Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 5 (1923)
- Issue
- Heft 1517 (4.5.1923)
- Date
- 1923-05-04
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Der französische Ministerrat hat die deutsche Reparattonsnote als unannehmbar. erklärt. In der Havasnote, die den Beschluß mitteilt, wird hervorgchoben, daß er einmütig erfolgt ist und daß er mit Rücksicht aus die in'der Note gestellten BMngungen, das Fehlen von Garantien und die Unzulänglichkeit der angebotenen Ziffern begründet wird. Ob der Beschluß des Kabinetts Poincare auch schon formell als das Scheitern des deutschen Schrittes zu gelten hat, steht noch dahin. Die deutsche Regierung hat ihren Vorschlag gleichzeitig auch den Kabinetten in London, Rom und Washington zugehen lassen, und obzwar sie auch in diesen Staaten keine gute Presse gehabt hat, stehen doch noch die Antworten der Regierungen aus. In der Sache selbst macht dies freilich keinen Unterschied. Alle Ententestaaten werden es jetzt noch weniger als früher unternehmen, ein Wort zu sprechen, das in Frankreich als unfreundliche Intervention gedeutet werden könnte. Noch vor der Ueberreichung der deutschen Note hatte Frankreich die BMngungen formuliert, unter denen eine Konversation mit Deutschland in Gang gebracht werden könnte. Es wurde herv'orgehoben, daß sich die deutsche Regierung mit der Besetzung des Ruhrgebietes, die als Psandnahme gedacht war, einstwellen abfinden.müsse, und daß sie ihre Befehle zum passiven Widerstand der Be- - Hörden widerrufen müsse. Die smnzösisch-belgischen Besprechungen, die Mitte April stattsanden, hatten als Zeitpunkt der Räumung die tatsächliche Leistung der Zahlungen durch Deutschland bestimmt. FürdieReparationsverMchtungen war eine Schuldsursime von 40 bis 60 Milliarden Goldmaick festgesetzt' worden. Die deutsche Note hatte diese Bedingungen nicht berücksichtigt. - . /! / In Paris nahm man vor allem daran Anstoß, daß , die Regierung Cuno die Fortführungdes -passiven Wo 1 derstaiwes ankündigte. .Das ist inder Tat eine - sehr unglückliche Redewendung gewesen, die wieder erkennen ließ, wie wenig die deutsche Politik mit den psychischen Wirkungen ihrer Handlungen zu rechnen weiß. Die deutsche Regierung sah sich bemüssigt, an den heimischen Nationalismus eine Konzession zu machen, und dies in einem Zeitpunkt, wo auch die deutsche OesfenUchkeit die Schien dieser Strömungen bereits zu erkennen beginnt und wo sie peinliche Vergleiche zwischen der schweren Lage der deutschen Arbeiter und der Ruhrbevölkerung einerseits und der Devisenpolitik dev Stinnes und Genossen andererseits anstellt. Die Leute, die die Legende vom jüdischen Dolchstoß erfunden haben, um sich hinter ihr vor Gericht und Strafe für ihre Kriegsverbrechen verkriechen, haben die Ruhrkvise, die sie angestistet und in die sie das deutsche Volk hineingehetzt haben, zu einem fetten Fischzug benützt. Wenn also Äe deutsche Note versprach, die Industrie durch gesetzliche Maßnahmen zu den Garantien für die Reparationsleistungen hevanzuziehen, so stand sie damit nicht allein dem Mißtrauen des Auslandes gegenüber, das in dem Beschluß des französischen Ministerrates als einer der Gründe für das „Unannehmbar" austritt. Auch in Deutschland hörte man die Botschaft, aber es fehlt der Glauben. Denn diese gesetzlichen Maßnahmen, sollen von einem Reichstag beschlossen werden, den die Dolchstoßmänner beherrschen. Trotz dieser Mängel der, Note hätte sie doch. als -Grundlage für Verhandlungen dienen können. Der Beschluß der französischen Regierung -beweist jedoch, daß -man in Paris und wohl auch in London die Ruhrfrage heute nur als eine solche, zweiten Grades ansieht und daß die Komplikationen der Orientkrise den Mächten -viel näher gehen. Es. ist unwahrscheinlich, daß die französische Regierung ihre Bundesgenossen durch den Beschluß vor eine vollzogene Tatsache , stellen-wollte, vielmehr kann es als sicher gelten, daß sie ihre Antwort erst feststellte, nachdem sie sich mit London und Rom -verständigt hatte. Das Resultat dieses Gedankenaustausches, das in der Havasnote mitgeteilt wird/ läßt erjkennen, daß die Ereignisse in der türkischen Frage, das lChester-Abkommen und die bedrohliche Zuspitzung des -türkisch-französischen Mlitärkonfliktes den französischen -Chauvinismus von neuem belebt haben. Ob der Bor- -wurs der französischen Presse, daß Deutschland bei der lJntrausigenz per Kemalisten die Hand im Spiele habe, -nur Gefpensterseherei ist oder auf Tatsachen beruht, kam im Augenblick als offene Frage gelten. Die traurige -Tatsiche-der Stunde ist die, daß'die Brandherde 'der europäischen Politik wieder in Flammen stehen. Die deutschen Vorschläge abgelehnt. Paris, 3. Mai. Die Agenee Havas meldet: Der Ministerrat hat die deutschen Vorschläge mit Rücksicht ans die gestellten Bedingungen, das Fehlen von Garantien und die Unzulänglichkeit der angebotenen Ziffern einmütig für unännehmbar befunden. Gemäst einem Beschluß des Ministerrates wird sich P o i n e a r e mit der belgischen Regierung über die Absendung einer A n t w o r t n o t e an Deutschland und deren Mitteilung an alle Alliierten besprechen. Die vründe. Ms hauptsächlichste Gründe, die die französische Regierung hindern, die deutschen VorMägein Erwägung zu ziehen, Werden erstens die Bedingungen des Reichskanzlers, insbesondere die der F o r t s e tz u n g d e r p äs s i v e n R e s i st e n z in den, besetzten Gelbieten, der - Vorherigen Räumung digser Gebiete, der 'Bsseiltiguntz der'Zollschranken, der AnWbnng des Rechtes zu Sanktionen, und.zur Pfandergrsisung, Zweitens : der Mangel, cm Garantien angegeben. Der Betrag, den die deutsche Regierung anbiete, sei vollkommen unzulänglich. Er würde den Verbündeten höchstens 30 Milliarden zur Verfügung stellen, während der von Deutschland jijtt Jahre 1921 angenommene Zahlungsplan von '132'Mllvachen' g^lprochen hat. Das. Anerbieten von 80 MMiai^.^arm. ,siH?UsoHge des gegenwärtigen schlechten- Willens DeütMäüds Eventuell sogar, aus 20 Milliarde n wduKieven. - Jnsolgüdesien - Merdrn' der - Mniisterpräsident' und die ddl-gifche Regierung, 'diedas AngÄÄit des 'Reichskanzltt's ebenfalls für u n änn eh mb a r hält, den Text Mer gemeinsames. R-egieruW prüfen-, - -den/sie'- sofM -Nach -Lo nd-v n und R o nt .Mttellen. werden? Die'-französischen- und- EMirrffter.''werden-' hkeraus darüber beraten, wie -die-Ruhräktwn zu' verstärken . wäre, bis zu' dem- Moment/ «in -demsie endgültige Wirkrrngen Svrügt.- ' - - - ' Die iranMchen Bedinmmgen. Inemem. Artikel, Philipp Millets in brr.„Prager Presse", der am 1.. Mai erschienen ist, werden über, die von Frankreich und Belgien geplantenSichevstngshedingungen, die folgenden Mitteilungen gemacht: Die beiden. Mächte werden fordern, daß Deutschland anerkennen möge, daß die iin Vertrage von Versailles für die Räumung 'des Rhein land es vorgesehenen "Fristen erst von dem Zeitpunkt der Regelung, die jetzt vorgenommen werden soll, zu lausen beginnen werden. Die erste Rheinzone solf also nicht früher als im fünften Jahve, von jetzt an gerechnet stattfinden, also 1928 statt 1924. Aber das ist nicht alles Am Vorabend' der Räumung werden die Alliierten dü Forderung.aufstellen, daß die. Einrichtung einer inten nationalen Kontrolle, gestützt aus eine ebenfaA internationale Gendarmerie macht, vorgesehen werde/ und zwar in der ganzen Region, fürwelche dei Vertrag von Versailles diedauernde Entmilitarisierung ausgesprochen hat. Diese französisch-belgische Forderung wird sich übrigens ans den Vertrag von Versailles selbst stützen, .der in seinem Artikel 429 ausdrücklich von Garant tien spricht. Katastrophenbaiffe der Mark. Die ungünstige Ausnahme der deutschen Note durch die ftarrzöstsche Regierung hat gestern die Beurteilung de» deutschen Währung ans allen internationalen Märkten uw günstig beeinflußt und zu einem Sturze der Mark st New-Aork, Zürich, London und Paris geführt; Im Anschluß daran hat auch aus dem Berliner Platze eim neuerliche Panik eingesetzt, die - sich nicht nur auf de^ Valuten- und Devisenmarkt, sondern auch aus den Effekten« verkehr erstreckte, wo geradezu Katastrophenkurse verzeichnet wurden. Die Rerchsbank verfügt Wohl über einen größerer Metallschatz,' der zur Fortführung der Stützungsaktton verwendet werden könnte, doch hat es den Anschein, daß mar in der Hoffnungauseine' eventuelle Besserung der PoliÄ schen Situation, noch die Goldreserve zurückhalten -Willi - Vorerst füllen auch noch ne u e e n ts ch e id en d e M a hi-! n äh rvAG Men die- Spekulation ergriffen werden, hoch kann nmn' sich' von solchen nicht allzu viät versprechen, do ' die bishLi'. gesaßten Beschlüsse noch immer nicht dürchge- ' führt werden; die neue Devisenördnung ist -bisher noch nicht einmal'vollkommen durchberaten.' Es verlautet heute,-daß die deutsche Industrie nunmehr an. einer I n t e r v e n t i o n zugunsten der Mar k m i t w i r k e n will, well sie ernzusyhen beginnt, daß die Gewinne, die ihnen aus der Jnflattonszeit zufließen, bei weitem nicht die aus den sozialen Folgen des Marksturzes entspringenden Schwierigkeiten aufwiegen können. Kuno ans Urlaub. ' Berlin, 3. Mai. Wie die,.Blätter melden, werde Reichs- » kanzler Dr. C u n o am Montag von seinem Erholungsurlaub zurückkehren, da sich bis dahin die Auswirkung der deutschen Note übersehen lassen dürfte. ' - Bon Dr. Jaeqyes Ädstr,-Leipzig. . Den 1^. -Z-ionistenkongretz zeichnet vor allen früheren . Kongressen erhöhte. Verantwortlichkeit. aus. Noch, mehr als. vom.12. Kongreß die Bälsour-Deklavatlon und der Beschluß von'San Remo, verlangt von ihm die Tatsache der „Jewish Agency" klare Entscheidungen in politischen, wirtschaftlichen, finanziellen Fragen, die'man nicht durch rhetorischen Aufwand - umgehen kann. Nicht auf Redner, sondern auf Sachverständige, nicht auf die parlamentarrsche. .Geste, sondern auf dre solide Arbeit der Kommissionen wird es ankommen. .Zweck der Tätigkeit des Plenums sollte es dann vor allem sein, die Ergebnisse der Spezialdobatten in das einheitliche System.- myftig zu befolgender politischer Richtlinien zu bringen. Die Ausgabe des Kongresses erfordert, um gelöst zn Iverden,' klare ^Problemstellung bereits' vor dem Kongreß. 'So hat ' die.'Zionifttfche Lan^sorganisätivn Deutsch-. länds noch für den Juni einen Delegiertentag in Aussicht genommen, der sich in erster Linie, wo Nicht ausschließlich, mit der vorbereitenden Erörterung der Fragen beschasttgen soll, die den 13. Zionistenüngreß beschäftigen Werdern Die erste Frage gilt der ziomsttschen Bewegung selbst. Wie steht es mit dem Zionismus? Wie die Außenwelt zu den Zielen des Zionismus steht, ist heute in völkerrechtlichen Dokumenten, abschließend im Palästina- Mandat, festgelegt. Man hat -dem Zionismus eine Chance für praktische Wirksamkeit gegeben, man läßt ihm Freiheit der Jnittattde' far kulturellen, sozialen und wirtschaftlichen Ausbau' Palästtnas. man wartet nunmehr ab und Hält-zunächst mit weiterer Stellungnahme zurück; aber nach Ablauf einer gewissen „Respektfrist" wird ein Endurteil und eine Kritik darüber, was das jüdische Volk aus der ihm gewährten Möglichkeit zu erzielen verstanden, mit aller Bestilmntheit zu erwarten sein.. So richtet sich letzten Endes die Stellung der Umwelt zum Zionismus nach der ziomstischen Haltung des jüdischen Volkes selbst. Wie steht nun heute das jüdische Volk zum Zionismus? Prüft der Kongreß diese Frage, so darf er sich durchaus von einer zuversichtlichen Grundauffassung leiten lassen. Die heutige Weltlage zwingt geradezu das jüdische Volk zur Umstellung von - dem Tendenzen der Assimilation auf die der nationalen Sammlung, von den'Wegen der Verstreuung auf die des Wiederaufbaues.der historischen Heimat — zwingt, sie, denn nicht minder als die zivilisatorisch-kulturellell, sind die materiellen Unterlagen des jüdischen Lebens in. der Diaspora erschüttert. An der; Tatsache des- A n ti s e m i t i s'm u s der Intellektuellen in-allen Ländern, selbst in England und in Anlerika, an der Tatsache der Proletarisierung des Mttelstandes, des , eigentlichen Kulturträgers auch im jüdischen Volke, an der Tatsache der fast unüberbrückbaren Schwierigkeiten für eine Auswanderung .in. freundlichere - Verhältnisse, an diesen bitteren Erfahrungen des täglichen Lebens zerbricht der Affiryilationswille gerade dort, wo er nichi nur der Bequemlichkeit, sondern einer Weltanschauung' entstammte, wie ein Strohhalm. Mcht Mitläufer, die ihr polttisches Ideal nach dem Erfolg korrigieren, strömen dem'Ziomsmus' heute zu, vielmehr sind es die' vor- ' nehmen,,, ^hochstehenden' Charaktere, die unbefangen denkenden, das -Leben ernst nehinenden Menschen unter den Nichtzionisten, die ihre Stelluna zum Zionismus, die