Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 5 (1923)
- Issue
- Heft 1520 (7.5.1923)
- Date
- 1923-05-07
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Einzelnummer K700 Wien: Zum Abholen in den Expedition, II., Taborstr. 1-3, oder in einerVerschleisstelle (Trafik) monatl. K 28.000 Mit Postversand für Wien u. Oesterr. monatl. K 28.000 Tschecho-Slowakei: Mon. K17. Ungarn: Mon. tC 600. Jugoslawien: Mon« Dinar 35. Polen: Mon. Mk.l2.000.Deutschland: Mon. Mark 8000. Franke., Belgien: Monatl. Frcs. 8 OST Naehzahlangren bei Preiserhöhungen Vorbehalten 31t. 1520 Me». Montag. 7. Mai 1020 tstftHKho >äiov/Bk«l! f schach. K1.~ Italien: Monatl., 10 Lin Rumänien, Bulgarin) Monatl. 75 Lei bezw. Lewa Schweiz und das übrig, Ausland monatlich Frcs. 1 Redaktion u. Administratio: Wien, II., Taborstrasse 1—1 Telephone: 44-0-38,43-3-19 ab 6 Uhr abds. 19-483,16-301 Tel.-Adr.: .Morgenzeitung4 Wien Oösterreichisches Postspar kassen- Konto Nr. 150.69! 5. Jahrgang BimdesvriWent Aus allen Landern der Welt kamen Frauen nach Wien, mn hier über die großen sozialen Probleme des jüdischen Volkes zu beraten. Es erwartete sie auf den Straßen der alten Kulturstadt ein sonderbarer Anblick. Die Frauen, die durch lange Ihre die österreichische Bevölkerung über die schwerste Not der Nachkriegszeit hinweghalfen, fanden hier Plakate vor, welche nicht nur ihr BoK, ihre Religion mit niedrigen Schmähungen besudeln, sondern auch zmn Vergießen jüdischen Blutes anffovdern, ohne dies sonderlich versteckt zu tun. Diese Entrüstung und Beschämung muß in die Herzen jener Frauen Eingang gefunden haben, die dem österreichischen Volke, und nicht nur ihm, so viel Gutes erwiesen, als sie den Dank einer pöbelhaften Gesellschaft sähen, welche zwar nicht das Recht hat, 'im Nmnen des Volkes zu sprechen, aber doch zumindest dazu ein Recht zu haben vermeint. Die Männer, dian i:* Spitze der österreichischen Republik stehen, trachten wohl, die niedrigen Schmähungen vergessen zu machen, sie fanden an der Eröffnungssitzung des Weltkongveffes jüdischer Frauen die Herzlichkeit, die von dm Wischen Frauen mit Recht erwartet werden kann, ab^r trotzdem blieb es ein Stich, welchen die Mischen Gäste nicht leicht vergessen werden. Di prächtigen Leuchter in dem Ritters aale der Hofburg warfen ihr Licht aus die Menge, die zum Teil stehen muß, -da der Raum nicht genügt, sie alle auszunehmen. Viele konnten überhaupt nicht hinein. In ZD ersten Reihe sitzen Bmrdesprasidmt Dr. Harnisch, Frau ÄMriarE^H'n'i u i s ch nimmt unterden Mitgliedern des Präsidiums Platz. Frau Direktor U l l mann begrüßt als älteste österrLichische Delegierteden Kongreß, der gänzlich unpolitisch der eluiMden sozialen Arbeit der Mischett Frau gewidmet werden soll. Nach ihr sprach Fra« Anitta MMer-8ohen. „Die Wische Frau unserer Zeitz" so führte sie aus, „gab sich allen Richtungen hin und hatte nicht mehr die Vvlksrndividualität in ihrem Handeln berücksichtigt. Vieles hat das Judentum an der Mischen Frau verloren. Sie gab in denn KvieMaumel ihr Herz und ihre Arbeit dem Rausche, der so bald verflog. Es kam die Zeit, wo die Völker Bilanz machten und erkannten, daß die alten Ideale in den Kot gezerrt und keine neuen gefunden wurden. Das jüdische Volk machte den Tanz um -das goldene Kalb rillt den übrigen mit. Der Haß folgte seinen Erfolgen und seinen Mißgriffen, und heute stcht die Judenfrage im Vordergründe der Diskussion. Eine ungeheure Trägheit des Herzens hat Uns ergriffen. So ist es nur zu erklären, daß die Juden zu allen Unterdrückungen und Verfolgungen süllschweigen. Dieser Kongreß aber wird den Kampf wieder ausnehmen. Unsere Kinder sollen bewußte, starke Inden werden und die Erziehungsarbeit muß von hier aus organisiert werden. Dieser Kongreß wist für das Wohl des Judentums arbeiten und ist darum ein Beweis der Z u s a m m e n g e h 5 r i g k e i i der Mischen Frauen." Frau Anitta Müller-Cohen begrüßt die Delegation der einzelnen Länder und insbesondere die Delegierte Palästinas, des Landes der jüdischen ZÄun-st. Sie gedenkt der huuderttausenden Wischer Männer und Kinder, die in den letzten Fahren Blutzeugen geworden sind für ihren Glauben. Me Rede der Fra« Hainisch. Frau iNävianne Harnisch wird von dem Kongreß st ehe n d begrüßt. „Ich wünsche," sagte sie, „ebenso wre meine Vorrednerin das Gelingen des Kongresses, und sie wissen, welch große Aufgabe der Frau harrt. Sie mutz einen eigenen Einschlag der Gesellschaft geben. Das Herz ist die Quelle, aus der tvir das Beste schöpfen, und Vas Herz gibt die Frau. ^Jch empfing seit Jahren unendlich viel von den Frauen des Anstandes, und insbesondere von -den amerikanischen Jüdinnen, den Einbevuserinnen des Kongresses. Sie hatten viele, viele Menschen in Oesterreich glücklich gemacht, aber sie sind uns noch -etwas schuldig. Sie mögen die Rechte, die sie besitzen, richtig ausüben und den eigenen Weg gehen. Sie können es durchführen, daß Amerika uns endlich ■ zum Frieden helfe. Nach den kurzen Begrüßungsworten Prof. Dr. P i ck, Präsidenten der Wischen Kultusgemeinhe. Wach, Mrs. > Harris (IX. S. A.). Im Namen des Couttcil of Jewish Women gibt sie der Freude Ausdruck, daß die mühevolle Arbeit, die zu dem Zustandekommen dieses Kongresses nötig war, zum Erfolg führte. Das Bestehendes Councils während 31 Jahren hat bewiesen, welch wertvolle soziale Arbeiterin die jüdische Frau sei, die in Amerika durch ihre Tüchtigkeit hohe Stellun- -gen im öffentlichen Leben erlangte. Der Kongreß sei ein epochemachendes Ereignis und müsse neue Wege der Wischen Frauenarbeit weisen. Mrs. Ko Hut (U. S. A.) sieht in dem, Kongreß eine Entgegnung aus all das Leid und die Verfolgungen, die der Krieg und die Nachkriegszeit aus das jüdische Volk wätzte. Keine religiösen oder politischen Fragen sollen besprochen werden, und kein Allheilmittel besitzen wir für die Krankheiten der Welt, aber wir kennen unsere Stärke: unsere Haß- und Vorurteilslosigkeit. Wir sind der österreichischen Republik und unseren Wischen Brüdern in Wien für den herzlichen Empfang zu wärmstem Danke verpflichtet. Dr. ßfjnies Wer die Bedeutung der Kongresses. Unter gespannter Aufmeicksamkeit ergriff OLerrabbiner Pros. Dr. CHajes das Wort. „Es ist eigentlich traurig, so sagte er, daß trotz der Gemeinsamkeit der Interessen heute noch ein separater FraueHongreß einberufen wird. Das Zusammenarbeiten und der gemeinsame Weg kann allem den Erfolg ergeben, und es ist ein Unglück, wenn Gruppen mit gemeinsamen Zielen aneinander vorübersprechen, andererseits aber' ist die Organisierung der Frauen erfreulich, da sie dadurch aus ihrer Isolierung herauskommen. Erst wenn, sie'sich organisiert haben und zeigen, was sie können, dann werden gemeinsame Kongresse möglich sein. Das jüdische Volk steht vor der Aufgabe, das alte Land wieder zu gewinnen, die uralte Kultur weiter zu erhalten. Wir müßten vor dieser ungeheuren Aufgabe erschrecken, wenn wir nicht die Hilfe der Wischen Frau hatten. Der Kongreß woge sich nicht in Einzelheiten verlieren, die Delegierten mögen aus ihrer Seele die tiefften Ziele ihres Wirkens hervocholen und in alle Länder, woher sie kommen, die jüdische Botschaft hmaustragen. Es ist kein Geheimnis, daß jetzt ein organisierter Judenhaß über die Welt geht. Es sind hier dieselben Kräfte an der Arbeit, die den Krieg organisiert hatten. Es genügt nicht, wenn wir Juden gegen diese Kräfte kämpfen; auch die hochgesinnten Nichtjuden müssen den Kampf mit uns führen. Wenn die Delegierten hier von Straßenpläkaien begrüßt worden sind, die eine unerhörte Schande bedeuten, so äst es nicht eine Schande für uns sondern für die Gemeinschaft, welche nicht die Kraft findet, diese Kvankheitsstoffe auszmnerzen. Kein Sanierungswerk Mst, wenn nicht die Männer des Landes sagen: Wir dulden dies nicht weiter! Wir warten aus den Tag, wo die Nichtz.^en Len Karnps ausnehmen. Wir aber werden nicht Schimpfen mit Schimpfen beantworten. Wir find ein uraltes VM und unsre Abwehr ist es, all das hervorzuholen, Ivas wir Großes, Starkes und Edles in uns -haben. Darum möge sich der Kongreß nicht in Einzelheiten verlieren und den Heroismus des jüdischen - Lebens, den Palästinage danken, für den das neue Judentum kämpft, in die Well hinaustragen!" Nach dem mit großem Beifall ausgenommenen Bortrag Dr. Chajes' hielt Bundespräsident Dr. Hainisch einen Cercle, indem er die einzelnen Delegierten ansprach. Die Begründung der Ablehnung. Gestern wurden die gleichlautende französische uni belgische Antwortnote auf die deutsche Note dem deutscher Geschäftsträger in Paris übergeben. Die Note lehnt di« deutschen Vorschläge ab und sagt zur Begründung diesei Standpunktes, daß die deutsche Note in mehreren Punkter dem V e r s a i l l e r V e r tr a g widerspreche. Deutschland habe den rm Mai 1921' ausgestellter Londoner Zahlungsplan nicht eingehalten uni sei trotz eines teilweisen Zahlungsaufschubes seinen. Verpflichtungen nicht nachgekommen. Nach Fest stellung einer Reihe von Verfehlungen sei Frankreich an di, Ergreifung von Pfändern geschritten. Die deutsche Re gierung habe den passiven Widerstand im Ruhrgebiet b e fohlen. Es sei unwahr, daß der Widerstand von dei Bevölkerung ausgehe. Der Widerstand sei in Wirklichkeit ein aktiver, da der Versailler Vertrag ausdrücklich bestimme, daß Deutschland Sanktionen der Mächte nichi als feindseligen Akt betrachten dürfe. Die deutsch, Negierung habe durch die Befehle an ihre Beamten einer Konflikt heraufbeschworen und habe weiters auch die Tätigkeit der interalliierten Kontrollkommission behindert. Die belgische und die französische Regierung könner keinen deutschen Vorschlag in Berücksichtigung ziehen, solange der passive Widerstand fortgesetzt wird. Die von Deutschland angebotene Summe sei füi Frankreich un an eh mbar. Frankreich und Belgien ändern in keiner Weise ihrer Entschluß, die besetzten Gebiete nach Maßgabe der tatsäch. lichen Zahlungen zu räumen. Die deutsche Note ist de: kaum verhüllte Ausdruck einer systematischen Auslehnunc gegen dm Versailler Vertrag. Sie würde zu einer morali. fchm, politischen, wirtschaftlichen und militärischen Revanche Deutschlands führen. .' Fuglknd und die französische Rote. London, 7. Mai. (Tel.-Komp.) Das eniMche KaMne-t-t der« sammelt sich nachmittags unter dem Vorsitz Lord Curz-ons. um die durch die Beantwortung der deutschen Vorschläge geschaffene Lage zu prüfen. Skefemam über die EinhettssroM. Der passive Widerstand wird nicht aufgegeben. Berlin, 6. Mai. (Wolfs.) Nach einer Meldung der „Montagspost" ans Eisenach sprach dort gestern der Führer der Deutschen Volkspartei Stresemann in einer Versammlung über die politische Lage. Er bezeichnete die Einheitsfront von der Deutschen Volkspartei bis zu den Sozialdemokraten als die in der heutigen Zeit einzig mögliche Pgrteikonstellation. Wenn Frankreich heute die Umbildung des deutschen Kabinetts verlange, so müsse man ihm antworten, daß das eine rein deutsche Angelegenheit sei. Frankreich irrt, wenn es glaube, daß irgendein anderes Kabinett, ganz gleich aus welchen Parteien es bestehe, den passiven Widerstand an der Ruhr beseitigen könne. Hakenkreuzlerische „Fangabteilungen". München, 6. Mai. (Tel. der „Wiener Morgenzeitung".) Nach neuerlichen Mitteilungen haben die - Nationalsozialisten „Fangabteilungen" errichtet, deren Ausgabe es ist, besonders hervortretende sozialistische und kommunistische Politiker zu' verfolgen und in die Gewalt der Nationalsozialisten zu bringen. , Die Sozialisten haben in den letzten Tagen eine Verstärkung ihrer Selbstschutzformationen vorgenommen, um auf die bayrische Regierung einen Druck auszuüben, daß diese gegen die nationalistischen Sturmtruppen eing'reisc. Für den Fall eine Auflösung dieser Sturmtruppen durch die bayrische Regierung wollen die Sozialisten.ihre eigenen Formationen gleichfalls freiwillig auflösen. Die „Vaterländischen Kampsverbände" erlassen heute eine Erklärung, in der darauf hmgewiesen wird, das; der Polizeipräsident diese Verbände als Notpolizei für den 1. Mai einberufen habe; wenn Minister Dr. Scheuer im Landtag dies geleugnet habe, so müsse das auf eine falsche Information des Polizeipräsidenten zurückzusührcn sein. Re Untersuchung gegen die deuLMMische Freiheitchmtei. Berlin, 7. Mai. (Lel.-iKomP.) Boi dem in der Hochverrats, afsäre Roßbach verhafteten Führer der de-urnchoolkuchen Ortsgruppe in Leipzig Verlagsbuchhänder Richter wurden nach MKteÄrrm der Doll-tzi belastende Briefe gchMdem