Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 5 (1923)
- Issue
- Heft 1526 (13.5.1923)
- Date
- 1923-05-13
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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ElnzBlnnrnmerKiooif Wie,n: Zum Abholen in der Expedition, II.,'Taborstr. 1-3, oder meiner Verschleisstelle (Trafik) monatl. K 28.000 Mit Postversand für Wien u. Oesterr. mpnatl. K 28.000 tTschecko-Slowakei: IMon. K17. Ungarn: Mob, K600,Jugbslawien:Mon. .Dinar 36. Polen: Mon. Mlc.12.000. D eu t s c h 1 a n d: Mon. Mark 8000. Frankr., Belgien: Monatl. Pros. 8 gljp* Nachzahlungen TBB lei Preiserhöhungen Vorbehalten letitt Tscheche -Slowake* v tschech. K 1 — Italien: Monatl. 10 Lire Rumänien, Bulgarien Monatl. 75 Lei bezw. Lewa. Schweiz und das übrige Ausland monatlich Frcs. 3 Redaktion u. Administration Wien, II.,Taborstrassei—3 Telephone: 44-0-38,43-3-19, ab 6 Uhr abds. 19-483,16-301 Tel-Adr.:,Morgenzeiturig“ Wien Oesterreichisches Postspar ■ kassen-Konto Nr. 150.691 Nr. 1526 Wir«. Sonntag. 13. Mai 1923 Hunger und Politik. —y. Wien, 13. Mai. Das englische Komitee zur Bekämpfung der Hungersnot in Europa hat vorgestern in London eine Besprechung abgehalten. Die. Mitglieder dieser Körperschaft sind Männer, die im politischen und sozialen Leben Englands eine führende Stelle einnehmen und vermöge ihrer Einsicht in die Verhältnisse sehr wohl in der Lage sind, die Gründe zu erkennen, aus denen der heutige Zustand der Welt resultiert. Aus dem Bericht über die Besprechung geht denn auch hervor, daß die Frage des Hungers als ein politisches Problem angefaßt wurde, das sich nicht auf einzelne Länder lokalisieren läßt. Es ist ein interstaatliches Problem geworden, dem weder durch charitative Akte, so wohlmeinend.!sie auch begonnen werden mögen, noch durch Prüfungs- Expeditionen beizukommen ist. Es sind über den Beryll dex mittel- und osteuropäischen Bevölkerung ganze Bibliotheken geschrieben worden, der Völkerbund hat ^Expertisen in Menge an Ort und Stelle vorgenommen, aber alle Versuche, die Not zu liüdern, sind Stückwerk gMieben. Es ist nicht gelungen, die Kabinette zu einer!einheitlichen Mtion zu veranlassen, es ist nicht gelungen, die Oefsentlichkeit für das große Sterben in Rußjoanfe zu interessieren; die offiziellen Regierungen kommen über dys platonische Bedauern und gelegentliche ISübventionen nicht hinaus. Was aber tausendmal ärger wirkt, ist die Tatsache, daß selbst die sozialistische Übernationale versagt und über \ ihren häuslichen ^Haarspaltereien die große soziale Frage aus den Augen ive^loren hat. Die europäische Krise hat in allen ihren bisher ^uvückgeleMn MMiÄlungsstctdien deutlich gezeigt. ..daß M Ääaten m' Wendeiner" Weifeiitm Elends erreicht werden^ und daß keiner imstaM ist, -sich aus. dieser Solidarität zu losen. Die Verantwortliche Politik der Regierungen und der Parlamente hat sich aber von dieser Erkenntnis nicht beeinflussen lassen, sie ist vielmehr so fortgeführt worden, als seien die Lähmungserscheinungen immer nur aus einen Teil ^Europas beschränkt und könnten durch die rigoroseste Unwendung von Patzvorschriften, von Reifeerschwerungen, Ein- und Ausfuhrverboten unterbunden werden. Mer die wirtschaftliche Not geht ihre eigenen Wege, sie gehorcht Gesetzen, die man' durch Kordons nicht binden kann. Die Haltung.der Regierungen war vielfach durch jlbtc aus der Vorkriegszeit übernommene Lehre gestützt,!daß das Leid anderer Völker den Wohlstand des eigenen bedinge. Diele Lehre, hervorgegangen aus der schmutzigen Quelle des Chauvinismus, war mit ein Motiv des Krieges. In ihr verbirgt sich der Wechselbalg der Weltkonkurrenz und der Einflußsphären, die politische Doktrin von dem Gleichgewicht der Mächtegruppen, das nie gestört werden dürfe und dessen Labilität in Gefahr kommt, wenn irgendwo ein Fabrikant des einen Landes mehr Kattun verkauft als sein andersnationaler Konkurrent. Nach dem Krieg hat diese Anschauung eine weitaus gefährlickiere Verbreiterung erfahren. Der Nationalismus hat sich gesteigert und vielerorts sich zur Bestialität entwickelt, .die in der hemmungslosen Unterdrückung von Minoritäten, in der Verfolgung voü Ueberzeugungen ihre traurigsten Orgien feiert. Am tiefsten 'von dieser Entwicklung getroffen, ist das jüdische Volk geworden, das durch eine infame Propaganda für alles, für Krieg und Niederlage, für die Exzesse der Autarkie-Phantasten und Schutzzüllner, für die Uebergriffe der Siegerstaaten verantwortlich gemacht wird. In Osteuropa ist der Pogrom, der echte wie der geistige, von altersher eine Maxime des Systems gewesen, aber .doch erst der Zeit des Friedens war es Vorbehalten, ihn zum System selbst werden zu lassen. In diesen Ländern, wie nicht minder in Mitteleuropa, kehrt der antijüdische Krieg oft und gerne das'wirtschaftliche Moment hervor Md wirft immer größere Kreise der jüdischen Bevölkerung in Schande und Not. Der Weltkongreß der jüdischen Frauen, der in der abgelaufenen Woche in Wien -tagte, hat erschütterndes Material über dieses Unglück des ersten Kulturvolkes vor die europäische Öffentlichkeit getragen. Auch diese Not trägt einen politischen Cha-!rakter, weil sievorwiegend aus dem politischen Uebel per Diaspora und der territorialen Wurzellosigkeit des Jüdischen Volkes entstanden ist. ^ffe Völker müssen ihr Leben auf die normalen Bedingungen her Gesellschaft zurücksühren.. Alle müssen Erkennen, daß sie eine einzige Gemeinschaft bilden, in her die Organisation des Staates ein verwaltungsjtechnifcher Behelf ist. Der Staat steht nicht über den MerMW. Gea-m dülm.MnMatzMt .auck dev S&üfis London, 12^Mai. (Tel. der,Meuer Movgenzeitung".) Die britische Antwort auf die letzte deutsche Note ist nunmehr endgültig festgestellt worden und wird morgen vormittags dem deutschen Botschafter Dr. Sthamer überreicht werden. Der Text der Note wurde bereits heute den übrigen alliierten .Mächten offiziell zur. en ntnis gebracht. Wie Ihr Korrespondent erfährt, ist dr» britische Note, deren Inhalt sich mit der italienischen Antwort gänzlich deckt, im allgemeinen kürzer alsdie französisch-belgische' Antwort. Sie besteht angeblich aus zwei Teilen. Der erste Teil wird die deutschen Vorschläge a blehnen, während der zweite Teil Deutschland rät, Frankreich neue Vorschläge . zu unterbreiten. Die Note erwähnt die R u h r b e s e tz u n g nicht, die als eine besondere, von der Reparativ nsfrage getrennte Angelegenheit betrachtet wird. Dagegen besteht sie mit Nachdruck darauf, daß alle am Krieg beteiligt gewesenen Nationen, an der Lösung der Reparatronssräge beteiligt sein müssen. Die Agentur Central News veröffentlichte gesteh abends eine Mitteilung, wonach die englische Note die deutsche Behauptung widerlege, die Besetzung des Ruhr^ gebietes stelle eine Verletzung des Versailler Vertrages dar. Die fran Lsische Ansicht. ' Das Pariser „Petit Journal" will von feinem Bei» liner Korrespondenten aus ganz sicherer Quelle wissen, daß die deutsche Regierung in der nächsten Zeit der Alliierten neue Vorschläge in der Reparationtzfrage unterbreiten werde. Diese Vorschläge würden sich wesend lich an 'den Plan anlehnen, den Bonar La w der letzten Parker Konferenz im Jänner vorgelegt hatte. In der Finanzkommission des französischen Senates wurde gestern der Vorschlag geprüft, die Zinsen für die Reparationsanleihe, die bisher im ordentlichen Budget eingestellt waren, in das außerordentliche Budget zu übertragen. Es handelt sich hiebei um einen Betrag von mehr als drei Milliarden Franken, der von Deutschland im Lauf des Jahres gezahlt werden sollte. Ein Beschluß konnte nicht gefaßt werden. Es wurde entschieden, die Frage am Montag neuerlich zu behandeln. l MoÄMlmttÄ«. Moskau, 12. Mai. (Tel. der Miener Mörgenzriütng".) Die Sowjetvegierrmg ist gegenwärtig mit der Ueberprüfun g der im englischen Memorandum enthaltenen Tatsachen beschäftigt. Schon in . den allernächsten Tagen wird Litwinow die russische Antwort ^nach London abgehen lassen. Um aber einem Ab bru ch der russischenglischen Handelsbeziehungen ' auf jeden Fall vorzubeugen, wurde beschlossen, K rass in nach London zu entsenden, um dort an Ort und Stelle mündliche Verhandlungen mit Regierungsstellen zu pflegen. Krassin hat sich heute-im Flugzeug nach England begeben. London, 12. Mar. (Tel. der ,Mr. Morgenzeitung".) Es wird bekanntgegeben, daß die russischen Svwjetbehövden die Besatzung des englischen Fischerbootes Johnson freigegeben 'haben, deren Verhaftung die Veranlassung zur Ueberreichnng des englischen Ultimatums an die Sowjetregievung' gegeben hatte. ' Die SWWo« gegen das MlmMm. London, 12. - Mai. (Del. der „Wr. Morgenzeitung".) Per.gemeinsame VollzugsgMchMj>er ArbeiterPartei Und der Trade 'Unions 'nahm' eine Entschließung an, in der gegen das Ultimatum an Rußland Protestiert wird, das darauf berechnet sei, der Gegenrevolution Vorschub zu leisten. Die Entschließung fordert, daß die Streitfragen zwischen England und Sowjetrußland einem Schiedsgericht unterbreitet werden. Die beiden liberalen Parteien des Unten Hauses haben beschlossen, die Arbeiterpartei in der Opposition gegen das Ultimatum zu unterstützen. Das Unter. Haus wurde für kommenden Dienstag einbernfen, um das - Ultimatum gutzuheißen. Im Hinblick auf die große Debatte, die bei dieser Get legenheit zu erwarten.ist, hat der parlamentarische Führer der konservativen Partei Lesley Wilson, die Mitglieder der Partei eingeladen, am Dienstag vollzählig iw Unterhaus zu erscheinen. Lausanne, 12. Mai. (Tel.' der „Wiener Morgenzeitung".) Heute sind hier aus Berlin zwei neue russische Funktionäre eingetroffen, die laut Moskauer Weisung die durch den Movdanschlag auf W o r o w s k i und feinem Sekretär entstandene Lücke in der russischen Mission auszufüllen haben. Die neuen Delegierten sind Ustinow und der Berliner Gesandtschaftssekretär Brodowski. Ustinow wich nunmehr die Whrung der russischen Delegation innehaben. ' Mit der neuen Delegatton ist auch die Frau W orow s kis hier, eingetroffen. Die Trauevfeier für den eranordeten russischen Delegierten wird morgen statt-' finden. Die Stunde ist noch nicht bestimmt. Der Regierungsrat des Kanton Waadt-Land hat die von den Laufanner Kommunisten für heute geplante Demonftmtionsversammlung gegen das Attentat untersagt, um eventuelle Unruhen zu vermeiden. Die äffend, liche Meinung in Lausanne ist sehr ausgebracht gegen die Kommunisten, die in ihren Veröffentlichungen fortfahren, die bundesrätlichen und kantonalen Behörden anzugreifen. Deshalb hat auch der Regierungsrat des Kantons Waadt die Verhängung einer Art von kleinem B e l a g e r u n g s» zustand beschlossen. Kondolenzen. Nom, 12. Mai. Im Namen des Ministeriums. bcv Aeußern hat sich Kommendatore Valenti in die russische Botschaft begeben, um das B e i leid der italieüischen Regierung über die Ermordung Worowskis auszusprecheu. Auch der Stellvertreter des Kardinal-Staatssekretärs Monsignore P i.ca d o drückte in der russischen Botschaft das " eileid des Vatikans aus. OBBBBBESDDBSa densvertrag gefrevelt, und so lange dieser Vertrag in Kraft steht, gibt es Haß und Kampf, gibt es Entrech-' tung von Völkern und Klassen. Zedem Volk sein Heim, jeder Nation ihr Land. Keine darf ohne Besitz und ohne die.Möglichkeit der freien Entwicklung ihrer kulturellen und nationalen Kräfte bleiben, keine darf die andere in der^ Entfaltung stören. Bevor diese Notwendigkeit nicht in das politische Bewußtsein übergegangen ist, wird der Kampf gegen den Hunger nicht von der Tagesordnung Konsiantinopel, 12. Mai. (Tel.-Komp.) Man meldh aus A n g o r a, daß die Unterhandlungen zwischen den Delegationen der türkischen Regierung und der europäischen Konzessionäre fct der Türkei Donnerstag in. Angora begonnen haben, .und zwar zunächst mit den Vertretern der Schiffahrtsgesellschaften. Dich forderten von der Türkei eine Entschädigung von 30.0(Hi I Pfund Sterling für die Verluste, die sie während deZ 1 Krieges, erlitten bätten»