Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 5 (1923)
- Issue
- Heft 1480 (27.3.1923)
- Date
- 1923-03-27
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Man Hat in Oesterreich alle Ursache, die Vorgänge -<flt Deutschen Reiche schärfer ins Äuge zu fassen. Es sind nicht allein -kulturelle und nationale Zusammenhänge gegeben, die das politische Leben hüben wie drüben beeinflussen; auch die Aehnlichkeit des Schicksales hat in beiden Staaten zu gewissen Analogien in der .politischen Entwicklung geführt, die freilich entsprechend dem territorialen Unterschied und der in Deutschland ungleich stärkeren wirtschaftlichen Konstruktion sich verichiedenartig ausdrückten. Der Verfall des politischen iLebens nimmt natürlicherweise in dem großen Staate viel schärfere Gestaltung an als in Oesterreich, das auch unter strengere Kontrolle der Entente gestellt ist. Auch wirkt die wirtschaftspolitische Anziehungskraft der Sukzessionsstaaten vielfach retardierend und trägt zur Erhaltung einer gewissen Labilität der Verhältnisse bei. Im Deutschen Reich, wo die sachlichen und programmatischen Verschiedenheiten der großen Parteien sich -stärker ausgebildet haben, besteht keine mildernde oder ausgleichende Einflußnahme des Auslandes, zumal die führenden Kreise des deutschen Volkes noch immer in der Kriegsstimmung befangen sind. . Pie Revolution des November 1918 ist in der Entwicklung : stecken geblieben. Sie war von allem Anfang an nur.aufdie Arbeiterschaft und die ihr nahestehenden bürgerlichen-Demokraten beschränkt. Die Aktivität der Revolution nahm. in: dem Maße ab, als die von den Fronten zurückströmenden Soldaten wieder ihre frühere Stelle im Wirtschaftsleben' einnahmen-oder anstrebten. Der große revolutionär^ Kampf -verflachte' und verlief sich schließlich, ttvährend an die Melle, der politischen Gesichtspunkte wirtschaftliche traten. Auch die Verfassung, die sich die Weimarer Nalionalversammlung gab, stand zu sehr'unter dem meder-drückerchen Einfluß des Kriegs- Verlustes, txug zu sehr den Charakter-des Kompromisses der miteinander in Todfeindschaft geratenen Parteien, die die restlose Austragung. ihrer Probleme auf später verschoben. Dieser. Zeitpunkt scheint setzt.näher zu rücken, aber er trifft die Bevölkerung in der denkbar ungünstigsten Situation. Die republikanischen Elemente sind in ihrer Offensivkraft gelähmt, durch den .Hader zwischen Sozialdemokratie und Kommunisten ausgehöhlt, während der Monarchismus und die ihm eng verbundene soziale Reaktion ftch Dank der Unentschlossenheit der Regierungen kräftigen konnte. Die sozialistische Jnternationale versagt vollkommen; sie ist durch das Moskauer System um jeden Elan, ja sogar um das internationale Empfinden überhaupt gebracht worden und mau kann schon heute erkennen, wie'furchtbar auf diesem Gebiete die in Bayern und in Ungarn gemachten Experimente des Bolschewismus gewütet haben. Aus ihren Fehlern hat der Gegner gelernt, und wenn heute der Rutsche Staat sich gegen die Verschwörung Ludendorffs zur Wehr setzen muß, wenn die althergebrachten Vorstellungen von Umsturz und Reichstreue vertauscht sind, so mag sich die demokratische Welt bei den Moskauer Sowjets bedanken, die der Reaktion so gut in die Hände gearbeitet haben. Die deuffche nationalistische Bewegung rechnet sehr stark mit Oesterreich, das ihr als Zentralpunkt für ihre ' Pläne dient und von wo aus sie mit den Verschwörern aller Völker in Verbindung getreten ist. Der Putsch, der jetzt in Berlin aufgedeckt worden ist, hätte auch Oesterreich in seinen Strudel gerissen und hier die Vereinigung Mt den Horthy-Detachements auch physisch durchgesuhrt, nachdem der geistige Anschluß schon seit langem vollzogen ist. Die Sturmzeichen mehrten sich in Oesterreich in der letzten Zeit, und.die blutige Pogromhetze gegen die Inden, die Vorgänge an den Hochschulen sind nur ein Teil dieser Propaganda gewesen, ohne daß sie von der Öffentlichkeit als solche nach Gebühr gewürdigt worden wären. .Man hat nur an Akte eines Teiles der perführten Jugend geglaubt, ohne verstehen zu wollen, daß es sich um ein planmäßiges, voll entwickeltes Attentat auf Oesterreich, als den Mittelpunkt Europas, handelte, um die Erzeugung eines zentralen Erdbebens, das vom Donaubecken weiter ausstrahlen sollte. Mr den Augenblick scheint die Anfnrerksamkeit durch die Enthüllungen im preußischen Landtag abgelenkt, aber es Miß sehr zur Sorge aller werden, die es angeht, daß nicht nunmehr Oesterreich zum Refugium der vor dem Dmnschlagen, das Minister Seveving angekündigt hat ftman wird ja sehen —, nach Wien kommenden Herrschaften werde. Oesterreichs schwache Gesundheit würde solche Krämpfe des hysterischen, blutdürstigen Chanvi- -nsmus nicht lange vertragen. ♦ Rom, 26. März. (Tel.-Komp.) Damit der Beschluß des Kongresses der internationalen Handelskammern über die Frage der Reparationen und die interalliierten Schulden nicht eine problematische Tagesordnung bleiben soll, hat sich ein ständiger Ausf chuft der Vertreter der sieben Staaten für dessen Verwirklichung gebildet. Der Ausschuft setzt sich zusammen aus I. Both (Vereinigte Staaten), Felix Schuster (England), Evandowsky (Frankreich), Despert (Belgien), Pirelli (Italien), Westermann (Holland), Waltenberg (Schweden). - . * Dieser Ansschuft bleibt in Rom, um sofort den Aktionsplan zu entwerfen und die Arbeiten zu seiner Ausführung zu beginnen. In Amerika sollen die 1866 Handelskammern und 26.666 Banken sowie die in Rom vertretenen Organisationen ihren Einfluß einsetzen, um die Zustimmung -es amerikanischen Volkes für die im Kongreß anfgeo stellten Grundsätze zu erlangen und die Wahtz Propaganda darauf einzustellen. In gleicher Weise soll in den verschiedenen europäischerj Staaten vorgegangen werden, um die Vor< bedingungen für das wirtschaftliche und finanzielle Eingreifen Amerikas sowohl hinsichtlich -er Regelung der Reparationen als auch der Festsetzung der Schulden unq der Einstellung der Rotenausgaven zu schasi fen. Amerika müßte überzeugt werden, daß es nicht nur eine Groftmütigkeit, sondern sein eigenes Interesse sei, die interalliierten Schulden ganz oder teilweise zu erlassen. Die europäischen Staaten müßten ihrerseits be< greifen, daft dieser Nachlaß unmöglich sei,. Wenn sie die Wiederherstellung -es wirtschaftlichen Gleichgewichtes Europas nichs gewährleisten, da man sonst in Amerika die Empfindung hätte, einem Verschwender! Geld zu schenken. . Berlin, 26. März. (Dell d. „Wr. Morgenzeitung":) Nach dem „8 Uhr-Blatt" sind im Läufe des heutigen Tages von der politischen Abteilung des Polizeipräsidiums abermals einige Verhaftu n g e n in der Angelegenheit der deutschvölkisthen Freiheitspartei erfolgt. Die Freiheitspartei hat eine Anzahl Juristen um Gutachten über den Rechtsstreit ersucht, ob der preußische Minister des -Innern berechtigt gewesen sei, die Partei aufzulösen oder -nicht.- . ' Me die Blätter melden, bleibt die vom preußischen Meister des Innern ungeordnete Alarmbereitschaft der Schutzpolizei noch einige Zeit aufrecht.. Die Völkischen fordern die Freilassung der Verschwörer. Berlin, 26. März. Wie der „Lokalanzeiger" mitteilt, haben die Mitglieder der Rei-chs-tagsfrakticm der deutschvölkischen -Fveiheitspartei durch ihren Anwalt die Freilassung 'der in Hast befindlichen Mitglieder beantragt, >da die Beschuldigungen ihrer Zugehörigkeit zu einem Geheirnbund und des Hochverrates nicht zuträfen ümd VerduMu-ngsgefahr sowie Fluchtverdacht nicht Vorlagen. Die Hitler-Garde. München, 26. März. Der gestrige Sonntag, für den von mancher Sette ein nationalistischer Pnffch befürchtet wurde, ist hier ruhig verlaufen. Es fanden nur die regelmäßigen Versammlungen der Hrtler-Leutq statt, die sie als „FelddienstüLungen" bezeichnen. Es wäre-.cm der Zeit, daß die Polizei eitdlich gegen die n ä ch t l i chen Be l ä st i g u n g e n entschreite, denen die Passanten in besttmmten Straßen durch h a lb w üch-, sige Angehörige der uationalsvzialistischen Sturmtruppe häufig ausgesetzt such. Sie halten Vorübergehende an, fragen, oh sie Deuffch sind, und verprügeln alle, die sich die AnvempeümH Verbitten. Trotz des Waffenverbotes stich - sie mit s ch w ei reu Stöcken und Gummiknütteln, häufig auch mit Revolvern, ausgerüstet. Die unpolitische Romreise Stinnes*. Hamburg, 26. März. (Tel. d. „Wr . Movgenzettung^ Den aus Rom kommenden Meldungen gegenüber stellt daß Hamburger ,/Fremdenblatt" .fest, daß Hugo Stinnes zwat ,in Rom eilMtroffen sei, aber ohne jede politisch, Absicht. Es handelt sich lediglich um eine Geschäfts^ reise. Neue BerwiÄungen in der lnmr° volMÄe« Situation. ' Obstruktion im A. O. K. und im Bndgetausschuft. Die Verhandlungen der parlamentarisch:!: Parteien zur Herbeiführunig eines Uebereutkymmens in der Frage der Zusaimmnlegung der Ministerien sind ergebnislos , geblieben, zumal sich auch Unter den'Mehrheitsparteien keine einheitliche Auffassung über die Art un& Weise ergeben hat, wie die vom GenerakkommiMr Dr. Zimmerm a n nachdrücklichst verlangte Verminderung der Ressorts durchgeführt werden sott. Dir Bericht Dr. Zimmer maus an den Völkerbmid hat gleichfalls v erst! m m e n d gewirkt, und so kann es .nicht wündernchmen; daß die Versuche'der Sozialdemokraten, sowohl den Außerordentlichen Kabinettsrat als auch den Bndgetausschuß durch Q b st r u k t i o n. lahmzulegen, Lei der Majorität eine schwächliche Abwehr, 'ja - sogar ein gewisses Entgegenkommen fanden. Die Parteiverhandlungen dürften nunmehr wieder einige Wochen ruhen. Der Präsident des Nationalrates Dr. W e i s k i r ch n e r hat einen dreiwöchigen Echolnugsurlatib angetreten und der Nationalrat dürfte morgen seine letzte Sitzung vor den Feiertagen ablzalten. Damit ergibt sich die Notwendigkeit, alle Streitfragen bis nach Ostern mi licvtnocu Beschluftunfähigkeit des A. O. K. Im Außerordentlichen Kabinettsrat wurde gestern -dih .Generaldebatte über die Verordming betresfend die Zui sammenlegung der Ministerien fortgesetzt. Es sprachen diq Christlichsoziccken Steinogger und Volker. Beide gmgen;' den Sozialdemokraten um den Bart, j. . Letzterer erklärte unter anderem: Der Kernder Rede 'des Ministers für Heerwesen im Budgefausschuß nmschließr \. dasselbe, was Dr. Bauer im Kabinettsrat - zum Ausdruck ge-, , bracht hat: Es geht , um das Wohl unseres Staates. Die Rede .Dr. Bauers tverden wir uns alle wohl-im Gedächtnis halten müssen. In weiten Kreisen der Christlichfozialen Partei:, wurde und wird auch heute der lebhafte Wunsch geäußert, es .möge-das Ministerium für Heerwesen fei6fttir** d ig bleiben. Daß die Regierung sachlichen Ertvägnngen zu-, gänglich ist und nicht starr'Tauf einem eingenomm e, n-en-Standpunkt beharrt, zeigt auch der vorliegende ^Entwurf. Sollte im.Laufe -der Verhandlungen die Selb, ständrgkeit de^ Mir-ist-eriums für Heerwesen ,nn er läßlich notwendig werden, dann wird diese Selbständigkeit auch in unseren Kreisen sreudigst begrüßt werden. Abg. Sch i e g l (Soz.) beantragtie de>n- -S ch l u tz der .Sitzung. DizekanMr Dr. Frank bemerkte, er habe ohnedies m-ih Rücksicht auf die Gepflogenheit des'Außerordentlühen Kabinettsrates die Sitzung um 1 Ühr abbrecheu wollen, und schlug die nächste^ L-i'-ung für heute Dienstag,, eine halbe Stunde nach