Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 5 (1923)
- Issue
- Heft 1498 (15.4.1923)
- Date
- 1923-04-15
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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MamMmriMd Wien: Zun Abholen in der Expedition, IL,Tabor*tr. 1-3, pdör in einerVcrschldssteile JTrafik) mtonatl. K 28.000 Mit Postversand für Wien u. Gestern monatl. K 28.000 Ts ch e c h o- S1 owa Ic e i: Klon. K17. Ungarn: Moa, 1K 600iJugoslawien: Mon. Dinar 35. 'Polen: Mon. Mk.l8.000.D eatschland: Mon. Mark 6000. Fr an kr., Belgien: Monatl. Frcs. 8 DU" N»ohsabl»nr«n■ bei PrabobSbooTen wrbehaUen «r. 149S fsMeai4«8IOMkM I ischtch. K 1.~ Italien: Monatl. 10!Lire Rumänien, Bulgarien , Monatl. 75 Lei bezw, Lewa, . Schweiz and das übrige Ausland monatlich Frcs. 3 Redaktion u; Administration Wien, II., Taborsbrasse 1t3 Telephone: 44-0r38,43-3-19, ab 6 Uhr abds. 19-483,16-301 Tel- Adr.: .Morgenzeitung"! Wien - 0 österreichisches Postsparkassen-Konto Nr. 150.693 Wien. Sonntag, IS. April 1928 5. Zahrgang Wert kecil über N e w - N o 11, 14. April. (I. C. B.) Der seit einiger Zeit zur Propaganda für den Pölkerbund in Amerika weilende Lor d NobertCeeil hat die folgende öffentliche Erklärung über die Frage des jüdischen Nationalheims in Palästina abgegeben: „Die englische Regierung sowie alle verantwortlich denkenden Menschen in England sind für die Schaffung eines jüdischen Heims in Palästina. Niemals wird England von seinem gegebenen Versprechen zurücktreten. Meine persönliche Stellung in der jüdischen Frage ist bekannt. Ich halte den Völkerbund und die Gründung des jüdischen Heims in Palast i n a für die beiden w i ch t i g st e n E rr n n g e n s ch a f t e n d e r Nachkriegszeit. Ich bin für die Balfour-Deklaration und kümmere mich sehr wenig darum, was Feinde des Zionismus und der Inden zu sagvm hoben. r ^. ■; . ■ , Würden die Juden mehr auf die Worte ihrer Freunde hören, sie würden dann die große historische Gelegenheit, die vor ihnen sein Wort steht, besser begreifen und aufhören, fich Sor» gen zu machemW i ch t i g e r i st e s, d a st d i e Juden darauf hören, was Doktor W e i z m a n riy a l s was Lord B e a v e r-. brook sagt. Die antizionistifchen Attacken des Lord Beaverbrook und seiner Gesinnungsgenossen werden auf die englische Regierung keinen Einflust ausüben. England ist den Inden freundlich gesinnt, einem Freunde aber braucht man keine Erklärungen zu geben und gegenüber einem Fefnde helfen Erklärungen nicht. Die Inden müssen lernen, auch Feindschaft und Opposition zu ertragen. Haben denn nicht auch England und Amerika Feinde? Die seit mehr als 2000 Jahren in frerw den Ländern lebenden Juden mögen wohl ständig auf feindliche Ueberfälle gefastt sein, sie dürfen aber mit Stolz erfahren, dast sie gute Freunde besihen, dir sie vor solchen Ueberfällen schützen. Ich weist es, dast E n gland niemals sein Wort brechen wird. Mögen Regierungen kommen und gehen, mögen gewisse Lords die Inden sind den Zionismus angreifen — England wird ftets in der Entschlossenheit beharren, die B a l f ö n r - D e klwra4ion d u r ch z uführen." Das europäische Gewiffen. -7. W i e n, 15. April. In dieser Woche hat das ’ europäische Gewissen merkliche Lebenszeichen gezeigt. Die Prozesse der russischen sozialistischen Staatsreligion gegen katholische und orthodoxe Kirchenfürsten waren der Anlaß. Der Prälat Budkiewicz, der sich der Beschlagnahme von Kirchengütern widersetzt hatte, wurde erschossen, der Erzbischof Cieplak zu mehrjähriger Kerkerstrafe verurteilt. Die bolschewikrsche Sekte, die Rußland auspotvert, hat sich in Anlehnung an die europäische Lehre von der Staatshoheit einen Strafkodex der Intoleranz zurechtgeschneidert, und sie ahmt in seiner. Durchführung das Beispiel des Zaristischen Rußland und des nicht minder zaristischem Deutschland nach; der Majestätsbeleidigungspavagvaph feiert fröhliche Auferstehung. Es gibt nur den Bolschewismus und sonst gar nichts; was der Bolschewismus befiehlt, trägt den allein echten Stempel der Staatsautorität und ist — nicht durch das vom Volk beschlossene Gesetz, sondern durch die Tscheka und ihre Henker geschützt. ' Mer die europäische Oeffentlichkeit verträgt nicht den Gedanken des Terrorismus. Sie wehrt sich dagegen, daß' im Namen des Staates das Recht geschändet wird, sie kann, sich nicht damit abfinden, daß jemand wegen seiner Näberzeugu-ng, lvagen seines Bekenntnisses gestraft werde. Diese Oeffentlichkeit hat sich in England und in Aumrirka, in Frankreich , und in Polen, in Deutschland und in Italien sehr kräftig zum Wort gemeldet und sie hat auch bereits erreicht, daß die Moskauer. Scharfrichter das Beil, das Der dem Erzbischof Tichön drohte, einstweilen wieder iveggelegt haben. Denn auch sie zeigen mit einem Male Respekt' hör der Internationale der Rechtlichkeit, die die Freiheit Ms GeLvissens nber alles setzt, Alsechings . . . , Allerdings fordert' dieser ProtestsArm zu einiger MchdenAickMt auf. Zunächst fällt es auf, daß es neben dieser Internationale der Honorigkeit auch noch eine solche des Terrorismus gibt, der seine Akte ebenfalls aus, einem höheren Begriffe erklärt. Dort ist es das Interesse der Föderation der Bauern und Arbeiter, das den Galgen ins Wappen erhält. Hier ist es die Nation oder die Rasse oder die höhere'Kultur, und es ist merkwürdig, daß der im Namen dieser Ideale begangene Rechtsraub durch den Staat oder durch einzelne seiner Parteien stets die Juden trifft, wobei unter Inden nicht allein die ethnisch oder konfessionell abgegrenzte Menschengrnppe zu verstehen ist. Auch diejenigen Nichtjuden, die sich der Reaktion und der allgemeineil Verrohung nicht anpassen wollen, gelten als Juden, und wenn gegen diese beiden der Staat seine Gesetzlicher aufschlägt oder gegen sie der Pöbel in Lackschuhen und Stirselfetzen ausrückt, daun — ist das europäische Gewissen gerade "anderswo beschäftigt. Die Formel ist da sehr einfach, von primitivster Ehrlichkeit: die Judeil silld eine interne Angelegenheit. Auch die herrschende Gesellschaftsordnung spricht ihr Wort mit. Jll Ungarn silld die Juden als destruktives Element, als einender chrrstlichnatronalen Ordnung gefährliche Klasse gefoltert, geplündert und gemordet worden. Also hatte das europäische Gewissen zwei gute Vorwände, nicht zu protestieren: erstens handelt es sich um Urteile der Gerichte eines nach europäischem Mllfter organisierten Staates und ztveitens — die innere Angelegenheit. Neben Ungarn liegt Oesterreich. Klein, aber oho! Es ist gleichfalls konsolidiert, wenngleich seine Verwaltung von' eineln Generalkommissär, seine Nationalbank von einem Berater, seine Eisenbahnen voll Experten kontrolliert werden. Hier ist gar nichts eine innere Angelegeniheit. Bis auf die Juden. An den Hochschulen lverden die jüdischen Hörer den einen Tag hinausg^prügelt, den anderen durch autonome Verordnung in der Zahl eingeschränkt. Ein Mmster schreibt mit ro-tem Zettel eine Judenzählung vor, ein ärgerer bricht den Optanten das im Friedensvertrag gegebene Wort. Bewaffnete Banden nehmen den Juden die Versammllmgsfterheit, beschimpfen ihre Religion, ihre Ehre und kündigen ihnen den Pogrom all. Die Regierung hat mit der Sanierung so viel zu tun, daß sie all.das nicht hhrt. Die europäische Oeffentlichkeit läßt sich nicht ftoxen. Es ist ja wahr. Sie hätte sehr viel zu tun, toemt sie sich durch den Berg von Gemeinheit, der auf den Woen lastet, hindurchcrrbeiten wollte. Es gibt jüdische Flüchtlinge, deren Heim durch den Krieg zerstört'wurde, und sie müssen in der „Gastfreundschaft" bleiben, weil sttz niemand mn den Ausbau ihrer Häuser- und Me Gutnlachung des ihnen angetanen materiellen und nloralischen Schadens kümmert. Es gibt jüdische Heimlose, die zwischen Polen und Rußland, zwischeil Rumärnen und der Ukraine hin und her geschoben werden, lveil verschimmelte Dekrete wider sie sprechen. Es gibt jüdische Flüchtlinge, die aus Kleinasien nach dein Balkan, vom Balkan nach Konstantinopel ihr llacktes Leben getragen haben.' Es gibt Inden, die m Polen wegen der Sowjetgerichtsbarkeit 'mißhandelt und beschimpft wurden. Es gibt — wer kann alles das aufzähleu, was Jrlden deshalb ertragen müssen, weil sie Juden sind? Wären sie katholische oder orthodoxe Priester, dann spräche das Weligtzvissen für sie. Da sie das nicht sind, so sind sie eben nur auf ihre eigene Kraft angewiesen, und sie müssen tu sich selbst die Rettung suchen in der Aufrichtung eines neuen mationalen Zentrmms. So lange sie nmchtlos sind, wird' m ihrem Interesse kein Protest erhoben werden. Nicht gegen Ungarn, nicht gegen Oesterreich, ja, nicht einmal gegen Sowjetrußland. Seit einiger Zeit wird in Sowjetvußland von jüdischkommunistischer Seite eure heftige Kanrpagne gegen die jüdische Religion enffaltet, welche zu verschiedenen Miß- Helligkeiten geführt hat und durch ein überaus provokatorisches Vorgehen nicht davor zurückschveckt, die religiösen Empfindungen der jüdischen Massen aufs gröblichste zu verletzen. In letzter Zeit betreiben diese Kreise eine Propaganda, welche auf die Koufiskation von Synagogen und deren Umwandlung in Arbeiterklubs abzielt. So hat vor kurzem, wie aus Moskau. gemeldet wird, die Regierung einer Eingabe der jüdischen Arbeiter von P o l t a w a und Berdi tschew Folge gegeben, welche die Auslieferung voll Synagogen zur Unterbringung von Arbeiterklubs forderten. Während des Pessachseftes kam es in verschiedenen StÄten Weißrußlands und der Ukraine zu D e ijt o nsträ Honen gegen die Festesferer. In K rementschug ereignete es sich sogar, daß e'nre Gruppe junger Juden eine solche von der kommunischen Jugend der Stadt veranstaltete Demovftvation überfiel und a»griff. Die jüdische Sektion der' Kommunistischen Partei (Jewsek) erließ einen Ansrns an die jüdischen Arbeiter tvä'hvend des Pessachfestes die Arbeit fortzufetzen und derr Ertrag des ziveiten Peffachtages für die Bedürfnisse der R oten Armee und .Flotte zu spenden. Der Stadtrat von Homel hat den Beschluß gefaßt, zur Mildemng der Wohnungsnot ein Drittel der Synagogen und Kirchen der Stadt zu requirieren. Irr einer in Charkow abgehaltenen Bersamntlung, welcher 1600 Arbeiter und Studenten beigewohnt haben, wurde beschlossen, die En te ig nu n g der jüdischen Bt h ä u s e r und ihre Umwandlung in A r b e i t e rklubs zu fordern. Die Moskauer Zeitung „Emes" führt l^etzt eine Kampagne für die Enteignung der Moskauer Häupffynagoge, die als die letzte Festung des jMschen Klerikalismus bezeichnet wird. Da die Moskauer Synagoge ein Zmtvum jüdischer philanthropischer Täügteit ist, bestehen in der Frage ihrer Enteignung auch unter den führenden Kommunisten Meiltungsverschiedenheiten. Man er- - wartet, daß die Frage der Enteignung der Synagoge überhaupt auf der Tagesordnung der kontnrenden Konferenz der Kommunist! scheu Partei gestellt werden wird. Irr Moskau wurde eine „Initiativgruppe" zur Be-- käurpfung des jüdischen „Klerikalismus" gebildet, die sich mit eiuean entsprechenden Aufrirs an die Awskauer Arbeiterschaft wendet. In Homel wurde am ersten Pasfashabend oin „G e r i ch t" über die Institution des Passahfestes abgvhallen. Ferner erschien zu Passah ein. spezielles autireAgiöses siidisches Blatt. Mch AkeMmgen aus O r e l wurde Nie dortige Synagoge von den Sowjetibehöchen g e >s ch II o s s e n. In. den Räumen der Synagoge lvuvde eine Arbei ts.b ö rse eröffnet. Die jüdischen Darlehenskassen. Die mit der Initiative llnd Ullterstützung des Joint ins Leben gerufenen Darlehenskassen funktionieren bereits in den folgenden Städten der ülkvaiile und' Weißrußlands: Jekaterinoslaw, Cherson, Odessa, Moskau, Zitowir, Witebsk, Bejenkowitsch,. Örscha, / Tschernigow, Winnitza, Wolotschisk, Trostrmz und Polozk. ^Es wurden zwei Typen von Darlehenskassen geschaffen: 1. Spar- und Darlehensgesellschaften, die sich mit Kred.itgewährung an Handwerker zu -produktiven Zwecken befassen, 2. gegenseitige Kreditgenossenschaften, die auch Darlehen zu anderen Zwecken gewähren. An der Grülldung dieser Kassen beteiligt sich auch die J c a. Es wurden besondere Inspektoren eingesetzt,-die die Organisierung der Kassen sowie die Geschäftsgebaruug zu überwachen haben werden. Das Jdgeskom (jüd. gesell sch. Komitee) hat gegen diese Tätigkeit des Joint mit einer lebhaften Kampagne eingesetzt. *