Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 5 (1923)
- Issue
- Heft 1509 (26.4.1923)
- Date
- 1923-04-26
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Wien: Zum Abholen in der Expedition, II.,Taborstr. 1-3, oder in einer Verschleisstelle (Trafik) monatl. K 28.000 Mit Poatversand für Wien u. Oesterr. monatl. K 28.000 Ts che c ho-Slowakei: Mon. K17. Ungarn: Mob, K60Ö. Jugoslawien: Mon. Dinar 35. Polen: Mon. Mlc.l2.000.Deutschland: Mon. Mark 8000. Frankr., Belgien: Monatl. Frcs. 8 MT N«ohzahlung:«n Sei Preiserhöhungen Vorbehalten Tseheeho •Slowakei t tsehech. K 1»— Italien: Monatl. 10 Lire Rumänie n, Bulgarien Monatl. 75 Lei bezw. Lewa, Schweiz und das übrige Ausland monatlich Frcs. 3 Redaktion u. Administration Wien, IL, Taborstrasse 1—3 Telephone: 44-0-38.43-3-19, ab 6 Uhr abds. 19-483,16-301 Tel.-Adr.:,Morgenzeitung“ Wien Oesterreichisches Postsparkassen-Konto Nr. 150.693 M. 1509 Wie«. Donnerstag. L6. Avril 1928 5. SahrgMg Jas tSrUche SsOirl. —y. W i e », 26. AM. Das Gefecht um den Frieden von Lausanne hat Wieder begonnen. Die Türken haben sich mit sehr kriegerischen Vorsätzen an den Konferenztisch gesetzt und erklären, daß diesmal einem Fehlschlagen der Verhandlungen unbwingt ein neuer Waffengang folgen müßte. In diesem Radikalismus steckt sicherlich viel Pose. Denn die türkische Macht hat, militärisch genommen, in der Zwischenzeit kerne Verstärkung erfahren; auch .politisch ist ihre Position nicht so günstig, als es den . Anschein hat. Die türkische Nationalversammlung hat .sich aufgelöst und das Land steht in einer Wahlkampagne, die alle politischen Kräfte bindet. Dies würde genügen, uni das Auftreten Jsmet Paschas zu erklären. Er bringt aber außerdem die präzisen Vorschläge der Nationalisten zu dem Vertragsentwurf der Großmächte mit, und in diesem Elaborat zeigt sich deutlich die altgewohnte türkisch-diplomatische Gewandtheit in dem Ausspielen der verschiedenen Konkurrenten gegeneinander, denen allerha-nd höchst zweideutige Zusagen in Aussicht gestellt werden. Diese sogenannten Konzessionen, die durch lange türkische Noten bekannt geworden sffrd, haben in England das Mißtrauen verstärkt. Sie haben aber diesmal auch in Frankreich Verstimmung. erregt, die sich zu scharfen Drohungen mit .der Okkupation Smyrnas und zu der Ernennung des Generals Weygand zum Oberkommissär von Syrien verdichtet hat. Die Türkei erklärt sich mit allen auf der ersten Konferenz von Lausanne erlangten Zugeständnissen aus. dem Kapitel der Gerichtsbarkeit über fremde. Staatsbürger einverstanden, lehnt aber jedes Entgegenkommen ihrerseits ab. Sie fordert, daß alle Angestellten fremder Häuser nur Türken sein dü/fen und daß alle Geschäftsbücher in türkischer Sprache geführt werden müssen. So selbstverständlich solche Forderungen seitens eines europäischen Staates wären, so grotesk nehmen sie sich in einem Lande aus, das über die ersten Entwicklnngsstadien der Volkswirtschaft ans eigemr Kraft noch nicht hinausgekommen ist, und dem der Mißbrauch des Kongessionswesens in allen Gliedern steckt. Die Erfüllung dieser Postnlate würde die Europäer vertreiben, aber siir sie keinen Ersatz bringen und ein für die Türken höchst zweifelhaftes Vakuum schaffen. Zugleich aber hat die Türkei alle aus der alten Periode stammenden Konzessionen für ungültig und erloschen erklärt, also eine über alle Großstaaten sich erstreckende Schar von betrübten Kapitalisten in Bewegung gesetzt, die insbesondere in Frankreich sehr laut klagen und der französischen Presse das Signal zu fulminanten' und ebenso giftigen wie geistreichen Gesängen über den türkischen Undank gegeben haben. Diese Lieder haben letzthin in dem Ehester-Vertrag neuen Stoff gefunden, der ein Musterstück der orientalischen Geschicklichkeit in der Behandlung abendländischer Eifersüchteleien darstellt. Die Ottonlan American Development Company, eine amerikanische Gesellschaft, erhält eine Konzession zum Bau einer 4000 Kilometer langen Eisenbahn durch Anatolien und zur Ausbeutung der reichen Lager von' Kupfer, Silber, Zinn, Mcmgau und Schmirgel in einer Breite von 40 Kilometer zu beiden Seiten der Trasse. Dieser Vertrag, der die amerikanische Interessensphäre in bedenkliche Nähe des Mossul-Petroleunrs bringt, wirft alle alten' Abkommen mit Frankreich, ohne sie erst zu kündigen, um. Cs tritt also das Bestreben aus, zwischen Frankreich, England und Amerika Zwist zu stiften, aus dem die Türkei ihre Vorteile ziehen könnte. Das ist die direkte Fortsetzung der Abdul Hanüdschen Politik, die immer ein Dutzend Eisen im Feuer hatte. Es ist anzunehmen, daß . die beteiligten Mächte in Lausanne der Türkei nicht das Schauspiel bieten werden, vor ihren Delegierten zu hadern. Zudem hat Frankreich allen Grund, die Rnhrsovge nicht auch noch durch eine oriewalische Komplikation zu verwirren. Das englische Kabinett hat durch Lovd Curzon nn Oberhaus erklären lassen, daß ihm das Festhatten an der Entente mit Frankreich als das wertvollste Element seiner Politik erscheint, daß also aus diesem Grund eine Einmengung in den deutsch-französischen Streit unterbleiben müsse. Sölbstverstänidttch ist die türkische Frage der Hintergrund siir diese politische Notwendigkeit. Ob aber Frankreich diese Haltung Englands im Orient honorieren wird, nmß sich jetzt in Lausanrre zeigen, wo sich zu erweisen haben wird, ob die türkischfranzösische Intimität durch die Hintechättigkeiten Keil'.als erschüttert Wochen ift Ser Wechisch-unganM Konflikt. Benesch Wer die Grenzsperre. Prag, 25. April (Tel. der „Wr. MorgenzeiLung".) Im Ausschuß für Aeußeres hat Dr. Benesch heute über die Sperre der tschechischen Grenze gegen Ungarn gesprochen und erklärt, baß diese Maßnahme keinen feindseligen Akt bedeute. Die tschechoslowakische Regierung wurde aber zu diesem Schritte gezwungen, da die ungarische Regierung auf all die zahlreichen Noten, die wegen der Grenzzwischensätte in Budapest überreicht wurden, nicht geantwortet habe. Die Schuld liege also auf ungarischer Seite. Die Grenze mußte gesperrt werden, um dadurch Ungarn zu demonstrieren, daß die Lschecho - Slowakei die Herstellung eines normalen Grenzzustanves und Grenzverkehres erzwingen Witt, eines Zustandes, wie er zwischen der Lschecho-Slowakei und seinen übrigen Nachbarn schon feit langem besteht. Konstitmemng einer NntrrsnchnvgÄinnMsskm. Prag, 25. April. (Tel. der „Wr. Morgenzeitung".) Heute wurde die Kommission zur Feststellung des Tatbestandes an der tschechisch - ungarischen Grenze nominiert. In derselben werden je drei tschechische und ungarische Delegierte vertreten sein. Nach der Konstituierung werden sich die Delegierten an die Orte begeben, an welchen sich die Zwischenfälle ereignet haben, um festzustellen, ob dies auf tschechischeM oder auf ungarischem 'BVden^DhMXMMkf'disPrager^t Negierung für ihre Angaben genaue Beweise in Händen hat, ist anzunehmen, daß der Schiedsspruch der Kommission z u u n g u nst e n U n g a rus aussallen dürfte. Biimchk bei Benesch. . Prag, 25. April. (Tel. der ' „Wr. M-orgenzeitung".) Im Abgeordnetenhaus fand sich gestern abends der ungarische Gesandte Baron Villanyi ein, der mit dem Minister des Aeußeven Benesch längere Zeit konferierte. Der tschechische Minister erklärte, daß seine Regierung auf der raschesten Erledigung des Zwischenfalles bestehen müsse. Den Vorschlag Ungarns, die Erhebungen über.die Grenzverletzungen einer neutralen Kommission zu übergeben, könne die tschechische Regierung nicht annehmen. Es wurde schließlich vereinbart, eine aus Ische« chischen und ungarischen Delegierte!: Le« stehende Kommission einzusetzm, die den Zwischenfall von Hidas Nemeti, wo bekanntlich der Finanzausseher S e d l a e e k erschossen wurde, an Ort und Stelle zu untersuchen. Die ungarische Version, daß es sich um ein Feuergesecht mit Schmugglern gehandelt habe, ist vollkommen hinfällig, da man in Prag die Beweise dafür besitzt, daß ungarische Amtsorgaue in Begleitung Bewaffneter auf slowakischem Boden Hausdurchsuchungen vorgenommen haben. Die Grenzsperre gegen Ungarn ist gestern vollkommen geworden. Da die ungarischen Grenzstationen sich weigerten, tschechische Zugsgarnituren über die Grenze zu lassen, Verkehren die tschechischen Züge nicht mehr bis zur Grenze. Diese dldaßregel wird erst Hach Abschluß der Untersuchung aufgehoben werden. Die Ausweisungen ungarischer Staatsbürger haben gestern in der Slowakei begonnen. Es wurde die Anordnung getroffen, daß Arbeiter und politische Flüchtlinge unbelästigt bleiben. Von der Maßregel wurden bisher nur Großgrundbesitzer und Magnaten betroffen. Me Grenzsperre in Kraft. Budapest, 25. April. (Tel. der „Wr. Movgenzeituug") Dir Grenzsperre dauert unverändert an. Ungarische Staatsbürger wachen ber dem Versuch, die Grenze zu übertreten, von den tschechischen' Grenzorganen ausnahmslos zurückaewustn. Aus den Grenzgebieten eintveffende Reisende erzählen daß du an den Grenzstationen von tschechischer Sem getroffenen Verfügungen auf eine längere Dauer der Grenzsperre schließen^ lassen. Heute.hat die tschechische Gesandtschaft auch dre Ausstellung von Durch^isevisas für ungarische Staatsbürger eingestellt. Die Gerüchte, daß die Regierung bereits die Grenze für tschechö-slowakische Staatsbürger gesperrt hätte, wird an kompetenter Stelle in Abrede gestellt. Tschechische Maßnahme« in Me«. Die Vidierung ungarischer Reisepässe in die Slowake? wurde in Wien wie bei allen tschecho-siowakischen Konfulateu ausnahmslos eingestellt. Das Visum zu einer Reise in die übrigen Landesteile der tschechoslowakischen Republik kann für ungarische Staatsbürger nur durch diplomatische Vermittlung erreicht werden. M Sozlslirmits irr Mitte. In dom neu erschienenen Buche von F. Corcos „Israel für la terre biMique" (Patts. Ionve n. Cie.), ans dom wir bereits die Vorrede Pamleves. abgedmckt haben, ist eine /Unterredung des Antors mit dem Leiter des Arlbeiterstnds Bloch- B l n m enthalten, die wir «nsyugsweise Wiedergaben. Urspri'mglich fehlte es an geschulten Facharbeitern, weshalb wir fachliche Produktivgenossenschaften organisierten, welche die Ausbildung von solchen übernahmen. Zuerst gab es eine Kooperative der Zimmerleutc. Sie hatte besten Erfolg und hat derzeit (die Unterredung fand im August 1922 statt), Bestellungen noch für fünf Monate. Die Metallarbeiterschaft entwickelt sich aus verschiedenen Gründen langsamer. Zunächst wegen der deutschen Konkurrenz. Der Markfturz verursachte, daß mau lieber in Deutschland eine Maschine neu. kauft, als eine alte in Palästina reparieren zu lassen. In Haifa haben wir Verträge zum Bau von Fabriken abgeschlossen, z. B. haben wir eine Mühle gebahnt (es ist jene der Societe des grands, moülins). In Europa würden die Arbeiter gegen den Bau von solchen Fabriken sein, hier wünschen wir sie. Wir haben noch kein festgelegtes wirtschaftliches System, wir haben mit der Arbeiterkooperative begonnen. Wir wissen, daß es in Europa Länder gibt, wo däs Proletariat siir diese Form der Aktion sehr eingenommen ist, aber hier haben wir einfach nichts anderes. Wir glauben absolut, daß nur der Arbeiter Palästina aufbauen wird, das ist für uns eine Religion und ein wesentliches Moment/ für die Beurteilung unserer Taten. Die palästinensische Arbeiterschaft betrachtet sich als den einzig zulässigen „Unternehmer" für den Aufbau des Laiches. Wir versuchen, uns in bestimmten Industrien zu konzentrieren. inZbrsondere in. solchen, welche iür das Land spezifisch sein werden. Noch sind die Erfahrungen und die Fähigkeiten einzelner zur Leitung großer Unternehmungen unter uns nur in beschränktem Niaße vorhanden. Wir sind 15.000 organisierte Arbeiter, das ist noch zu wenig zur Auslese. Wir dürfen uns daher nicht an Aufgaben dritten oder vierten Ranges verzetteln. Aber wir wollen gewissermaßen. ,^Festungen" irr Produktion und Arbeit schaffen. . Die kooperativen Bestrebungen, die wir sich entwickeln sehen, sind für uns voller Hoffnungen wegen der Intelligenz der Arbeiter und ihres brennenden Wunsches, Erfolg zu haben. In einer Kolonie gab es einmal einen Mißerfolg. Wir dachten, daß die Arbeit eingestellt werden würde. Aber 1 die Kolonisten erklärten, daß sie gekommen wären, um zu kolonisieren, und solange in ihnen , ein Funke von Kraft bliebe, würden sie der: Kampf weiterführen. In Europa müßte man, um mvfzubauen, zuerst zerstören: Die kapitalistische Ordnung. Wir in Palästina brauchen bloß das Land auf einer sozialistischen Grundlage anfzubaueu. Wir sind dahev in einem Eldorado für dre Arbeiter und ihre aufbauende Tätigkeit. Beachten Sie, daß der Sozialismus nicht sofort zur Ausgleichung der Löhne führt. Dies ist ein Prinzip, den: man zustreben muß. Aber wir wollen, daß der Arbeiter nach seinen Fähigkeiten bezahlt werde, wenn wir nicht eine Zm fluchtsstätte für Nichtskönner Werden wollen. Wie wir einen Abschluß für die Ausführung einer Arbeit machen, übergeben wir die Durchführung einer Avbeitergruppe, die. uns gegenüber eine Arbeitereinheit bildet. Diese Gruppen verwalten sich wie sie wollen. Einige sind komlnunistisch, andere zahlen nach.Leistung. Wir schreiben keine Form vor, wir wolle::, daß alle möglichen Versuche gemacht werden. Palästina ist die größte Versuchsstation der Welt; ich weiß nicht mit absoluter Bestimmtheit, wo wir ankommen werden, aber wir schreiten vorwärts. Man erklärt in Europa, daß der Arbeiter. nur unter Leituua der Kavitalisten arbeiten kann: wir werden rciaen.