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Wiener Morgenzeitung · 1923-05-08 · Heft 1521 (8.5.1923) · page 1

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
5 (1923)
Issue
Heft 1521 (8.5.1923)
Date
1923-05-08
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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aozelnummerKlOOO C7i e n: Zum Abholen in der Expedition, II., T aborstr. 1-3, >der meiner Verschleisstelle JTrafik) monatl. K .28.000 f4it Postversand für Wien u. Desterr. monatl. K 28.000 Ts che cho-Slowakei: Won. K17. Ungarn: Mob, {C 600. Jugoslawien: Mon. Dinar 36. Polen: Mon. wie.12.000. D e u t s c h 1 a n d: Mon. Mark 8000. Frankr., Belgien: Monatl. Frcs. 8 MF* Nachzahlungen __ 4ei Preiserhöhungen Vorbehalten rscnicno >9i9waicir t tschech. K 1.— Italien: Monatl. 10 Lir< Rumänien, Bulgariel Monatl. 75 Lei bezw, Lew^ Schweiz und das übrig« Ausland monatlich Frcs. 3 Redaktion u. Administration Wien, II., Taborstrasse 1—3 Telephone: 44-0-38,43-3-19ab 6 Uhr abds. 19-483,16-301 Tel-Adr.: ,Mörgenzeitung** Wien Oesterreichisches Postspan kassen-Konto Nr. 150.693 Nr. 1521 Wien. Dienstag. 8. Mai 1923 5. Jahrgang Berttagspvlittk. -y. SB i e n, 8. Mai. Der Beschluß des französischen Ministerrates, die Rutsche Reparationsnote als unannehmbar zu bezeichnen, sollte, wie wir das gleich festgestellt haben, nur hie Ansicht der französischen Regierung ausdrücken. Da Deutschland seine Vorschläge an alle Kabinette der Lntentestaaten gerichtet und dadurch die diplomatische Gleichberechtigung gewahrt hatte, mußte die französische Regierung mit den befreundeten Staaten in einen Gedankenaustausch eintreten. Auf diese Weife war es rNöglich, Herrn Poincare zu einer eingehenden Begründung keines Standpunktes zu veranlassen. Er hat dies in einer Rote an Deutschland getan. Damit erhält Deutschland has nächste Wort; es kommt also zur Verhandlung und »s wäre auf diese Weise ein sehr bedeutsamer Schritt getan, um aus dem Ruhrwirrwarr herauszukommen. Vielleicht war man in Paris zuerst entschlossen, rundwegs sllein zu sagen, aber die belgische Regierung zeigte sich ^amit nicht einverstanden, und so wurde-zunächst Zeit «Wonnen für freundschaftliche Vorstellungen Englands, )as sich gern geneigt zeigte, die moralischen Verpslichtungen, die Lord Curzon in seiner Oberhausrede ausgesprochen hatte, zu erfüllen. _ Freilich bleibt noch viel des Gefährlichen übrig. Die französische Note schlägt genau dort ein, wo sich der schwache Punkt des deutschen Schriftstücks befindet. Deutschland hatte, wie erinnerlich, die Fortsetzung des passiven Widerstandes im Ruhrgebiet gleich in die Einleitung seiner Vorschläge gestellt und damit eine Frage, hie am besten verschwiegen oder nur nebensächlich hatte behandeü werden sollen, in den Ausgang her Erörterungen geschoben. Daß sie damit den nationalistischen MM.Ä Deutschland eine; Konzession machen mußU ist eiü Argument, Mit dem sich oer französische Gegner, der gleichfalls Chauvinisten hinter sich stehen hat, nicht abzufinden hat. Er hat denn auch in seinem ersten Beschluß gerade dieses Moment herausgegriffen. Es war dadurch der deutschen Regierung ein Fingerzeig gegeben worden, daß es für sie opportun wäre, ihre Haltung zu revidieren und in der Frage der Räumung des besetzten Gebietes die Möglichkeit für Konzessionen frei zu lassen. Die deutschen Parteien, auf die es hier vor allem ankommt, scheinen aber die Resistenz als das wichtigste anzusehen. Auch Herr Stresemann, der Führer der Deutschen Volkspartei, der in maßgebenden deutschen Kreisen als der kommende Mann genannt wird, hat am Sonntag in einer politischen Rede wieder vön der Notwendigkeit des passiven Widerstandes gesprochen und erklärt, daß jedes Kabinett, wie immer es zusammengesetzt wäre, daran festhalten müsse. So .wird in, Deutschland selbst die Situation immer wieder in die Sackgasse hineingeführt und so wird den französischen Jmperalisten immer neuer Beweisstoff für ihre friedenszerstörende Propaganda geliefert. Die deutsche Regierung wird nunmehr die Antwort ihrer Gegner genau zu prüfen haben, ehe sie ihre Replik der Öffentlichkeit übergibt. Abgesehen von der Prestigefrage gibt es noch die.rein sinanzwirtschastliche der Reparationen und die politische der von Frankreich und Belgien geforderten Sicherheiten gegen eine eventuelle deutsche Revanche. Es ist höchst charakteristisch^, daß die französische Note gerade dieses Wort unterstreich! nm so gewissermaßen ihre eigene Politik seit dem deutschfranzösischen Krieg zu desavouieren. Seither hat Frankreich nichts anderes getan, als die Revanche gesucht, und es hat einen Friedensvertrag erzwungen, der es den Besiegten ziemlich nahelegt, sich auf den gleichen Weg zu gegeben. Frankreich hat auch eine vielleicht nicht große, aber jedenfalls sehr lungenkräftige Partei in Deutschland und in Oesterreich erzeugt, die von Rache schreit und alle Bemühungen, aus dem Weg der Evolution zu einer, legalen und einverständlichen Revision der Versailler Verträge zu gelangen, sabotiert. Die Agitation dieser Partei hat denn auch den französischen Eisenfressern alle Trümpfe ist die Hand gegeben, und wenn sie heute von dem zukünftigen Verhältnis zwischen Frankreich und Deutschland sprechen, so brauchen sie nur auf 'bie Hitler und Ludendorffs hinzuweisen, die ihnen so -bequem in die Hände arbeiten. Die deutsche Regierung hat nicht nur ein gutes Verhältnis zur Umwelt herzustellen; sie hat, was heute viel schwerer ist, die politische Vernunft in Deutschland selbst durchzusetzen, die nun einmal das Beharren auf der Erfüllungspolitik, die : Rückkehr M dem Zustand vor Mitte Jänner d. I. -e- " .. '- Pessimismus in Rew-Porler Fimmzlreisen. Rücktritt. Die Gerüchte von Kunos Auf den ausländischen Märkten hat die deutsche Reichsmark neuerlich erheblicheKur sein büßen erlitten. In den Londoner und New -- Iorker Finanzkreisen hegt man nämlich staken Pes simismus. Dieser wird einerseits mit dem ungünstigen Stande der R e p arationsVerhandlungen begründet, andererseits wird erklärt, daß selbst, wenn es zu einem Uebereinkommen zwischen Frankreich und Deutschland käme, doch die Leistungen Deutschlands so groß sein müßten, daß sich die deutsche Wirtschaft in absehbarer Zeit unmöglich «wieder erholen könnte. Andererseits haben auch die Aeußerungen des deutschen Finanzministers Hermes ungünstig gewirkt. - Die Gerüchte vom bevorstehenden Rücktritt Ennos haben den Pessimismus verstärkt. Den englischen Standpunkt gegenüber den deutschen Vorschlägen und die Antwort an Deutschland formuliert die Agence Havas folgendermaßen: Die. englische Regierung ist der Ansicht, daß es nicht notwendig wäre, sich mit der Antwort an Deutschland zu beeilen und daß eine gemeinsame A n 1 w o r 1 dem Berliner Kabinett gegenüber «wirksamer gewesen wäre. Die englische Regierung gibt wohl zu, daß Frankreich und Belgien allein an. der Ruhrbesetzung kterefftett. sind, betont aber, Verhandlungen könnten von dieser Tad fache nicht abhängig gemacht werden. Ueberdies sei es ins-t. besondere die Frage der Form, die besonders die engli-., sche Regierung interessiere, zumal sie amtlich die deutsche^ ' Vorschläge als unannehmbar habe erklären lassen. Gleichwohl halte sie es für wahrscheinlich, daß die Vov schlüge vielleicht als Ausgangspunkt dafür dienen körmten, die Möglichkeit Mistigerer Bedingungen ins Auge zusassen Nach dem gestrigen Empfang der Delegierten ging es heute an die Arbeit. Der große Saal des Kaufmännischen Gremiums erwies sich viel zu klein, um die Schar der Delegierten und des Publikums zu fassen. Es zeigte sich wieder einmal, daß in Wien für alles,; was den Namen jüdisch trägt, ein Interesse vorhanden ist, das vor keinen Ellen- Logenstößen!zmiLLsK>M,-.ünd in der 'Tab kam jeder auf. seine'Rechnung; die, welche geistreiche Frauen hören wöllten, und die,, welche sich für Äe großes Probleme.>de8 .Judentums interessieret Md ENWe Und "bDMsWchey Einfälle Mrs. K o Hu ts, einer, gebÄÜen. PrasihsimÜ, zeigten die erprobte Kämpferin des Fräuenrechtes. Die Gründlichkeitmit welcher Berta Pappenheim das heikle Thema des Mädcherchandels behandelte, wies darauf hin, daß Liese Führerin der jüdischen Frauen mehr ist als bloße Bernfspolitikerin, und nicht die Mühe scheute, selbst in die Abgründe unserer sozialm Verhältnisse unterzutauchen, um die Lehren dieser schmeitzlichen Erfahrungen zum Besten der menschlichen Gemeinschaft zu verwerten. ' Nachstehend der Bericht über die Verhandlungen:' Mr. Harris begrüßte die erschienenen Delegierten, welche 21 Länder vertreten, und teilte mit, daß das Exekutivkomitee des Präsidium des Kongresses bereits gewählt habe. Auf Wunsch der - Präsidentin Frau Kohut wurde über die Wahl abgestimmt. Es werden Kommissionen sür Mandatsverifizierung, für Mutterschutz, für Schutz der Frauen und Mädchen, für Emigrationsfragen, für religiöse Erziehung, Volksgesundheit, für das Pressewesen und die Pflege internationaler Beziehungen gebildet. Mrs. Sternberg (Bereinigte Staaten) überbringt die Grütze des Präsidiums des Council of jcwish women. Es folgt die Eröffnungsansprache der Präsidentin Mrs. Kohut, die den Kongreß als ein.Experiment bezeichnet, das alle Aussichten zum Erfolge hat. Alle Schichten und Anschauungen innerhalb der jüdischen Frauenwelt sind hier vertreten und alle vertragen sich miteinander, so daß eine gedeihliche Zusammenarbeit gesichert erscheint. Frau Hoftat Müller begrüßte den Kongreß im Namen des Bundes österreichischer Frauen. Frau Eichholz (England) hält sodann ihr Referat über die Pflichten der jüdische» Frau in der Religionsgemeinde. Das Band des Leidens verknüpft zwar alle jüdischen Frauen miteinander und keine von uns ist ohne Herzweh der Entwicklung der Tragödie des Ostjudentums gefolgt, dennoch gibt es auch hier entgegengesetzte Anschauungen, die strenge O rthodoxie und das liberale Judentum. Das Judentum hat ein hohes Ideal'der Frau aufgestellt und die-jüdische Frau war stets die st ä r k st e S t ü tz e des jüdischen Glaubens. Die Assimilation der Juden bringt das religiöses Leben in Gefahr. Der Verlust der Jndividualff^- -und, Tr^Ie vom jüdischen Volke ist ihre unmittelbare FoM^^ ^au:n der gesellschaftlichen Schranken zwischen Juden lE^-.-ch.jüden führt zu einer oberflächlichen AwSßbnrsgder jüdische, . rebräuche^. zu Mischehen Und schließ^^u., Austritten. In England . suchtman dieser^Gefahr **“' V -'uensive V erb re i t u n g der- Th o.r a unter der Jng-end vorzubeugen. Dort wurde ein besonderes Komitee für jüdische Erziehung gegründet. Die religiöse Erziehung der Jugend w Va Hauvtw-Mem. mit dem wir uns \ zu beschäftigen habeL jüdischer Frauen. Frau Eschelbacher (Deutschland) fordext in ihrem Korreferat ebenfalls die religiöse Erziehung der Jugend, dami? die.nachteiligen Folgen des.Kampfes ums Dasein, die mm terialistische Weltanschauung ausgeröttet werden kann und du jüdische Familie den Kindern wieder die jüdische Geisteskraft' einslöße. Familiäre Feste, in erster Reihe der S a bbat, seien dazu geeignet/ die jüdische Frau zur religiösen Erziehung der Kinder cheranzuziehen. ’ , In der Diskussion betonen.Frau M a r g u l i e s (Berlin) und Fräulein B i r.k e n Hein (Warschau) neben der religiösen, die Notwendigkeit der nationalen Erziehung, welche der einzig e Weg zur Erhaltung des jüdischen Volksgeistes sei. — Frau Dr. Baracs (Budapest) berichtet über die Hindernisse, die sich der Erziehungsarbeit in Ungarn, entgegenstellen. Der Numerus clausus will einen geistige-. Tiefstand als Normalmaß für die Jugend bestimmen.. In der Nachrnittagssitzung des Kongresses wurde zuerst die Diskussion fortgesetzt. Beson Peres Interesse fanden die Ausführungen der Frau Rosz Melzer-Pomeranz, Abgeordnete im polnischen Sejm. Sie trat energisch für die st a a t l i ch e S ub v entionierung der jüdischen Schulen ein. Sodann referierte Fräulein Berta Pappenheim über den Mädchenhandel. Sie führte aus, der Mädchenhandel sei ein Problem für M Zeiten und Länder und dennoch sei dies keine EntschuWWitg für sein Bestehen. Auch Diebe und Mörder hat es stets' und keinem fällt es deswegen ein, Stehlen und Morden als etwas von der Tradition Geheiligtes zu betrachten. Dies Int man hingegen in der Frage der Prostitution. Die Prostituttön sei keine spezifisch jüdische Frage. Aber sie ist auch eine jüdische Frage. Das Problem „Mädchenhandel" ist eine so komplizierte Form der Unterstützung, von Verbrechen, daß man nicht leicht den Begriff' desselb«! vollkommen, bestimmen kann. Es ist dem Begriffe der Prostktutron die fteiwillige Hingabe entgegenzusetzen. Hiw sMt düs- Problem der Willensfreiheit keine Rolle. Wenn wir de» Lebenslauf, die Jugend vieler Prostituierten kennen,. so werden wir zugeben müssen, daß von einem freien Entschlüsse »W die Rede sein-kann. Die Unerfahrenheit und d« natürliche Trieb, verbunden mit dem Leichtsinn,- läßt das Wort „Mädchenhandel." unmöglich als einen Verkauf erscheinen. Es ist btel-- mehr ein Nebel, das aus der Organisation der Ge^ sel.lschaft folgt. Die christliche Gesellschaft sieht im.Mädchenhandel eine jüdische Erscheinung. Wir müssen dies energisch zurückweisen. „Die Westjuden" — fährt die Rednerin fort — „sagen oft, der Mädchenhandel sei eine Sache des Ostens, aber ich glaube nicht, daß es Probleme gäbe, die nur einen Teil des-jüdischen Volkes angehen. - Drei. Begriffe beinhaltet die Erscheinung des Mädchenhandels: Die Begriffe Händler, Ware Md Konsumenten. Man muß unbarmherzig die Mädchenhändler der Vemrtei' lung zuführen. Solche Leute sollten, wenn sie Juden sind, zur Thora aufgerufen werden. Man nmß für den Schutz des jüdischen Map chens Sorge tragen, damit nicht durch Leichtfertigkeit ein Unglück entsteht. Doch auch von den Männern muß dabei! \ die Rede sein. Denn wären sie nicht, die diesen Konsum

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