertum hatte schon nach den ersten Wahlen in die konstituierende.Nafionalversammlung jeden politischen Einfluß verloren und wagt auch heute nur mehr im Gefolge der Christlichsozialen auszutreten. Hinter der neuen Politischen Verbindung der alpenländischen Bauern, der Kleinlbürger der Städte und des nationalistischen EmigvanteMüngels schreitet das Bürgertum. Unter Bürgern hat man in früheren Zeiten die lebensvolle Vertretung hoher Kulturideale verstanden, in den Zeiten, in denen das Frankfurter Parlament zustande kam, dessen Gedenkfeier in diese Tage Mt. In der Paulskirche wurde die Leibeigenschaft aufgehoben, die Freiheit der Presse ausgesprochen und das ißcte. von dem Glauben an die Unfehlbarkeit der Autorität befreit. Wenn die deutschen Bürger, die dies taten, heute sehen könnten, daß alles, was ihre Sehnsucht war, auf die' Weltanschauung von Waber und Frank reduziert worden ist,, so würden, sie jede Gemeinschaft mit solchen Bürgern energisch bestreiten. Was ist eigentlich die Welt dieses Bürgertums, was. qt seine politische Ueberzeugung, was sind" seine Lebens- Werte, Ziele und ^Ideale? Die beste Antwort auf diäse Frage wird.einstchir -den Historiker die bürgerliche Presse unserer Zert-Wen.Wenn jeiMs, ^syM-He hegte^H^. ihrer.verantchoMngslosen Verflachung alles geistigen^ Kampfes ein Spiegelbild des BüvgerlürM. Sie-gehtjedem ernsten Problem aus dem..Wege, sie verhüllt alle in der Gesellschaft bestehenden Bestrebungen nach demokratischer Kultur, sie fälscht Tag für Tag das Bild der Zeit. Alle-die geistigen Regungen, die im Volke nach Geltung ringen, bleiben in der bürgerlichen Presse ohne lebendigen Widerhall und werden nur in den Aeußerlichkeiten, und selbst da nur entstellt, erfaßt. Was die Menschheit bewegt, das steht diese Presse nur in Verzerrungen und Ucbertreibungen. Was aber gegen den Geist der Menschheit geplant und gesündigt wird, das nimmt diese Presse, die nicht erziehen, sondern nur verdienen will, gerne;it chren Schutz. Sie ist bis ins Innerste reaktionär. Sie entspricht dem Bürgertum und daö Bürgertu:--' cmü'ricfit ihr. Beide haben die politische Macht verloren und beide arbeiten an der Vergeltung. Durch die volle Auswirkung der Demokratie wurde der politische Kampf für die bürgerliche Welt, bedeutend erschwert. Aber das Bürgertum, und seine Intellektuellen haben es abgelehnt, sich den neuen Verhältnissen politisch anzupassen durch die Aufstellung einer Plattform, die an die.Traditionen der großen Verfassungskämpfe gegen das Mittelalter, an die Tage des Frankfurter Parlaments anknüpft. Das Bürgertum in ' Oesterreich hat sich auf seine wirtschaftliche Macht zurückgezogen. Es verzichtet auf jeden selbstäMgen geistigen Kampf und benützt seine ökonomische Position pour corriger la fortune. Es will seine Macht und sein Geld dazu verwenden, die ehrliche Demokratie, die auf dem Volkswillen ruht, durch eine faszistische Diktatur zu erschlagen. Denn das politische Ideal dieses heutigen Bürgertums ist nicht nrehr wie anno 1848 die Souveränität des Volkes, zu der sich das Frankfurter Parlament noch bekannt hat, sondern die Autorität der Herren gegen die Unterdrückten, der' Bodenständigen gegen die Fremden, die Autorität schlechtwegs mit all ihren Attributen, den Bütteln^ Hoflakaien und Profosen. Das Bürgertum hat durch seine eigene Mitschuld ant Krieg seine Stellung untergraben. Und da sich die Verhältnisse soweit geändert haben, daß eine Restaurierung der alten Zeiten eben nur durch Gewalt und Bürgerkrieg möglich scheint, so hat das Bürgertum die geistigen Argumente, die Erinnerung an seinen Freiheitskampf gegen Adel.und Hof, in die Rumpellatnmer geworfen und den Guiumiknüttel hervorgeholt. In diesem Zeichen vermeinen. sie zu siegeil, die Rektoren und Prorektoren, die Minister und die Landeshauptleute, die politischen und die Wirtschaftlichen Konjunkturschieber und die Fabriksmagnaten. Es ist eine illustre - Gesellschaft beisammen, welche sich freilich die Finger nicht gerne beschmutzt, Werl sie aus Formen hält. Sie hat sich eine Soldtruppe geschaffen, der sie die Wahl des Terrains überlassen hat, auf dem die große Schlacht wider den .neuen Geist vorbereitet werden soll. Nach der Termins- Der Bundeskanzler Wer die Bundesbahnen. Das Regiemngsprojett. i In einer Versammlung in Floridsdorf sprach gestern BundeskanAr Dr. Seist el über die projektierte Sanierung der Bundesbahnen. Der Kanzler teilte mit, daß sich die Regierung entschlossen iMe,' die Gesundung der passiven österreichischen Bundesbahnen auf folgende Weffe zu erzielen: W i r b e h a l t e n, erklärte Dr. Seipel, dasEigentum an den Bundesbahnen,' geben ihnen aber eine solche Verwaltung, wie sie ein gut geführter kaufmännischer öder industrieller Betrieb haben muß. Das ist das Wesen des Gesetzentwurfes über die Bundesbahnverwaltung, der in der nächsten Sitzung des Nationalrates vorgelegt werden wird. Die Regierung wird selbstverstänWch die ganze sogenannte Hoheitsverwaltung über die Bahnen behalten, also die Sorge für die Verkchrssicherheit, für einen einheitlichen Betrieb unseres ganzen Bahnnetzes, für die Einhaltung der sozialpMischen Gesetze und was alles sonst noch dazu gehört. Wir werden aber eineArtVerw a l t u n g s r a t, wie ihn eine Private Gesellschaft hcft, einsetzen. In diesem sollen die Fachleute des Verkehrswesens, der Volkswirtschaft, die Männer der Bernfe, die^sein besonderes Interesse art guten Und' bmuchbarenBaM auch V ertretender AnMWWsen. Matz : finden, die sehen sollen/, wie' hier gewirtschaft^L <1vird>. Mx Pr äs i d e n t v on dm Reg i e>r u n g b e r u fen.W-e rMWvi rd, soll. mit Männern, die er auserwählen tvürde, wenn es sich urq einen privaten HandessM^^^ Industriebetrieb handelte, Verträge abschließen. UrDPtz'. mit-.der Leitung des ganzen. Bahnunternehmens betrauen, Wiese Männer, ein Gene« raldrrektor und nrehrer.-e Äi.rektoren, werden den Vorstand bilden. Der Staat wird jedes Jahr in feinem Budget festsetzen, wieviel er. in der nächsten Zeit noch an Bnndeszuschuß wird leisten . müssen. Er wird auch ein gewisses Betriebskapital mitgeben müssen, weil die neue Verwaltung-nicht mit nichts anfangen bann. Dann soll sie eben selbständig wirtschaften, und zwar so, daß wir ans den Betrieb, wenn er schon nicht gleich rentabel gemacht werden kann, doch nicht immer so ungeheure Summen daraufzahlen müssen. Eine solche Refornr. ist nicht Sache der Regierung und des Rationalrates allein, sondern hier müssen alle mithelfen. Wir rechnen auf das Verständnis und die Mitwirkung vor allem der. Eisenbahnaygestellten. Sie werden schon - einsehen, daß die Reform auch zu ihrem besten ist. Heute haben wir auch die Arbeiten beendigt, um das n eu e Buu de s kan zle ra m t au szur i ch ten, das durch die Zusammenlegung der Ministerien des Aeußern, des Innern und der Justiz mit dem bisherigen Bundeskanzleramt entstanden ist.)Wir werden infolge dieser Zusammenlegung in Zukunft ' erheblich.weniger Sektionen Und'beträchtlich weniger Abteilungen als früher haben und auch räumlich Zusainmenpücken? Gleich nach Pfiggsten , Jüei3)eni;ii^jr Ä* fteMt,; werden von Uns vollständig geräumt.werden'können. logie bet Söldner ist dieser neue Ge.ist der jüdische, und so geht per Sturm gegertdje Juden, weil es den Drahtziehern ganz gut in den Dam paßt, daß der im Proletariat l^ende Haß gegen dqs Kapital durch den Haß gegen die Juden ersetzt rvird. Wie man jetzt weiß, bezahlt dieses BürgeAum seine Desperados sehr gut, aus Geldern, die auch "jüdischen Unternehmern als Steuer abgenmnmen werden. Das wäre. unmöglich und undenkbar, wenn die Führer der Aktion nicht die Psychologie der jüdischen Unternehmer genau kennen würden. Sie wissen eben, daß das Assimilantentum politisch blind ist und sein will, daß es mit Bewußtsein den Kopf in den Sand steckt und gerne die schärfste Iudenhetze mit seinem güldenen Opsevpfennig bezahlt. Das führende Organ dieses Bürgertums, die „Neue Freie Presse", weiß ganz genau, daß ihr nicht die werktätige Verachtung ihrer jüdischen Leser das .Handwerk legt, daß ihr vielmehr verständnisvolle Zustimmung zuteil wird, wenn sie fiir die großdeutschen Rassenschwindler die neue Benediktsche Formel von den „Augen tfftb gemäßigten Führern" ausstellt, wenn sie die „christliche Weltauffassung" des Grafen Johann Zichy, des Henry Ford und aller sonstigen Horchysten sich in-ihren Spalten ausschwatzen läßt. Diese Presse ist das Spiegelbild des Bürgertums, sowohl jenes-der Herren Frank, Urban und Diener als auch jenes der jüdischen Tolerierten. ,, . Das Bürgertum in Oesterreich ist eine Schande seiner Geschichte geworden. Es will keinen politischen Aufbau, sondern nur Rache, keine Demokratie, sondern die. Diktatur des Chauvinismus, keine Freiheit der Wissenschaft, sondern den Numerus clausus, keine.friedliche Ueberwindung der Klassengegensätze, sondern das Hakenkreuztum." Es hat seine Sache auf den Gummiknüttel gestellt und es verdient darum mit vollem Recht das.Schicksal,, das ihm geworden ist: die Ausschaltung aus dem politischen Leben/ SevttaWemng?) Von Dr. S. Karlin. Auf dem nächsten Zionistenkongreß wird ohne Zweifel die Frage des Keren Hajessod, .seiner Organisation und. seines Systems, .eine', wichtige.Rolle spielen. .Denn vom Keren HajessöÜ hangt - vor allem das ganze Palastinabudget ab, von dem wieder alle Arbeitsgebiete und Anfbauuntcriiehmungen, die für den weiteren Aufbauplan Palästinas in Betracht kommen, abhängig sind. *) Wir veröffentlichen den Aufsatz als Beitrag zur Diskussion über die Probleme des komnrenden Zionistenkongresses, ohne uns jedoch mibihm.zu^identifizieren. , Ferner ist der ganze. Komplex der sogenannten politischen Fragen, wie die Abschaffung der Einwanderungsbeschränkungen, die Kontrolle der zionistischen Leitung über die Palästinaeinwandcrung, die Stellung der Leitung. in Palästina, die verfassungsmäßige Organisation der jüdischen Siedlung mit dem Wagd Leumi, die Arabersrage usw., in Wirklichkeit ein Komplex von wirtschaftlichen Fragen, die von unserer finanziellen Möglichkeit der Konsolidierung und Verstärkung der jüdischen Wirtschaft in Palästina abhängen. Drittens hängt aber — in weit größerem Maße als man cs sich gewöhnlich vyrstellt — die Lösung der größten, rein politisch-organisatorischen Frage, der Frage der Iewish Agency, vom Keren Hajessod und seiner Organisation ab. Es muß ausdrücklich betont werden, daß die Organisation des Keren Hajessod, der als selbständige Institution für den Aufbau von Palästina begründet wur^e, sich in der kurzen Zeit ihres Bestandes in hervorragendem Maße als befähigt erwiesen hat, zum Aufbau von Palästina eine große Zahl von Nichtzionisten, sogar von früheren Gegnern, heranzüziehen. Diese praktisch-politische Arbeit des Keren Hajessod hat für die ganze jüdische Welt in praktischem Sinne die Tür geöffnet, weit besser als es ein theoretischer alljüdischer Kongreß, vermocht hätte. Was das für die Ausbildung der Zionistischen Organisation zur „Jewish Agency" bedeutet, die wirklich das ganze'jüdische Volk vertreten kann, ist schon klar, noch ehe auf die Schaffung des Keren Hajessod-Rates hingewiesen werden muß, der von allen, die sich für den Keren Hajessod besteuern, von Zionisten und Nichtzionisten gewählt werden wird. Der Keren Hajessod-Nat und das Direktorium des Keren Hajessod, von welchem die Hälfte von denen gewählt wird, die zum Keren Hajessod beitragen, sind die sichersten Schritte atuf dem Wege zu dieser jüdischen Agentur. Noch ein Grund aber stellt die Frage des- Keren Hajessod in den Mittelpunkt des kommenden Kongresses.^ Seit seiner Gründung bis zum heutigen Tage hat der Keren- Hajessod das Glück, eine Reibfläche für die verschiedenen Richtungen in der zionistischen Gesamtorganisation zu sein. Man denke nur an den gottlob schon fast überwundenen Konflikt -Weizmann- Brandeis, durch den die Einheit und Autorität der ganzen zionistischen Organisation in die Gefahr der Spaltung kam. Dieser Konflikt hatte seinen wenigstens äußerlichen Ausgangspunkt in dem System des Keren Hajessod. Und das System des Keren Hajessod ist auch der Kernpunkt der ganzen Frage. - - Aus dem ganzen Komplex von Fragen, welche mit dem System des Keren Hajessod verbunden sind, sei bloß^eine allgerneine und prinzipielle berührt: Ist das gegenwärtig geltende System des Keren Hajessod als Zentralfonds das richtigste und das beste, oder wäre es besser und zweckmäßiger gewesen, eine ganzb Reihe einzelner gesonderter Fonds oder Wirtschaftsorganisationen zu schaffen? Es soll hier nicht aus die alte Krandeis-Polemik Mer proMtwe M-MprodM»

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