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Wiener Morgenzeitung · 1923-04-27 · Heft 1510 (27.4.1923) · page 1

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
5 (1923)
Issue
Heft 1510 (27.4.1923)
Date
1923-04-27
Page
– (sequence 1)
Language
German
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inzelmunmer ftlQQo Fie»: Zum Abholen in der fxpedition, II.,'Taborstr. 1-3, per in einer Verschleisstelle jrafik) monati. K 28.000 £t Postversand für Wien u. ^esterr. monati. IC 28.000 fscliech o-Slowake i: non.K17. Ungarn: Mon. L 600. Jugoslawien: Mon. Dinar 35. Polen: Mon. Uk.l2.000.De«itschland: Hon.Mark 8000. Frankr., telgien: Monati. Frcs. 8 sV Nachzahlungen "UW bi Preiserhöhungen Vorbehalten 9t». 1510 Die Passive ReWmz. —y. W i e n, 27. Avril. Am 20. April hat der englische Minister des lleußern im Oberhaus seine Erklärungen zur R-uhrfvage Abgegeben. Am 22. April verbreitete das deutsche offi- Jiöfc Wolsf-Bureau eine Mitteilung, daß die Reichsregierung Curzons Rade als eine wichtige Politische Tatsache betrachte, und m Erwägungen über ihren Inhalt md die aus ihm zu ziehenden Folgerungen emgeireten ei. Am folgeren Tag hielt der Reichswirtschaftsumister Becker in der Frankfurter Handelskammer eine siede, in der er die Möglichkeit von Verhandlungen mit Frankreich erörterte. Seither ist es wieder still geworden. Zwar wird aus berlin Tag für Tag über neue Erwägungen der Regiem-ng berichtet, aber zu einer Tat ist man noch nicht gesommen. Lord Curzon hatte in seiner Oberhaus-Rede mseinandergesetzt, daß für England bei aller Würdigung str krisenhaften Zustände in Europa doch das Bündnis ml Frankreich Grundlage der Politik bleibe. England könne darum keinen Schritt tun, den man in Frankreich mfreUndlich deuten könnte, haltb sich aber zum Einreisen bereit. Diese «deutliche Einladung wurde in Deutschland überhört. Man trat in Erwägungen ein. llls sich kein Resultat zeigte, kam am 24. April eine unnutige Reuter-Auslassung, die Deutschland die gefährliche Situation deutlich machen sollte. Es wurde gesagt, Daß England «icht die Rolle eines Vermittlers übernehmen könne und daß Deutschland sich direkt an Frankreich wenden müsse. Gestern wurde diese Aeußevung Durch eine Londoner Note der französisch-offiziösen bavas-Agentur wiederholt. Dieser Sachverhalt ergibt deutlich, daß die dmtsche Regierung wieder im Begriffe licht, eine gute Gelegenheit zu versäumen. Die politische Situation Deutschlands nähert sich ivieder einer Entscheidung,, urw es ist zu konstatieren, daß mch diesmal die leitenden PersonliDerten nicht in vW' (er KenmmS der Stimmungen auf ser Gegenseite ffctfc,: Bk hoffen wieder, auf den enMch-fvaMsischen Gegensatz in d« Orientsrage, und vergessen, hast oiest Hoffnung im Verlauf des Reparationsstwites schon ein dutzendmal fchlgefchlagen hat. Es ist so wie im Weltkrieg. Inr Sommer des Jahres 1917 erwartete alle Welt von Deutschland die offene EMarung, daß es auf Annexionen und Kontributionen verzichte. Aber der grämte Reichstag und der Kanzler — es war dies Herr Michaelis — drückten sich. Im folgenden Jahre hätte eine loyale Aeußerung über Belgien zum Frieden führen können. Aber der Kanzler Hertling blieb bei dem Faustpfand, weil die Stinnes- Leute nicht ohne die belgische Küste zu leben geschworen hatten. Diese Einflüsse sind auch jetzt im Besitze der tatsächlichen Macht. .Man verlangt aus London deutlich genug von der deutschen Regierung nicht mehr als eine rückhaltslose Mitteilung darüber, was sie leisten und wie sie ihre Zahlungen verbürgen tvolle. Vergebens. , - Nun hat in der Zwischenzeit Frankreich einiges getan, um wohl nicht Deutschland, wohl aber England einigermaßen entgegenzukommen. Anfangs April erschien Herr Loucheur zu einem Privatbesuch in London. Er sprach mit Bonar Law, mit dem Schatzkanzler, mit Lloyd George, dem Führer der Liberalen, und mit Lord Derby, dem frankophilen Konservativen. Nach seiner Rückkehr konferierte er mit dem belgischen Gesandten in Paris und es folgte dann die sranzösischchelgische Ministerbesprechung, in der zum ersten Male eine Formel über die etappenweise Räumung des Ruhrgebietes besprochen wurde. Und auch Lord Eurzon, ■ der einen Kankheitsnrlaub in Frankreich verbrachte, hielt sich auf der Heimreise in Paris aus. Als er wieder vor das Oberhaus trat, hielt er seine Rede, „die Tür ist offen". Es find also, ivie die. Aufzählung der Daten bezeugt, alle Versuche gemacht worden, einen Ausweg aus dem Ruhrsumpf zu suchen und noch vor den offiziellen Schritten Deutschlands, die nian erwartete, eine mögliche Basis für Verhandlungen zu schaffen. Es ist evident, daß Frankreich, dessen politische Atmosphäre durch die Extratour der Türken mit elektrischen Spannungen erfüllt ist, die Hände frei gekommen will. Die passive Resistenz Deutschlands hat dies bisher verhindert. Für das Ende dieser Woche ist die Ueberreichung einer deutschen Note an die Kabinette von Paris, London. und Brüssel angekündigt. Sollte auch sie, wie mitgeteilt wird, die Nennung einer bestimmten Summe unterlassen, dann wird es offenkundig sein, daß die Hakenkreuzlerei endgültig gesiegt hat und mit ihr der Standpunkt jener, die an dem Elend der deutschen Mark profitieren und den Krieg gegen den deutschen. Steuerträger und Arbeiter fortMren.wollenu Tschec4o*4SlQwak«ti r Sschech. K 1.— Italien: Monati. 10 Lire ■ Rumänien, Bulgarien Monati. 75 Lei bezw, Lewa, Schweiz and das übrige Ausland monatlich Frcs. 3 Redaktion u. Administiatioi Wien, II., Taborstrasse 1 —S Men, Freitag, 27. April Telephone: 44-0-38,43-3-19, ab 6 Uhr abds.19-483,16-301 Tel.-Adr.: ,Morgenzeituiig'' Wien Oesterreichisches Postsparkassen-Konto Nr. 15Ö.693 9. Fahrgang mv euuiuuuci numtimi. Sie territorialen Stögen. Lausanne, 26. April. Im politischen Komitee lvuvde gestern nachmicags vorerst die Frage der Insel Cg st e lor i z o behandelt. Die Insel war bÄanntlich Italien zugesprochm worden, ,die Türken erhoben aber Anspruch daraus. Der italienische Delegierte lehnte eine Erörterung dieser Frage a u s d a s b e st i m nt t e ft e a b. Die Türken machen geltend, daß sich die Insel in ihren Territoriälgewässern befinde und deshalb eine integrierenden Bestandteil ihres Gebietes darstelle. Beide Parteien verharren vorläufig noch ans ihrem Standpunkt. - Artikel 16, der von den Gebieten handelt, die die Türkei abtreten mußte, wurde an die Juristen, verwiesen. Die Türken verlangten die Souveränität übev die Donauinsel Ada K a l e bei Orsova, in der Nähe des Eisernen Tores, was von den'Alliierten abgelehnt wurde. Bei Artikel 21, der Gpezialbesümnrungen über die MeevengenkowLNtion enthält,' wies Jsmet Pascha daraus hin, daß zur Unterzeichnung auch die Vertreter der Uferstaaten des Schwarzen Meeres einschließlich Rußland herangezogen werden müßten. Die' Bestimungen des Artikels 25 über die türkischen Behörden wurden an die Juristen verwiesen. Im allgemeinen konnte in der Form eine leichte Entspannung wahvgenommen werden. Der zweite Teil der Konferenz. Lausanne, 26. April. (Tel. der „Wr. Morgenze-rtung".) Wahrend die offiziellen Verhandlungen zwischen den Mnerten und den Türken ihren Gang nehmen, spielen sich außerhalb der Konferenz bodeutfmne Vorgänge ab, die am besten Lurch folgende zwei Tatsachen gekennzeichnet werden: 1. Das ProM Chester, vyuchem k aum gefproch e an das mMHer u W o m e h r dLnkt. - W > Ar aNzof e n scheineuenMlWwW 'GeleßMert toa&t bietet, diese' F.v a ü MzKw eMeG . dich mochten sie gleichzeitig allW ve^meiden, was die Beziehn n gen zu Amerika trüben föratfe. 2. Die Aenderung in den griechisch-türkischen Beziohunge n. Man war nicht wenig Werrascht, zu hören, daß V enizelosIsmetPascha einen Besuch, abstrftete. Da Jsmet Prscha gerade abwesend war, hinterlietz Venizelos seine Karte.. Infolge dieser Höflichkeitsbezeigung erwiderte Jsmet Venizelos den Besuch, und wenn man auch nicht erhoffen kann, daß die Leiden Staatsmänner m sveuichschrftlicher Weise über die verschieden«! Probleme des nahen Orients konferierten, so kann man dich festftellen, - daß sich etwas in. den griechisch? türkischen Brp rhungeN d e r Li t s geä n d e r t hat. Jsmet Pascha über Las Chefter-ASkommem Lausanne, 26. Aprll. (Del. der „Wr. Morgenzellung*.) Von amerikanischer Seite werden die Unterräungen zwischen I s rn e t P a s ch a und General Pelle betreffs de? Projektes Chester wie folgt dargestell-t: Jsmet Pascha erklärte, daß dst Türkei bereit sei, anzuerkeuneu daß sie tatsächlich im Jahre 1914 die Konzession zum Bau des Häsens von Samsun und der Cistnbahnlinv S a m s u n—S: w a h gewährt habe. Er fügte jedoch hinzu, daß die Türken nun der Ansicht sind, -daß durch die Datsach' der Nichtlcistung der vorgesehenen Garaor-tren durch die Franzosen sie von diesem Abkommen frei sind, demwch diese Privilegien den Franzosen unter der. Bedingung überlassen, daß diese Konzessionen zu den iw Abkommen oo».r Jahve 1914 vovgenommenen Bedingmrgeu ausgeführt werden. . Die Französen und die Konzessionsfeage. Lausanne, 26. April.. (Tel. der. ,Mr. Morgenzertnng".^ Eine Delegatou von französischen Konzessionären ist am Mittwoch von Paris nach K o n st ä n t i nö p e I ^abge- .refft, um do:t Verhandlungen mit der türkischen Regierung anzubahnen. Wenn diese Berhand- - lungen in Kanstantinopel oder Angora nicht den: gewünschten Erfolg Häven sollten, so ist vorauszusehen, daß dieses Problem in Lausanne aufgerollt werden wird. In jedem Falle iverden sämtliche Konzessionen, die . den Franzosen bis zum Jahre 1914 gewahrt wurden, von neuem aufs Tapet gebracht werden. Die Tütken evkennen rüWalilos an. daß sie von den französffchen Konzessionären :eiye Smnme pow ieiner halben Milliarde Franken -- ev-, »rjlv.^ .■ ■■ ' RuMaird und die Konfevenz. . Lansaune. 26. April. (Tel. der ,Mr. MorgKnzertung"4 Äie Erklärungen Jsmet Paschas in der ersten Komnsiffiou bei Behandlung der Meerengenfrage über die Haltung Rußlands haben große Ausinerkfamkeit erro^t. Man erblickt darin 'ein Anzeichen dafür, daß Rußland seine ■ ^Haltungzu ändern und den B e rtrag zu.unterzeich neu beabsichtige. Daher wird die.Rückkehr der russisches Delegation nach Lausanne als wahrs ch einlich angesehen. Diesmal wird aber nicht T s ch t.± sch e r i n, sondern Wo ro V s k r Chef der russischen DÄ-egatio-n sein, der auch bei der ersten Lausanner Konferenz anwesend wau Re deutfchvölüsche Psrter vor dem Staatsgerichtstzos. Leipzig, 26. Apvff. (Wolff.) Der Staatsgemchishof zum Schutze der Republik verhandelte heute über die Be-- schwerde ^r Deutfchv ölkischen F reihe itspartei wegen der Auflösnngsverfügung der Muffterien ,des Innern von Preußen,. . Sachsen mä> Thüvmgeu. Die ' Auflösnngsverordnung war damit begründet wordm, daß. es -sich bei der DeutschvMschen Freiheitspartei - um eine versteckte Fortsetzung einer Anzahl vonverbotenen Verbänden Handke, so der Mtiomlsozialiskffchen Arbeitevpartei, des Rationalverbandes deuffcher Soldaten und anderer. Ferner habe sich die Partei der Führung Hitlers unterstellt und habe die Beseitigung d e s P ur l amentarismus aüs grwalffamem Wege verfolgt. Mgeordneter v. Cleve erklärte, die Gründung seiner Partei habe den Nätionalverband deutscher Soldaten nicht vor der drohenden Auflösung schützen sollen. Mit der Mtionavsozialfftischen Arbeiterpartei sei lediglich ein Freund scha ft sabkommen geschlossen worden ohne Verschmelzung mit dieser Partei mfo ohm die Unterstützung Hitlers. Die Berscmnnlung in Wannsee sei bloß ein harmloser Bierabend gelvesen, bei dem Roßbach nur eine kameradschaftliche UnterhaltMg gepflogen >habe. ' Mn diese Aussage schloß sich-eine längere Erörterung, bei der. von den Beffitzew'ches^ Staatsgecichtshofts Heine und Müller-Frank e n besonders auf' den Umstand . verwiesen wurde, daß zu dieser Versammlung, die «te harmloser Bierabend, LrzichungAveise eine Geburtstag» stier-für einen gewissen Heiwn Dettenborn gewesen sM - soll, Angehörige der Reichswehr aus dem Reiche zusammengekommen waren. Die Begründung des Verbotes. Leipzig, 26. April. (Tel.-Komp.) An der Verhandlung selbst nahnren außer einem Vertreter des Reichsmnew Minfftermms auch Vertreter der genannten drei übrigen Ministerien teil. Für die DeütschvoKffche Frei-- haitspartei. waren die Reichstagsabgeordneien Wulle, Henning und Graefe sowie Graf Re ve nt low «schienen. Aus den Mitteilungen des Berichterstatters des ' Staatsgerichtshofes über die Gründe zum Verbot geht hervor, daß Lei einem in Schlesien verhafteten Mmn namens Dettenborn ein Anzahl Schriftstücke gesunden wurden, die als verdächtig angesehen wurden mch die Verhaftung hervorragender Mitglieder. der Freiheitspartsi - sowie des Leutnants Rotzbach im Gefolge .hatten. Die Durchsuchung und Beschlagnahme der Geschäftsräume der Partei erfolgt« unter dem Verdachte des H o ch v e r ra t e s und der Bildung ftaatsgefährlich-er Verbände. In der Antwort der Regierung wird eMävt, dir Deutschvölkische Frerheitspartei sei überhaupt keine Partei im eigentlichen Sinne des Wortes, sondern eine Fort» fetzung bereits verbotener staatsgeführlicher Gruppen und verfolgter Umstürzler i s ch e r B e st r e b u n g en. Aus einer im Schreibtisch des Abgeordneten Wulle gefundenen Erlänterung zu dem Ziel der Paraei geht hervor, daß sie eine. revolutionäre Kampsorganisation sei.

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