Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 5 (1923)
- Issue
- Heft 1511 (28.4.1923)
- Date
- 1923-04-28
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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, / glfo 4 Men, Samstag ' Fnmttrich in Syrien. Englische Befürchtungen. London, 27. AM. (berliner Tageblatt." Die Cr« vewmng General Wehganbs^zum Oberkvrmniffär in Syrien veranlaßt im.Zusammenhang« mit der Haltung Frankreichs gegenüber den Türken und der Reise des Mar« schalls Foch nach Warschau und Prag, die ,Hall Mall Gazette" zu einem sensationell ausgemachten Leitartikel: „Geht Frankreich auf einen Krieg avs?" Die Stellung Frankreichs in Shr'ien sei schwergenug, wenn nicht verzweifelt. Deshalb müsse General Weygarrd durch seinen Namen und seinen Ruf das franzofische Prestige im Osten wiederherstellen. Die nötigen- Truppen werde er aus verlangen erhalten. Das sei die Bedingung, unter der er den neuen Posten angenommen habe. Wenn daher A n g o r a sich dem französischen Mandat in Syrien nicht füge und die französischen Kon* Zessionen nicht anerkennen wolle, würde es nicht überraschen, wenn Griechenland Ostthrazien unter der Leitung Frankreichs wiederbesetzen würde. Ein volljkomm e nerer Fr o n t we chs el, als Frankreich ihn porgenommen habe, sei nicht auszudenken. Noch vor sechs Monaten hätte sich kein Grieche in.Paris sehen lasten dürfen, ohne sich Beschimpfungen auszusetzen. Vor vierzehn Tagen aber habe der sonst so kühle und zurückhaltende Poincare den Außenminister des griechischen revolutionären Kabinetts, das Curzon nicht anerkenne, aufs herzlichste begrüßt. Vor einem Jahre seien die französischen Offiziere in Sofia für die Beibehaltung der bulgarischen Dienstpflicht' und die Bewaffnung eingetreten. Heute bestünden sie auf strikter Durchführung der militärischen Bestimmungen des Vertrages von Neuilly, und den Türken gegenüber, die die Franzosen vor einem Jahre noch als Bundesgenossen betrachtet hätten, verfolge Frankreich heute die Politik des großen Stockes. Durch all dies, ' so folgert di» „Pall Mall Gazette", sei eine völlig neue Lage geschaffen worden. Diese neue Lage müsse die englische Regierung berücksichtigen. (Siehe an leitender Stelle. Red-> Sie Lausanne! Konferenz. Ankunft eines russischen Beobachters. Lausanne, 27. April. Der Führer der russischen Handelsdelegatüm in Italien W o r o tv s k i ist gestern hier ein- Zetroffen, um den Verhandlungen der Konferenz während ihrer ganzen Dauer als Beobachter beizuwohnen. Eintressen General Weygands. Lausanne, 27. Aprll. General Weygand wird am 1. Mai aus Paris hier erwartet. Er wird mit General Pell« Besprechungen haben und vor seiner Abreise nach Syrien, wo er den Posten des Kommandanten der Besetzungstruppen bekleidet, Jsmet Pascha einen Besuch ab« statten. Ler tschechisch-ungarische Konflikt. Die Kommission. Prag, 27. April. (Tel. d. „Wr. MovgerHsttrmg".) Für die Kommission, welche die tschecho-slowakisch-ungärffchen GrerHzwrschenfälle zu untersuchen hat, haben beide Regierungen 'bereits die Mitgliä>er ernannt.' Me tschechischen Kommistionsmitglieder frnb: Legationsrat Kuenzl- Jizersky, Ministevialmt Dolesch und Oberst Zdenko Novak; vou.ungarischer Seite fungieren als Mitglieder der Kommission: Legationsrat Rüdnah, Pizeigefphn Szentrmreh und Oberst Koller. Beide Kommissionsgvuppen werden Sonntag mittags in der Gemeinde Hrm Zusammentreffen. Die Lage an der tschecho-stowaLisch-ungarischen Grenze hat sich noch nicht verändert. Die Fahrkartenausgabe und Gepäcksabfertigung erfaßt nur bis an die Grenze. Der Postverkchr wickelt sich nach wie vor n o r-> mäl ab.. Bis zum 26. d. -wurden in der Slowakei 54 Ausweisungen vorgenommen. Die Betroffenen rekurierten an das Ministerium, sie wurden jedoch mit ihren Beschwerden ausnahmslos abgewiesen. Dadidovir mit der Kabinettsbildung betraut. Belgrad, 27. April. Heute vormittags wurde der Chef . ves demokratischen Klubs Davids vre vom König in Audienz empfangen. Der König erklärte, daß P-a s r e gestern abends ihm mitgetellt habe, daß er keine Koalit r.o nsregierung bilden und sein Programm nicht mit den Bedingungen des demokratischen Klubs m Einklang bringen könne, weshalb er auf seiner Demission beharre. Der König betraute Ljuba Davidovic mit der Bildung einer Koalitions-, Arbeits- und Wahlrogiemng. Davidovic nahm das Mandat.an. Sonar Law geht nnf Wolnng. . Londvtt, 27. Aprll. Premierminister Bonar Law wird mit Genehmigung des Königs auf ärztliches Anraten eine kurze Seereise unternehmen. Er beabsichtigt, noch vor dem Zusammentritt des Parlaments nach Pfingsten zurü^ukehren. D« Aerzte hoffett, daß der Premier den voll er» Besitz seiner Stimme erlangen werde. Dublin, 27. April. Das Hauptquartier der Aufftäwnschen hat heute abends die allaemeine Einstel- Mna der Feindseligkeiten cmgeordmt- Wiener Morgenzeitnns. '~~\7 v-^7— "■ r-r. Persische Teppich YahanJsbetchirtan & Co. Wim, Z. JFührlchgasse & in FhiUfphcf Direktester Import, reichste Auswahl an: Reschan f Roiicharci } Täbris / Schwas Beludsch / Schirwan / Kamk Ki/rman etc. Verkauf en gros 378 Verkauf en detail Telephon Nr. 711/11 i Mnffolini Wer die Rnhraktion. Rom, 27. April. Im Ministerrat berichtete Mussolini über die auswärtige Politik, wobei er insbesondere auf die.angekündigte deutsche Note'in der Ruhrangelegeuhe.it verwies, die eine umfangreiche diplomatische Aktion verursachen könne. Der Ministerrat hat den Antrag des Ministerpräsidenten angenommen, das Ministerium für soziale Fürsorge auszuheben und seine Agenden dem Handelsministerium zuzuweisen. Eine Rott Poinrares Wer die deutsche Schutzpolizei. Berlin, 27. April. (Tel. L. „Wr. Morgenzeitung".) Die von P o i n c a r e in.seiner Sonntagsrede angekündigte und dem deutschen Geschäftsträger in Paris übergebene Note ist vorgestern durch Kurier in Berlin eingegangen und im Laufe des heutigen Tages veröffentlicht worden. Es handelt sich in der Note nm die Beantwortung eines Schreibens der deuffchen Regierung, worin diese zu fünf Forderungen Stellung nimmt, ' die die Alliierten am 29. September in der Angelegenheit der S ch u tz p o l i z e i erhoben haben. In der neuen Note werden Verhandlungen mit der deuffchen Regierung über diese fünf Stipulationen äbgelchnt und schnelle und vollständige Ausführung der Forderungen dzrlangt. Haag, 26. April. (Havas.) Die Kammer hat das Budget .des Auswärtigen angenommen: Im Laufe der Debatte trat der Deputierte Jonkher Wittert van Hoogenland für die Forderungen der- M inorität en in Ungarn, der Tschecho-Slowakei und Rumänien ein und verlangte die Schaffung einer besonderen Kommission des Bölke rbun d es, die sich mtt der Entgegennahme und der Prüfung der Beschwerden der Minoritäten beschäftigen und sie dem Böllerbundrat unterbreiten soll. Ministerpräsident v. Karnebeck erklärte, die Regierung werde den Vovschlag Wittert im Gedächtnis behalten. 8m neues Finauzinftitut in PMftinn. London, 27. Aprll. (I. C. B.) Der Direktor der Jiüüschen Kolonialbank und Mitglied des Finanz- und WirtschaflSvates.der Zionistischen Organffation Dr. G. Halpern ist am 21. April abends nach New-Aorsk abgöreist, wohin er durch Dr. Weizmann dringend berufen wuvde. Die Reffe Dr. Hal-Perns steht in Verbindung mit dem. Plan zur Schaffung eines neuen.großen Finanzinstitut s fü r P a l ä st in a, das unter Mitwirkung der amerikanischen Finanzleute Oskar Strauß, Louis Marshall und anderer errichtet werden sÄt.' Aus aller Welt. Mailand, 27. April. Die hiesigen Metallarbeiter haben entgegen dem von der Negierung erlassenen Verbote beschlossen, am 1. Mai die Arbeit einzustellsv. Rom, 27. April. Die Arbeiterkammer in Palermo wurde infolge des Protestes der Sozialisten gegen die Aufhebung der Maifeier von den Faszisten demoliert und dann niedergebrannt. Berlin, 27. April. Der Preis für markenfreies Brot wurde von 1760 auf 2000 Mark erhöht. Mexiko, 27. April. Die. Kammer hat das Petroleum» aesetz angenommen, das bestimmt, daß die vor Juni 1917 verliehenen Konzessionen - innerhalb dreier Jahre erneuert werden müssen. - ‘ New Uork, 26. April. Wie „New York Herald" aus Washington meldet, begibt sich Schatzkanzler Mellon demnächst nach Europa, um mit den wichttgsten Persönlichkeiten der Fiüanzwelt zu konferieren. München, 27. April. Gestern abends kam es zwischen Kommunisten und Nationalsozialisten zu Zusammen« tößen, .in deren Verlauf Hand- und Feuerwaffen nwenduna fanden. Vier Personen wurden schwer verletzt. .Die Kämpfenden wurden von der Schutzmannschast zerstreut. Le Cap', 26. April. Das portugiesische Postpaketboot ,Mossamedes" ist in der Nähe des Cov Trio gestrandet. Ein englisches Paketboot, das zu Hilfe eilte, fand den portugiesischen Dampfer verlassen. Von den 238 Passagieren fehlt jede Spur. Ueber das Schicksal der Schaluppen ist nichts bekannt. '! ♦ „ i ru * m Mim 28. April 1928 R,. IM Selbstmord einer UnwerfiKtrprofeffors. Dör Pvoftffor für Larhugologie Md Rhrnplogie m der medizinischen Fakultät der Wiener Ün-ive-vsität MÜ>. M .Johann Fein hat sich am 25, d. in feinet Wohnung, 1. Bez., Bösendorfergasse 6, vergiftet. Seine Wrrffchaftevin fand an der Türe einen Zettel, auf dem geschrieben stayd: „Ich habe mich vergiftet. Nur Dr. Weiß schonend ve^tLndigen. Ja keine WiederbelobuugsversucheSie hotte einen Arzt, der Vergiftung durch Morphium und Beronal fest-- stellte. Mau stellte Wiederbelebungsversuche an, jedoch ist Prof. Fei n am 26. d. nachts gestorben. Einige Zetten von ihm besagen nur) daß er die Tat wegen'eines Leidensbegangen habe. Der Gelehrte soll an einer Mutkrankheit gelitten haben. Me Fleischteuerung. In einer der letzten Gemeinderatssitzungen haben die Sozialdemokraten Skaret und Genossen eine Anfrage au den Bürgermeister wegen der Fleischtenevung gerichtet, welche, da'darin verschiedene Forderungen aufgestM waren, dem Magistrat als Antrag zur Berichterstattung überwiesen wurde. Nuumchr hat toc Magistrat eine ausführliche Aeußerung abgegeben, die * itt Form einer Nesolutton dem Gemeinderat zuw Beschlußfassung vovgelegt werden soll. Darin wird die Bundesregierung aufgefordert, sofort mit Rumänien und mit den Regierungen, der übvigen Swkzessionsstaaten wegen AufheLmrg des Ausfuhrverbotes, be> ziehuingsweise aller Ausfuhrabgaben in Verhandlungen zu treten; die österreichischen Landwirte durch Verhandlungen mit den landwirtschaftlichen Organisationen mit größtem Nachdruck zur vermehrten Belieferung des Wiener Marktes zU veranlassen; die Konttolle über die Ausfuhrbewilligungen , für Zuchtvich sttengstens zu handhaben, zu dieser Kontrolle auch, Konsumentenvevtreter heranzuziehen und die Ausfuhr nur daun zu gestatten, wenn als Ersatz für das ausgeführte Zuchtvieh eine entsprechende Stückzcchl von Schlachtvich eing-esührt wird. Schließlich wird die Regierung aufgefordert, die WarenuwsaWeuer für Schlachtvich, Fleisch- und Wuvstwaren aufzuheben oder zumindest ausreichend zu ermäßigen, da durch diese Steuer die Lebenshaltung der arbeitenden Bevölkerung schwer belastet wird und die hurch sie hervorgernfene dauernde Erhöhung der Neischppeffe zweifelt eine allgemeine Teuerung nach sich ziehen muß. HnliganAerfall auf einen Wenbahnzng bei Kischivew. Bukarest» 28. Aprll. (I. C. B.) Die Generaldstektion der Eiserbahnen erhielt die Nachttcht, daß z w i sch e n K i s ch in e w und T i g h i n a ein, Personenzug von b e w a f fnelenBanditen Überfallen wurde, wobei 5 R e i s end e getütet «nd zahlreiche schwerverwundel wurden. Dem Vernehmen nach trug der Ueberfall cmtisemittschen Charakter, die Opfer scheinen, dem Namen nach, ausschließlich Juden zu sein. Die rumänischen Behörden nehmen an, daß die Bande aus der U k r a i n e h e r ü b e r g e k o m m e n sei. Das Brot um 60 Kronen teurer! Der Bro tp rei8 für die nächste Woche wurde neuerlt^, um 60 K. erhöht. Ein Laib Brot kostet daher von Montag an 8780 K., der weiße Wecken 3080 K., die Semmel 420 K. Es sind dies die höchsten je dagewesenen Brotpreise. Die Erzeuger Lerufen sich auf dgS Empoffchnellen der ' Mehrpreise an der gestrigen Böffe. Kleine Lokalchronik. Auf dem Koblenlagerplatz der „Wihoko" in Matzleins« dorf wurden seit langererZeit planmäßige Holz- und Kohlendiebftähle in größerem Umfange ausgeführt. Sechs Angestellte der Firma wurden verhaftet, darunter der Wagmeister. Der Schaden wird auf 160 Millionen geschätzt. Der 64jährige Beamte Leopold Frankel wurde gestern von einem Auto am Ring beim Uebersetzen der Straße niedergestoßen und schwer verletzt in das Rudolfsspital gebracht.- * Heraus mit dem Frühling! Von rechtswegen vl\ überhaupt hätte es heute am 28. Aprll Frühling zu sein. So ein richtiger, wirklicher Frühling: Es hätte die Sonne zu scheinen, die Menschen müßten frohe Gesichter und ordentlich Sehnsucht nach Wald und starker, würzige^ Lust haben. So müßte es, wenn die gelehrten Herren, die das Weiter machen, recht hätten, von rechtswegen sein. Denn schon lange sind die „Schanigärten" draußen, die Bäume haben schon seit langem ihre neuen Frühjahrstoiletten aus den feinsten zartgrünen Blättern angezogen, überall hat man gestrichen und geputzt, sogar die kleinen diskreten Häuschen, aus welchen jetzt sogar unverfälschtes Deutschtum sein siegreich Banner aufgepflanzt hat, indem es die gute alte, aber fremdländische Bezeichnung durch einen „völkischen" Ausdruck ersetzt hat, sogar diese haben eine funkelnagelneue hellgrüne Farbe angenommenalles dem Frühling zu Ehren. Im Hause hat der im zweiten Stock ' wohnende Violinlehrer mit seinen Schülern schon längst „Der Lenz ist gekommen..." eingeübt und die nebenan wohnende Dame, die durch Kraft ersetzt, was ihrer Stimme an Wohllaut fehlt, hat mir schon wiederholt eindringlich'genug versichert: Der Lenz ist da! Ja, wo ist er denn der Lenz?,. Wo ist er, frage ich, denn meine Mitmenschen haben längst ein Recht darauf, daß eS Frühling wird. Jawohl, ein-Recht! Wir fühlenuns alle um dieses Recht betrogen, wmn man den trüben Himmel sieht, wenn die Sonne sich, beharrlich hinter dicken Wolken verbirgt. Hat man den Frühling etwa aus Erspanmgsrucksichten auch abgebaut? Oder vielleicht hat der hinuulische Betriebsrat vergessen, die Sendboten des. \ . - ,