Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 5 (1923)
- Issue
- Heft 1525 (12.5.1923)
- Date
- 1923-05-12
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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änzeürammerKtOOO jP’i e n: Zum Abholen in der Expedition, II.,T aborstr. 1-3, Sder in einer Verschleisstelle Trafik) monatl. K 28.000 Sit Postversand i für Wien u. esterr. monatl. K 28.000 fschecho-Slowakei: ton. K17. Ungarn: Mo», (1600. Jugoslawien: Mon. iinar 38. Polen: Mon. jlk.l2.000.Deutschland: IIon. Mark 8000. Fr ankrM lelgjen: Monatl. Frcö. 8 # DU" Nachzahlungen _ je» Preiserhöhungen Vorbehalten Wien. Samstag. IS. Mai 1923 Tschecho-siowaktl ■ tschech. K 1.— . Italien: Monatl. 10 Lire Rumänien, Bulgarien Monatl. 75 Lei bezw. Lewa, Schweiz und das übrig« Ausland monatlich Frcs. 3 Redaktion u. Administration Wien, II., Taborstrasse 1—3 Telephone: 44-0-38,43-3*19, ab6Uhrabds.l9-483,16-301 Tel.-Adr.:,Morgenzeitung“ Wien Oesterreichisches Postsparkassen-Konto Nr. 150.693 5. Jahrgang i lonserenz. —y. W i e u, 12. Mai. Ein ehemaliger zaristischer Freiwilliger, ein Schweizer, der sich jetzt zum Faszismus bekennt, hat in Lausanne die zur Ocienttonferenz dort weilenden drei Delegierten der russischen Sowjetrepublik mit dem Revolver a-ngefallen. Der Handelsvertreter Worowski blielb sofort tot,, die beiden anderen sind schwer verletzt. Der Attentäter gilbt vor, im Sinne der faszistischen Schweizer Nationalliga gehandelt zu haben, die den Russen unmittelbar nach ihrer Ankunft angeblich wegen der Haltung Rußlands in der Meerengensrage mit Drohungen an den Leib rückte. Nebenher scheinen auch persönliche Momente vorzuliegen, da der Attentäter aussagte, er habe seinen Vater und seinen Onkel «gerächt.! Jedenfalls liegt in der Tatsache, daß bei, einer Friedenskonferenz der Revolver sich in die Debatte mengt, eines der grausamsten Paradoxa, die sich die Geschichte nur je gestatten kann. Von diesem Zusammentreffen der Ereignisse abgesehen, ist dieses Attentat ein Symptom der großen Zeit, die mit der Ermordung Jean Jaures begonnen hat. Die persönlichen Akteein- /zelner Fanatiker oder Mordgesellen gehören in das Bild der allgemeinen Entartung, in die der Weltkrieg die Menschheit gestürzt hat, und sie sind nicht schwerer zu werten, als das Todesurteil wider die Kultur und die Menschlichkeit, das im Sommer 1914 durch den Kriegsentschluß der Mächte ausgesprochen' worden war. Was dymals geschah, ist sittlich genauso gut undgenauso schlecht fnWert, wie die laiMReihe PolittscherMorde, von der Tat des Wieners FriÄrich Adler ängefängen' bis zu dem Revolverschuß, der dem Leben des Präsidenten Navutowicz ein Ende machte, und bis zu der Mdrdszene in dem Lausanner Hotel. Es gibt für Gewalt und Mord keine höhere sittliche'Weihe. Keine Idee, kein Bekenrttnis, kein politischer oder sozialer Begriff kann es rechtfertigen, daß der Wert des Menschenlebens in Frage gestellt wird. Mord ist Mord, ob er nun von irgendeiner Regierung, von einem Souverän, von einem Parteivorstand oder von einer Vevfchwörergilbe dikttert wird. Die Häufung der Attentate zeigt, wie bettelarm diese Welt geworden ist, die ihre Fragen auf keine andere Weise zu lösen können glaubt, als durch den Appell an das letzte Mittel, und die noch heute nach den Erfahrungen des Krieges von neuem mit dem Gedanken des Massenmordes spielt, weil sie unfähig ist, die Wurzel alles Elends zu erkennen und zu erfassen. Sie hat den Mord organisiert, ihn der Jugend als höchsten Apsdrück der Selbstentäußevung im Dienste der Allgemeinheit verklärt und diese Vorstellung von der Heiligkeit des Blutvergießens und von der Entheiligung des Lebens durch tausend Lehrer tief, in die Seelen gesenkt. ' Die Heuchelei all derer, die nach jedem Attentat aufschreien und in schillernden Phrasen ihr Entsetzen niederschreiben, ist tausendfach verdammenswerter als die Tat der Verführten, die vorn Wahnsinn des Fanatismus aus dem Geleise geworfen wurden. Die Heuchelet dieser Gesellschaft hat den Krieg als den Vater der Dinge, als den Jungbrunnen der Menschheit gepriesen, in Liedern besungen; sie hat die Waffe zür höchsten Zier des Mannes emporgeschwindelt uyd aus der Weltgeschichte eine seelenlose Aneinanderreihung blutiger Schlachten gemacht. Sie hat die Völker bis zur Herde und zur Horde herabgewürdigt, hat aus ihnen Reservoire und Material für die Wissenschaft vom . Krieg gemacht. Sie hat eine Lehre aufgestellt, die für die Allgemeinheit gelten soll, und gilbt durch diese verruchte Theorie jedem einzelnen die Rechtfertigung zur Hand, wenn er sich selbst zum Richter auswirft. Es besteht kein Unterschied zwischen den Millionen von Menschen, denen Pyincare' oder Kaiser Wilhelm oder Berchtold das Gewehr in die Hand drückten, und jenen, die ihre Handlung aus Mussolini, auf Ludendorff oder aus Horthy zuvückführen. Und es besteht kein Unterschied zwischen dem Tod des russischen Handelsvertreters Worowski und. der-Qual der jüdischen Flüchtlinge,.die an, der polnischen Grenze seines Vaterlandes im. Namen der Völkerfreiheit und der Verbrüderung der unterdrückten Klassen vom Maschinengewehrfeuer dezimiert werden. Vielleicht^ knatterten m derselben Sekunde, in .der Worowski iiw Speisesaal des Lausanner Hotels zu- .sammen'brach, irgendwo im Raume von Rowno die Schüsse der bolschewikischen Wachposten, vielleicht wein- -ten irgendwo, am Dnjestr in der gleichen Stunde jüdische iWaisenkinder um den ermordeten Aatex..«, Worowski erschossen. - ein Werfall auf Lakllaux. Am Donnerstag hat es zwei Mordanschläge gegeben. Der eine ereignete sich auf dem Boden der Schweiz, in Lausanne, wo eben die zweite Konferenz zur Herbeiführung des Friedens mit der Türkei tagt; die andere geschah in Toulouse, wo Cai l l au x, einer der Aktivsten im Kampf gegen die Verhetzung, von Monarchisten überfallen wurde. Beide Attentate haben sich in Ländern, der Demokratie zngetvagen, denen sie widevlichtzn Schimpf antun.,— Es liegen die folgenden Meldungen vor: Die Ermordung Worowskis. Lausanne, 11. .Mai. (Tel. der ,Mr., Morgenzeitung".) Gestern, kurz nach 9 Uhr abends, kam in den Speisesaal des Hotels Cecil, wo die Russen beim Essen saßen, ein Mann und gab aus einem Revolver mehrere Schüsse ab, durch die der Vertreter Sowjetrußlands in Rom, Worowski, der der Führer dev Delegation ist, der frühere Pressechef der russischen.Botschaft in Berlin A h r e n s und der Sachverständige für Handelsangelegenheiten Dibilkowski getroffen wurden. Im Saale herrschte ungeheure Panik. Me drei Russen wuÄen sofort von dom Arzte des Hotels und anderen anwesenden Aerztest in Behandlung genommen. Bei Worowski konnte nur mehr der T o d festgestellt tverden. Me beiden anderen sind lebensgefährlich verletzt. Der Mörder, auf den sich das Hotelpersonal sofort stürzte, wurde festgenommen und zur Polizei gebracht. Dort wurde folgendes feftgestellt: Er heißt Cour ad i, ist im Jahve 1896 .in Petersburg geboren, aber Schweizer Bürger. Er reiste von Zürich gestern ’ früh nach Lausanne-' mit dem ausgesprochenen Plane, die Mitglieder ruMchen.^ .ermorden. Der Plan war sorgfältig? vorbeMÄ GÄ'Äätz Mch-in MWn Hotelzimmer eine'Art Denkschrift, in der er seine Absichten darlegt. Es scheint, daß er Helf e r H e l f e r gehM hat. Conradi gehört' einer „n at i o n a le n L i g a" der Schweiz an, die sich nach dein Muster der italienischen Faszisten die Bekämpfung des Kommunismus zur Aufgabe ' gestellt haben. Diese Liga stcht unter der Leitung eines Lausanner Apothekers und -hat gleich zu Beginn der Orierrtkonserenz den 3iussen eine Bestrafung wegen ihrer Haltung in der MeevengeNfrage angedroht. Die Opfer des Attentats. Lausanne, 11. Mar. (Schweiz. Dep.-Ag.) Die Leiche Worowskis wurde heute vormittags zur Autopsie nach dem ^Pathologischen Institut der Universität überführt. Das Befiden der beiden Verwundeten ist und erändert. Sie wurden nach dem Spital gebracht. Der Attentäter wird zur Verfügung des Untersuchungsrichters in Hast behalten. . Das Zentralkomitee der Kommunistischen Partei hat an die , russische Sowjetgesandtschaft in Berlin folgendes Telegramm adgesendet: Worowski in Lausanne ermordet, beide Sekretäre schwer verletzt. Unsere Partei, empört über die grausame Tat, bezeugt innigstes Beileid und veranstaltet sofort Protestaktionen. Ersuchen um telegraphische Vollmacht und Weisungen bezüglich der Wahrnehmung der Interessen der russischen Delegatton und Bergung der' Leiche Worowskis. Die Zentrale der kommunistischen Parteien trat sofort mit dem Ehef des politischen Departements, Bundesrat Motta, in Verbindung. Heute früh ist ein Delegierter der Zentrale nach Lausanne' abgereist. Ueberführung der Leiche nach Berlin. Berlin, .11-Mai. (Tel.-Komp.) Wie „Ost-Expreß" meldet, wird die Leiche Worowskis nach Berlin' überführt Ivevden. Verhör des Attentäters. Lausanne, 11. Mas. (Wolfs.) Heute^ wurde der Mörder Conradi vom Untersuchungsrichter verhört. Er wie-' derholte, daß er seine in. Rußland gemordete Familie habe rächen wollen. Auf die Frage, welchen Organisationen er angehöve, verweigerte er die Auskunft. Eine von der Polizei allsgedeckte Spur schrillt nach G e n f zu führen, von wo-der Mörder gestern einen Geldbrief erhalten halben soll. , . .; Eine Biographie Conradis. . Lausanne, 11. Mai. Bon einem in der Schweiz'lebenden Russen und.ehemaligeli Schulkamerad cn .des Mörders Conradi erhielt die Schweizer Dcheschen- . Agentur folgende Personalangaben über diesen:. Cc-nradi . wurde ilu Jahre 1896 ,in Petersburg geboren, Ivo sein I Vater Inhaber einer S ch v k o l a d e f a 'b r rk und einer Spinnerei war. Sein Onkel -und sein Vetter wurden von den Bolschewsti erschösse n. Conradi besuchte die j^WoMiWW KiM W WMbM MMr dort einer der begabtesten Schüler. Nach Absolvierung des Gymnasiums studierte er noch zweieinhalb J<chve weiter.' Bei Kvi-sgsansbmch trat er, in die russische Offiziersschule ein, aus der er nach fünf Monaten als Leutnant an die Front ging. Bald darauf wurde er verwundet und.nach Pe> tersburg gebracht, wo er noch einige Zeit als Jnstmttol an der Offiziersschule tätig war. Nach «migen Monaten ging er wieder an die Front und wurde mit demGeovgskreuz ausgezeichnet. Bei Ausbruch der R-övolutton befand er sich an der, galizischen Front. Er meldete sich als Freiwilliger' in die weiße Armee und kämpfte unter den Generalen Kornilow uyd Wrangel gegen die Bolschewiken. Nach der Niederlage der weißen Armee begab er sich im Jahre 1921 in die, Schweizwo er in Zürich eine Anstellung fand. Außerordentliche Sitzung des Bundesrates. Bern, 11. Mai. (Schweiz. Dep.-Ag.) Auf Ersuchen des Vorstandes des polttischen Departements berief' der Gundesprästdent für heute stüh eine außerordentliche Satzung des Bundesrates ein, um zu der durch die Ermordung Worowskis geschaffenen Läge Stellung zu nehmen^ Am Schluß der Sitzung wurde folgendes Communique ausgege'ben: Der Bundesrat hat mit Elttrüstung die Nachricht boft dem Attentat vernommen, das gestern abends, m Lau-' sänne gegen Worowstt, Ahrens und Drbilkowski verübt worden ist. Er stellt fest, daß es sich um eine private T a t d er R a ch e handelt,' die um so bedauerlicher ist, als .sie.'an.dtry. Ort verübt wurde, an dem gerade,erne inter-^ ' nättonale Konferenz tagt.^ Er v^rUrtM' 'sst öffeMch als em>e . kmttsche Rechtsordnung' schützen. ' / Beim Bundesrat ist heute vormittags ein Gesuchs um Erteilung des Paß-visums für den Chef der Sowje-tmission in Berlin, oder eines Angehörigen dieser Mission zwecks Abholung der Leiche Worowskis in Lausanne eingegangen. Das Visum ist crÄlt worden. Radek über den Mord. : Berlin, 11. Mai. (Del.-Komp.) Rade! hat ehiimt Vcr. treter der sowjetfreundlichen Zeitung „Na Kamune". über den englisch-russischen Konflikt Erklärungen. gegeben, die trotz ihres sehr herausfordernden Tones, den Wunsch nach Verhandlungen erkennen lassen. Charakte-. ristisch ist, daß Radek die Ermordnng Worowskis als direkte Folge der offiziellen englischen Politik bezeichnet. . Infolge der durch die Haltung der britischen Regierung-geschaffenen Lage hat die Schweizer Negierung, die »Hunderte von Spione zur BeobaHttmg jedes' verdächtigen Russen unterhält, kein^ Mittel zum Schutz des russisch-diplomatischen Vertreters sinden können, obgleich ganz essen zu dessen Ermordung aufgefvrdert worden sei. Alamnzeichen. % Basel, 11.. Mai. (Schweiz. Dep.-Ag.) Me Zentrale der kommumsttschen Parteien der Schweig erläßt einen Ausruf an das arbeitende Volk Und an die revolutionären Arbeiter, worin sie von dem in Lausanne erfolgten Mord Kennttris gibt und die Frage auflvirst, -wer an dieser Tat ntttfchuldig sei. In dem Aufruf heißt es: Es gilt, Sowjettußland und feine Bertteter von der Lausanner Konferenz ftrnzuhalten und auszuschließen. Dazu leistete der schweizerische Bnndesrat willig Handlangerdienste) indem er durch ein Einreiseverbot gegenüber den rrrssischen Kurieren die B-evbindung der Sowjetde-legatton mit ihrer Regierung Verhinderte. Der grausanre Mordanschlag gilt nicht nur Sowjettußland, er ist das A l a r m z e i ch e n für die Eröffnung der faszistischen Greuel auch 'in der Schweiz. Dev Uebevsall auf Caillaux. Toulouse, 10. Mai. (Havas.) Der stüheve Minister Präsident Caillaux ist ans einem Spaziergang von politischen Gegnern durch Schlage verletzt worden. Calllaux 'wurde ins SPrtchl gebracht; sein Zustand ist nicht beunruhigend. Die polizeiliche Anzeige wurde erstattet. Paris, 11. Mai. Aus den Meldungen über den Uebechlll auf Caillaux geht hervor, daß die AngMfer M o n a r ch i st e n, Camelots. du Roi, waren. Dre Verletzungen Caillaux' snrd nicht gefährlich, doch ^in . Stockhieb auf den oberen , rechten Teil des sttpseä starken Blutverlust zur Folge. Auch seine Begleitev wurdey verletzt und in. ärztliche Behandlung genommen. Herriot wird wegen des Anschlages auf.DaMau) HW 'L-Si8iP feS’ KWWtzv ckchrinSW.