Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 5 (1923)
- Issue
- Heft 1508 (25.4.1923)
- Date
- 1923-04-25
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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8 etnzelmmmerKlGGO iW i'e n: Zum Abholen in der Expedition,II.,Taborstr.1-3, ioder in einerV erschleisstelle jfTrafik) monatl. K 28.000 it Postversand für Wien u. esterr. monatl. K 28.000 Ts ch e c h o-S 1 owa Ic e i: |Mon. K17. Ungarn: Mob. JC 600. Jugoslawien: Mon, Dinar 35. Polen: Mon. Mlc.12.000. Deutschland: Mon. Mark 8000. F r ank r., Belgien: Monatl. Frcs. 8 ' Nachzahlungen Preiserhöhungen Vorbehalte» SB) feilet er. Tschecho -Slowake* k tschech. K1.- Italien: Monatl. 10 Lire Rumänien, Bulgarien1 Monatl. 75 Lei bezw, Lewa,' Schweiz und das übrige Ausland monatlich Frcs. 3« Nr. 1508 Wien. Mittwoch. 25. April 1923 Redaktion u. Administration Wien, II., Taborstrasse 1—S Telephone: 44-0-38,43-3-19, ab 6 Uhr abds. 19-483,16-301 Tel.- Adr.:,Morgenzeitung* Wien Oesterreichisöhes Postspar« hassen-Konto Nr. 150.693 5. Jahrgang Der brsEerte HoM. —7. Wien, 25. April. Herr de la Barra, der Vorsitzende des ungarischfranzösischen Schiedsgerichtes, ist nach Prag gekommen, um dort für Ungarn um besseres Wetter zu werben. Er hätte den Zeitpunkt für seine sicherlich gut gemeinten Vorstellungen nicht schlechter wählen können. Die tschechische Republik hat den Verkehr mit Ungarn eingestellt, alle Einreisevisen für ungarische Staatsbürger sistiert und droht außerdem t die Ausweisung aller landfremden Magyaren aus^ ihrem Staatsgebiet an. Die Ursache liegt in den fortgesetzten Reizungen der ungarischen Irredenta, die an jeder Grenze Ungarns mit seinen Nachbarstaaten von Zeit zu Zeit Gewaltakte begeht, um durch ihre Provokationen Unruhe zu soffen und die Aufmerksamkeit der ungarischen Bevölkerung von der Trostlosigkeit ihrer innerstaatlichen Zustände abzulenken. Die Rassenschützer sind zugleich auch die Schützer der sogenannten Jntegritätsidee, des Gedankens der gewaltsamen Abänderung des Vertrages von Trianon, und sie haben gerne die Doppel- Msgabe auf sich genommen, das heimliche Sehnen der Maßgebenden und verantwortlichen Faktoren zu erfüllen und sich nachher, wenn es schlecht ausgeht, xüsfeln zu lassen. Dieses Spiel mit verteilten Rollen, die augenzwinkernde Korrektheit der Behörden und die ebenso augenZwlnkernde Unkorrektheit der Banden und Banditen, ist zusaimnengefaßt das, was sich seit der von den Rumänen vorgenowmenen Entwaffnung der jKomrnune dem europäischen Parterre als magyarische Politik vorstellt. Man smdet diese ZweideutiKeit im Inneren sowohl wie in den äußeren Beziehungen. In einer, langen Reihe skandalöser Prozeße gegen die den Beamteten und den UnvevantworMchen bloßgelegt worden. So sehr die Gepichte um die Vertuschung und Verhüllung des wahren Sachverhaltes bemüht waren, so konnten siedoch nicht ganz verhindern, daß man schlüssige Beweise für die Mitschuld der Regierung und ihrer Behörden an den Judenpogromen, den politischen Verfolgungen der Arbeiter und den Folterungen in den Detachement-älasernen erhielt. Dasselbe Resultat zeitigten die Untersuchungen der Bombenattentate gegen mißliebige Politiker uiw der Schießereien der Erwachenden. Hatte es bei diesen Affären die Regierung Immerhin in der Hand, rechtzeitig einzugreifen, bellastende Angeklagte oder Zeugen außer Landes zu schaffen und durch nichtssagende Augenauswischereien der Parlamentsopposiü-on zu einem rhetorischen Erfolg zu verhelfen, so mußten ihre Mittelchen versagen, wenn das Ausland guatt Richter wurde. Der Bukarester jAttentatsProzeß, der sich im vollen Licht der Oeffent- Vchkkert abspielte, brachte Geständnisse und Feststellungen, an denen kein Nachbarstaat Vorbeigehen konnte. Es wurde einwandfrei konstatiert, daß die Mörderlgesellschaft, die den Horthy umlagert, Höllenmaschinen ündHenker über die Grenze sendet. Zu ähnlichen Ergebnissen kam die jugoslawische Regierung bezüglich her Unterwühlung in ihren neuen Gebieten. Ganz besonderes Augenmerk wandte die Budapester Neben- ,regierung,der Tschecho-Swwakei zu, die dem unjgarischen Scharftichtersystem aus verschiedenen Grün den verhaßt ist. Ihre Regievungsmethoden unterifcheiden sich durch die Planmäßige Erziehung zur De mokvatie allzu auffällig von dem' großen Inter imerungslager zwischen Donau und Theiß, rrttd machen der BevöKeMng die große Wandlung augenfällig, die sich seit dem Zusammenbruch der magyarischen Zwing- Hervschast vollzogen hat. Es ist Propaganda bester Art, die von der Prager Regierung betrieben wird, und riese Propaganda beginnt dort, wo das alte System überhaupt nur absoluteste Negation aufwies. Es werden Schulen gegründet, während Ungarn für die Slowakei nur Kerker hatte. Es ist verständlich, daß Ungarn mit allen Mitteln diesem Anschmrungsunterricht entgegenzuwirken trachtet, daß es für alle Mhvergnügten und Unzufriedenen eine offene Hand hat und durch polnische Brandstiftung der tschechischen Regierung gefährlich zu werden versucht. Das nemmgarifche System ist aggresmuß. es sein, da es die politische Äimmung seiner r Bevölkerung in steter Spannung' erhalten Sie muß daran gehindert werden, die Schulan dem Debakel der Staatswirtschaft, die sie?ke«nt md täglich mit Namen nennt, zur BeranÜvortung zu ziehen. Der christttchnationale Kurs hat nichts gehalten, was er versprochen hat; er hat nur Korruption gebracht, das nackten Zer tschechW-ungarische Konflikt. Die BeMrsfvme. Prag, 24. April. (Tel. d. „Wr. Morgeuzeitung.") Die Verfügungen der Regierung über die Einstellung des Eisenbahnverkehrs nach Ungarn sind im Laufe des Sonntags hinausgegeben worden. Da sie jedoch nicht überall zur gleichen Zeit einlaugten, wurden noch gestern vormittags Züge über Szob durchgelassen, so daß in Budapest bereits Gerüchte über eine Beilegung des Konflikts kursierten. Seit gestern nachmittags ist jedoch die Sperre allgemein. Aeußenmgen des Budapester tschechischen Gesandten. Budapest, 24. April. (Tel. d. „Wr. MorgenZeiirmg".) Der hiesige tschecho-flowakische Gesandte gibt über die Maßregeln seiner Regierung den folgenden Kommentar: Im Zusammenhang mit den bekannten Grenzzwischenfällen hat die Negierung der tschecho-flo-wakischen Republik von der ungarischen Regierung Genugtuung verlangt und den Vorschlag gemacht, die Angelegenheit möge einer g e m i s chtenKommission zurllntersuchung übergeben werden. Die Antwort der ungarischen Regierung befriedigte die tschecho-flowakische- Regierung nicht, und da überdies die öffentliche Meinung in der Tschecho-Slowakei ungeduldig nach Repressalien ruft, -hat sich die Prager Regierung veranlaßt gesehen, schon-jetzt zu schärferen Maßnahmen zu greisen, dies um so mehr, als ja die Erledigung der Angelegenheit durch eine gemischte Kommission zu lange . Zeit nr Anspruch nehmen würde. Deshalb hat die tschecho-flowakische Regierung, die Grenzsperre an- .geordnet» Die Einreise auf tschecho-flowakisches ^Gebiet. M^DiMmateHäß re^n^ und den Angehörigen des Bahnpersonals ungarischen Staatsbürgern nur in ganz besonders dvWrtlden Fällen gestattet, doch auch da nur für die Gebiete westlich der March; in die Slowakei und die übrigen vormals ungarischen Gebiete werden ungarische Staatsbürger nicht eingelassen, Ueberdies hat die tschecho-flowakische Regierung als weitere Repressalie die Ausweisung von 60 ungarischen Staatsbürgern angeordnet, die sich gegenwärtig in der Tschecho- Slowakei befinden. Ae Ausweisungen. Pretzbnrg, 24. AprrL (Tel. d. «Wr. Morgenzeitung".) Im Lause des heutigen Tages -wurden bereits einzelnen magyarischen Agitatoren die Aus wer sungs de trete zugestellt. Die Ausgewiesemn müssen binnen 24 Stunden das tschecho-flowakische Gebiet verlassen. Ausgewiesen -werden in erster Reihe solche Individuen, die seit langer Zeit affen gegen die Republik Hetzen. Es verlautet, daß die Ausweisungen auch aus jene Personen ausgedehnt werden, die das tschecho-flowakische Staatsbürgerrecht unter listigen Vorwänden erschwindelten. Keine Berschlchpuns der BechmdlmlSM. Prag, 24. April. (Tel. d. „Wr. Morgeuzeitung".) Wie Ihr Korrespondent erfährt, steht die tschecho-flowakische Re gierung aus dem Standpunkte, daß sie sich mit der ungarischen Regierung in keine Verhandlungen einläßt, die eine Verschleppung der ganzen Frage bedeuten würde. Die Tschecho-Slopakei lehnt entschieden jeden Vorschlag ab, daß die Ueberfälle der magyarischen Grenzbeamten und Banden auf tschecho-slowakischem Gebiet vor ein Schiedsgericht gebracht werde. Die Prager Regierung wird verlangen, daß die Budapester Regierung klare Genugtuung und bindende Garantien gebe, damit ähnliche Vorfälle in Zükmst unmöglich sind. Vertraulicher Bericht de- Ministers Benefch. Prag, 24. April. In der heutigen Sitzung des AußencmSschuM des AbgeoÄnetenhauses erstattete Minister des Aeußevn Du. Bene sch über die auswärtige Lage ein Expose, das für v e r t r a n l i ch erklärt wurde. Hortlch droht mit Retorstone». Budapest, 24. Aprll. (Tel. d. ,Mr. Morgenzeitung" .)j Die gesamte OeffeMlichkeit steht unter dem Eindrücke der tschecho-flolvakischen Vergeltungsmaßnahmen gegen ungarische Staatsbürger. Die hiesige tschecho-flowakische Gesandt-j schaft erklärt, daß die Prager Regierung als vorlaü-j fr ge Genugtuung für die Ermordung des Finanz-, seldwebels Sedlaeek eine Erklärung der ungarischen Regierung fordere, wonach letztere in der Zukunft ähnlichen^ Zwischenfällen Vorbeugen, die Mörder eruieren und strengej bestrafen . Voerde. Bon ungarischer amüicher Seite ve Harri man bei der Auffassung, daß die ungarische Regierung an dem Tode Sedlaceks keine Schuld trage. Eine offiziöse Erklärung besagt, die ungarische Regie-!. rung werde aus dem Verhalten der Tschecho-Slowakei^ Jugoslawiens und Rumäniens die nötigen Konse-', quenzen ziehen. Dieser drohende Ton ist auch in der! ganzen Presse. wahrzunehmen. In den Hetzereien gegen- Prag sieht das logitinnstische Organ ,Magyarsag" an derster! Stelle, welches unter dom Titel „Der böhmische! Flegel" den Boykott gegen tschechische Bäder und, Jndustriearttkel fordert und fragt,' -wie lange noch -die unga-s rische Regierung bloß mit der Friedenspalme in der Hand' dem tschechischen Knüttel gegenüber stehen werde?! „Magyar Hirlap" meint, im Hintergründe der Oersügun-, gen der Prager Regierung stehen wirtschaftliche Interessen,! weil die tschecho-flowakische Regierung das Zustandekommen enter ausländischen Bankanleihe für Ungarn! vereitelnMöchte. -- In der. NationaIver s a m mlüng richtete GM Albert Apponyi eine^driMi^ .Anfrage an die Regier! rung, in der er die kleine Entente sowie die tschecho-slo-, wakische Regierung heftig angriff. Er behauptete, daß laut dem Völkerbundvakte kein Staat das Recht besitze, zur, Selbsthilfe zu greifen. Die tschecho-flowakische Regiemng verstoße gegen diese Bestimmung. Scheinbar, sagte Redner,! gibt es Mächte, die verpflichtet, und Mächte, die nicht ver-I Mchtet sind, die Verträge zu achten. (Stürmische Zustrm-! -mun'gsrufe.) Die von der ungarischen Regierung befolgt«! kraftlose Politik der kleinen Entente gegenüber ist genau so! gefährlich wie die Abentenrerpolitik. Ungarü kann nicht der Watschenmann ganz Europas werden.! Auch wir haben Retovsionsmittel. Ist die Regiemng ge-, neigt, diese in Anwendung zu Lrimgen? Außenminister Daruvary erklärt in seiner Artts wort, daß soeben eiw Depesche des Prager ungarische« Gesandten eingeiroffen ist, wonach die tschecho-flowakische Regierung der Einsetzung eines gemischten SchieÄS-! gerichtes zustimme, jedoch sich das Recht Vorbehalte,! nach freiem Ermessen zu handeln. Es ist offenbar, Laß " ' Vorgehen unhaltbar ist., Es muß sestgestellt werden, die Tschechen ständig em unhaltbares Benehmen bek und bestrebt sind, das freundschaftliche Verhältnis zwische^ Ungarn und den Westmächten zu trüben. Ich aber bin vonj der Erfolglosigkeit der tschechischen Bestvebungeu überzeugt. Der Minister kündigt an, daß Ungarn ähnliche Retorsionsmaßnahmen ergreifen und:sie, erst cmsheben werde, bis die Kommission des Völkevbundesj die Sache überprüft und ihr Urteil gesprochen habe. RuhL und Zmmckhaltung tut aber vorderhand not. Wenn toitj nicht ruhig und klug sind, erreichen die Tscheche«, gerade durch unser unvernünftiges Benshmen ihren Zweck-! Die Nationalversammlung nahm die Antwort des! Ministers zur Kenntnis^ Wie in politischen Kreisen ver-j lautet, wird schon morgen an die ausländischen Vertretungen Ungarns die Weisung ergehen, tschecho-slo-! wakische Pässe nicht zu vidieren. Die Buda-! pesler Staatspolizei hat den Befehl erhalten, die N a-, m e n s l i st e der in Budapest wohrchaftm tschecho-flvwcckt-, schen Staatsbürger tschechischer Muttersprache unverzüglich dem Ministerium des Aeußern zu unterbreiten. l Hunger gesteigert, Recht und Gesetz zertreten und den Verwaltungsapparat unter die Herrschaft lichtscheuen Gesindels gestellt. Die Regierung ist der Gefangene der bewaffneten Banden, die ihr ehren Willen diktieren und sich um die Wirkung ihres Treibens niemals bekümmert zeigen. Mit brutalster Gejvalt wird jede Regung des freien Denkens medergehalten und die Sülle des Kerkers soll der Umwelt die Ruhe eines zufriedenen Landes Vortäuschen. , Das ist das Ungarn, das sich in den Völkerbund MÄmMW MMrMuWW , hcch und das nach außen von Liebe für die Minoritäten^ überfließt. Die Prager Regierung erklärt, daß es sich jetzt bereits um den neunten GrenzMischenfall handle uä> daß sie bisher keine energische Abhilfe der ungarischen Regierung erlangen konnte. Sie zieht es des^ halb vor, den Verkehr mit diesem Land überhaupt ab zubrechen. Würden alle. Nachdarn Ungarns zu dem gleichen Mittel greifen, so würde das unglückliche Land vielleicht doch die Kraft und den Mut sinken, seine Peiniger davonzujagen.