Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 5 (1923)
- Issue
- Heft 1522 (9.5.1923)
- Date
- 1923-05-09
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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ünzelnnumerKlOOO Kfiem Zum Abholen in der JxpcditioniII.,Taborstr. 1-3, »der in einer Verschleisstelle [Trafik) monatl. K 28.000 Mit Postversand für Wien u. besten*. monatl. K 28.000 Wiener Tschecho-Slowakei: foon. K17. Ungarn: Mon, fC 600. Jugoslawien: Mon. |)inar 36. Polen: Mon. k.l2.000.Deutschland: on. Mark 8000. Frankr., / ßelgien: Monatl. Frcs. 8 Mp Nachzahlungen *90 pct Preiserhöhungen Vorbehalten r, Nr. 1522 Men. Mittwoch. S. Mai 1923 Tschecho-Sfowakftli tschech. K 1.— Italien: Monatl. 10 Lire Rumänien, Bulgarien Monatl. 75 Lei bezw, Lewa, Schweiz und das übrige Ausland monatlich Frcs. 5 Redaktion u. Administration Wien, II., Taborstrasse 1 —3 Telephone: 44-0-38,43-3-J9, ab6Uhrabds,19-483,16-301 Tel.» Adr.:,Morgenzeitung1* Wien , Oesterreichisches Postsparkassen-Konto Nr. 150.69! 5. Jahrgang Sie kommenden Wahlen. -y. SB i e n, 9. Mal. Die Vorbereitungen für die Herbstwahlen in den österreichischen Nationalvat kommen ( langsam < in Schwung. Jene Personen, die sich vor ihrer Familie, vor ihren Freunden und Feinden gerne als Gesetzgeber teigen möchten, aber noch keine geschlossene Anhängerschaft hinter sich haben, suchen sich in aller Eile als Partei zu konstituieren, um politisch zur Geltung zu kommen. Bon den großen Parteien ist die sozialdemokratische als erste mit dem Klingelbeutel auf dem Plan Erschienen. Aber auch die anderen nehmen mit verbissener Energie den Kampf um den Wähler auf. In einem Gemeinwesen sind die Machtverhältnisfe durch die wirtschaftliche Gruppierung gegeben und,damit ist auch in den großen Umrissen die Gliederung der Bevölkerung hereits festgelogt, unter der Voraussetzung freilich, daß die einzelnen Staatsbürger sich jener Interessen bewußt sind, die ihnen durch ihre Wirtschaftslage diktiert sind'. Die idealistische Auffassung vom Wahlkampf besagt, daß es sein Zweck sei, diese Interessen zu wecken und den Sinn für sie zu schärfen. Die robustere Auffassung sieht die Dinge ganz anders an. Hier handelt es sich darum, Leute, die einem bestimmten gegnerischen Jnteresfenkreis angehören, mit Ueberredung oder Gewalt. an sich heranzuziehen. Mit vielen schönen Reden preisen die Agitatoren die Vorzüge ihrer Partei, breiten das Programm auf dem Markt in der Sonne aus, wenden und drehen es als die einzig mögliche Panazee, lassen vergnügliche Seifenblasen steigen und schimpfen dabei überzeugungsvoll und gesinnungstüchtig auf den Konkurrenten m dem Rennen um dös blaue Banddes Mandates. - Die Einstellung der einzelnen Parteien - zur Geimsinfchast des Staates ist ig dieser Zeit eine höchst sonderbare. Die SoziaDÄnokraiensiiÄ» stolz aust ihre Opposition gegen die Sanierung, die Mvistlichsozialen irühmen sich der Kontrolle durch den Generalkommissär; alle Ersuchen die Schuld an der Verwirrung, die in der (Republik herrscht, von sich, abzuwälzen und den Gegner zu belasten. Nur die Großdeutschen, dieses Unglücks- Häuflein, greinen ob der Verderbtheit der Zeiten, die gerade sie in eine Regierung eingespannt hat, die der Idee des Anschlusses an . das Deutsche gleich am kräftigsten entgegenarbeitet. In der zu Ende gehenden Legislaturperiode haben nur zwei Parteigruppen, die Arbeiterschaft und die Bauern, für sich Positive Erfolgs erzielt. Die Sozialdemokratie ist reinste Klassenpartei; sie nimmt für sich, was sie findet. Stört man sie, so wird sie grob und beruhigt sich nur dann, §wenn ein noch Gröberer, das organisierte Bauernwucherertum, auf den Tisch haut, daß es kracht. Sie Erstehen sich sonst ausgezeichnet miteinander: der Sozialdemokratie die Macht in den Städten, den Bauern die Macht auf dem Land und dazu das Gsld der Städte. Die übrigen Bürgerlichen, die keine fest umgrenzte Staatsauffassung besinn, haben sich auf ihre Mahl- Bommel dröhnende Tfchinellen gebunden: * Vertretung Faller Volksinteressen! Damit hoffen sie, die Wähler von Pen roten oper grünen Kaders abzulocken. Der HauptprogrammpuM unserer großen bürgerlichen Parteien 'und damit die Mattform der sitzt bestehenden Koalition 4st der Kampf gegen die Juden. Diese Parole, die ungefähr seit den achtziger Jäheren im politischen Leben Oesterreichs stärker hervortritt, war ursprünglich das Programm des Kleinbürgertums und hat sich, jetzt zum Programm des großen Mannes entwickelt. War früher der Träger der Bewegung *Lueger als Verfechter, der Ideen des getauften Jaden 'Schlesinger, so ist jetzt die Vertretung dieses Programms [den großindustriellen Scharfmachern, die im Schatten des Herrn Stinnes blühen, und den deutschen Intellektuellen in die Hand gekommen. Ihr soziologischer Experimentator ist die nationalsozialistische Partei. Was!den Wutte und Stinnes nicht liegt ober nicht möglich jift, das soll unter der Maske eures sozialistisch ausge- >putzten Chauvinismus bei den Arbeitenden und Arjbeitslosen erreicht werden. Die Großindustriellen dementieren heftig ihre Verbindung nnt den Radaubrüdern. Sie lieben es nicht, nwt ihnen auf der Straße geseben zu werden, zumal man ihre Namen in schön geordneter Folge im Kurszettel der Börse findet. Mer M Politisches Interesse spricht zu laut für diese JnÄ* und sie haben jedenfalls schön den einen großen eil errungen, daß Mch die Sozialdemokratie opportifche Kompromisse macht. Der Kampf um den ler drängt auf dieser Seite das Hauptprogvamm Mück. Darinnen steht: Fefthaltung des mternatwnalen mm Zer 13. zionistenkongreß. ßinberufung nach Karkbad. London, 8. Mai. (Tel. der ^Wiener Morgenzeitung".) Die Zionistische Exekutive Hai den 18. Zionistenkongreß nach Karlsbad einberufen. Der Kongreß soll am S. August beginnen. _ Der Weltkongreß jüdischer Frauen. Bei Eröffnung der gestrigen Vormitiagssitzung begrüßte Sektionsrat Dr. Wenzel im Namen der Bundeskanzler und des Ministeriums für soziale Verwaltung sowie Hofrar Dr. Foramitti im Namen des Volksgejundheitsamtes die Kor.'greßtetlnchmer. Es wurde ^sodann die Diskussion der Referate über den Mädchenhandel beendet. Frau Moshenson (Palästina) betonte, datz es in Palästina keine Prostitution gebe; man müsse bloß trachten, ihre Einschleppung durch die englische Armee zu verhindern. Sodann hielt Frau Anitia Müller-Cohen- (Oesterreich) das Referat über den Schutz des jüdischen Kindes. Es muß das Bestreben aller sozialen Arbeiter sein, an Stelle der privaten und zufälligen Fürsorge das Gesetz zu stellen, Wir haben ur.verauttvortlich gehandelsi als wir Aufgaben Übernahmen, denen wir nicht gerecht werden konnten, Institutionen errichteten, die über kurz oder/lang emgegangen sind. Wir dürfen nicht den Schein aufrecht erhalten, als-ob wir die. Wichten des Staat es' übernehmen konnten. Der Staat hätte zweifellos, wenn -der Krieg - Weitere' vier Jahre /gedauert hatte, auch weiter noch Geld für Kanonen gchabt.* Also >müß 'er auch sÄr die soiziale FürsoM Geld' aufbringen können. Die 'dtfftur.-gen in Ländern ''Mntir' sM-'MKen unseres -UniveMn'des 'zu' lqcheÄrchen Beträgen/ MachimengefchrNolzen, da wir nicht daran dachtest, .daß. Paragraphen.es wesentlich weniger wehe tut, wenn man sie verletzt, als . den armen Menschenkindern. Die A u sl an dsh j-lfe darf nicht von der momentanen - wirtschaftlichen - Lage in den Spenderländern abhängen, sondern muß in ge regelten Bahnen fließen. Um das erreichen zu können, sei der Gedanke eines besonderen - . Kongresses für Kinderfürsorge zu erlwägen. Wenn man im Osten mit . eigenen Augen Kinder geisehen hat, deren Körper mit Wunden bedeckt, denen Arme und Füße abgehauen worben waren, so muß man sagen, dies-em Elend abzuhelfen/sei Pflicht einer jeden Jüdin, keine Wicht geht dieser voraus. Eine traurige Erscheinung bildet in den letzten Jahren die Zunahme der außerehel ich e n Kinder auch bei den Juden. Die Erziehung der-Kinder zu.arb e i tf am'eit Menschen istein grundlegendes Problem. Das Kind, welches mit acht oder zehn Jahren das' leichte Geldverdienen, das Betteln, erlernt, wird später:• schwerlich in die Lehre gehen. Die Mischen Frauen -müssen gegen die zeitweilig mtftauchenden Moden der Fürsorge mit aller Kraft ankämpfen. Es gehe nicht an, daß heute n ur Kriegswaisen, morgen nur.Pogromwaisen und Übermorgen wieder 'andere in der Mode sind. Das Elend läßt keine-Unterschiede zu.'(Lebhafter Beifall.) Das Korreferat hielt Mrs. Model (England). DaS Kvarzigste Jahchundert, so führte sie aus, sei bekanntlich das Jahrhundert. des Kindes, und so erhielten Mnttevschaftssür« sorge und Kindevschutz einen großen Aufschwung. Die Schwangerschaft ist bei der armen Frau ein schweres Los. In England ist das- Wirken der freiwilligen Vereine von riesiger Bedeutung. Nicht nur wird die Mutter: vor der Entbindung und während derselben unterstützt, man hall auch Kurse in der Kinderpflege, Vorträge über Hygiene für sie ab. Doch eS ist schwer, dem konservativen Publikum die Notwendigkeit der Mutterfürsorge -klar zu machen. Auch Mr muß die Arbeit der Erziehung emsetzen. Wir veranstalten zu diesem Behufe gesellige Abende für die Eltern mit einer Aussprache für die Kinderfrage. Frau Dr.-Koro!ik (Rußland) spricht über da^ Pro» blem der ... Volksgesmrdheit und Hygiene. -Unter den zahlreichen Daten,-die.sie ansührte, sei eV wähnt, daß die Zahl der hilfsbedürftigen jüdischen Kinder in Rußland 2,600.000 beträgt, davon sind Wüchtlinge und .Pv« gromopfer 600.000. Die Gesellschaft für GesunÄhellsschutz der -Juden „Ose" erhält. 23 Krankenhäuser und 6 Tubeicknlösen« herme, andie 1000 verschiedene Sanatorien.. Die Zähl , der Kindevkolonien betrügt zwölf. Das zaristische Regime in Ruß« ■ land brachte bekanntlich die vollständige Vernichtung der Juden an. der.Frontzone. Insgesamt waren 1,500.000 Juden von den 'Leiden des Krieges und' der Pogrome betroffen. Die fieberhafte HWfstäMeÄ der Mischen- Frauen und' her Jugendgerügte nicht,- mn-das ungeheure Leid zu lindern. Das Jahr 19i.fi brachte Mafsenauswe-isunKn, mehrere Hundertausende wurden nach Sibirien verschleppt, ävie großen -- Massenseüchen per-' wüsteten den Mischen Osten. Die Bvkämpftlng der'Tuberkulose war eines der umfangreichsten Kapitel unserer Tätigkeit, aber keine Hilfe, kein Geld reicht aus, um diese Not auch nur einigermaßen zu lindern. An das Referat schloß sich eine längere Diskussion, an -der unter anderen Frau Melzer - Pomeranz (Polen), Frau Rabbiner Gschelbaher (Deutschland) - und. Frau Buchmiel (Ukraine) teilnahm. , : Die Nachmittagssitzung brachte die Berichte der Delegierten der an dein Kongreß ved tretenen Länder über die Leistungen ihrer Organisationen. Frau Schnabel Wvünn) sprach über die jüdische Frauenarbeit in der - Tschecho-Slowakei nach dem - Um« stürz. Die Mische Frau wurde in den letzten Jahren über das Wesen der nationalen Bewegung aufgeklärt und von der. Not« weMgkeit der Mschen Politik überzeugt. Frau Direktor Ullmar.n (Wien) gab einen UeberbM der Mischen Frauenarbeit in Oesterreich. Der älteste öfter« üeichische'Frauenverein ist der im Jahve 1A6 gegründet« Wiener Mische Frauenwohlfahrtsverein. Im Jahre 1866 wurde der Mische Mädchenunierstützungsverern, viel später - das Msabeth-Lehvmädchenbenn gegründet. Die jüdische Flücht« llngssüvsorge ist insbesondere buxdj Frau Anitta Müller Cöhen musterhaft organisiert worden. Aus ihren Institutionen entwickelte sich nach dem Kriege die soziale Hrffsgemeinschaft. Frau H e y m a n (Dänemark) berichtete über die BerhUtnisse w Skandinavien. Dort wurde für die Flüchtlinge aus dem Osten intensive Fürsorgearbeit geleistet. Im Jnlande sind für alle. In der Praxis sieht das, wenn es sich um die Juden handelt, ganz archers aus. Die organisierten Krakeeler mit dem Hakenkreuz haben die Universität M einer Hochschule für FauMmpf gemacht; der verflossene Minister Waber hat mit seinen Optronserlässen Recht und Vertrag gebrochen, der Minister Frank hat die Rassenzähluna verordnet. Was tut die Partei der Freiheit und'des Rechtes? Wenn es hoch kommt, schreibt sie ein paar ironische Worte über die Iudenstämmlinge bei den anderen Parteien, ober sie läßt eine Rede im Parlament haltm. Aber eine Tat bleibt aus, weil eben die Opportunität, die taktische Erwägung in dem Kampf um den Wähler die Treue zum Programm verfliegen läßt. FrMch täuscht sich die Sozialdemokratie darin. Jedes Kompromiß kompromitttert' die Opportunisten, die Feiglinge und die Mimikriecherei der Juden in der Partei. ' Die Konsequenz, die sich aus diesen Verhältnissen für dje jüdische Wählerschaft ergibt, ist keine andere als fl« M Mit i twhn. Me dnwtti» atntorffett «I W kennen und sie zu vertreten. Der Nationalrat hat während seiner zweijährigen Lebensdauer nicht viel Rühmliches geleistet und seine Parteien haben sich nur dann gefunden, wenn sie die wichtigsten Kultuvaufgaben links liegen lassen konnten. In der. Judenfrage ist er unter . dem Diktat des Wortes von der. bodenstäMgen christlich-deutschen Bevölkerung gestanden. Er hat teils durch Beschlüsse, teils durch Passivität alles , gutgeheißen, was an Gemeinheiten, an boshaften Nadelstichen und an Lächerlichkeiten gegen die Juden in Oesterreich verübt worden ist. Die Christlichsozialen und die Großdeutfchen haben regiert, die Sozialdemokraten haben geschwiegen oder, wenn sie rieten, die Juden verhöhnt um beleii digt. Es ist Aar, welches praktische Resultat der jüdische Wähler aus diesem Sachverhalt ziehen kann. Er muß den Fehler, der vor zwei Jahren durch Verrat und Fe« lonie geschehen konnte, gut machen und für eine, natio. nale Vertretung seiner von aller Wct ' -v "! :r Forderungen sorgen.