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Wiener Morgenzeitung · 1923-05-03 · Heft 1516 (3.5.1923) · page 1

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
5 (1923)
Issue
Heft 1516 (3.5.1923)
Date
1923-05-03
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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p , k>. i?r. ßnzelnmmnerRlOOO .Wien: Zum Abholen in der Expedition, II.,Taborstr. 1-3, pder meiner Verschleisstelle (Trafik) monatl. K 28.000 Mt Postversand für Wien ü. Oesterr. monatl. K 28.000!Yc h e c h o-S 1 owa k e i: ton. K17. Ungarn: Mon, [600. Jugoslawien: Mon. )inar 3B. Polen: Mon. lk.l2.000.DeutschIand: ton. Mark 8000. Frank r., Belgien: Monatl. Frcs. 8 fir Nachzahlung-en Preiserhöhungen Vorbehalten Tscheche»-Slowakei i tschech. Kl.— Italien: Monatl. 10 Lire Rumänien, Bulgarien Monatl. 75 Lei bezw, Lewa, Schweiz und das übrige Ausland monatlich Frcs. 3 Redaktion u.Administration Wien, lI.,Taborstrassel—3 Telephone: 44-0-38,43-3-19. ab6Uhrabds.l9-483,16-301 Tel.-Adr.:,Morgenzeitung" Wien Oesterreichisches Postsparkassen -Konto Nr. 150.69? Nr. 1516 Wien. Lormerstag. S. Mai 192S 5. Jahrgang Die türkischen Kouzessronen. —y. Wie u, 3. Mai. Die Orienffrage beginnt sich wieder zu komplizieren. In Lausanne tagt die zweite Friedenskonferenz, die aber im Wesen nur eine stillverschwiegene Beratung von Expertenkommissionen ist, über deren Ergebnisse man durch kümmerliche Mitteilungen unterrichtet wird. Sie alle zeigen jedoch das Bestreben der Türkei, die Liquidierung der Streitfragen an sich zu ziehen und den eigenen Gerichtsbehörden zuzuweisen. Eine erbitterte Debatte hat sich an die Bestimmung geknüpft, daß die Türkei keine Verträge abschließen dürfe, die mit dem abzuschließenden Frieden im Widerspruch stehen, und daß sie alle derartigen früheren Abkommen zu lösen habe. Die türkische Delegation kämpft gegen dieses Verlangen mit allen Kräften an, und um ihren Widerstand besonders nachdrücklich zu akzentuieren, hat sie noch' während der Verhandlungen den Chester-Vertrag unterfertigt. Der Inhalt dieser Konvention ist bekannt. Eine amerikanische KapitaltstengruPPe erhält die Konzession zur wirtschaftlichen pnd industriellen Erschließung des Raumes vom Schwarzen Meere bis nach Mesopotamien; sie soll Eisenbahnen, Häfen, Städte und Umschlagplätze errichten.und wird mit allen hiezu notwendigen Rechten ausgestattet. Das Gebiet, auf dem sie ihre Tätigkeit entwickeln soll, ist so ziemlich das ganze türkische Reich von heute; , und da hinter der amerikanischen Gesellschaft die Politische Macht der Vereinigten Staaten steht, ist es verständlich, daß die Kreise der französischen Konzessionssäger in Be-, stürzung geraten sind. Sie pochten auf ihr tvMtionelles Recht der Exploitierung der. Tisrkei und hatten in. allem und jedem die, Unterstützung ihrer Regierung, gesunden, die das historische Märchen, vom. Protektorat bereits , für .gesichert gehalten hatte.-Es war nur nötig.gewesen, den Englischem Einfluß -Wmmungen, die vom Vatikan genährt wurden, geschickt zu benützen. Plötzlich aber erscheint statt England die zweite angelsächsische Macht auf dem Plan und enthüllt einen in seiner Einfachheit überraschenden Plan, die wirtschaftliche Hegemonie mit der Kraft riesiger (Mbmittel fast widerstandslos an sich zu bringen. Zur gleichen Zeit mit der Finalisierung des Chester- Vevtrages wird bekannt, daß die Bagdad-Bahn, der heiße Traum Wilhelms des Zweiten, an eine Schweizer Gruppe. übergegangen ist, die als Platzhalter für das amerikanische Kapital der Chester-Leute fungiert. Damit wäre die amerikanische Kontrolle bis an den Indischen Ozean ausgedehnt. Es besteht sicherlich in Amerika kein über das wirtschaftliche Gebiet hinausreichendes Interesse und es kann als ausgeschlossen gelten, daß jemand in Amerika an eine politische Besitznahme in Vorder-' asien denkt. Die amerikanische Politik gravitiert aus- MieWch na ch dem Süllen Ozean, und in ihren politischen Problemen ist für den nahen Orient kein Platz. Mlturelle und sprachliche Umstäiwe weisen Amerika auf diesem Teile der Erde die Unterstützung der englischen Interessen zu, und es scheint fast, als ob sich hier schon m scharfen Umrissen ein neuer GleichgÄvichtszustand der europäischen Mächte ankündigt, der die lateinischen Staaten auf der einen, die angelsächsischen aus der anderen Seite zeigt. In diesem Rrngen spielen Deutschland und die Türkei nur die Rolle von Objekten der Diplomatie, während Rußland, dem die bedeutungsvolle Funktion des Züngleiys an der -Wage hätte Zufällen können, durch den Bolschewismus, noch mehr aber durch die Hinterhältigkeit und Untreue seiner Methoden abgeschnürt ist. Die Türkei hat nicht mehr viel Spielraum. Sie kann nur zwischen den Giganten lavieren und durch , Nadelstiche sich bald bei diesem, bald bei jenem in Gunst setzen. Bis zur ersten Lausanner Konferenz lag sie im Schlepptau der Russen und der Franzosen und ließ sich von beiden gegen England gebrauchen. Jetzt demonstriert ist, wie die Dinge liegen, ein nutzloses Spiel. . Einen Zusammenstoß mit der französischen MMävovganffatton änn die Türkei nicht wagen und es ist auch fraglich, ob ie bei einem neuerlichen Konflikt mit Griechenland, das sch gerne als Sturmbock verwenden ließe, nicht va bcmque spielen würde. Einstweilen bringt sie sich jedoch in.Erinnerung Ihre Demonstration vermehrt für alle Fälle die Schwierigkeiten und bedeutet nebenbei eine Verschleppung des Ruhrkonfliktes, weil sie dom Chauvi nismns in Frankreich neue Nahrung bringt. Reparationen und Ruhrstage. Die deutsche Note. Gestern vormittags ist die angekündigte Note Deutschlands über die Reparationsverpflichtungen endlich veröffentlicht worden. Sie -wurde, am Montag fertig redigiert und gestern zur gleichen Zeit in Paris, London, Rom, Brüssel und Washington überreicht, Die Erklärung der deutschen Regierung bricht das Stillschweigen, das sie seit Mitte Jänner über ihre Stellung zu den Reparationsforderungen beobachtet hatte, und obwohl sie im Wesen die von C u n o und R o s e n b e r g im Reichstag vertretenen Anschauungen wiederholt, ist sie doch ein sehr werwolles Zugeständnis an die Preftigeangst P o i n e a r e s. Der Grundsatz der bedingungslosen Räumung des Ruhrgebietes als Voraussetzung für Verhandlungen loird fallen gelassen und lediglich die Fortführung des passiven Widerstandes ausgesprochen. Alles in allem ist die Note eine genügende Berhandlungsbasis. Sie beziffert die Gesamtverpflichtungen Deutschlands mit 30 Millionen Goldmark, von denen 20 sofort zur Zeichnung aufgelegt werden. Die deutsche Regierung ist zur Leistung von Garantien bereit und will auch durch gesetzliche Maßnahmendie gesamte deutsche Wirtschaft zur Sicherung des Anlerhedienstes heranziehen. In dieser ihrer Aeußevung. liegt aber, der springende Punkt. Die deutsche Großindustrie fft bisher eifrig beflissen gewesen, aus dem Wirtschaftszerfall zu profitieren und die Schuld S t inn e s' an der MaMrtaftwptze ist in sehr ernsten deutschen Zeitungen unter Beweis gestellt worden. Es wird jetzt darauf ankömmen, ob die deutsche Sozialdemokratie imstande ist, von der Retzrevung und der Koalition eine gerechte. Verteilung der ReParEonslasten pt ' er* Stofe M Irchalt des -deutsch ANgöfees' MrwvWet der folgende AuMg: >; / Die deutsche alliierten Mächte und der Bereinigten Staaten von Amerika eine Note gerichtet, worin sie erklärt, sie habe sich entschloffen, nochmals einen Versuch zur Regelung dev strittigen Fragen zu machen, ohne damit ihren RechtSstandpmckt zu verlassen oder den Passiven Widerstand auszugeben, der fortgesetzt werden wird, bis die Räumung der über den Vertrag von Versailles hinaus besetzten Gebiete nnd die Wiederherstellung vertragsmäßiger Zustande in den Rheinländern erreicht ist. Sie faßt ihre Vor- Mage zum Reparationsproblem sind Pen damit verbundenen politische» Fragen wie folgt zusammen: Die Gefamtvevpflichbung DeuffchlantS zu finanziellen und Sachleistungen aus dem Vertrag von Versailles wird auf 30 Millionen Goldmark festgesetzt; die mit 20 MUiaÄAN bis zum 1. Juli 1927, mit ' 5 Milliarden bis zum 1. Juli 1929 und mit 5 Milliarden 'bis zum 1. Juli 1931 durch Ausgabe von Anleihen zu normalen Bedingungen auf den internationalen Geldmärkten cmfzubringen sind. 1. Die ersten 20 Milliarden Goldmark werden sofort ' zur Zeichnung aufgelegt. Die Anleihezinsen bis zum 1. Iuli 1927 werden aus dom AnlecheerlöS entnommen und in. einem von der Reparationskommiffion zu beaufsichtigenden Fonds sichergestellt. Soweit die 20 Milliarden Goldmark. bis zum 1. Juli 1927 nicht durchs Anleihen. aufgebracht werden können, sind sie von diesem Zeitpunkt ab mit 5 Prozent zu verzinsen und mit 1 Prozent zu tilge n. S.^Falls die Heiden Beträge von je S Mlliardm Goldmark bis zu 'den dafür vorgesehenen Terminen im ' Anleitzeweg zu normalen Bedingungen.«nicht voll aus- . zubringen sind, soll eine unparteiifche intevnü» tionale Kommission darüber entscheiden, ob, «wann und wie der nichtgedeckte Rest aufzubringen ist. Die gleiche Kommission soll im Juli 1931 auch darüber entscheiden, ob, wann und loie für die Zeit vom 1. IM 1923 ab die zunächst nicht vorgesehenen Zinsen nachträglich. auszubringen find. . 3. Deuffchland wird in Anrechnung auf seine Schuld' nach den Bestimmungen der bestehenden Verträge Sachleistungen aussühren, über deren Ausmaß nähere Vereinbarungen Vorbehalten bleiben. Die deuffche Regierung fft überMgt, daß sie mit diesem Vorschlag bis an die äußerste Grenze dessen gegauge» ist, was Deutschland bei Anspannung aller Kräfte zu leisten vermag. Sollte diese Auffassung von der anderen Seite nicht geteilt weiden, so schlügt die deutsche Regierung vor, erftsprechend der Anregung des Staatssekretärs Hughesdas gesamte Reparationsproblem einer von jeder politischen Hn- Wirkung. unabhängigen internationalen KoM» Mission zu unterbreiten. . , Me deuffche Regierung ist bereit, für die von ihr angebotenen Leistungen speziall e G a r a n t ie n zu bestelfe und ist bereit, nach Maßgabe der noch zu.treffenden Vereinbarungen durch geeignete Maßnahmen auch auf gesetzlichem Woge dafür zu sorgen, daß die gesamte deutsche Wirtschaft zur Sicherung des Anleihedienstes herangezogen wird. Die Sachliefemngen.sollen durch langfristige Privatverträge unter Ausbedingung von Vertragssftasen gffich^rtchWcheu———^ - >> kmo Mer Ne Note. Berlin, 2. Mai. (Tel der ,Mr. Movgenzsituug".) In heutigen Sitzung der Ministerpräsidenten und Staatspräsidenten gab der Reichskanzler die deuffche Note bekannt und er- Wrte hiebei u. a.: ,Mit der Ueberreichurvg der Note unternehmen wir einen Schritt, von dem das Ablehrsystem von Haß und Feindschaft uüd der Wertvernichtung ab hängt, einen Schritt, der dem Wiederau fbau dienen soll, während sein Mißlingen weitere Vevschaffung:des Abwehrkampfes und Vermehrung der Lasten M M Reyarationen bedeutet, und M beide Teile innere BÄäMng- und'. Erschütterungen auslösen könnte, die für Europa nud dre WÄtvoller Gefahren sein würden. Wir w o ll e -u. den F D i ede«>. wir wollten den Frieden, und wollen ihn noch. Aber der Preis? dafür muß zahlbar sein, es müssen Bedingungen sein, M um seve Selbständigkeit nicht antasten , und uns GleichberechttMNg.. und Freiheit wiedergeben und die uns mit der Sichecheit Sanktionen und Pfänderpolitik zugleich die alleinige Möglich*, kert zum friedlichen Wiederaufbau und zur Zahlung unserer Repavationsschulden verleihen." Franlreich verhandlungrberett? Berlin, 2. Mai. Die „B. Z. am Mittag" meldet aus Paris: Im Minffteriüm des Aeußevn wurde gestern zum ersten Male unumwunden erklärt, man sei damit einverstanden, daß die denffchen Vorschläge an alle Alliierten übermittelt werden und' nicht bloß an Frankreich und Belgien allein, und ferner, daß die Frage der Fortdauer des passiven Widerstandes im Rührgebiet Frankreich daran nicht hindern würde, die denffchen Vorschläge i n Erwägung zu ziehen. Alles hänge davon ab, ob die deuffchen Vorschläge als ,Mftichtig"' angesehen werden können. M Lausanner Konferenz Lansanne, 2. Mai. (Tel. her ,Mr. Morgettzeitmy".) In der letzten Sitzung der politisch e n Kommüssion kam es nach kurzen, rein formellen Auseinandersetzungen über die Kapitullationen.idie;ja emvernehmlich bereits abgeschafft sind, zü längeren.Debatten. über die E inwauderü ng und' die alusländischem Gesellschaften in der'.DWkei.''/.We Türken fordern das Recht der Beschränkung oder des Verbotes, der.Einwanderung nach der Dürkei, wie eS allen anderen Ländern zugestanden wird, während der »^ '"Entwurf diese Möglichkeit für die Türkei nicht Vorsicht. M o n- >a Waliep) widersetzte sich energiW dieser Fodemntz. Man wW versuchen, eine vermittelnde Lösung zu findeU. Ferner widersetzten sich die TüÄen der bedi-ngungSlosen - G l e i ch*. stellung der ausländischen Gesellschaften. Sie verlangen, daß hie ausländischen Gesellschaften, hinsichtlich Niederlasinng, Grunderwerbu-ng uljiw. grundsätzlich den türkischen Gesetzen unterstehen müssen. Auch hier sollen sich di« Sachverständigen Um' eine vermittelnde Fovnrulievimg bemühen, Bezüglich der Beslimmungen der Konvention^ über die gerichtliche Zuständigkeit verlangen die Wrken eine Kooptierung der Haager internationalen Konvention.

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