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Wiener Morgenzeitung · 1923-04-22 · Heft 1505 (22.4.1923) · page 1

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
5 (1923)
Issue
Heft 1505 (22.4.1923)
Date
1923-04-22
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Wien: Zum Abholen in der (Expedition»!!., Taborstr. 1-3, oder in einer Verachleisstette lOrafik) monatl. K 28.000 INfitfOstveraand für Wien u. Oeatzerr. monatl. X 28.000 iTsebecho-Sl owalcei: Mon. IC 17. Ungarn: Mob. K 600. Jugoslawien: Mon. Dinar 36. Polen: Mon. Mk.lO.000.Deutschland: Mon. Mark 6000. Frankr., Bel}ieh: Monatl. Frcs. 8 iMF" Maeli_z«lilsnsr«n bei Praserköhunsren voiW» alten Nk. 1505 Wim, gomttefl, 22. Ahrll 1825 TmIimIio -Stewali«) i Ischedi. K!■— Italien: Monatl. 10 Lire Rumänien, Bulgarien Monatl. 75 Lei bexw, Lewa, Schweis und das übrige Ausland monatlich Frcs. 3 Redaktion u. Administration Wien, n„ Taborstraaael —S Telephone: 44-0-38,43-3-19, ab 6 Uhr abds. 19-483,16-301 Tel- Adr.: ,Morgen»eitamg* Wien Oesterreichiscbea Postsparkassen-Konto Nr. 150.693 BBBHHBRMHnOr S. glchrgims Der Weg in das Land. F. W i e rt, 22. AM. Die jüdische Einwanderung nach Palästina hat bisher nicht den Grad erreicht, den man auf zionistischer jSeite vor einigen fahren erhofft hat. Die Einwanderung nach Palästina ist seit geraumer Zeit an bestimmte Vorschriften geknüpft, welche die Palästinaadministration mit wirtschaftlichen Argumenten bekundet, und es sind gegenwärtig zwei Wege offen, die ins Land führen: die besondere von der Regierung zu erteilende Bewilligung, die vorwiegend für qualifizierte Arbeitskräfte gilt, und die Einreiseerlaubnisse, welche an Verwandte von Palästinensern erteilt werden, welche für diese Bürgschaften übernehmen. Der Durchschnitt der monatlichen Einwanderung der letzten Monate erreicht ungefähr die Zahl von tausend. Man wird ohne weiters zugestehen, daß dieser Zustand nicht zu befriedigen vermag, denn die Einwanderung des neuen jüdischen Aufbauelements erfolgt in einem Tempo, welches weder der jüdischen Gesamtlage noch dem ungestümen Drange weiter jüdischer Massen entspricht, und man muß der Frage ein ernstes Augenmerk zuwenden, wie dieser unbefriedigende Zustand abzustellen wäre. Wie stark der jüdische Drang nach Palästina ist, dafür bieten die Zuschriften einen klaren Beleg, mit denen die Einwanderungsabteilung der palästinensischen Zionistischen Exekutive aus allen Ländern überschüttet wird und in welchen immer wieder die Forderung nach Erhöhung der Einwandererquote und nach Zuteilung weiterer Einreffeerlaubnisie zum Ausdruck kommt. Während aus Polen in eindringlichster Weise auf die Hunderte von Flüchtlingen hingewiesen wird-! welche sich in schrecklicher Lage befinden und der Abschiebung ge- KMW'" Rigä, WeMHM'te' Fachleute und Handwerker aller Art, aber auch vermögende Leute, welche auf höchste enttäuscht sind, weil ihren Wünschen nicht entsprochen werden kann. In dem kleinen Lettland allein gibt es Hunderte von Handwerkern, die hinüberzugehen begehren, das gleiche fordern die Juden aus Tripolis, Saloniki, Persien und Argentinien; Amerika fordert eine entsprechende Quote für sich, in Konstantmopel treffen ständig Juden aus Rußland ein, die Palästina als ihr Ziel angeben, und auch die mittel- und westeuropäischen Gebiete fordern ihren Anteil. In der Geschichte der letzten Palästina-Wanderung 'gibt es eine interessante Episode: die zionistische Leitung sah sich veranlaßt, ihr bekanntes „Stop Immigration" zu diktieren und mit dieser knappen, von der schwierigen Wirklichkeit diktierten Formel die jüdische Einwanderung zum plötzlichen Stillstand zu bringen. Aber die allgemeine Volksstimmung überrannte alsbald dieses Diktat, und zahlreichen hoffnungsvollen Menschen gelang es, allen Widerständen zum Trotz, im Lande unserer Zukunft Fuß zu fasten und den Schwierigkeiten des Augenblicks nicht ohne Erfolg den nationalen Idealismus entgegenzustellen. In der weiteren zionistischen Öffentlichkeit legte man sich in diesem Zusammenhang eine neue Formel zurecht und argumentierte, daß die allgemeinen Gesetze der Oekonomik auf die abnormale jüdische Wirtschaftslage und auf Palästina nicht angewendet werden könnten, wo vielmehr der Druck des nationalen Willens automaüsch neue Wirtschaftspositionen zu erzeugen vermöge. In dieser Argumentation mag unstreitig etwas Richtiges sein, aber man wird begreifen, daß es gefährlich wäre, sich dauernd auf sie zu stützen. Die von der Palästina-Administration verfügten Einwanderungsemschrankmzgen haben auf zionistischer Seile vielfache Kritik erfahren und ihre Handhabung ist manchmal geeignet, die Situation noch ohne alle Not zu verschärfen; aber Vt aller Kritik kommt man über die Tatsache, nicht hinweg, daß jene Maßnahme — man mag sie beurteilen, wie man will — einer volkswirtschaftlichen Fürsorge entspringt und die Schäden einer Mastennot zu verhüten beabsichtigt, welche auch die Verhältnisse zwischen Juden und Arabern weiter zu trüben geeignet wären. , Der Zionismus hat sich bisher allzusehr darauf eingestellt, an dieser Haltung der Palästina-Verwaltung Kritik zu. üben, und hat zu wenig dazu getan, um von sich aus jenen Maßnahmen den Boden zu entziehen. Auch für Palästina gelten letzten Endes die allgemeinen Mirtschaftsgesetze und auch die nationale Energie stößt endlich an Widerstände, die sie nicht zu nehmen veranlag. Die Oeffnung Palästinas fiir die große Em-;Wanderung ist heute in erster Reihe keine außenpolitr- >sthe» sondern eine innerjüdische Aufgabe, und man muß Genf, 21. April. Das Juftrmationsbureau. des Völkerbundes gibt eine Zusammenfassung des. dritten Berichtes, den Generalkommissär Dr. Zimmer man über die Periode vom 15. Februar bis 15. März 1923 an den Vökkerbundrat «erstattet hat. Als das Wichtigste Ereignis der Berichtsperiode bezeichnet GenevalSomtnissär Dr. Zimmer- HttHt die Placierung der kurzftrftiMn Anleihe von 3.50 Millionen Pfund. Die langfristige Anleihe. Der Ertrag der kurzfristigen.Anleihe soll dem österreichischen Staatsschatz Wer die nächste Zeit hrnwegheffen, um die Möglichkeit zu bieten, die Busgabe der langfristigen Anleihe vopzubereiten. Die österreichische.Regierung hat die Vorbereitung der Anleihe sogleich in .Angriff genommen. Es wurde eine Mission gebildet, die aus dem österreichischen Gesandten in London F r a n ck e n st e in, dem ehemaligen russischen FmanzminPer Bark und dem früheren Direktor der WirtschaftsMion des BölkerbundsÄretariats Nixon zusammengesetzt ist. Diese Anleihe ist ebenso wie die kurzftistige durch die Erträgnisse der Zölle mrd des Tabakmonopols sowie, durch die ^arantie versch irdener europäis.cher Staaten sichevgestellt. Aus dem Erträgnis der langfristigen soll dft kmMistige Anleihe zurück gezahlt werden. Düs Budget ffr 1983. .. Das Budget für 1923 sei im österreichischen Nationalst^ bereits vovgelogt und sehe ejrs W.jf zß i t von 2374 Milliarden Pal Pie rkro Ne'ÜÄorM^Heißt, weniger als die .Hälfte des Defizits, mit dem man im letzten Novew- Her gerechnet htz.t. Dr. ZynmerWu wesst.darauf hin, daß Liefe der Ausdruck. -die Mn bofld zu erreichen, hoffe, seien. Die österreichWe Regierung habe -sich nicht verhehlt, daß eine Reihe von Reformen^ und Ersparnissen notweMg seien, damit das Budgotprogramm voll eingehalten werden könne. Wann aber die Grenzen nicht überschritten werden und wenn im Jahre 1924 eine gleich große Anstrengung gemacht wird, so sei nicht daran zu zweifeln, daß die österreichischen Finanzen rm Ausmaße, wie die Genfer Protokolle es vors-chen, auch wirklich saniert weiden. Als erfolgversprechend bezeichnet der Generalkommissär die allgevkeme Steuer auf alle Arten von wirtschaftlichen Transaktionen, von der er sich einen Ertrag -von 670 Milliarden Papierkronen jährlich verspricht. Beamtenabbair. Vom 10.'Februar bis 3. Marz hat die österreichische Regierung 1327 Beamte und Angestellte abge'baut. Per Abbau ist doppelt so groß in der Verwaltung als' in den Staatsunternehmungen, nämlich 20,1 Prozent gegen 10,8 Prozent. Diese Personalernschränkung von 80,1 Prozent ist sehr bedeutend, wenn man in Betracht zieht, daß dieser Abbau noch nicht die Folge allgemeiner Verwaltungsmaßnahmen, der Auflassung ganzer Dienstzweige, gewesen rst, sondern im einzelnen durchgefLhrt worden ist. In der ZMrnst werden auf diesem Wege n i ch tmehrsogroße Fortschritte erzielt werden können. Eisenbahnen., Das Problem der Eisenbahnen, sagt der Bericht, ist ein es der schwierig sien.im österreichischen Reformwerk. Denn ihr Defizit fei geradezu bestimmend für die Höhe des Gesamwefizits. Der Generalkoinmissar bezeichnet die Frage der Eisenbahnen als den M r t t e l p u n k t des gesamten österreichischen Finanzproblems. Die Sorge der nächsten Zukunft weide es fei», hier das Defizit zu vermindern. Das Defizit, das für Februar vorgesehen war, fei nicht überschritten worden. Die Deckung für März, die gleichfalls bereits genehmigt wurde, zeige wieder ein tieferes Defizit, als im Wiederausbauplan für die ersten Monate des Jahres 1923 vorgesehen sei. Sicherheiten für die Kredite. Die Bruttoeinnahmen aus den Zöllen und dem Tabak» Monopol sind ständig gewachsen und haben 170 Milliarden Papierkronen erreicht, das heißt 500.000 Pfund Sterling jährlich, was genügt, um den Zrnsendierist sicherzustellen. Die Lage des Geldwesens. Das Inkasso an fremden D evisen ist in stetigem Wachsen begriffen; am 7. März waren die Verpflichtungen der Nationalbank zu 28,6 Prozent gedeckt. Wenn man von -diesen gemäß den Statuten die Schatzscheine abzicht, so gelangt man zu einer Deckung von 64,8 Pro-, zerrt, während , die vorgesehene Höhe nur 20 Prozent betrug. Der Vorrat an D e v i s e n übersteigt 95 Millionen Goldkronen. Der Wechselkurs war dauernd, stabil geblichen.' Allerdings, setzt der Bericht des Generalkommiffars hinzu, sind die Preise in letzter Zeit ettvas tu. 6 Prozent gestiegen, was wohl auch mit ' dem Wredereyvachsn des Wirtschaftslebens i.n. Zusammenhang steht. Man muß auch bedenken, daß die 'Preise auf dem Weltmärkte allenthalben sich erhöht haben und daß dadurch -überall eine Verteuerung der Waren die Folge war. ' Die Wirtschaftslage. lieber die Wirtschaftslage gibt -der Generalkomm issai folgendes Bild: Wenn man auch gegenwärtig noch nicht von einer merkbaren Besserung des Wirtschaftslebens sprechen könne, so könne man jedenfalls mit Sicherheit feststellen, daß die allgemeinen Bedingungen während der Be- : richtsperiode sich keinesfalls" v erschle chtert ha-: ben. In verschiedenen Wirtschaftszweigen fei auch ein- Wiederaufleben der Tätigkeit deutlich bemerkbar. Leider z habe mau noch immer mit der Arbeitslosigkeit zu! kämpfen; indessen scheine auch hier die Krise den Höhepunkt! überschritten zu haben. In Wien habe die Arbeitslosigkeit! in der.Hälfte aller Arbeitsgebiete abgenommen. Die Ab-.. Wanderung scheine zu Anfang dieses Jahres einen gro-; ßen Unffang angenonnnen zu haben. Amerika übe auf die österreichischen Auswanderer die größte Anziehungskraft aus. Man müsse nunmehr das Hauptaugenmerk der Wiedevauftichtung des Wirtschaftslebens Oesterreichs zuwenden. Das Wirtschaftsleben sei künstlich aufrechte erhalten worden. Man müsse es nunmehr den neuen, Bedingnngen anpassen, die durch die Stabilisierung dev Krone geschaffen wurden. die so oft gesagte Wahrheit wiederholen, daß es Sache , des jüdischen Volkes ist, die neuen Wirtschaftspositionen. | in Stadt und Land, in Ackerbau und Industrie zu schaffen, welche neue Menschen erfordern und sie zu beschäftigen vermögen. Dies, zu bewerkstelligen, ist in erster Reihe der jüdische Aufbaufonds berufen, der auch als Wegbahner für die Privatinitiative zu dienen berufen ist, der Fonds, welchem die Funktion zufällt, die in anderen Gemeinschaften der Staat aus seinen Steuererngangen besorgt. Die Situation hat Weizmann jüngst bei einer großen Kundgebung in Amerika treffend mit den Worten gekennzeichnet: der Schlüssel zu den Toren ..Palästinas liegt nicht in der Tasche Sir Herberts Samuels, sondern in euren Taschen! Das jüdische Volk , hat sich bisher zur Höhe seiner Aufgabe nicht äufgeschwungen und die Erwartungen der Schöpfer des vor drei Jahren beschlossenen Keren Hajeffod, daß es gelingen werde, in einem Ansturm die nötigen Riesensummen aufzubringen, haben sich nicht erfüllt. Es hat sich erwiesen, daß zähe und unablässige, mühselige Kleinarbeit notwendig ist, um den großen Fonds auf die Beine zu bringen. Daß die Bereitschaft zu Opfern in den weitesten jüdischen Massen vorhanden ist,' beweist das erfreuliche i Anwachsen der Eingänge in der letzten Zeit. Es gilt ' bloß die richtigen Arbeitsmethoden m iiräen und den r Weg zu der gewaltigen Zahl von Juden zu suchen, welche die Größe der jüdischen Aufgabe in Palästina bereits erfaßt haben. Der Gedanke des Keren Hajeffod hat bisher keineswegs versagt und es bedarf nicht der Revision seines Programmes. Versagt hat lediglich die Unzulänglichkeit der bisherigen Sammelmethoden und hier ist eine durgreifende Reforn: notwendig. Die Arbeit für den zentralen jüdischen Aufbaufonds darf in Zukunft nicht lediglich im Neben- und Ehrenamt besorgt werden. Es ist vielmehr ehestens ein großzügiger organisatorischer Apparat von geschulten und mit ihrer Ausgabe vertrauten Beamten zu schaffen, welcher der wichtigsten Aufgabe des Augenblicks zu genügen hat. Die Sammlung für den jüdischen Aufbaufonds hat im abgelaufenen Monat eine erfreuliche Höhe erreicht. Mer es wäre sträfliche Selbstbescheidung, hier von einer Rekordleistung zu sprechen, die den Höhepunkt des Möglichen darstellt. Das bisher Erreichte ist nur als ein bescheidener An-- fang zu werten. Aus dem jüdischen Volk lassen sich mit aller Sicherheit viel größere Leistungen heraushölen, wenn nur die Arbeit entsprechend angegangen wird. Auf diesem Gebiete in der angedeuteten Richtung die nötigen Beschlüsse zu fassen, wird nicht die letzte Aufgabe des. zionistischen Kongresses sein dürfen, der im nahenden Sommer znsammentritt.

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