Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 5 (1923)
- Issue
- Heft 1476 (23.3.1923)
- Date
- 1923-03-23
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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A-vHflA4- BBzelmnnnerKlOOO Wien: 2um Abholen in der Expedition, II., Tabor str. 1-3, oder in einer Verschleisstelle (Trafik) monatl. K 28.000 Mit Postversand für Wien u. OesMsrr. monatl. IC 28.000 Ts ch ec h o-S 1 owa k e!: Mon. K17. Ungarn: Mo», K 600. Jugoslawien: Mon. Dinar 36. Polen: Mon. Mk. 8000, Deutschland: Mon. Mark5000. Frankr., Belgien: Monatl. Frcs. 8 MT Nachiahlunyoo Vei Preigerhöhungen vorbehnlkea , Wiener Tschecho »Slowake! > tschech. K 1«~ Italien: Monatl. 10 Lhri Rumänien, Bulgarien Monatl. 60 Lei bezw; Lewa, Schweiz und das übrige Ausland monatlich Frcs. 3 Redaktion u. Administration Wien, II., Täborstrasse 1—3 Telephone: 44-0-38,43-3-19, ab 6 Uhr abds. 19-483,16-3011 Tel.- Adr.: »Morgenzeitung41 Wien * Oe^erreichisches Postsparkassen-Konto Nr. 150.693 Nr. 1476 Wie«. Frettag. W MW 1923 "5. Mit«. Senat und Ne Verschwörungszentrale in F. W1 e n, 2F. Marz. Als vor einem Vierteljährhundert die junge Beivegung des Polititschen Zionismus zu einer Revision der überlieferten Anschauungen im Judentum drängte, da stieß sie auf eine kompakte assimilatorisch gesinnte Masse, die jedoch bereits damals deutliche Symptome des Verfalles answies. War die Assimilationsibewegung in ihrer guten Zeit unleugbar in größerem oder geringerem Maße erfüllt von positiven jüdischen Werten, und galt ihr Versuch einer Verschmelzung zwischen jüdischen: Wesen und der sie umgebenden Kultur nicht der Auflösung, sondern der Erhaltung des Judentums, für - welche man eine Anpassung an das, was man den Geist der Zeit nannte, als Vorbedingung ansah, so erscheint die Assimilation in den neunziger Jahren bereits deutlich als Abstieg und Verfall. Positives Judentutzi hatte sich in ihrem Bereiche stark verdünnt oder verflüchtigt. Von einer geschlossenen jüdischen Welt- oder Lebensanschauung konnte keine Rede sein und im Politischen machte sich eine Rückgratlosigkeit geltend, .welche die Verfechter dieser Richtung nach 1848 mit Entrüstung von sich gewiesen hätten. Der politische Liberalismus wies bedenkliche Risse und Sprünge auf und hatte bereits einen guten Teil seiner Front der antisemitischen Bewegung überlaffH müssen, die Assimilation jedoch hielt mit unentwegter Treue an einem politisch-nationalen Bekenntnis fest, welches ihr von allen Seiten bestritten wurde. Ihr Um und Auf jedoch, bildete der Abwehrtzampf gegen die immer heftiger vorwärts stürmende antisemitische Strömung/ der' jedoch gleichfalls alle Kennzeichen einer beschämenden UnzulängkDelt ■ cmfwies. Man dachte nicht im entferntesten an' eine kräftige Gegenorganisation, man spielte Verstecken, betrachtete den Antisemitismus ganz aus den Gesichtspunkten des flachsten Liberalismus heraus als einen Rückfall in die Barbarei, den: gegenüber moralische Entrüstung ausreichend wäre, und fand im wesentlichen sein Genügen daran, dem jüdischen Samstagpublikum in den jüdischen Wochenschriften flammende Proteste gegen den Antisemitismus vorzusetzen. Der Zionismus hat dieses verwässerte Gelegenheitsjudentum stark in den Hintergrund gedrängt. Als irgendwie geschlossene Einheit trat es in den letzten Jahren nur in negativer Beziehung hervor, meistens daun, wenn es galt, dem Programm des Zionismus sein eigenes minintalistisch-jüdisches Programm gegenüber- Zustetten und auch.in der einzigen, ihr übrig gebliebenen Domäne, der Abwehr, hat diese Richtung völlig versagt. Der Zionismus^ nahm schon in seinen ersten Phasen gegen die Unzulänglichkeit in der Bekämpfung des Antisemitismus einen scharfen kritischen Standpunkt ein, er wies ungescheut darauf hin, daß eine. Haltung von 'Leisetreterei und Versteckenspielen, die den Namen „Politik" nicht verdient und übrigens auch gar nicht für sich m Anspruch nahm, im Kampfe gegen den Antisemitismus nicht ernsthaft in Betracht kommen könne und lehrte, daß dieser nicht nur eine weit verbreitete, sondern auch in den Instinkten der Massen verankerte Bewegung sei, zu deren Erklärung die Artverschiedenheit des jüdischen Volkes im Verhältnis zu seiner Umwelt und hauptsächlich die abnormale Volkssituation des Judentums heraugezogen werden müsse. So stellte der Zionismus der assimilatorischen Abwehr, die von quälender Unzulänglichkeit war und sich im Negativen völlig erschöpfte, »ein positives Programm einer konstruktiven und das Volk zu einer Einheit zusammenschließenden Aufbauipolitik entgegen. Er hütete sich davor, seine ganze Kraft!in einenr unfruchtbaren Abwehrkampfe zu erschöpfen, und verwendete feine Energie darauf, die Judeufvage aus großzügigen Gesichtspunkten und mit politischen Mtteln an den Wurzeln anzufassen und von dieser SeÄe zu einer Lösung zu führen, ohne jedoch den Kampf tzSgeu den Antisemitismus aus seinem Tätigkeitsbereich aräzuschalten, in welches er hineingvhört, weil nach, ziomsftscher Anschauung ein starkes jüdisches Palästina nur von einer kräftigen und moralisch auf der Höhe stehenden Diaspova-Iudenheit ausgebcvut werden kann. Die über alle Strange schlagende antisemitische Hetze der letzten Zeit, welche das Prinzip der politischen Gleichberechtigung der Judenheit zu unterwühlen sucht, «rächt eine stärkere Abwehrtatigkeit dem nationalen 'Judentum zur Notwendigkeit. Denn dieses ist das ein- Fige, welches imstande und dazu berufen ist, auch diesen Kampf zu sichren, in welcl^m es von der ossimilatorrischen Judenheit so ziemlich allein gelassen wurde. mm tat WMÄWÄ dM Mt-isnalen ZtzMrMWS K %'tantfnti, 2Ä, März. (Tel. v. „Wiener Morgen Zeitung".) In Frankfurt befinden sich feit einer Woche fünf Mitglieder des bekannten, angeblich vaterländischen Blücher- Bu,ndes in Müpchcn in Untersuchungshaft. Es sind dies der Leiter der Frankfurter Krersstelle des Bundes Alphons Ban, der stellvertretende Leiter Student Eber har dt, her Sekretär des Bundes H i e l l e, der Kaufmann Metzger und der §taufmann Rnls man rt. Hielte und Metzger wandten sich'Ende Februar an den französischen Berbinvnngso ffiz i e r in Frankfurt Kapitän de Po m a r e d e mit dem Vorschlag, sie würden eine Synagoge in die-Luft, sprengen, um dadurch Unruhen hervorzurufen. Die Franzosen sollten ihnen, dafür Kraftwagen, Handgranaten und Geldmittel zur Verfügung stellen. Der Kapitän interessierte sich für den Plan und verwies die Verschwörer nach H ö ch st am Main, wo sie sich an einen Spezialkommissär nartzeris R o b e r t wenden sollten. Sie wurden dort von einem Vertreter Roberts empfaiMN innd später von einem Kapitän Art'm'a-nn. M^it beiden - Franzosen^ wurde ' de-.. sprachen. " " " ‘rV'"v/’ > .... Als sie jedoch am nächsten Lage nach Mainz kamen, wohin sie bestellt worden waren, fanden sie eine wesentlich kühlere Aufnahme. In der Zwischenzeit dürften die französischen Offiziere von der Festnahme der Münchner Mitglieder rrnd Genossen des Blücher-Bundes Berger, Fuchs und Machhans Kenntnis erhalten haben, und so wurden die Frankfurter Blücher-Leute rnit dem Bescheid, ihr Plan sei nur eine Kinderei, wieder nach Hanse geschickt. Bau wurde dann in Frankfurt auf Ersuchen der Münchner Polizei unter dem Verdachte in die Münchner Hochverratsaffäre des Blücher- Bundes verwickelt zu ein, feftgenommen und nach München eingeliefert. Der stellvertretende Frankfurter Kreisleiter E b e r h a r d t mußte nun damit rechnen, daß auch der Frankfurter Atteniatsplan und die Verhandlungen mit den Franzosen ans Licht kommen würden. Ans den Rat des ihm befreundeten Generalleutnants Heinz erstatteten er und Hie lle die Anzeige bei der Polizei, worauf dann die fünf Mitglieder des Bundes in Haft genommen wurden, darunter auch Bäu, der in München, weil man ihm nichts Nachweisen konnte, wieder freigelassen Nnd nach Frankfurt zrrrückgesandt worden war. Rnllmann behauptet, er habe nur die Franzosen hineinlegen wollen, um ihnen Autos und Handgranaten für den BLücher-Vund abzunehmen. Die annicht mit den Methoden der assimilatorischen Abwehr zu verwechseln. Er sucht nicht nur-die Würde und den guten Mischen Namen zu beivcchreu, er gibt den jüdischen Mässen Nackensteise und kämpft gegen die antisemitische Belvegung, welche politische Formen angenommen hat, mit politischen.Mitteln, er bedeutet keine Notaiblen-Politik, sondern trägt den Charakter einer demokratischen Bewegung, weiche die Massen hinter sich weiß und sich auf eine breite Organisation stützt. Es ist dies keine Politik der Fürbitte und des bloßen Protestes, sondern eine Politik der Förderung, welche vor Konsequenzen'nicht zurückscheut und die Regierungen zu zwingen vermag, daß sie mit ihr rechnen. So tut auch diese von national jüdischer Seite getragene politische Abwehrarbeit den Schritt zur konstruktiven Politik. Die Vorgänge der letzten Zeit in den verschiedenen Kärchexn Europas ümveisen mit aller Deutlichkeit die denen Verhafteten verfolgten angeblich den Zweck, ihren Freund Rullmann zn überwachen und ihn an der Ausführung feines Unternehmens rechtzeitig zu hindern. PutschMm der HMMrmler. Berlin. 82. M-Lrz. lTel. d. „Wienei! Morgenzeitung".) Im preußischen Landtag wi d in den nächsten Tagen der Minister des Innern Severing Mitteilungen über die Umtriebe n at i o n a l s o z i a l i st i s ch e r Geheim Verb an de machen, die sich zu Hundertschaften zusammengeschlossen und die anscheinend die Absicht, haben, in der nächsten Zeit aktiv aufzutreten. In allen politischen Kreisen herrscht helle Empörung über die gestern bekannt gewordenen Vorbereitungen der N a t i o n a l s o z i a l i st e n, die, wie man hört, alle Anstalten getroffen haben, um i n Preußen einen Putsch durchzuführen. Sie stehen mit den Nationalsozialisten in B a y ern in Verbindung und wollen durch gewaltsame Schritte die Negierung an sich reißen, lieberdie Absichten der Hakenkreuzler sind die französischen R egi er uu gskreise eingeherrd unterrichtet, und in Paris hestehr die feste Absicht —falls es wirklich f:znr&fl&r RechtWNtsch 1 kommerrsyllte —, den schon lauste projekLierteu M a r f ch n a ch Berlin durchzuführen. Die Reichsregierung hat a L L e V o r b ereitungen geLroffeu, um die Absichten der Nationalsozialisten zu durchkreuzen. Reichskanzler Dr. Cuno wird anläßlich seines Münchner Aufenthaltes mit den Führern der bayrischen Rechtsparteien Fühlung nehmen, um sie auf die Gefahren ihrer Taktik aufmerksam zu machen. Der „V o r' w ä r L s" macht in einem Warnnngsruf auf die Gefahr blutig e r A n s e i n a n d e r f e tz u n g e n zwischen einzelnen Teilen des deutschen Volkes aufmerksam und erklärt, die Arbeiterschaft werde sich in der Abwehr gegen den Rechtsradika- Liswus und die Versuche der Aufrichtung einer nationalen Diktat u r nicht tatenlos verhalten, sondern ihnen entschlossenen Widerstand entgegensetzen und der Gewalt mit Gewalt begegnen. Berlin, 22. März. (Tel. d. „Wiener Morgenzeitung".) Der nationalfoZialistische Führer Leutnant Roßbach, dessen Freilassung von einigen Blättern gemeldet worden war, befindet sich, wie bereits richtigge-; gestellt wurde, weiter in Haft. Das gegen ihn vorliegende Material läßt ihn der schwersten politischen Vergehungen schuldig erscheinen. Der Sekretär der ^deutschvölkischen FreiheitsParter Oberschlesiens wurde aus dem Wege von Berlin nach Breslau v e rh astet. Beim Geschäftsführer einer Berliner Ortsgruppe dieser Partei wurde Noiwenvigkeit, daß dieser Weg nicht nur weitergegangen, sondern auch energisch ausgebaut werde. Eine starke, jüdisch-politische Einheitsfront, mit einem zentralen Organ muß dringender denn je die Parole des Tages sein, aber über dieser Tätigkeit darf die höchste könstvuktive Politik des Gesamtjndentums, der Aufbau Palästinas, nicht einen Augenblick zu kurz kommen. Diese Arbeit, welche von unserem Vollenden tausendjährigen Fluch der Heimatlosigkeit nehmen und es durch die' Schaffung emes starken autonomen Zentrums einreihen soll in die Reihe der erdvevivachsenen und darum freien^ Völker, wird nicht nur die Lösung der uralten jüdischen Schicksalsfrage anbahnen,-sondern auch die nacichrücklichste und positivste Antwort auf alle antisemitischen Unterdrückungsversuche geben. Politische Abwehr und entschlossener Aufbau "des eigenen Landes — das ist unser Prograunn.