Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 5 (1923)
- Issue
- Heft 1519 (6.5.1923)
- Date
- 1923-05-06
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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HBMtamnmBrRiOOO;Wien: Zum Abholen in der | Expedition, II.,Taborstr. 1-3, ' Äer in einer Veraehleiastellp (Trafik) monatl. K 28.000 'Mit Postversand für Wien u. Öesterr. monatl. X 28.000 Ts eh e e.h o-Slowa k ei": ,Mbn. K17. Unsrem: Mob. X 600. Jugoslawien: Moh. Dinar 36. Polen: Moy. Mk.l2.000.D eutschlancft Mon. Mark 8000. Franko; 'Belgien: Monatl Frcs. 8 WU' Nachxahlungen ‘•P bei Pretaerhohungen. Vorbehalten Nr. 1519 Am Pranger der Geschichte. ~y. Wien, 6. Mai. Im bayrischen Landtag Hat es vorgestern eine Debatte über den Nationalsozialismus gegeben, in deren Verlauf die Regierung sich zu sehr energischen Worten gegen diesen Spuk verstand. Was der Minister des Innern diesmal sagte, klang ungleich schärfer und bestimmter als je vorher. Den bayrischen Regierungsgewaltigen war bisher immer sehr schwül zu Mute, wenn Don Hitler und seinen Sturmtruppen gesprochen wurde. Sie standen in einem gewissen freundschaftlichen Gegensatz zu diesem Mann, dessen Methoden ihnen nicht ganz genehm waren, dessen politisches Ziel aber, die Vernichtung der Republik und die Aufrichtung einer militaristisch-nationalistischen Diktatur der Rache, ihren Herzenswünschen entsprach. Das wirtschaftliche Programm dieser Bewegung war und ist so vage und nebulös, daß es an die Denkkraft des einzelnen keine Anforderung stellt. Im großen ganzen sind die marxistischen Lehren abgeschrieben und in den Text überall dort, wo das Wort Kapitalismus steht, das Wort Iud eingesetzt worden. Die Cskamotage sprach laut und deutlich zu den Instinkten der kochenden Volksseele und brachte der Sturmfahne mit dem Hakenkreuz.gewaltigen Zulauf. Alsbald konnten sich die Nationalsozialisten, so gebärden, als wären sie die Herren der Welt, und der 1. Mai sollte ihnen auch äußerlich den Triumph über die Novemberverbrecher und die „verjudete Sozialdemokratie" bringen. Herr Hitler hatte alle Vorbereitungen getroffen: 10.000 Mann waren konzentriert, schwere Geschütze und Sanitätskölonnen in Bereitschaft. Aber .M'stch..derDrg^der Sozialdemokraten in -,Mrrascheude^/.SMe... MvickM- - und die losschlagen, wollten, gab Hitler den Befehl zur' 'Defilierung. Zwei Tage darauf hielt der Mrnrstet des Innern seine mutige Rede wider Hitler. Sieht der Prophet seinen Stern sinken? Auch in Oesterreich hat diese nationalsozialistische Partei ihre Jdeenpropaganda betrieben. Sie hat wieder jungen Leuten die Sturmhelme auf den Kops gestülpt, ihnen den Gummiknüttel in die Hand und den Revolver in die Tasche gesteckt, und sie so ausgerüstet zu Versammlungen geschleppt, in denen die Massen des deutschen' Volkes gegen den „Uebermut der Hebräer" protestieren sollten. Wieder luden von allen Wänden Sudelplakate mit Genehmigung der Behörde die Passanten in die Kaschemme. Die Nationalsozialisten fühlen sich sehr sicher. Gute Verbindungen Äs in die höchsten Sphären der Verwaltung lassen ihnen die Stvaffreilheit für ihre Hetzereien zu Mord und Brand als eine selbstverständliche Errungenschaft erscheinen. Sie sind keim politische. Partei und werden mit Unrecht als solche. behandelt. Sie sind eine von den Todfeinden jeder Friedensarbeit bezahlte Organisation . zur Verführung der Fugend. Ihre Versammlungen sind keine Provokation irgendeiner Partei, sondern eine Provokation der politischen Sittlichkeit. Die Führer, die sich so gewaltig gegen die Republik übernehmen, genießen gern den Schutz der republikanischen Freiheit und rufen ihn an, wenn ihren Anhängern das Revolverschießen schlecht bekommt, wie dies erst vorgestern der Fall war. Immerhin konnten die stahlbehelmten Jungen in den letzten Tagen. einen tiefen Einblick in die Treue und WahrhaftiAeit ihrer Führer tun. Die Herren waren nicht da, jeder saß zu Hause mit deyr Anstand, den er hatte, und die Polizei mußte die Knaben durch eine Hintertür einzeln entwischen lassen. Der Schuß, der dann auf der Straße siel und einen Arbeiterordner in die Leber traf, war die sichtbare und allgemein verstäMiche Manifestiemng der Idee des Nationalsozialismus. Zugleich aber auch eine Folge der Haltung der Regiemng, die ihre Polizei ausrücken läßt, aber vor jeder geistigen Bekämpfung der Seuche zurückschreckt, weil die großdeutschon EmpftndlickMten geschont werden müssen. Man muß noch eines dritten Ereignisses gedenken. In der vergangenen Woche hat vor einem Berliner, Gericht Graf Reventlow, einer der bösesten und geschicktesten Pamphletisten Wider das jüdische Volk, de- und yxchmütig dafür Abbitte leisten müssen, daß er den großen hebräischen Philosophen Achad Hc>am als einen der Weisen von Zion bezeichnet har. Die antisemitische Presse und noch mehr die Assimilantenpresse hat mit dieser immerhin bemerkenswerten Tatsache nichts anzufangen gewußt. Beide schwiegen. Aber sie können doch Nn Wahrheit nicht cmfbalten. nicht verhindern, daß der -lener Wien. Sonntag, s. Mai 192S Tschacli«n8tow«it«ti tschftclu K 1a— j Italien: Monatl. 10 Rn man i e n, Bulgarien Monatl. 75 Lei bezw. Lewai $ c h w e i z und das ubrigi Ausland monatlich Frcs. 3) u. Adnüniatratidi ’aborstr««se'f'~a1 ,, ,.i OesterreichischeaFoslBoar-! Kassen-1(onto Ir. IS®? masmmmmmmmrn 5. SoltmwB Set Bundeskanzler weigert sich, gegen die Aiehl-Garden eirrzuWeite« In politischen . Kreisen wurde gestern erklärt, daß die Regierung den Forderungen'' der Sozialdemokraten, den hakenkrsuzlevischen Unfug abzuftellen, der seit zwei Wochen, die ständige Rubrik in der Lokalchronik der Wiener Blätter bildet, nicht willfahren wird. Es soll weder ein Verbot der Riehl-Versammlungen erfolgen noch der Plakatierüng der blutrünstigen Emotionen der Hakenkreuzler Ein>halt getan werden. Der Bundeskanzler» der ein Gegner der hakenkreuzlerischen Brigantenmethoden sein soll, muß dem Wunsche seiner großdeutschen Koalitionsgenossen gemäß Zurückhaltung üben und überläßt das ganze Betätigungsfeld in dieser Richtung dem Vizekanzler Frank, der ein sehr warmes Herz für die, Bestrebungen der Hakenkveuzler hat. Ein Teil der Ehristlichfozialen Partei hat unlängst bei einer Besprechung dem Wunsche Ausdruck gegeben, daß die Regierung kurzerhand dem Wiener P o lizeipräsidenten den Auftrag erteile, die provozierenden Kundgebungen des Riehl zu verbieten, da die Sozialdemokraten in einer diesbezüglichen Beratung den Christlichsdalen erklärt hattm, daß es ein ' gefährliches SM fei, welches die Hakenkreuzler treiben. Gegen diese Anregung erhob Dr. Frank sein entschlichenes Veto und . beeinflußte Dr. SeM in der Weise, . 8rß von der Herausgabe eines. Verbotes der HetzversammlMgen Abstand genommen wurde. Dr.^ Fräste dev ein großer der RchSlchlik;edem erlaM fnn nmM senw MlWen Ansichten mich öffentlich kundgeben zu können. Ins Praktische überEvagen bedeutet dies aber: Die G r o ß d e u t s che n brauchen für die bevorstehenden Wahlen einen demagogischen Borspmm, um ihren jetzigen Besitzstand, an Mandaten behaupten jfikönnen, und diesen Zweck erfüllt auch das brutale Vorgehen dev Hakenkreuzler vollkommen. . . . Die Sozialdemokraten haben gestern Dr. Seipe-l nach, drücklichst aus die ernsten Konsequenzen aufmerksam gemacht, die eine weitere . Duldung der Provokationen der Hakerckrenzl« Hervorrufen könnten. Die Regiemng Seipel spiele hier mit dem Feuer und befinde sich in großem Irrtum, wenn .sie : glaube, daß die Münchner Vechältmsfe auf Wien Aber, tragbar.seien. Wir erfahren ferner aus gut informierter QuÄle, daß die Anregungen des Polizeipräsidenten in der Frage der endMtigen Abstellung der störenden Vorfälle der letzten Wochen bei der Regierung kein Gehör ge-o fuuiden haben und daß speziell. Dr. Frank sich drgegeN ausgesprochen habe, daß man gegen Riehl rmd seinen -Anhang etwas untemehme. In politischen Kreisen ist man schr neugierig, zu erfahren, Mdie'Ereignis.se in Fa. vor i t en die Ansichten des Kanzlers' Und des VizekanMs; geändert haben. Daß bereits im Ausland über das Treiben der Haketckreutzler in Men gesprochen wird und die. große ^Me^e des Westens -fich.M-Mch<MMnW^tt OesiMrichs' Interessen, kemeswD - fochemden? Werse' be?. ' fchäfiigt, ist der bevorstehenden Auflegung der österreichi-/ schen Anleihe Keinesfalls WWerZ'dienOch, Heute wird die Rote überreicht. Paris, 5. Mai. Ml. der ,Mr.. Morgenzeitung") Die Antwortnote an Deutschland ist fertiggestellt und wird morgen abends dev deutschen Gesandtschaft überreicht werden. Der . Text der Antwort wurde bereits heute durch sie französischen Botschafter an die R-egiemngen in London, Rom, Washington und Tokio übermittelt und wird morgen auch publiziert werden. Wie Ihr Korrespondent erfahrt, hat gestern und heute zwischen Paris und Brüssel ein intensiver Meinungsaustausch über die durch die deutsche Note. geschaffene politische Situation' stattgefiMden; die Folge hievon war der im heutigen belgischen Ministerrat gefaßte Beschluß, den deutschen Vorschlag als unannchmbar zu bezeichnen und der von Po in ca re vorgeschlagenen Antwort z u z u st i m m e n. Diese Antwort wird, wie in politischen Kreisen verlautet, für Deutschland die Möglichkeit zu weiteren Verhandlungen offen lassen, ja, man spricht am'Quai d'Orsay heule fr; •_«. ganz offen von der Eventualität einer neuen Reparationskonferenz. In den Kreisen, die eine VerstaMgung wünschen, wird sogar behauptet, daß der. C h a r. a k t e r d e r R u'h r-, besetz u n g sofort wesentlich g e.m i l der t w ü r de, wenn Deutschland vorher den Grundsätzen der stäffelweisen Räumung zustimmen würde. Das Festhalten am Londoner Zahlungsplan wird nicht dahin ausgelegt, daß.Deutschland 132 Milliarden Goldmark bezahlen könne. Frankreich will nur die Gewähr haben, daß die Kosten des Wiederaufbaues gedeckt werden wmBmmmaammmmmmmmmmmammmammmmpmmmmmm. Salome mit dem Hakenkreuz ein Schleier naeh dem anderen weMrissen wird. Der hysterische Austteichergeselle in München und seine Spießgesellen in Wien, der Marinegraf in Berlin und das Gesindel, das in Ost und West im Schatten des Hakenkreuzes kreucht und fleucht — alle diese betrogenen Betrüger such in gewissem Sinn Werkzeuge der Geschichte und ihrer Logik. Es kommt für. jeden der Tag und die Stunde. Einstweilen freilich ist zu Optimismus nur geringer Raum. Die antisemitische Gistsaat ist tief in den Boden eingesenkt, ihr Organisationsapparat gut geölt.. Die Strömung ist allerorten in jem Schichten, der Jugend eingedrüngen, aus denen sich die Völker ihre politischen Führer, ihre' kulturellen Vorarbeiter holen. Die Parteien, die dem Hakenkreuztum entgegentreten, tun dies' nur in der bekümmerten Sorge um gefährdeten politischen Besitzstand. Für das Judentum haben sie nichts übrig und sie stehen ihm im Wesen abweisend und kalt gegenüber. Das Judentum ist immer nur auf sich gestellt und es muß sich darauf emvichten, daß es keinen Freund hat. Den Juden kann nur durch die Juden asbolfen werden- Re schlechte deutsche Finanzlage. Die MarkstützungsMion. Berlin, 5. Mai. (Tel.--Komp.) Im Haushaltsausschuf des Reichstages teilte Reichsfinanzminister Dr. Hermes mit, daß sich die Finanzlage des Reiches infolge'des Ruhreinbruches gewaltig verschlechtert habe. Die s chwebende Schuld in den ersten-drei Monaten des Jahres sei von 1481 Milliarden auf 66.01 Milliarden Mark gn stiegen. Nach den vorläufigen Abschlüssen ist für das Jahr 1922 die R e i ch s a b ga b e im Betrage von 8619 Milli a r d e n e i n g e r e ch net. Die Regierung-sei fest entschlossen, gemeinsam, mit ds. Reichsbank' die M a r k st ü tz u n g s a k t i o n mit allen Kräften fortzusetzen. Sie wird zu diesem Zwecke vor weiteren sck»arf einschneidei^en Maßnahmen in bezug öitf die Kontrolle des Devisenhandels nicht zurückschvecken,