Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 5 (1923)
- Issue
- Heft 1491 (8.4.1923)
- Date
- 1923-04-08
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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MMMrLIM 'ien: Zum Abhelcnin der ipdition, lI^Taborstr. 1-3. jer in einer VeraeWetartelle Trafik) monatl. IC 28.000 Wit Postversand für Wien u. Pesterr. monatK K 28.000 frchech o-S I «wa k e i: Won. K17. Ungarn: Mon, £600. Jugoslawien: Mon. JKijar 35. Polen: Mon. Wic.lO.OOO.D ent ackl a nd: )lon.Mark 6000. Franko SeJgien: Monat). Frcs. 8 H* NteluihUife« 'WW jei Preiserhöhungen vomhaKeo; Tachtdto «SldwikM i ftschecli.K1.-5 Italien: MonatL lO liro Rumänien, Bulgarien' Monat). 75.Lei bedar; Lewa, Schweiz and das übrige Ausland monatlich Frei« 3 . Redaktion u. Administration Wien, II., Tabprstrasse l-^S < Telephone: 44-0*38,43-34.9, ab6Uhrabds. 19-483.16-301 Tel- Adr.: .Morgenzeitung“ Wien O österreichisch es Postsparkassen - Konto Nr. 150.693 Rr. 1491 _ ._ Me», Sonntag. 8. April 1923 8. Jahrgang Zer Herr von Men. -V. Wie«, 8. AM. Der österreichische Bundeskanzler hat, wie bekannt, sem italienischen Ministerpräsidenten Mussolini einen besuch abgestattet. Bei dieser Gelegenheit ist außer den Allgemeinen politischen Fragen: Oesterreichs wahrscheinlich auch die so viel besprochene Mussolinische Rejenerätionsidee für Mitteleuropa erörtert worden. Es ist sehr zu beklagen, daß man diese Idee nicht in ihren jachlichen Einzelheiten. kennt. Immerhin kann man ins der Art, wie der Faszismus das innere Leben Italiens behandelt, darauf schließen, wie seine Vorstellungen einer Umformung der mitteleuropäischen Ltaatensysteme beschaffen sind. Es ist ja bekannt, daß is speziell in Oesterreich an Agitation für das faszistiiche Aeal nicht fehlt, das zu einem guten Teil in dem benachbarten Ungarn bereits erreicht ist. Dort ist, genau so wie m Italien, der Parlamentarismus zur Staffage einer absolutistischen Autokratie herabgedrückt joorden, die nach dem Metternichschen Rezept für Demokraten nur Soldaten bereit hält. Der wirtschaftliche Zustand der beiden Staaten ist durch diese Art Regeneration nicht gebessert worden und es liegt knn Ansaß vor, gerade ver Methode der Gewalt eine heilende Wirkung zuzuschreiben. Sie ist an ihren Früchten sehr vohl zu erkennen, und auch der österreichischen Regierung kann es nicht entgangen sein, daß Italien, in dessen Nähe sie seit dem. Vorjahre ihr Herz zieht, nicht der wohl geordnete Ministerstaat geworden ist, den der Favismus aufrichten wollte. , ... Ser die österreichische Regiemng, der doch die Len-,Schäden , dieses RizinuD-ShsteM Wannt neu Agitation entgegen zu wirken. Sie hat aborzieri und Ws das Um und Auf politischer Tätigkeit in der mehr oder minder geschickt betriebenen, parlamentarischen Couloirtechnik. Sie verzichtet sogar ützf den Schein irgend einer Aktivität gegen Umtriebe,. deren staatsvercaterischer .Kern niemandem mehr ein Geheimnis ist. Unter den Augen dieser Regierung hat ein Feuergefecht, bei Wien stattgefunden und, obzwar darüber eine Woche' vergangen ist, kennt man noch nicht das Resultat der hoffentlich eingeleiteten Untersuchung, hat man von der Regierung noch kein Wort oes Abscheus über dieses Ereignis vernommen. Das ist nicht der Weg zur Sanierung, wohl aber ein treffliches Mittel, die Maulwürfe und das Demagogentum zu ermutigen. Diese Wirkung hat sich denn auch bereits eingestellt. Die Regierung schweigt, aber der Kommandant der nationalsozialistischen Sturmabteilungen kündigt an, daß die für den kommenden Sonntag angefetzte Felddienstübung, mit allen Mitteln gesichert werden will. Er warnt vor Störungsversuchen und einer feiner Mitkumpane wagt es, das Judentum für eventuelle Unruhen haftbar zu machen. Wer regiert in Oesterreich? Die der Bevölkerung, dem Nationalrat, der europäischen Oeffentlichkeii Verantwortliche Regierung Seipel oder ein von Ludendorff oder Hitler eingesetzter Landsknecht? Jede Woche hält ein Mitglied des Kabinetts irgendwo eine Rede, in der die Bevölkerung ermahnt wird, sich in Geduld in die Härte her Zeit zu schicken, alle Kraft, allen Willen in den Dienst der Sanierungsidee zu stellen. In jeder Rede wimmelt es von Angriffen auf diejenigen, die eine Klassenherrschaft aufrichten wollen und das Voll an der Entfaltung der vollen Arbeitsintensität hindern. Aber Bestrebungen, die, bar jedes sozialen Inhaltes, nur auf Mord und Plünderet hinauslausen, deren Vorkärnpfer der Staatsautorität ins Gesicht lachen, weil sie Waffen haben, vollziehen sich ganz ungehemmt und ungestört, trompeten von ihren Plakaten in das Voll und führen die Jugend zum Sturm aus den Staat und die nach neuer Entwicklung ringende Gesellschaft. In ihren Sudelzeitungen reden sie nngescheut von der heiligen Feme wider die Juden, wider einen Bevölkerungsteil, der seine staatserhaltende Kraft wahrlich nicht erst vor den Revolverbuben beweisen muß. Aus dem Balkan ist .es niemals so zugegangen wie in Oesterreich, in Polen hat die Staatsautorität gegen den süßen Pöbel dlsrchgegriffen, und in Rumänien hat die verantwortliche Regierung in der Kammer und in Zeitungserklärungen die Staatsautorität nachdrücklichst gewahrt. An Oesterreich aber, wo so viel von der starken Hand der Regierung geschwätzt wurde, ist.die Leitung der po- Uttschen Entwicklung der Regierung entglitten und an mnen Kommandanten der nationalsozialistischen Sturmabteilungen übergegangen., In den Minister- Die Felddienftübmgen der Hakenkreuzler. Mftnngm der Stnrmtrnppra für de: Die militärischen Ruhmestaten der Hakenkreuzler, welche vor einer Woche beinahe ein Blutbad angerichtet hatten, die Exzesse ihrer Parteifreunde m Bayern, die eS immer bunter treiben und gelegentlich, wie es vor zwei Tagen in Regensburg. geschaht mißliebige Versammlungsteilnehmer erste che n, scheinen den Wiener gewerbsmäßigen Unruhestiftern zu neuen Unternehmungen Mut gemacht zu haben. Währerrd alle Freunde der Ruhe, und Ordnung die Frage erörtern, wie/ dem immer gefährlicher werdenden Treiben bewaffneter Banden^ Ivelche einen rechtsradikalen Umsturz vorbeveiten möchten, Einhalt geboten werden könnte, veröffentlicht die gestrige Nirmmer der Mener hakenkreuzlerischen Wochenschrift eme Warnung an alle jem, -welche einen Uebersall auf die „Unternehmungen" der hafenkveilzlerischen Stur m a b t e i l n n g e n planen, wobei sie mitteilt, daß die bereits angekündigte „U u tc r n e h m n n g" a m 15. d. aus jeden Fall durchgeführt werden wird, und in Aussicht stellt, daß man sich gegen einen Angriff „rücksichtslos und rmt allen zur. Verfügung steherrden Mitteln" zur Wehr setzen werde. Die Verantwortung für das hierauf entstehende Blutvergießen lehnt Herr Lechn e r, Kommandant der nationalsozialistischen 'Sturmabteilung Wien, welcher diese Wavmmg unterfertigt, ab. Und ein gewisser I. Müller fügt dieser Mitteilung die fol^rttze Bemerkung hinzu:' „Sollte einem der Unseren demwch etwas geschehen, dann wäre es fürdas Jrzdentum ratsam, sich.ein GeneraEffuw ManMß nur M HarMIrt der WiettsrS t a a t said» Wallschaft bewundern, Welche, wenn an der Fraickschen Rassettverordnung . Krrttk geübt wird, rasch unt Konfiskationen bei' der Hand istz IvähveNd sie für unverhüllte PogromdrohungeN kein Auge zn besitzen sthemt. Die Hakenkreuzler rüsten, und während das bewaffnete Treiben, -velches sich zu einer imnrer ärgeren Bedrohung der öffeMichen Ordrmng und Ruhe aus wachst, bereits die ausländischen Missionen beschäftigt, erlaffen die Hafenkrentzler durch ihren Josef Müller einen geharnischten und mit der obligaten antisemitischen Hetze gespickten Aufruf für den Hakenkreuz-Kampfschatz, für den eine Milliarde aufgebracht werden müsse. Auch über feine Bestimmung bleibt der Leser n-icht im unklaren, denn es wird erklärt, daß in Oesterreich die Flugblatt- und Plakcrtpropaganda nicht ausreiche, daß man vielmehr zum „Selbstschutz" schreiten muffe, was nichts anderes bedvirtet, äts den'Plan einer rvoch ausgiebigeren Bewafftmng als bisher. Den mit ihren Beiträgen zögernden Wiener Hafenkreuzlern wird verkündet, mti sei auch in Wien zur Bildung einer Sturmabteilung geschritten und es sei Pflicht jedes deutschen Mannes, unverzüglich in die Reihen dieser Sturmabteilungen einMreten. ,Aetzt gibt es feint langes Zandern und Erwägen/ üäs'Sturmjahr ist dal" Der freundliche Msrus schließt mit der Erwarümg, daß er den Erfolg zeitigen wird, den die Sturmarmee ftir Deutschlands Befreiung .-braucht. Eine solche Nrunmer des' schmierigen Stt.deMatfes wäre nicht ganz vollständig, wenn nicht ein gewisser Teil! lS. April. - Die Ritvalmordhetze. derselben, der rüdesten Beschimpfung des Judentums ge» ' widmet -wäre. Es fällt uns natürlich nicht ein, uns Mt diesem Gelichter in eine Auseinandersttzmpg emzulaffen, aber wir stellen fest, daß ungehindert in Wien ein niederträchtiger Brandartikel über den jüdischen R i tualrnord erscheinen darf, der das Ritualmordmärchen auf das posttische Gebiet hrnüberspielt und unverhüllt zur blutigen BernichtnUg der Juden auffordert. Eine Art von blutigen Ostern nach Art: der sizilianischen Vesper wird gepvedtzt. Noch zu - wenige „Ritualmörver" seien erreicht Wochen. „Eilte heilige Feme sollte'entstehen und alle-Feinde lmseres drangsalierten Volkes erbittern nvachen. Und sie wird entstehen urü> kraftvoll wirken, wenn man den wahvens Freunden des Vaterlandes offenes Auftreten verbietet \ Heil zum rommenden großen Auser-! stehungsfefte!" , Die Hakerckrertzler scheinen sich unter den , Fittichen des Justizministers Waber .und des Jnnenmimsters Frank sehr sicher zu fühlen. Wir aber fragen: Dach mau in Oesterreich ungescheut zur -blutigen Hetze harangüßechn, das JtldeNtum besudeln und den Mob zu antisemitischen Exzeffen ausihetzen?!, Wie wir erfahren, hall die- Fron t! 5 m P fe x d e r-z einigung heute eine ganztägige Uebung.ab. Die Wakenfmnmlnng den/Rationalvekbandeq de«M« Mrlere. - . Die „Mener Morgeilzeitung" hat im Herbst des vori-, gyr^ Jahves iy einer Reihe. von Wetifelu,' R«: mü DoTu^ den Rchunen dä:„Nationalve.rbarches deutscher Ofslziere" ' Waffen dM' der-'B^^ Horde -beschlagnahmt wurden, ist ünbekannt geblichen. Diei unterschiedlichen Ableugnungen, die uns damals zuflogell-' «fahren nunnrehr ihre Entkräftung. Bor dem Strafbezirksgevichte 1 (unter Vorsitz des Landesgerichtsrates Dr. Benne s ch) ist gestern fts^estM worden, daß die. Behauptung, daß der Nationalverbaud deutscher Offizveve in seinen Räumen - Waffen verborgen hatte, vollkomnvm begründet war. Vor dem genannten. Gericht war gesterrr ein Herr K, loegen falscher Zeugenaussage augeklagt. In eineur Mietpwzeß des NatioMver-. baudes hatte er angegeben, er habe durch eine halbofftnq Türe Gewehre und Granaten gesehen. Das sind wohl nicht die Flaubert-Kindergewehr«^ die die behördliche Kommiffion später dott vorfand. Herr ist. -wurde geklagt. Aber sei-ne Aussage komrte gestern nicht tviderlegt werden. Ein Zeuge behauptete, die Gewehrq seien ftrr Dekorationszwecke bestimmt gewesen. Der Zeuge Ko-nstantin Korger besMgte, er htbe geseherr, wie Kisten mit Waffen in den Keller geschafft wur^ dem Schließlich aber mußte der Waffenveferent' des Na« tionalverbartdes Herr Oberst Legat unter seinem Zeuger^ ctb die Möglichkeit ernrärtwen, daß dep Angeklagte tatsächlich solche Waffen in den Zimmern habe sehen kön-netr, Der Richter jpmch also den Angeklagten frei. '—^Bleibt noch die Frage: Was ist mit den Waffen geschehen? Wo befinden sie sich heute? tUBB HIWft zimmern streitet myn über die Auflaffung des Heeresministerimns. Wozu der Lärm? Die Frage ist doch von den Hakenkreuzlern bereits gelöst! Sie sind der Herr von Wien. Das bade der WaldeMlraMen Sbftruktion. Das Eingreifen der Rezierung in den Streit der Parteien um die Entpolitisierung der Wehrnracht hat be- ^reits seine Früchte getragen, rmd wenn auch die Verhandlungen noch nicht abgeschlossen fmd, so kann doch mit glttem Grunde heute schon. behauptet werben, daß die s o z i a Idemokratische Obstruktion die ruhige Afevicfe luug dev pavlameilüa-rischen Geschäfte nicht mehr behindern wird. Der Bundeskanzler Dr. S e ip e lhatte bereits am Freitag mit dem mit den Vorverhandlungen -betrauten Dreierkomitee, . bessehend aus dein Heeresminister Vaugoin, den Abgeordneten Dr. Deutsch und Dr. Schürf, Fühlung genommen. Gestevtt vormittags beschäftigte sich zunächstder erweiterte Vorstand der chrfftlichsozialen Deveini- , MM mit den AusgleichsmögliKkeiten o.bends i»ud unter dem Vorsitz des Bundeskanzlers eine allgemeine Parteiführerberatu.ng stgtt, die sich schon mit dem Verlangen der Sozialdemokmteu beschäftigt^ für Len Rest der Session ein vollständiges Arbe it s progra mm zu ve re i n ba ren. Die Einzel« heilen dieses Arbeitsprogramms stvhen.noch nicht inmllesi Pruckten fest und werden in. den weiteren Besprechmgen evss noch genauer fixiert werden. ■. Die Frage der neuen Wahlorduung wird.vorläufig keine besonders Aktualität gewinnen, da der Nationalrat zunächst miJ der Erledigung der Novelle über die Aufhebung der Zollbefreiung «für minderwichtige Lei bensmittel und des Bundesvoranschlages gemigenh beschäftigt fft. Ueberdies muffen die Sozialdemokraten im Hause die Verlarrgerung der Arbeitslosenunterstütziurgs« Novelle durchsetzen. Gerade dieser Umstand mag dazu beigetragen haben, daß auch die Opposition mildere Seite» aufzog und -der Mehrheit einiges Enttzegenkonttntzn bewieL Der Nat-ionalvat wird in den konrmenden Wochen zwei Sitzungen allwöchentlich abhalten, überdies sollen die Aus< . schüffe fleißig tagen, so daß da§ Budget Pünktlich mst M o u at s e n de d e r ab s ch i e d e t wird und die Regie«