Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 5 (1923)
- Issue
- Heft 1504 (21.4.1923)
- Date
- 1923-04-21
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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mm*’ 1 /. ,3 jElBzelnunmierK 1000 iWien: Zum Abholen in der (Expedition, II.,TaWstr.l-3, oder in einer Verschl.eissteUe (Trafik) monatl. K 28.000 }Mit Postversand für Wien u. jOesterr. monatl. X 28.000;Ts e c h o« S1 owa k e i: Mion. K17. Ungarn: Mon, K 600. Jugoslawien: Mon. 8>!nsr SB. Polen: Mon. Mk.lO.00Q.D eu t s ch 1 a n d: Mon, Mark 6000. Frankr., Belgien: Monatl. Fr cs. 8 Nachsahlunyen Ibci Preiserhöhungen Vorbehalten Wiener T8Che(iio>SlowaR« i tschech. K Io— ' Italien: Monatl. 10 Lire Rumänien, Bulgarien. Monatl. 75 Lei bezw. Lewa,. Schweiz und das übrige Ausland monatlich Frcs. 3 Nr. 1304 Me«, Samstag, 21 Avril 1823 Redaktion u. Administration Wien, ll>, Taborstrasse 1 —3 Telephone: 44-0-38,43-3-19, ab 6 Uhrabds. 19-483,16-301 Tel.-Adr.: ,Morgenzeitung‘* Wien Oesterreichisches Postspar* kassen- Konto Nr. 150.693 _mm S. gahrglmg Simiair gegen Hvffarel. Huffarel vemrteilt. Vor dem Schwurgericht unter Vorsitz des Vizepräsidenten Dr. Habietinek fand gestern die Verhandlung iüber die EhrenbeleidignngMage des Schriftstellers Upton Sinclair gegen den Ministerpräsidenten a. D. Dr. Max Hussarek statt. Die Anklage, vertreten von Dr. Johann Joachim, besagt, Dr. Husiarek habe in einem in der -Jeichspost" am 23. September 1922 erschienenen Artikel, der das neueste Buch Upton Srnclairs „Religion und 5ßrofi t", übersetzt von Profesior Dr. I. Singer, bespricht, Idie Tendenz dieses Buches abfällig kritisiert und unter anderem erklärt: „Deshalb hatte ich ihn (Sinclair) einfach Kr innen Schurken." Da der Angeklagte bei einer Einvevlvehjmung in dieser Strafsache eingestanden hat, dm Artikel verfaßt und der „Reichspost" zur Veröffentlichung sLbergeben zu haben, erscheint die Anklage begründet. Um halb 10 Uhr erscheint der Ministerpräsident a. D. Dr. Hussarek mit seinem Verteidiger Dr. Pranter iim Saale. Die Anklageschrift wird verlesen;, in der Upton rinelair, wohnhaft in Pasadena, Kalifornien, nach 4S& gegen Dr. Hussaw^k die Anklage erhebt. Vors.: Bekeimen Sie sich schuldig? Angekl.: Ich habe dm Artikel geschrieben Md ich halte die darin ausgesprochene Kritik Kr eine vollkommen gerechtfertigte und berechtigte. siVerm ich eine zusammerchangtznde Davstelkmg geben darf, so will ich folgendes anfühvem Ich erhielt durch ein Schreiben der Redaktion der „Reichspost" Kenntnis von dom erschienenen Buch Religion und Pwstt, Versuch einer wirtschaftlichen Auslegung"- In dem Schreiben wurde mir mittzeteikt, daß hier offenbar die Grenzen des Waubten wett. Mchtige ÄrrWH M Buches zeigte mir, daß dies ttr mehr als in H^Mchtuug ' der Fall ist. Ich gestehe, daß ich e-n solches Buch schvn lange nicht in der Hand gehabt habe. Ich muß deshalb um die iErlaubnis bitten, ans das Buch näher eingchen zu dürfen Md charakteristische Stellen daraus vorlesen zu können. Der Gesamteindmck in dem Buche war, daß in dem- WW M Borstoß der internationalen Freimaurerei kirchliche Ottmung in den einzelnen Staaten überhaupt zu erblicken sei. Ern Vorstoß, der hauptsächlich den Mdcmken bekämpft, welchen die Sozialdermckvatische Partei M ihre Devise, näMich: „Religion ist Privates che", auf gestellt hat. Profess or Singer, der Uebevffetzer dieses Buches, sagt dies ja auch in seiner Vorrede aus-!drü-cklich. GZ hat das Buch offenbar die Tendenz, zur ^Knlturkämpferei rm reinsten Sinne des Wortes .Anlaß zu geben. Nun laßt sich ja nicht leugnen, daß man .'aus politischen Motiven verschickener Meinung sein fom >Es kourmt nur darauf an, mit welchen Mitteln man seine jPoMschen Ziele und Zwecke verfolgt, nck> dafür möchte!itz mir nun gestatten, eine Reihe von Proben aus diesem 'Buche zu verlesen. So heißt es ans Sette 166 unter der Uebevfchrift „Der Gnaderrschwindel": „So wird der Prophet zum Scharlatan, oder, wenn er das verschmäht, zum Märtyrer, und gründet eine Kirche, die zur Kirche von Scharlatanen wird. Mag der Religionsprophet noch so ehrlich moch so leidenschaftlich proletarisch gesinnt fern, jenes Schicksal ereilt ihn früher oder später in 'einer auf Wettbewerb ' beruhenden Gesellschaft, das Schicksal, Gründer einer Organisation von Toren 5u sein, die von Schurken zugunsten von Wölfen geleitet wird. Dieses Schicksal ereilte Buddha und Jesus, Ignatius Loyola, Franz von Assisi, Fox, Calvin und Wesl-eh." Dann eine andere Stelle auf Seite 168: „Da die Krr- .chen nur Mt Geld gebaut werden, wird man finden, daß in ihmn die Neichen die Aufsicht innehaben und Untevwevfimg verlangen, während die Armen demütig sind und in Hr«m innersten Herzen neidisch und verbittert. Mit anderen Worten, der Klasserckampf besteht in den Kirchen wie überall in der Welt und die soziale Revolution gelangt in die Kirchen gerade so wie in die Industrie." Diesen Stellen schließen sich weitere charakteristische an. So, wem: er in dem Kapitel „Die Kirche der Sklavenhalter" sagt: „Daß ein fchgelenktesDogma geistige Lähmung bewirA, und die Nutzanwendung dieser geistigen Lähmung ökonomische Ausbeutung bedeutet." Lder an einer anderen Stelle, Seite 8: Der Leitsatz des Buches sei, „daß Religion in diesem Sinne die Quelle des Einkommens von Schmarotzern und die natürliche Verbündete jeder Form von Unterdrückung und Ausbeutung ist", Unb schließlich poch einen charakteristischen Absatz aus Seite 11: „So baut X Priesterliche Lüge auf. Es gibt «in Dutzend großer Religionen in der Welt, jede mit Dutzenden oder Hunderten von Sekten, jede mit ihren Priefterlichen Orden und ihren verwickelten Glanbensbekeirntniffen und Riten, ihren Himmeln und Höllen. Jede hat ihre Tausende oder Millionen oder hundert Millionen „treuer Gläubigen"; jede verdammt die anderen mit mehr oder weniger Ingrimm, und i-edr ist 'eine gewaltige Hochburg unredlicher Bereicherungen." Im werteren Verlaufe seiner Schilderung bezeichnet Upton Sinclair die Kirche als Taschendiebever < inigu n g e n g r o s Md ihre Priester Äs Agentur. Nun wird Professor Dr. Isidor Singer als Zeuge vernommen. Er sagt: -In dem Augenblick, als ich das Feuilleton gelesen habe, kam mir eine Episode in Erinnerung, die ich aus einer vierstündigen Fahrt mit dem Angeklagten hatte, der mich darauf aufmerksam machte, aus welche Art besonders die Klöster, die auf der Strecke zwischen Attuang und Wien lagen, zü ihrem Reichtum gekommen seien.'Ich habe diese Begäenheit und die Ausführungen des damals jungen Privatdozenten nicht stenographiert. Di« Begegnung hat im «April 1895 stattgefimden, und damals wurde anrr von dem Angeklagten ein Bild entworfen, das weit über das hinausgchL, was Sinclair von derPriesterschaft aller Kulte Lchauptet. Ich habe in dres-m Sinn« demAngeKagten einen Brief getrieben, nachdem er sein FenMton Vevöffentlicht hatte, in dem ich ihn an dieses. IMrn^^errrWerte. ..Er haj mir^ke inL' Äntw o vt^äge Le K^Dä-hMich' mm. einer Reihe von Bekannten diesen Zwiefpalt.der Natur des Angeklagten dargelegt und man hat Mr darauf goantwortet: „Das dürfen Sie nicht auf sich sitzen lassen," schon wegen der Bemerkung, die allerdings nicht die Hauptsache bildete, „es sei unbegreiflich, daß ein UniversiMsproftssor solche Lumpereien übersetzt." Ich habe mich entschlossen, die Anklage ernzubringen, und nur deswegen, weil mem Prozeß früher als der des Sinclair angesetzt worden war, habe ich die Klage vorläufig zurückgezogen. . -: Angekl. (mit erhobener Stimme)': Meine politische Und meine religiöse Anschauung ist seit mehr als dem Jahre 1895 immer eine und dieselbe gewesen. Der AnDagevertveter Dr. Joachim stellt fest, daß, Siuelair M höchst religiöser Mensch sei, der Kr eine neue Moral eintrete. Der Versuch des Nachweises, daß er em Goüeslasttrer sei, sei mißlungen. - Dr. Joachim wandte sich mit einem Appell an die Geschwornen zwm Schutz der Ehre des Ausländers ihren Wahrspruch M fällen. Er sei überzeugt,- daß Hussarek einen derarttgen Ausdruck nicht gebraucht hatte, wenn er nicht gewußt hätte, daß Sinclair 15.000 Kittwdrter wett entfernt sei. " . Der Verteidiger Dr. Prantner versucht den Nachweis zu erbringen, daß dem Buche Srnclairs, welchen er einen lPamPhlettsten nennt, jede Spur von WiflenschaMchkett fehle. Er leugnet die Absicht der Beleidigung überhaupt. Hussarek habe einen shakespoareschen Ausdruck gesucht und in dem Wort ,Mhurke" einen solchen zu finden geglaubt. Hussarek selbst zitiert Sinclair für sich: ,^Je größer die Wahchett, desto größer der Pveßpvozeß", und schließt mtt der Frage, ob Religion und Patriotismus vogölftei seien. Pamphletisten verdienen keinen Schutz. Die Geschworen beantworteten die Hauptfrage auf Vergehen der Eh-renbeleidigung mit neun Stimmen Ja gegen drei Rein. Die Zusatzftage aus Erbringung des Wahrheitsbeweises intt neun „Stein" gegen drei ^Ja". , Durch dieses Verdikt entfiel die BeantlwortU'Ng 'ber Eventualfrage auf Beschimpfung. Dr. I o a ch im glaubt im Namen Srnclairs zu sprechen, wenn er bittet, aus keine Freiheitsstrafe zu erkennen. In Anbetracht der sozialen Stellung des Geschuldigten und mtt Mckstcht darauf, da es für Hussarek als Lehrer der Jugend vecharrgmsvoll wirken könne, Littet er eine derartige Geldstrafe zu verhängen, daß man auch in Amerika den Eindruck habe, daß österreichische Richter die Ehre Fremder zu schützen wissen. Darauf vernteilte der Gerichtshof den Angeklagten zu einer Geldstrafe von 509.000 K., im Nichteinbringungssalle zu 24 Stunden Arrest. Der Verteidiger meldete die Dernfgna' an. weil die Licht üedrnat ftsß&ct wnrdL Jas WMaNerte Durch' Mander. -V. W i e », 21. Avril. Die Mitteilungen, die der österreichische Bi-rwes» finanzminister Kienböck am Donnerstag dem Bundes-; kanzler über den Stand der Anleiheverhandlungen in : Genf gemacht hat, haben diesen bestimmt, sofort nach! der Schweiz abzmeisen und dort seine Persönlichkeit Kr j eine Beschleunigung der Arbeiten des Völkerbund-' komitees einzusetzen, Ueber den Begebungskurs und die Höhe der Anleihe ist noch kein Beschluß gefaßt, und so. erfreulich es ist, daß man schon bis zur Diskussion über' diese konstruktiven Details vorgedrungen ist, so sehr muß es bedauert werden, daß sich in die Verhandlungen eine neue Instanz einschiebt. Der Fmanzminister berichtet, daß über die Frage, ob die ganze Anleihe — deren Höhe,. wie gesagt, nicht fixiert ist — schon jetzt begeben werden > soll, nicht die Regierungen, sondern die Banken zu entscheiden haben werden. Das bringt, abgesehen von allen sachlichen Erschwerungen, auch noch die Möglichkeit: neuer Verzögerungen, die Kr Oesterreich zu schicksalsschweren Konsequenzen fuhren könnten.- Wenn der Bundeskanzler nunmehr von neuem in die Verhandlungen eingreist, so wird es gut sein, wenn er nicht nur die technisch-politische Sette der Anlerhefrage zu klären; versucht, sondern auch auf die endliche Ordnung der juristtsch ganz verworrenen Beziehungen der Republik zu den Siegern dringt. Der Zustand dieses Verhältnisses ist bis zur Monstrosität ' entstellt. Wie um die Wiege Homers sieben griechische Städte streiten, so ist Oesterr-eich in der absonderlichen Lage, sieben verschiedene Stellen über sich entscheiden zu sehen, die nicht in direkter» Ordnung zu einander stehen. Da ist der Oberste Rat, dann die Reparationskommission, die Botschafterkonserenz, das Kontrollkomttee des Völkerbundes, der Generalkommisiär des Völkerbundes, der wieder den Berater der Nationälbank vorschlägt, instruiert und — was das sonderbarste ist —• auch noch als Schiedsrichter bei StreitiMiten zwischen diesem und dem Präsidenten der Notenbank Kngiert. Die siebente Stelle sind dann die Regierungen der Sukzessionsstaaten. Daneben gibt: es auch noch unterschiedliche, in ihren Einzelheiten nicht, kontrollieÄare Einflüsse, deren Niederschlag dann die bekannten Aufträge an den Nationälrat sind, der Sitzverlegung gewisser Banken zuzusttmmen, den Berater der Mtivnalbaitt zu wählen (wobei sich noch Italien dagegen stemmt) oder das Bücherausfuhrverbot zu hintertreiben, weil es die Interessen ftanzösischer Firrnen verletzen würde. Rechnen wir noch die Bestrebungen der Hakenkrenzprofefloren dazu, die durch ihre Numerus clausus-Agitatton in der törichtesten Art die Intervention des Auslandes hevausst'rdern, so erhält man nur erst einen leisen begriff von dem Verwaltungschaos, das solcherart durch fremde und eigene Schuld erzeugt wurde. Daß derartige Verhältnisie, die im Inland niemand mchr versteht, im Ausland verwirrend wirken mtb jede Aktion für Oesterreich hemmen, liegt auf der Hand. Die österreichische Regierung hat bisher nichts dazu getan, diesem Uebel abzuhelfen, das sich seit der Tättgfeit des derzeitigen Kabinetts immer mehr kompliziert hat. Dazu trug vor allem der unglückselige Dualismus des Systems die Schuld, das sich aus zwei grundverschiedenen polttischen Richtungen zusammen-- setzt. Bei den Christlichsozialen tritt immer schärfer das Bestreben hervor, die Republik an eine franko-italienische Orientierung zu gewähuen, während die Großdeutschen nach der alldeutschen Seite ziehen. Die Heranziehung der sozialdemokvattschen Opposition, 'die in der Regierung ein ausgleichendes Gegengewicht hätte bilden können, hat der Bundeskanzler schroff abgelehnt und damit die innere Sanierung, die die unbedingte Voraussetzung jeder äußeren Aktion bildet, fast unmöglich genracht. Dieser Zustand, der sich an die Konstruktton der alten Monarchie in ihrer ungllickttchsten Erscheinungsform anschließt, ist von der um so viel kleineren und ärmeren Republik übernommen worden. Die Unklarheit begimsttgt die Haifische der politischen und wirtschaftlichen Konjunktur, die Schieber und %bte Hakerckreuzler, die sich jede Verwirrung gerne zunutze machen. Auf der einen Seite angeln die bäner^ Lichen Wucherer, auf der anderen Seite der vor: Auslandsagenten dunkelster Herkunft mtt den passendeq antisemittschen und antisozialen Parolen versorgte Janhagel in dem trüben Wasser. Aus diesen Zuständen haj sich langsam die Kontrolle . entwickelt, und sie wir^ «Wdchnt., Man Lu« oit dem Kch