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Wiener Morgenzeitung · 1923-05-01 · Heft 1514 (1.5.1923) · page 1

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
5 (1923)
Issue
Heft 1514 (1.5.1923)
Date
1923-05-01
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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>'<?' v** <1 >.' **l. ElnzdmmnnnrKlOOO Wien: Zum Abholen in der Expedition,II.,Taborstr. 1-3, oder meiner Verachlcisstello (Trafik) monatl. K 28.000 Mit Postversand für Wien u. Oesterr. monatl. K 28,000 Ta ehe eh o-S1owa kei: Mon. K17. Ungarn: Mon, K 600. Jugoslawien: Mon. Dinar 35. Polen: Mon. Mk.l2.000.DeutschIand: Mon. Mark 8000. Frankr,, Belgien: Monatl. Frea. 8 WM* Nachzahlungen "WW Wi Preiserhöhungen Vorbehalten *t. llli tentr Wien, Dienstag. 1. Mai 1923 Tschecm* -Slowakei i tschech. K 1a— Italien: Monatl. 10 Lirl Rumänien, Bulgarien Monatl. 75 Lei bezw. Lewa, Schweiz und daa übrige Ausland monatlich Frea. 3 Redaktion u. Administration Wien, II., Tab orstraase 1—3 Telephone: 44-0-38.43-3-19» ab 6 Uhr abds. 19-483,16-301 Tel-Adr.: »Morgenzeitung" Wien Österreichisch es Postspar* kassen-Konto Nr. 150.693 8. Fahrgang Ae vergessene Znternationale. -y. W i c tt, 1 Mal. Diesen Tag Hai das organisierte Proletariat zu seinem Feiertag erklärt, an dem es durch die gewaltige ^Demonstration der Arveitsvuhe seine soziale Bedeutung >vorführt und zugleich in einem wohlgevegelten disziplinierten Aufmarsch seine Bereitschaft verkündet; für seine > politischen Rechte jederzeit in den Kampf einzntreten. In diesem Jahr fehlt aber der Feier die Wucht und die Be- >weisEvaft des Glans. In Italien, in Ungarn ist sie verboten, im Ruhrrevier kann sie nicht statfinden und in der süddeutschen Machtzentvale, in München, treten ihr die. 'Nationalsozialisten mit der Drohung der gewaltsamen Störung entgegen. Die Sozialdöinorvatie erhält heute « viel Gelegenheit, über den Wandel der Dinge nachzusinnen. Ihre Führer müssen den tieferen Grund dieser «Situation suchen und auf die vielen unausgesprochenen iVorwürfe aus den Reihen der Anhängerschaft eine Antwort finden. Sie werden mit dem Hinweis auf die ^Macht des Kapitalismus, auf das Anschwellen der Weltreaktion, auf die durch den Krieg zerstörte Wirtschaft, die > Besorgten aufzuklären versuchen. Aber diesen drei Elementen liegt die große Schuld der Sozialdemokratie selbst. Es gibt kerne Wirkung ohne Ursache, keine politische oder soziale Erscheinung, die für sich alleindaftcht und -nicht eine Etappe oder Folge eines Entwicklungsprozesses ^wäre. Der Prozeß, der der Sozialdenrokvatie ihre heutige -Lage bereitet, ist von ihr selbst eingeleitet worden. Ihre! Haltung zur Kviegsfrage im Jahre 1914 hat sie innerlich gebrochen. Ihr Atrückveichen vor der nationalistischen «Hurra-Parole war der erste Stoß, der gegen ihren für 'die Ewigkeit.gegründeten Bau gefi'rhrt wurd e und ihn bisi in 'stärkste Säule, ihr Stolz, die große, so festgefügte deutsche Or-f, ganisation stürzte in diesen Stunden in sich zusammen. Das Vertrauen einer ganzen Welt in die deutsche Soziawemokratie, daß sie der militaristischen Maschine sich mit Erfolg entgegenstemmen Werpe, wurde enttäuscht. Die deutsche Sozialdemokratie wagte gar nicht den Versuch, und die Blutwalze des preußischen Generalstabes ging zuerst über sie hinweg und zerstampfte die Idee der internationalen SolÄarität des Proletariats. Was immer die Sozialdemokratie während des Krieges versuchte, um die zerstörten Brücken wieder zu liegen, scheiterte an dem gegenseitigen Mißtrauen. In ^Deutschland stimmte die politische Vertretung der Ar-!beiterschaft für die Kriegskredite, in den Ententestaaten jnahm sie verantwortlich teil an der nationalen Verteidij,guitig. Was sie in diesen, Jahren an Terrain verlor, das - «konnte' auch der kurze Zeitraum der Revolution in den «Mittelstaaten nicht mehr erringen und festhalten. Der!Zorn der Massen, die durch das Grauen der Schlachtfelder gegangen waren, suchte zuerst die Abrechnung mit denen,-die sie im Stiche gelassen und den Gedanken der jVökkerbefteiung vor dem Gebot der patriotisch ausgewutzten Kanonenindustrie in die Tasche gesteckt hatten. ^Dieser innere Kampf, der die politische Sterilität der Führer vor aller Augen enthüllte, war die zweite Probe aus die Adhäsionskrast der sozialen Demokratie. Sie «wurde nicht bestanden. In Rußland siegte der Kommu- Inismus, in Ungarn und in Bayern setzte sich nach dem Scheitern des kommunistischen Zwischenspiels die Reaktion recht fest in den Sattel, in Italien konnte die Schwerindustrie mit Hilfe der nationalistischen Phrase die sozialistische Organisation sprengen. Daß es so weit gekommen,'ist nicht gut für die Sache des Friedens und des ruhigen Ausbaues der Wirtschaft. ^Aber auch auf diesem Gebiete hat die Sozialdemokratie steine aufbauende Tätigkeit entfaltet. Sie hat, um ihre , «politische Autorität bei den Massen zürückzugewinnen, 'es mit dem Uebergang zum nationalen Bekenntnis versucht, sie hat jede Verteidigung der großen sozialMschen Idee von der Gleichheit der Menschen und von der So- Kdarität aller UnteÄrrückten eingestellt. Gerade in den Maaten, in denen sie die Mission der versöhnenden Idee des Sozialismus zu erfüllen hatte, in.'den. neuen Minojritätsstaaten, hat sie die Politik der Kompromisse > mit' «den übelsten Hetzparolen emgeschlagen und der.Reaktion,' die sich an den Fehlern der Führung des Proletariats^ gütlich tut, M Konzession des Antisernitisntus und. des Patriotismus gemacht. Die Folge all-dieser Abirrungen war die Abwanderung der Jntellcsttnellen -in das Unpolitische. Die Sozialdemokmtie ist - innerlich arm geworden. Sie hat den Nimbus der Unhösiegtbarkeit verloren und steht in der taktischen Defensive» ' Der Kamps um den nahen Srient. Bagdadbahn und Khester-Berttag. Der Khester-Berttag uuterzeichuet. London, 30. April. (Havas.) Wie die Blätter aus Konstantinopel melden, sei das Chester-Abkommen in Angora unter z e i ch n e t worden. Admiral C h e st e r war durch einen Spezialdelegierten vertreten. Re Men mt der syrischen Grenze. Paris, 29. April. (Havas.) Die französischen Kreise beschäftigen sich lebhaft mit der Anwesenheit von zwei türkischen Divisionen, zu deren Verstärkung, wie gemeldet wird, zwei oder drei weitere abgegangen sind, a n der syrischen Grenze. Man ist der Meinung, daß diese Truppenkonzentration, die eine Verletzung des Vertrages von Angora bedeute, einen Druck auf Frankreich in dem AugeMick bezwecke, wo die Verhandlungen in Lausanne wieder ausgenommen werden. Diese Haltung sei unzulässig, da die französische Regierung jederzeit der Tüickei ihr Wohlwollen bewahrt habe, und stehe im Widerspruch zu dem höflichen Ton, den JsmetPascha in Lausanne einhalte. Auf Gmnd der Konferenz zwischen dem Ministerpräsidenten P o i n c a r e und den Generalen W e y g a n d und Pelle werden wahrscheinlich zwei neue Kolonialdivisionen nach Syrien entserwet werden. Möglicherweise wird man Großbritannien einladen, sich denzur Sicherheit Mesopotamiens getroffenen Maßnahmen anzuschlietzen. London- 30.' ^^l. (Tel. bk; „Wr. Morgenzeitung".) Die zwischen der deutschen Finanggruppe, welcher die Majorität der Bagdad bahn-Aktien gehört/ und einem Schweizer Konsortium wegen Ankaufes der Aktienmajorität geführten Verhandlungen sind. zum Abschluß gelangt» Die gesamte Interessensphäre der Bagdadbahn geht nunmehr, an das Schweizer Kapital über. Der Kaufpreis ist vorläufig noch nicht bekannt. Doch ist er ein den jetzigen Verhältnissen entsprechend hoher. Die Den ts ch e Bank, welcher die meisten Aktien gehören, wird diese in den nächsten Tagen an das neue Konsortium übertragen Damit fallen nicht nur die Bagdadbahn allein, sondern alle mit dieser Lime zusammenhängenden Konzessionen an Schweizer Besitz. Der Verkauf' ist mit Wissen und Bewilligung der türkischem Regierung, welche von dem Abschluß sofort in Kenntnis gesetzt worden war, geschehen. In Londoner finanziellen Kreisen verlautet, daß btt Schweiz wohl als Käufer figuriere, tatsächlich aber nicht der eigentliche Kättfer sei. Die Schweizer Bankengruppe bilde vielmehr nur den Treuhänder für das Konsortium, welches hinter dem Chester-Abkommen steht. Um nicht den Argwohn Frankreichs zu erregen, habe die amerikanische Chester-Gruppe die Schweiz in den Vordergrund gestellt. Diese Gruppe habe deswegen-ein wichtiges Interesse an dem Besitz der Vagdabahn, weil sie damit nach Ausbau ihres anatolischen Eisenbahnnetzes über das gesamte Eisenbahnnetz Kleinasiens und Mesopotamiens verfügen,Wrhe und damit tatsächlich die gesamte Bergbauproduktion dieser Gegenden, besonders die reichlichen Erz- und Erdölvorväte, in ihre Hand bringen würde. Dadurch ist ihr die- Möglichkeit zur Exploitierung;be& gesMtemDdlichen Schwarzen Meer-Gebietes, des iih? . chck^McheN/Grertzgphietes und auch, des zWdens Kleins asiens bis nmh Syrien: D^-fi^-ösische -Zü- - teressensphäre .würde dadurch vollkommen eingekreist werden. Damit erlangten aRr au'H' die Küsten Palästinas für den Verkehr Asiens erhöhte Bedeutung., Pafir mit der Kabinettsbildung betraut. Belgrad, 30. April. (Tel. d. ,Mr. Morgenzeitung".) Ljuba Davidobic, der Führer der Demokraten, hat die ihm übertragene Mission der Kabinettsbildung zurückgelegt, da es ihm nicht gelang, eine Koalition mit den R a d i k a l e n zu erreichen. Ueber Vorschlag Davidovic' wird der König eine gemeinsame Konferenz der radikalen und demokratischen Führer einberufen. Belgrad, 30. April. (Abala.) Nachdem der Führer der Demokraten Ljuba Davidovic nach Beratung mit seiner Gruppe das Mandat'der KabinettsbÄdurg zurückgelegt hatte, betraute der König zum zweiten Male Pa s ic mit der BÄdu«ng eines Kabinetts der parlamentarischen Aktion. Es scheint, daß die' Lösung der Krise bevorstche. 8in jugoflawifcher Hafen in SalouR. London, 30. April. (Reuter.) Die „Times" melden aus A t h^n, die jugoflaiwische Regierung habe den griechischen Vorschlag angenommen, wonach Jugoslawien das Recht eingeräumt«wird, in Saloniki einen Hafen zu errichten. Der erste Mai. Milchen, 30. April. Die bayrische Staatsregierung, dementiert die, Gerüchte, daß siedie vaterländischen Verbände aus Anlaß der morgigen Maifeier zum Schutze der Ordnung aufgerusen habe. Bisher seien keine Anhaltspunkte gegeben, daß es am ,1. Mai zu- Zusammenstößen kommen .werde.,Die Staatsregierung werde erforderlichenfalls Ovdnungsstörungen mit,allen .polizeilichen Machtmitteln begegnen. V Paris, 30. April. Wie die Blätter melden,' werden am 1. NLai nur die C h a u f f e n t e. * der Autotaxi und Mt B a uu n d Metallarbeiter nicht arbeiten. Die Transportgewerkschaften haben beschlossen, den Verkehr zu einer bestimmten Stunde während z e h n, Min ü.t e n einzustellen, doch werden sämtliche Verkehrsmittel tagsüber funktionteren. . Budapest, 30. April. (TeL d. ,Mr. Morgenzeitung".) Die Polizei verständigte -heute die Gewerkschaften, daß auch Einzelversammlungeu verboten sind. Die ungarische Arbeiterschaft, feiert daher dieses Jahr den 1. Mai nur durch allgemeine A rb e i ts e in sie l l n n a Kn müomler Friedenskongreß in Frankreich. Paris, 30. April. Wie die Agenee Havas erfahrt, wird am 5. Mai in Paris der natronale'franzöfischt Friedenskongreß eröffnet werden. Aus der Tagesordnung stehen unter anderem die Reparationsfrage, die Besetzung des Ruhrgebietes, die französisch-deud schen Beziehungen, der Friede i-m Orient, die englisch-ftanzösischen Beziehungen, Finanzlage und Teuerung in Frankreich, gegenwärtiger Stand des Völkerbundes, Gewerkschaftswesen und Parlamentswahlen. stmzon - Lawr Vertteter. London, 30. April. (Reuter.) Nach dem „Daily EK preß" werde Lord Curzon in Abwesenheit Bonar Laws interimistisch die Geschäfte, des Premierminffters führen. Die deutschen Borschlöge an die AMerten. Berlin, 30. April. (Tel. d. „Wr. Morgenzeitung".) Wie jetzt als feststehend angesehen werden kann, werden M Erörterungen der Ministerpräsidenten und Staatspräsidenten mit dem Reichskanzler über das deuffche Angebot anläßlich der Curzon-Nede Dienstag nachn.ittags drei Uhr beginnen. Reichsaußenm-inister Rosenberg wird von dem Inhalt der deutschen Note an die Allierten Kenntnis^ geben, die Note selbst soll Mittwoch vormittags in den Haupfftädten der alliierten Mächte überreicht werden. - An die Besprechungen der Min-rsterpräsidenen und Staatspräsidenten wird sich vermutlich die Zusammenkunft mit den P a r t e i s ü h r e r n anschließen. Pessimismus i« Frankreich. Paris, 29. April. (Wolff.) „Jntransigeant" schreibt. Niemals «waren wir weiter davon entfernt, uns zu verstän- ,digen, als jetzt. Die angekündigten Verhandlungen sind nicht ernst zu nehmen, denn sie kommen zu früh. Deutschland fühlt sich noch nicht genügend besiegt, um die Knie zu beugen. Wenn a-m Mittwoch Vorschläge kommen^ werden die, französische und die belgische Regierung gut beraten sein, wenn sie Deutschland antworten: „Beweise erst deinen Friedenswillen, ordne das Ende. der 'Widerstandspolitik im Ruhrgebiet an. Solange dies nicht geschehen fft, weigew wir uns, auch nur eine Zeile deiner Miltülungen zu lesen-"

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